»Kameraden vom roten Tuch«
Die Weimarer KPD aus der Perspektive ehemaliger Mitglieder
von Ulrich Eumann
01/04
trend onlinezeitungBriefe oder Artikel info@trend.partisan.net ODER per Snail: trend c/o Anti-Quariat 610610 Postfach 10937 Berlin I. Einleitung
II. Autobiographie als Quelle
III. Zur Statistik der Selbstzeugen
IV. Der Weg zur ParteiV. Die kognitiven Aspekte des Parteialltags
1 Das Leseverhalten
2 Schulungsteilnahme
3 Die Einstellungen der MitgliederVI. Die praktischen Aspekte des Parteialltags
1 Der theoretische Ansatz
2 Beitritt und Mitgliedsbeiträge
3 Parteigruppe und Versammlungen
4 Die Ausführung von Beschlüssen
5 Parteileitungen und Funktionäre
6 Die Politische Alltagsarbeit
7 Gewerkschafts- und BetriebspolitikWährend der vierzehnjährigen Dauer der Weimarer Republik waren wahrscheinlich mehr als eine Million Menschen für kürzere oder längere Zeit Mitglied der „Kommunistischen Partei Deutschlands“ (KPD).1 Die übergroße Mehrheit dieser Menschen gehört - wie Unterschichtsangehörige im Allgemeinen - zu den quellenmäßig stummen Populationen der Geschichte und hat keinerlei persönliche Dokumente über ihr Leben in der Partei hinterlassen. Daran gemessen erscheint die Zahl von ca. 150 ehemaligen Kommunisten, die autobiographische Schriften veröffentlichen konnten, gering. Aus diesem Fundus wurden hier die Berichte von 103 Selbstzeugen ausgewählt. Sieben dieser 103 Werke sind keine Autobiographien, wurden aber wegen des Materialreichtums trotzdem hinzugenommen. Weitere zehn beruhen auf Interviews von Historikern, Freunden oder Sympathisanten. Acht sind autobiographische Romane - mit all den Problemen, die dieses Genre für die wissenschaftliche Auswertung mit sich bringt.2
Auch wenn die Autoren der hier herangezogenen 103 autobiographischen Schriften nur etwa ein Hundertstel Prozent der organisierten Mitglieder der KPD umfassen, ist dies doch eine relativ hohe Materialdichte, die dabei helfen kann, einige Lücken in der bisherigen Forschung zu schließen. Um so unverständlicher ist es auch angesichts der schon seit den siebziger Jahren angemahnten Paradigmenänderung der Geschichtsschreibung über die Arbeiterbewegung - weg von den Strukturen und prominenten Akteuren hin zu einem umfassenderen sozialgeschichtlichen Ansatz -, daß diese Quellengattung sehr lange schlichtweg ignoriert worden ist.3
Diesem unbefriedigenden Zustand wurde mit der Habilitationsschrift von Klaus-Michael Mallmann erste Abhilfe geschaffen.4 Mallmann bemüht sich - wie ich es selbst in meiner Magisterarbeit5 versucht habe - die ,einfachen‘ KPD-Mitglieder selbst zu Wort kommen zu lassen.
Aber auch wenn die Entwicklungen an der Parteibasis der KPD inzwischen nicht mehr zur terra incognita der Geschichtswissenschaft gehören und die ,einfachen‘ Mitglieder der KPD nun nicht mehr nur als die anonymen Bewohner der Ein- und Austrittsstatistik betrachtet werden, bleiben - wie auch Mallmann einräumt - zahlreiche Facetten des Themas offen. Letztlich dominieren in seiner Untersuchung, was die Quellengrundlage angeht, doch die schriftlichen Überbleibsel aus der Tätigkeit der kommunistischen Parteibürokratie - auf die bei einer derartigen Untersuchung überhaupt nicht verzichtet werden kann.6 In diesem Zusammenhang verwendet er aus den nahezu komplett erfaßten veröffentlichten Selbstzeugnissen nur wenige Zitate als impressionistische Belege und verzichtet auf eine systematische Analyse dieser Quellen.7 Insoweit hier nun der Versuch unternommen wird, einen Aufsatz mit begrenzter Fragestellung ganz oder größtenteils auf der Basis dieser Quellengattung zu schreiben, ist er als ein Experiment aufzufassen; ein Experiment mit dem Ziel herauszufinden, welche Erkenntnisse über den kommunistischen Parteialltag allein auf dieser Quellenbasis möglich sind; mit dem Ziel, die Informationshaltigkeit von Selbstzeugnissen für ein derartiges Thema einmal auszutesten.
Daß dabei Vorgaben methodischer Sorgfalt nicht außer Acht gelassen werden dürfen, versteht sich von selbst. Daher darf hier auch der Hinweis nicht fehlen, daß die ehemaligen Mitglieder der KPD, die Autobiographien oder Memoiren verfaßt haben, einzig und allein sich selbst repräsentieren, da ihre Auswahl in erster Linie von den Veröffentlichungspraktiken der Verlage gesteuert ist. Daraus folgt für die hier verwendete Begrifflichkeit, daß wenn von einem „KPD-Mitglied“ die Rede ist, eine Person gemeint ist, die in ihrer Autobiographie behauptet, KPD-Mitglied gewesen zu sein.
„Versuche, die sozialdemokratische oder kommunistische Organisationswelt ,von unten‘, also aus der Perspektive der Parteibasis, auszuleuchten, stoßen auf viele Schwierigkeiten, die bei der Quellensuche anfangen und bei der Verallgemeinerung von individuellen Lebensgeschichten aufhören. Dennoch muß auch dieses steinige Forschungsfeld weiter beackert werden, weil die Arbeiterbewegung als Massenbewegung eine Bewegung von ,gewöhnlichen Leuten‘ war, die - manchmal - außergewöhnliche Persönlichkeiten führten.“8
Das entscheidende Problem bei der Interpretation der hier verwendeten Quellen ist auf den Entstehungszusammenhang eines Teils von ihnen im Prozeß der deutschen Teilung zurückzuführen. 40 der hier verwendeten 103 Selbstzeugnisse entstanden in der DDR.9 Sie sind dadurch belastet, daß sie fast immer auf Anregung von SED-Organen verfaßt worden sind,10 die natürlich auf ideologische Vorgaben nicht verzichtet haben, und des weiteren dann von Historikern oder Lektoren z.B. des parteieigenen Dietz-Verlages - wenn es überhaupt noch nötig war - so getrimmt wurden, daß sie da, wo sie politische Entwicklungen schildern, zu sprachlich beinahe völlig sterilen, ,volkspädagogisch‘ vielseitig verwendbaren ,marxistisch-leninistischen Idealbiographien‘ wurden und als retrospektive biographisch-empirische ,Bestätigungen‘ der SED-Interpretation der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung im Sinne eines ,Die Partei hat immer Recht gehabt!‘ dienen konnten, deren Protagonisten ex post immer milimeterscharf auf der Generallinie standen.11
Ein weiterer Problempunkt ist der, daß viele Autoren zum Zeitpunkt der Niederschrift doch ganz andere und nicht selten diametral entgegengesetzte ideologische Positionen einnahmen als in der Zeit, die sie in ihren Selbstzeugnissen beschreiben.12 Daraus resultierte für viele beim Schreiben die Schwierigkeit, ihre damalige Vorstellungswelt zu rekonstruieren. Dabei kam es nicht selten zu - weder durch die Autoren selbst noch durch den Forscher nachträglich wieder trennbaren - Überlagerungen von bis zu einem halben Jahrhundert alten Erfahrungen und Auffassungen mit den später erworbenen. Die wenigsten Selbstzeugen machen sich außerdem die Mühe, deutlich herauszustellen, von welchen Entwicklungen in der Partei sie wirklich selbst direkte und authentische Kenntnis hatten und von welchen sie nur über Dritte, die Parteipresse oder andere Medien erfahren haben. Das gleiche gilt für die Fälle, in denen sie der Erinnerung bei der Niederschrift mit Hilfe von Literatur über ihren damaligen Kenntnisstand hinaus nachgeholfen haben.13 So bleibt dem Forscher nur die diffizile Aufgabe, jedesmal aufs Neue das persönliche Gesichtsfeld des Selbstzeugen zu definieren.14
Wie auch bei den Befragten von alltagsgeschichtlichen Oral-History-Untersuchungen finden serielle Ereignisse und Routinetätigkeiten - also die eigentliche Alltagsgeschichte - nur höchst selten das Interesse der Selbstzeugen, wenn diese denn überhaupt die Relevanzprüfung durch das Langzeitgedächtnis überwinden konnten. Mitgliederversammlungen der KPD-Basisorganisationen etwa, Werbeeinsätze oder Demonstrationen werden in den seltenen Fällen, in denen sie beschrieben werden, idealtypisierend zusammengezogen: Aus den Erinnerungen an all die jemals besuchten Mitgliederversammlungen wird bewußt oder auch nicht das wirklich oder vermeintlich Typische extrahiert, und dabei natürlich das jeweils Individuelle eingeebnet.15 Vereinzelt werden aber doch Ereignisse dieser Art etwas ausführlicher beschrieben,16 wenn sie von biographisch herausragender Bedeutung waren: Etwa die erste persönliche Beteiligung an einer KPD-Demonstration und ähnliche „unauslöschliche Erlebnisse“.17 Statt dessen finden sich leider oft ausführliche Dialoge in wörtlicher Rede, die über die Jahrzehnte im Gedächtnis haften geblieben sein sollen. Dabei handelt es sich aber wohl um bewußt schriftstellerisch gestaltete, typisch oder repräsentativ sein sollende ,ex-post-Dokumente‘, die immerhin manchmal einen aufschlußreichen rein atmosphärischen Beitrag liefern.18
Schnell kristallisiert sich bei der Lektüre einiger Autobiographien heraus, daß die Mehrheit ihrer Autoren zu einer ganz spezifischen Gruppe gehört: Der „intellektuellen Elite der Arbeiterklasse‘.19 Kraß überrepräsentiert finden sich Klassenprimusse, deren Eltern aber keine höhere Schulbildung finanzieren konnten und die Gattung der Bücherverschlinger. Dieser Befund widerspricht aber doch zu radikal dem, was andere Quellen nahelegen.20 Auch die Autobiographien der Veteranen aus der DDR sind Produkte einer spezifischen Gruppe der KPD-Mitglieder: dem ,harten Kern‘ der linientreuen Parteiarbeiter, für den die Partei so sehr Heimat und Lebenszweck war, daß sie ihr mehr als ein halbes Leben treu blieben; sie sind darin nicht repräsentativer als die obige Gruppe.
III. Zur Statistik der Selbstzeugen
Bevor ich nun zum eigentlichen Thema dieses Beitrags komme, ein paar Bemerkungen zur sozialen Struktur der Selbstzeugen v.a. im Vergleich zur KPD-Gesamtmitgliedschaft. Zunächst zur Altersstruktur. Ich habe sie entsprechend der Alterskohorten aus der „Reichskontrolle‘ der KPD von 1927 eingeteilt,21 das allerdings zum Stichjahr 1933, weil nur eine knappe Mehrheit der Selbstzeugen mit Sicherheit bis zum Stichtag der Reichskontrolle (30.1.1928) eingetreten war. Die größte Gruppe von 35,9 % war 1933 zwischen 30 und 40 Jahre alt (Reichskontrolle 1927 32,7 %),22 die zweitgrößte bilden die 25-30jährigen mit 33,0 % (19,5 %). Es folgen die unter 25jährigen mit 22,3 % (12,3 %). 6,8 % (21,9 %) der Selbstzeugen waren zwischen 40 und 50 Jahren und 1,9 % (13,6 %) über 50 Jahre alt. Die KPD-Mitglieder von 1927 waren demnach - unter der Annahme der Gleichverteilung der Jahrgänge in den Alterskohorten und bei Verwendung des Mindestwertes in der Gruppe von über 50 Jahren - im Durchschnitt 36,11 Jahre alt; die Selbstzeugen zum Stichjahr 1933 mit 30,80 Jahren doch um einiges jünger.23
Nach der Reichskontrolle von 1927 waren 11,79 % der KPD-Mitglieder Frauen,24 in meinem Sample sind es mit 13,60 % geringfügig mehr. 62,1 % der Selbstzeugen haben nur die Volksschule besucht (Reichskontrolle 1927 94,6 %), 16,5 % (2,4 %) haben eine weiterführende Schule besucht, und 17,5 % (0,9 %) haben sogar ein Studium aufgenommen oder abgeschlossen.25
Was die soziale Herkunft der Selbstzeugen angeht - nach der durch die Reichskontrolle nicht gefragt wurde - so stammen 65,0 % der Selbstzeugen aus Arbeiter- oder Handwerkerfamilien,26 21,4 % aus bürgerlichen und 7,8 % aus kleinbürgerlichen Familien. über die politisch-weltanschaulichen Neigungen ihrer Eltern schweigen sich 36,9 % der Selbstzeugen aus. Weitere 36,9 % stammen aus arbeiterbewegten Familien. Darunter bilden die 24,3 % der Selbstzeugen die größte Gruppe (65,8 % der Selbstzeugen mit arbeiterbewegten Eltern), deren Väter sozialdemokratisch organisiert waren. Die Väter von 5,8 % waren selbst Mitglieder der KPD oder standen ihr nahe. Es verbleiben 26,2 % der Selbstzeugen, die aus religiös, liberal oder konservativ orientierten Elternhäusern kamen.27
46,6 % der Selbstzeugen traten der KPD zwischen dem 18. und 22. Lebensjahr bei, aber nur ganze 9,7 % nach dem 30. Lebensjahr. Im Durchschnitt waren die Selbstzeugen bei ihrem Beitritt 21 Jahre alt.28 38,8 % der Selbstzeugen traten der KPD zwischen 1919 und 1923 bei - die absolut größte Gruppe der Selbstzeugen (13,6 %), die in einem Jahr Mitglied wurde, trat 1920 bei. 27,2 % traten 1924-28 und 24,3 % traten nach 1928 bei.29
Nach der Reichskontrolle von 1927 waren 47 von 143.172 Mitgliedern hauptamtliche Mitarbeiter des ZK und 228 (inklusive der 99 Parteiredakteure) hauptamtliche Mitarbeiter der Bezirksorganisationen, wozu noch die 45 Reichstagsabgeordneten zu addieren wären.30 Unter den Selbstzeugen des Samples hingegen sind die „Berufsrevolutionäre“ stark überrepräsentiert:31 Einer (Franz Dahlem) saß im ZK-Polbüro,32 vier waren Mitglieder der Zentrale bzw. des ZK (Alexander Abusch, Heinrich Galm, Curt Geyer und Willi Münzenberg),33 drei waren Mitglieder des Reichstags (Max Benkwitz, Gerd Horseling und Willi Spicher),34 drei Politische Leiter eines KPD-Bezirks (Willi Bohn, Hans Fladung und Fritz Selbmann),35 und weitere zwei waren Chefredakteure einer Parteizeitung (Erich Glückauf und Albert Norden).36 Also befinden sich 13 hauptamtliche Funktionäre im Sample (12,6 %).
Die offiziellen Angaben über den Anteil ehrenamtlicher Funktionäre an der KPD-Mitgliedschaft schwanken über die Jahre beträchtlich, was erstens darauf zurückzuführen ist, daß man sich in der Führung nicht darüber einig war, wie dieser Begriff denn nun zu definieren sei; zweitens war es den unteren Parteileitungen nicht zuletzt wegen des damit verbundenen Prestiges nicht auszutreiben, den Anteil der nach oben gemeldeten Ehrenamtlichen dadurch in die Höhe zu treiben, indem man die zahlreichen multiplen Funktionäre wohl mehrfach erfaßte. 1927 wurde die Zahl der ehrenamtlichen Funktionäre einigermaßen realistisch mit 21 % der Mitglieder angegeben.37 Für 1929 ging man von 31,09 % Ehrenamtlichen aus.38 Von den Selbstzeugen waren hingegen 46,6 % ehrenamtliche Funktionäre, zu denen man sicherlich noch einige der 23,3 % addieren muß, die über ihre Funktionen keine verwertbaren Angaben machten.39 Die größte Gruppe unter den ehrenamtlichen Funktionären bilden mit 19,4 % diejenigen Genossen, die Ortsgruppen- oder Zellenleitungen - also den untersten Parteileitungen - vorsaßen oder angehörten. Nur ganze 8,7 % der Selbstzeugen waren definitiv keine Funktionäre.
Wie schon oben angedeutet, gehörten nicht alle Selbstzeugen der KPD von der Parteigründung zur Jahreswende 1918/19 bis zum ihrem Verbot 1933 an.40 Von 92 Selbstzeugen, für die sowohl das Beitritts- als auch das Austritts- bzw. Ausschlußjahr eindeutig ermittelbar ist, waren nur ganze vier während der gesamten Weimarer Republik in der KPD organisiert (Wilhelm Eildermann, Willi Münzenberg, Erich Wiesner und Ludwig Turek).41 23 Selbstzeugen waren 10-14 Jahre,42 32 5-9 Jahre, 23 2-4 Jahre und sogar neun nur ein Jahr Mitglied der KPD (z.B. Karola Bloch und Robert Havemann).43 Daraus folgt, daß nicht jedes Jahr der Existenz der KPD in der gleichen Anzahl von Autobiographien dokumentiert ist. Die Anzahl der Selbstzeugen, die im jeweiligen Jahr der Partei angehörten, steigt mit der Zeit kontinuierlich an. Daher kann die darauf fußende Darstellung mit den Jahren differenzierter werden.
Folgt man Almond, dann ist der KP-Beitritt nicht als einzelner Akt zu verstehen, sondern eher als ein Prozeß mit einer Reihe von Entscheidungen.44 Dementsprechend schwer ist es, in Memoiren den unmittelbaren Anlaß oder das bestimmte Motiv zu finden, der KPD oder dem KJVD beizutreten.45 Wichtige Anstöße zum KPD-Beitritt gewannen viele Selbstzeugen aus Gesprächen mit Familienangehörigen, Freunden, Kollegen und Bekannten. Zu letzteren zählen insbesondere die Menschen, mit denen man in anderen proletarischen Organisationen regelmäßigen Kontakt hatte. Etwa bei den Freidenkern, in der Gewerkschaft oder auch im Betrieb konnte man Kommunisten kennenlernen, die für die KPD warben oder einschlägige Lektüre empfahlen.46 Bei 42 Autobiographen werden kommunistische Eltern, Verwandte, Freunde, Kollegen oder Bekannte als herausragende Wegbereiter genannt, wenn sie darauf eingehen, auf welchem Wege sie für die Arbeiterbewegung oder konkret für die KPD bzw. den KJVD gewonnen wurden. 32 Selbstzeugen heben den Einfluß von Literatur hervor - darunter mit herausragender Stellung die Lektüre des „Kommunistischen Manifests“. Für diejenigen, die in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre zur KPD stießen, waren die sowjetische Literatur und die sowjetischen Filme oft von besonderer Bedeutung: Der „Panzerkreuzer Potemkin“ dürfte insgesamt mehr Menschen langfristig für die KPD gewonnen haben, als so mancher erfolgreicher Werbeeinsatz Tausender von Genossen.
Das alles geschah natürlich nicht voraussetzungslos. Einige Selbstzeugen reflektieren ausführlicher über bestimmte (politische) Ereignisse oder Entwicklungen, die aber auch bei den anderen die Grundlage dafür gebildet haben werden, überhaupt durch Dritte oder Bücher für den Kommunismus geworben werden zu können.47 Eine ganz bedeutende Rolle kam den Erfahrungen mit der SPD im 1. Weltkrieg zu (dazu unten mehr). Die KPD-Führung bemühte sich denn auch darum, in den Folgejahren den Verratsvorwurf gegenüber der SPD von 1914 für die Werbung neuer und die Verstärkung der Parteibindung bereits gewonnener Mitglieder am Leben zu halten.
Auch darf die soziale Funktion der Parteimitgliedschaft für den Beitritt nicht unterschätzt werden,48 also das Bedürfnis nach Umgang mit Gleichgesinnten, das Bedürfnis, irgendwo dazu zu gehören, wie es Mischket Liebermann exemplarisch beschreibt: „Es war für mich ein völlig neues, herrliches Lebensgefühl, so ganz dazuzugehören. Mit allen Konsequenzen. Und noch eines empfand ich: Wie schön es ist, zu geben, sich einer Sache restlos hinzugeben, die so gerecht, so menschlich ist. Auch wenn man nur ein Schräubchen im Getriebe ist.“49
Auch die Beschreibungen der ersten proletarischen (oder schon kommunistischen) Demonstration, deren Zeuge oder Teilnehmer man nicht selten ganz zufällig wurde, sind diesbezüglich von einiger Aussagekraft. Dort wurde nicht selten ein ganz akuter Beitrittswunsch ausgelöst - nachdem man sich bereits ideologisch der Arbeiterbewegung oder sogar schon der „Kommunistischen Partei“ angenähert hatte - oder die Demonstration selbst wurde zur Initialzündung für diese Annäherung. Exemplarisch Manès Sperbers euphorisches Erlebnis einer Maikundgebung 1920: „Doch an jenem Vormittag nun geschah es, daß dieser Anblick in mir eine unsagbare Freude und das Staunen über eine bisher unbekannte, unverhoffte Harmonie hervorrief. Ich erlebte da etwas, was sonst nur in Büchern vorkam: meine Augen füllten sich mit Tränen, Tränen des Glücks darüber, daß es desgleichen geben konnte, und darüber, daß ich zu diesen Menschen gehörte.“50
Fast einen noch höheren, oftmals geradezu mystischen Stellenwert hat die erste Demonstration, an der man nach dem Beitritt selbst teilgenommen hat, die dann oft auch ausführlicher dargestellt wird. Prototypisch für diesen ,Initiationsrausch‘ sind die folgenden Bemerkungen von Tetje Lotz: „Ich war begeistert, da8 es so viele Menschen gab, die sich mit mir in ihrem Ziel einig waren. Ich fühlte mich als einer unter vielen. In der gehobenen Stimmung gemeinsamer Stärke ging es wieder nach Hause.“51 Über weitere psychische Bedürfnisse, die der Beitritt befriedigen sollte, zu spekulieren verbietet sich leider, da die allermeisten Selbstzeugen doch einerseits nicht so reflektiert und andererseits nicht so distanziert gegenüber sich selbst sind, daß man aus ihren Darstellungen fundierte Erkenntnisse dazu ziehen könnte - es seien denn die, die uns die Selbstzeugen selbst nahezulegen versuchen.
Einen kaum zu überschätzenden Einfluß auf die politische Entwicklung der Generation der Selbstzeugen, die 1900 oder früher geboren wurden, hatte der 1. Weltkrieg.52 Unter den männlichen Selbstzeugen mit bürgerlicher Herkunft dominieren denn auch die desillusionierten oder zutiefst verbitterten ehemaligen Frontsoldaten, die durch die Erlebnisse an der Front und den (oft sogar erstmaligen) sozialen Kontakt zu Arbeitern im Schützengraben erst zum Radikalpazifismus und dann zum Kommunismus kamen (u.a. Georg Benjamin und Heinrich Vogeler).53 Bei Hans-Werner Richter waren es die älteren Brüder, die als Linke und Pazifisten aus dem Krieg zurückkamen und ihn mitzogen.54 Ähnliches gilt für Frauen proletarischer oder bürgerlicher Herkunft, die durch die schlechte Lebensmittelversorgung oder das Erlebnis verstümmelter oder getöteter Brüder oder Väter radikalisiert wurden wie z.B. Susanne Leonhard und Rita Sprengel.55
Für die Entwicklung der 31 bereits vor 1918 politisch organisierten Selbstzeugen hingegen läßt sich der Einfluß der Diskussion in der SPD-Linken über die Kriegspolitik ab 1914 gar nicht überschätzen. Sie führte die meisten von ihnen in ihrem Verlauf von moralischer Empörung über radikalpazifistische Kritik an der Kriegskreditbewilligung durch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion, die enthusiastische Begrüßung der Leninschen Kriegsbeendigungspolitik 1917 und die Anfänge der Rezeption des ,Leninismus‘ zur Gründung der „Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands“ bzw. des KJVD 1920.
Vor diesem Hintergrund war der Beitritt zur KPD für einige Selbstzeugen lediglich das individuell-biographische Ergebnis von Kollektiventscheidungen in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung zwischen 1916 und 1920: Acht von ihnen waren vor oder während des Krieges der SPD beigetreten (u.a. Robert Neddermeyer 1904, Karl Grünberg 1911 und Max Benkwitz 1912),56 radikalisierten sich im weiteren Verlauf, so daß sie zuerst zur USPD gingen und dann mit der linken USPD-Mehrheit in die VKPD.57 Einige ehemalige Sozialdemokraten im Sample (z.B. Fritz Globig)58 vermieden den Umweg über die USPD und stießen schon früher zum Spartakusbund oder zur frühen KPD. Weitere acht (u.a. Heinrich Galm, Ludwig Turek und Erich Wiesner) waren vor oder während des Krieges Mitglied der „Sozialistischen Arbeiterjugend“ (SAJ) geworden - also der sozialdemokratischen Jugendorganisation - und begründeten aus der SAJ-Opposition heraus 1916 die „Freie Sozialistische Jugend“ (FSJ) mit, die nach weiterer Radikalisierung ab 1920 als KJVD firmierte. Weitere fünf (z.B. Willi Bohn, Recha Rothschild und Fritz Selbmann)59 bzw. acht Selbstzeugen (z.B. Max Barthel und Jan Valtin)60 haben diese Entwicklung am Rande miterlebt, da sie, ohne vorher überhaupt politisch organisiert gewesen zu sein, direkt der USPD oder der FSJ beitraten. Zu addieren wären noch diejenigen Selbstzeugen, die sich wie Oskar Hippe, Susanne Leonhard oder Willi Münzenberg 1916 bzw. 1918 direkt der Spartakusgruppe bzw. dem Spartakusbund ohne vorherige Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung angeschlossen haben und somit auf ,organisatorischem Wege‘ KPD-Gründungsmitglieder wurden.
Vierzehn Autobiographen (u.a. Emil Carlebach, Max Faulhaber und Willy Sägebrecht)61 sind dann nach 1920 einen ähnlichen Weg wie die obigen 27 gegangen, d.h. sie haben für sich die jüngere Organisationsentwicklung der Arbeiterbewegung ,nachgelebt‘. Sie schlugen, nachdem sie zunächst - oft väterlichen Fußstapfen folgend - noch der SAJ oder dem „Sozialistischen Studentenbund“ beigetreten waren, nach einiger Zeit den Weg zum KJVD oder zur KPD ein. Sieben weitere KJVD-Mitglieder kamen aus anderen Jugendorganisationen: z.B. Margarete Buber-Neumann 1921 aus der „Freideutschen Jugend“, Herbert Crüger 1932 aus der „Hitlerjugend“ und Franz Feuchtwanger 1924 aus der jüdischen Jugendbewegung.62 Dreizehn Selbstzeugen traten dem KJVD nach dessen Gründung 1920 direkt als Erstorganisation bei (darunter August Fricke, Walter Janka und Tönnies Hellmann).63 Erich Honecker und Wilhelm Geusendam durchliefen die komplette ,Parteikarriere‘ und verließen programmgemäß bei erreichtem Alter von 14 Jahren die „Kommunistischen Kindergruppen“ bzw. den „Jung-Spartakusbund“ und gingen zum KJVD über.64
Dreizehn Selbstzeugen kamen aus KPD-Nebenorganisation oder ausländischen ,Bruderparteien‘ in die KPD (z.B. Franz Becker aus der „Internationalen Arbeiterhilfe“, Tetje Lotz aus dem „Roten Frontkämpfer-Bund“ (RFB) und Julius Háy aus der ungarischen KP).65Ganze vier Selbstzeugen - 17 machten hierüber gar keine Angaben - geben an, vorher nirgendwo organisiert gewesen zu sein. Eine Zahl, die durchaus eine allgemeine Tendenz widerspiegelt: Daß nämlich der Weg in die KPD in den meisten Fällen über vorgeschaltete andere Organisationen führte, insbesondere über die Jugendbewegung. Insgesamt 44 Selbstzeugen (42,7 %) waren vor ihrem Beitritt Mitglied einer politisch-weltanschaulichen Jugendorganisation gewesen. Ungewöhnlich groß ist hingegen mit 35,98 % der Anteil der Selbstzeugen, die aus dem KJVD in die KPD gekommen waren - stammten doch nur ganze 2,57 % der durch die Reichskontrolle von 1927 erfaßten Mitglieder aus dem KJVD.66 Noch zu erwähnen wäre der Weg über eine vorgeschaltete Gewerkschaftsmitgliedschaft. 41 Selbstzeugen waren mit Sicherheit schon vor ihrem KPD-Beitritt Gewerkschaftsmitglieder geworden, darunter einige - v.a. wiederum Kinder arbeiterbewegter Eltern - die sofort quasi automatisch mit dem Antritt einer Lehre dem zuständigen Verband beigetreten waren. Insgesamt waren 49 Autobiographen definitiv Mitglied einer Gewerkschaft, 7 sicher nicht, während 47 dazu keine Angaben machten.
V. Die kognitiven Aspekte des Parteialltags
Das Leseverhalten der großen Masse der Mitglieder ist über die von der KPD-Bürokratie produzierten Quellen nur sehr fragmentarisch überliefert.67 Gerade diese empfindliche Lücke war der ursprüngliche Hauptgrund dafür, so viele Autobiographien und Memoiren wie möglich heranzuziehen. Wie aber schon mehrfach erwähnt, trifft man dort auf das Problem der ausgeprägten überrepräsentanz der ,proletarischen Intellektuellen‘.68 Dem gemeinen proletarischen KPD-Mitglied war der sozialhistorisch noch recht neue Kampf mit dem auch noch teuren Buch doch zumeist zu mühselig. Billige Massenbroschüren der Partei fanden da schon mehr Nachfrage. Arbeiter, die sich wissensdurstig und bildungsbeflissen nach ermüdendem Arbeitstag in der karg bemessenen Freizeit neben der Parteiarbeit die abendliche Lektüre der ,Klassiker‘ des Marxismus-Leninismus oder auch noch die schöngeistiger Literatur abrangen, machten doch nur eine kleine Minderheit der Weimarer Kommunisten aus.69
Das wird deutlich, wenn man sich etwa die Rezeption des meistgelesenen ,Klassikers‘ des Marxismus-Leninismus, des „Manifests der Kommunistischen Partei“, ansieht. Seine Lektüre wurde durch das Mitgliedsbuch der KPD den Genossen ausdrücklich ans Herz gelegt - sie sollten es tunlichst „mehrfach durcharbeiten“!70 Die Führung der KPD war denn auch immer bemüht, für Nachschub zu sorgen.71 Die ,Nachfrage‘ der Mitglieder nach dem „Manifest“ aber war nach einem Tätigkeitsbericht des Organisationsbüros des ZK an das Präsidium des Exekutivkomitees der KI (EKKI) eher träge. Man habe von der 2. Auflage der Parteiausgabe des „Manifests“ zum 1. März 1924 10.000 Exemplare hergestellt, von denen bis zum 1. Oktober 1924 bereits 1.840 verkauft worden seien.72 Nach einer Aufstellung der Organisationsabteilung des ZK vom Dezember 1930 stieg aber 1924 die Zahl der Mitglieder vom 1. zum 2. Halbjahr allein um 27.902.73 Vorausgesetzt die neuen Mitglieder hätten ausschließlich die von der Partei herausgegebene Broschüre des „Manifests“ herangezogen (und die hätte keinen einzigen nicht in der KPD organisierten Leser gehabt), hätten also ganze 6,59 % der neuen Mitglieder das „Manifest“ (in der ersten Phase ihrer Mitgliedschaft) erworben. Natürlich gab es für diese auch noch andere Zugangsweisen zum „Manifest“ als allein über obige Broschüre. So wird es wohl kaum eine lokale Gewerkschafts- oder sozialdemokratische bzw kommunistische Parteibibliothek gegeben haben, die nicht ihr Exemplar des „Manifests“ gehabt hätte.
Da wirken die Schilderungen der Selbstzeugen doch schon ganz anders. Läßt man die 41 Selbstzeugen außer Acht, die keine konkreten Angaben über ihre Lektüre machen,74 verbleiben immerhin 62, von denen man einiges über ihr Leseverhalten erfahren kann. Fünfundzwanzig von ihnen (u.a. Wolfgang Abendroth, Georg K. Glaser und Bruno Retzlaff-Kresse)75 geben an, das „Kommunistische Manifest“ - und zwar zumeist kurz vor oder kurz nach dem Beitritt - gelesen zu haben. Ernst Busch soll es - Schauspieler, der er war - auswendig gekonnt haben. Alfred Kurella hingegen berichtet, daß es 1917 bei der erstmaligen Lektüre „zunächst seinen Eindruck auf mich verfehlte!“ Heinz Hoffmann war neugierig auf den Kommunismus geworden, nachdem ein Genosse vor der SAJ-Gruppe, der er angehörte, aus dem „Manifest“ vorgelesen hatte, so daß er sich es schon am nächsten Tag auslieh. Gottfried Grünberg hingegen wurde das „Manifest“ als noch relativ unpolitischem jungem Mann von 25 Jahren in der Bibliothek des „Deutschen Bergarbeiterverbandes“ (BAV) in Hamborn-Neumühl in die Hand gedrückt. Er verstand es zuerst überhaupt nicht. Dann las er es noch einmal. Schließlich wurde es ihm dann vom BAV-Bibliothekar zwei Stunden lang erklärt: „Ich war tief beeindruckt, und ich glaube, von diesem Zeitpunkt an habe ich meine Zeit mit anderen Augen gesehen.“
Franz Dahlem, ehemaliges Mitglied eines katholischen Jünglingsvereins, stößt ins gleiche Horn, und bescheinigt dem „Manifest“ „alle meine Fragen“ beantwortet zu haben und „eine wirkliche Offenbarung“ gewesen zu sein, durch deren Lektüre „sich mir eine wahrhaft neue Welt“ erschloß. Diese auch bei anderen Genossen verbreitete Haltung kam - sieht man es psychologisch - auch nicht von ungefähr, bescheinigten doch Marx und Engels ihren Anhängern, jedenfalls in der Interpretation der KPD-Führung, nichts weniger als „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ zu haben oder wie es Isaac Abusch ausdrückt: „aber wir Kommunisten haben doch die höhere Erkenntnis.“76
Ein Schlaglicht auf die teilweise doch recht eigenwillige Rezeption des „Manifests“ bei bildungsfernen proletarischen Genossen wirft eine Anekdote, die Gottfried Grünberg erzählt. Nach einer Demonstration im Sommer 1931 mit anschließender Schießerei hatte ein Junggenosse gegenüber der Polizei ausgepackt, weshalb die Verhaftung des KPD-Betriebszellenleiters Grünberg drohte. Als er den Junggenossen dafür zur Rede stellte, sagte der ganz unschuldig: „,Aber du hast mir doch selbst vorgelesen: »Wir Kommunisten haben nichts zu verbergen, wir sagen offen vor allen Menschen, was wir wollen.«‘ Du liebe Güte! Ernst hatte die Einführung in das ,Kommunistische Manifest‘ in den falschen Hals bekommen.“77
Das „Kapital“ war da schon von anderem Kaliber. Dreizehn Selbstzeugen geben an, das „Kapital“ - oder vielmehr wohl vor allem den ersten Band - gelesen zu haben bzw. den Versuch dazu unternommen zu haben.78 Keine Probleme damit hatte Curt Geyer, studierter Sohn des sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Friedrich Geyer: „Ich gehöre zu denen, die dies Buch wirklich durchgelesen haben“. Auch Rolf Helm hat es 1920 durchgearbeitet und fand seine „Überzeugungskraft ... zwingend“. Franz Dahlem und Maximilian Scheer lasen es beide 1917 im Lazarett und Wilhelm Geusendam will es als Primaner durchgearbeitet haben.79 Die literarisch interessierte Trude Richter las es 1931 und hat es „wie ein Kunstwerk außerordentlich hohen Grades“ erlebt. Axel Eggebrecht war durch Anmerkungen eines Vorbesitzers in einem Buch von Ludwig Feuerbach auf das „Kapital“ gestoßen.80 Ganz wie die altvorderen russischen Revolutionäre in der sibirischen Verbannung oder im Gefängnis lasen es Karl Retzlaw und Wilhelm Eildermann ebenfalls in Haft.81
Durchaus repräsentativ für die Erlebnisse der proletarischen KPD-Mitglieder, die sich an die Lektüre gewagt haben, sind die folgenden Erfahrungen von Helmut Damerius: „,Das Kapital‘ blieb für mich damals und noch lange Zeit danach ein Buch mit sieben Siegeln.“ Den sechzehnjährigen Lesern Heinz Hoffmann und Heinz Zöger blieb das Werk auch zunächst schleierhaft. Johann Reiners versuchte es mit mehreren Neuanfängen, ohne aber so recht hinein zu kommen.82 Paul Meuter hielt sich nach der Lektüre diverser dicker Bände für ausreichend vorbereitet, das „Kapital“ in Angriff zu nehmen: „Ich gestehe, daß ich von dieser schwierigen Lektüre nicht viel verstanden habe.“ Das gleiche Erlebnis hatte Rita Sprengel. Sie schaffte es aber, sich irgendwie durchzuschlagen, und war nach der Lektüre voller Empörung über den Kapitalismus. Gottfried Grünberg schließlich kapierte das „Kapital“ überhaupt nicht und konnte am Ende nur noch dem BAV-Bibliothekar zustimmen, der die Meinung vertrat, „das sei nur etwas für ,Gelehrte‘“.83
Den „Kapital"-Extrakt „Lohn, Preis, Profit“, an dessen Lektüre sich sieben Selbstzeugen erinnern, fand Johann Reiners viel eingängiger als das „Kapital“ und hatte damit - wie so viele andere - seinen Archimedischen Punkt und damit eine Basis für die Entwicklung von Selbstbewußtsein gefunden: „Mit meinen neuen Kenntnissen fand ich für jede zweifelnde Frage eine überzeugende Antwort. Ich fühlte mich glücklich darüber und anderen überlegen.“ Daraufhin stürzte er sich unverzüglich „in die Parteiarbeit.“, die ihm dann - wie vielen anderen - keinen Platz mehr für weiterführende Lektüre ließ.84
Der Leninismus hat den Parteialltag wahrscheinlich nachhaltiger geprägt als die Schriften von Marx und Engels. Georg und Hilde Benjamin besaßen die Lenin-Erstausgaben komplett.85 Franz Dahlem las im Frühsommer 1918 erste Reden und Schriften Lenins in der Presse und war beeindruckt von seiner „Unerbittlichkeit [in der Analyse, U.E.]... und ... schonungslosen Offenheit“. „Wir holten uns Kraft bei Lenin. Lenins Ratschläge waren so einfach“, faßt Erich Glückauf die Lenin-Rezeption in der KPD zusammen.86
Mehr als die Werke von Marx und Engels waren die Leninschen innerparteilich brisant. Genossen suchten sich - nachdem das Umsichwerfen mit Lenin-Zitaten in der KPD nach dem Tod des großen Meisters von einer Mode zu einem Legitimationsritual geworden war - aus dem umfangreichen Oeuvre Lenins die jeweils ihre vorgefaßten Meinungen stützenden Stellen heraus. Auf einer KPD-Mitgliederversammlung im Berliner Wedding am 28.10.1926 etwa meinte ein Genosse, Lenins Fraktionsverbot von 1921 schlicht ignorierend: „Auch Lenin sei für die Fraktionsbildung gewesen.“87
Hermann Duncker verlangte 1922, jeder, der sich Kommunist nenne, müsse Lenins „Staat und Revolution“ lesen und immer wieder durcharbeiten. Daher erschienen denn auch 1918-1924 jährlich neue Auflagen.88 An die Lektüre von „Staat und Revolution“ erinnern sich sieben Selbstzeugen. Als der im bildungsbürgerlichen Milieu aufgewachsene Kurella 1918 als 23jähriger „Staat und Revolution“ las, fiel bei ihm „endgültig der Groschen in Sachen Klassenkampf.“ Auch dem 19jährigen Max Emendörfer war dieses Werk, das er sich im Oktober 1930 auf einem KPD-Diskussionsabend als Broschüre zusammen mit Marxens „Lohn, Preis, Profit“ gekauft hatte, ein Augenöffner. Er will zu seinem skeptischen Stiefvater, für den der Erwerb von Literatur Geldverschwendung war, gesagt haben: „Durch die Broschüren habe ich endlich erfahren, warum so viele arbeitslos sind und wer dran verdient.“89
Interessanter, weil für die innerparteiliche Entwicklung der KPD in der Weimarer Republik relevanter,90 ist die Rezeption von „Der ,Radikalismus‘, die Kinderkrankheit des Kommunismus“.91 Wilhelm Eildermann kaufte sich dieses Werk 1920 sofort nach dem Erscheinen. Alexander Abusch schreibt der „Radikalismus“-Schrift, die er die er als Achtzehnjähriger ebenfalls schon 1920 erwarb, einen besonderen Einfluß auf sich zu. Er las sie auch nicht distanziert, sondern lebte emotional mit. Willy Sägebrecht hingegen bekam 1926 von Wilhelm Pieck, den er im Berliner Karl-Liebknecht-Haus aufgesucht hatte, eine Broschüre in die Hand gedrückt, die auch Lenins „Radikalismus“ enthielt. Anschließend sollte er in seiner Betriebszelle und im RFB Vorträge über Lenins „Linksradikalismus“-Schrift halten. Paul Elflein, bis 1922 Betriebsrat, las es wegen einer Diskussion in der Gewerkschaft.92
Die oben schon erwähnte politische Explosionskraft, die insbesondere Lenins „Linker Radikalismus“ in der Partei hatte, läßt sich zurückführen auf die Ungleichzeitigkeit der Lektüre einer Schrift, die doch stark taktisch auf die politische Konstellation am Anfang der zwanziger Jahre bezogen ist, und der jeweils gültigen Generallinie der KPD: Beispielsweise war es 1925-1928 kein Problem, sich nach der Lektüre, vermeintlich im Sinne Lenins, für die Einheitsfront einzusetzen. Nach 1928 war das auf einmal ziemlich heikel. Emil Carlebach war 1931 nach der Lektüre des „Linken Radikalismus“ für eine „Einheitsfront von oben“ und den Verbleib der Kommunisten in den ADGB-Gewerkschaften und überzeugte davon die Genossen seiner Frankfurter KJVD-Gruppe, was ihm auf dem nächsten Generalappell des Frankfurter KJVD eine schwere ,Kopfwäsche‘ eintrug. Rosa Meyer-Leviné meinte 1932, auch mit Lenins „Kinderkrankheit“ argumentierend, die KPD dürfte ihren Fehler bei den Reichspräsidentenwahlen von 1925 nicht wiederholen - als das Festhalten am chancenlosen eigenen Kandidaten Thälmann im 2. Wahlgang erst Hindenburg in den Sattel geholfen hatte.93
Von Lenins Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ war insbesondere Rita Sprengel (1928) beeindruckt: „Dem Leser wurde es leicht gemacht, zu begreifen.“ Sie ist übrigens auch die einzige Selbstzeugin, die sich an die schwierige Lektüre von Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus“ gewagt haben will. In solch luftige philosophische Höhen wird ihr auch kaum ein Genosse gefolgt sein.94
Zusammenfassend läßt sich also festhalten, daß selbst in der sehr exklusiven Gruppe der hier versammelten Selbstzeugen der Anteil derjenigen, die die klassischen Schriften gelesen oder zumindest angefangen haben, recht gering ist. Um wieviel geringer mag sie unter den vergleichsweise weniger literaten Massen der einfachen proletarischen KPD-Mitglieder gewesen sein?
Damerius ist sicher zuzustimmen, wenn er die genuin proletarische Lesepraxis der Mehrheit seiner Genossen in der KPD am eigenen Beispiel wie folgt beschreibt: „Im Lesen waren wir ungeübt“. Isaac Abusch gibt zu Protokoll, nie ein komplettes Marx- oder Lenin-Werk und „überhaupt nur Teilsachen“ gelesen zu haben. Ein aufschlußreiches Schlaglicht auf das proletarische Leseverhalten werfen die Angaben Erich Honeckers in einem am 16.2.1946 ausgefüllten Fragebogen für die Kaderabteilung der KPD. Auf die Frage, welche Zeitungen und politisch-wissenschaftliche und andere Bücher er gelesen habe, schrieb er: „Zahlreiche Zeitungen, Bücher weniger“.95 Der proletarische KPD-Genosse, dem die Volksschule nicht das geistige Rüstzeug mit auf den Weg gegeben hatte, um tief in die Marxsche Dialektik einzudringen,96 wird im besten Fall in das „Manifest“ hineingesehen haben und zwar wahrscheinlich kurz vor oder nach dem Beitritt. Später hat er vielleicht mal - eventuell im Rahmen einer Schulung - in die „Elementarbücher des Kommunismus“97 hereingeschaut und ansonsten das eine oder andere in Broschüren nachgeschlagen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Viel wichtiger war es für ihn, die Parteipresse zu verfolgen, damit er in der Frühstückspause mit den Kollegen diskutieren konnte.
Sein ,Marxismus-Leninismus‘ war infolgedessen eine Melange aus all diesen fragmentarischen Leseeindrücken mit einem starken Fundament an früh verinnerlichten, emotional aufgeladenen proletmoralischen Wertvorstellungen (dazu unten mehr), zu denen er sich eventuell über die Lektüre nur einen luftigen ideologischen Überbau gebastelt hat. Nicht zu vergessen die Zahl der hartleibigen Nichtleser, die völlig in der Parteiarbeit aufgingen und das vielleicht wie Willi Dickhut als Mangel empfanden: „Je umfangreicher meine praktische Parteitätigkeit wurde, desto mehr spürte ich meine theoretische Schwäche.“ Bei Gerd Horseling hatte seine Orientierung auf die Graswurzeln ähnliche Folgen: „Die Erfahrungen im Betrieb waren mir wichtig. Dort konnte man die Interessen der arbeitenden Menschen wirklich hautnah erfahren. Ob das immer die Wirklichkeit ist, was so Intellektuelle aus Büchern nehmen, weiß ich nicht. Meine Wirklichkeit war im Betrieb.“98 Da kommt dann auch schon ein gutes Stück latenter proletarischer Antiintellektualismus zum Ausdruck. Daß vor dem Hintergrund dieses Leseverhaltens auch der Einfluß der politisch-ideologischen Deutungsangebote der Parteiführung begrenzt blieb, liegt auf der Hand.
Auf einen Aspekt des Leseverhaltens sollte zum Ende dieses Abschnitts noch eingegangen werden, nämlich die Popularität sowjetischer Romane. Am einflußreichsten war sicherlich Fedor V. Gladkovs „Zement“, „der erste Roman vom kommunistischen Aufbau“,99 der 1927 seine deutsche Erstveröffentlichung erlebte, und es auf zwei Auflagen mit damals beachtlichen insgesamt 18.000 Exemplaren brachte.100 Leidenschaftliche Freunde sowjetischer Literatur unter den Selbstzeugen waren u.a. Karola Bloch, Eugen Eberle und Heinz Willmann.101 Zu den Lesern von "Zement“ und auch anderer sowjetischer Literatur gehörten auch Willi Dickhut, Georg K. Glaser und Alfred Kantorowicz.102 Wer wollte, der fand in den sowjetischen Romanen - insgesamt wurden zwischen 1923 und 1933 in Deutschland jährlich mehr als 20 von ihnen publiziert103 - die ,Verwirklichung‘ der Utopie.
Eine ähnliche Rolle spielten die "Roten Eine-Mark-Romane“, die seit 1929 im KPD-eigenen "Internationalen Arbeiterverlag“ erschienen. In Willi Bredels Roman "Maschinenfabrik N & K“ wurde die ultralinke Betriebspolitik in die literarische ,Realität‘ umgesetzt, während in Hans Marchwitzas Roman „Sturm auf Essen“ die Helden des Ruhrkampfes von 1920 verherrlicht wurden. Die „Roten Eine-Mark-Romane“ waren eine Serie, bei der „keinerlei ,Verfremdung‘ durch künstlerische Techniken ... die Identifikation.“ behinderte,104 und zu deren fleißigen Lesern Heinz Hoffmann, Alfred Spitzer und Heinz Zöger gehörten.105
Man geht wohl nicht zu weit, wenn man einen Beschluß des 5. Weltkongresses der KI von 1924 - der von den angeschlossenen Parteien „die systematische Schulung“ ihrer Mitglieder forderte106 - so auslegt, daß alle Mitglieder wenigstens einmal die Schulbank drücken sollten. Der Überfluß an ähnlichen Verlautbarungen in Resolutionen diverser KPD-Leitungsorgane aus den Jahren nach 1924 deutet allerdings darauf hin, daß man damit nicht recht vorankam. Ende 1929 stellte das ZK der KPD fest, daß bisher insgesamt gerade einmal 10 % der Mitglieder - v.a. Funktionäre - geschult worden seien, 1931 sollen es insgesamt 25 % gewesen sein.107 Die KPD-Funktionärszeitschrift „Der Parteiarbeiter“ konstatierte 1930, daß die Überlastung der Funktionäre leider „den willigen Genossen keine Zeit zur Schulungsarbeit lasse“.108
Im KPD-Schulungswesen gab es verschiedene Bildungsstufen: Von den elementaren Crashkursen in Marxismus-Leninismus für Neueinsteiger - dem Initiationsritus in der KPD, wo „viele Mitglieder erstmals überhaupt mit der marxistisch-leninistischen Theorie“ in Berührung kamen109 - über verschiedene Zwischenstufen bis hin zur Lenin-Schule der KI in Moskau, die den zukünftigen Berufsrevolutionären den letzten Schliff geben sollte. Außerdem gab es Schulungen von unterschiedlicher Intensität: Abend-, Wochenend- und Wochenschulungen. Hinzu kamen ab 1927 die „Lenin-Zirkel“, die v.a. der Selbstschulung im Kollektiv dienen sollten. Für das individuelle Selbststudium der Genossen führten die KPD-Tageszeitungen Ende der zwanziger Jahre Schulungsbeilagen ("Selbstbildungsecken") ein und die Bezirksleitungen gaben hektographierte Schulungsbriefe heraus. Zusätzlich wurden für spezielle Mitgliedergruppen (z.B. Betriebsräte) besondere Schulungen (z.B. über das Betriebsrätegesetz) angeboten. Inhaltlich gab es Kurse, die sich mit den Grundlagen des Marxismus-Leninismus (z.B. Lenins „Radikalismus“-Schrift) oder mit aktuellen politischen Fragen (z.B. 1927 zum Thema „Zehn Jahre Sowjetunion“) beschäftigten. Zusätzlich wurden nach 1929 - von der Partei formal unabhängige - Marxistische Arbeiterschulen (MASCH) eingerichtet.
Die Berichte der 32 Selbstzeugen, die sich an ihre Schulungsteilnahme erinnern,110 zeugen von der Vielfalt der ,Erwachsenenbildung‘ in der KPD. Gerade hier wird die Komplexität des Parteialltags greifbar. Hans Fladung, Willi Bohn und Albert Norden trafen sich im Sommer 1923 auf einer auf drei Monate geplanten Parteischule für zukünftige hauptamtliche Funktionäre, die unter Dunckers Leitung im Jenaer Gewerkschaftshaus abgehalten wurde.111 Erich Honecker wurde im August 1930 auf die Lenin-Schule in Moskau geschickt und hinterher hauptamtlicher Funktionär. Fritz Selbmann schlug 1928 denselben Weg ein. Gerd Horseling sollte im gleichen Jahr eigentlich auch dieses Privileg zuteil werden. Er lehnte das Angebot aber ab, weil seine Stiefmutter schwer erkrankt war - wobei es mich bei seiner Basisverbundenheit und Verwurzelung in seiner Heimatstadt Goch nicht wundern würde, wenn das nur ein Vorwand war. Walter Janka schließlich war 1932 schon für die Lenin-Schule nominiert, als er durch seinen Einsatz für eine Zusammenarbeit mit der SPD gegen den Faschismus zeigte, daß er „noch nicht erfahren genug“ war, weshalb er zur Bewährung als Politischer Leiter in den Unterbezirk Chemnitz geschickt wurde.112
Aber hier interessiert doch weniger die Ausbildung hauptamtlicher Funktionäre - der Schwerpunkt liegt auf den Schulungsbemühungen an der Parteibasis. Lucie Suhling, die 1930 als 25jährige eine KJVD-Schule mit Duncker als Dozent besuchte, faßt ihre Erfahrungen enthusiastisch so zusammen: „Wir waren glücklich, die angelesenen, oft nicht verstandenen Theorien des Marxismus-Leninismus gründlicher in uns aufzunehmen“. Auch Max Benkwitz machte seine Erfahrungen mit der modernen Pädagogik Dunckers, als er in Sachsen 1923 dessen Wochenendschulungen besuchte. Da Duncker selbstverständlich nicht überall sein konnte, dürfte aber doch der pädagogische Stil einer Dressuranstalt zur Einpeitschung von Schlagwörtern dominiert haben.113
Willi Dickhut verdanken wir einen ausführlichen Bericht über den Ablauf einer Parteischulung. Ihn hatte die Düsseldorfer Bezirksleitung 1929 nach Monheim ,versetzt‘ um die dortige Ortsgruppe wieder aufzubauen. Der Stand der Schulung dort war nicht gerade dazu angetan, in Euphorie auszubrechen: „Mit der Schulung und dem Selbststudium des Marxismus-Leninismus haperte es bei den meisten Genossen in der Partei“. Da spezielle Schulungsbroschüren fehlten, behalf man sich mit der Broschüre des KPD-Chefideologen Josef Lenz „Was wollen die Kommunisten?“ von 1927 und mit dem „ABC des Kommunismus“ von N. Bucharin/E. Preobraschensky aus dem Jahre 1921. Im September 1929 führte die Bezirksleitung endlich die erste vierzehntägige Parteischule für Funktionäre durch, wo folgendermaßen vorgegangen wurde: Von 8 Uhr 30 bis 13 Uhr wurde der Stoff von den 25 Teilnehmern im Plenum, anschließend von 15 bis 18 Uhr in Arbeitsgruppen behandelt. Dann wurden bis 23 Uhr die schriftlichen Arbeiten angefertigt, die das Erlernte des Tages resümieren sollten. Bis teilweise ein oder zwei Uhr in der Nacht wurde anschließend noch über die neuen Erkenntnisse diskutiert. Man kann sich lebhaft vorstellen, daß diese Schulungsform für Genossen, die noch einem Broterwerb nachgingen, kaum geeignet war. ,Dank‘ der ultralinken Linie und der Weltwirtschaftskrise gab es aber genug kommunistische Arbeitslose wie eben Dickhut, den 1928 ein Parteiauftrag um seinen Job gebracht hatte.114
Ähnlich ausführlich sind die sehr aufschlußreichen Schilderungen Erich Glückaufs, mit denen er die Erfahrungen aus den von ihm besuchten Wochenendschulungen bilanziert: „Die gebräuchlichste Art zu lernen war für uns die Wochenendschulung. Sie war auch darum so beliebt, weil sie die Möglichkeit bot zu näherem Kennenlernen und kameradschaftlichem Beisammensein. Für uns war das immer ein Erlebnis. Wir probten dabei auch Kampflieder, saßen abends gemeinsam am Lagerfeuer, betätigten uns körperlich bei Sportarten, die keine Geräte erforderten, so Ringkämpfe, Waldläufe und Volkstanz. Nicht selten schliefen wir in Zelten, das ermöglichte zusätzliches Verständnis durch gegenseitiges Wärmen.“115 Hier dominieren eindeutig die sozialen Nebeneffekte, die eben nicht zum eigentlichen Zweck der Veranstaltung zählten, auf die aber trotz Zähneknirschens seitens der Parteiführung auch nicht verzichtet werden konnte, wollte man Schulungen u.a. Veranstaltungen nicht vor leeren Sälen abhalten.
Tetje Lotz, nach seiner Entlassung aus dem Betrieb 1929 Politischer Leiter einer KPD-Straßenzelle in Hamburg, und als solcher bald zu einer Funktionärsschulung eingeladen, verdanken wir ein paar pittoreske, aber nichtsdestoweniger aufschlußreiche Bemerkungen über die Wirkung des auf der Schulung Gehörten auf einen proletarischen Genossen: „Ach, du liebe Zeit, da gab es Dinge, von denen ich noch nie etwas gehört hatte ... Politische Ökonomie - Historischer und dialektischer Materialismus - Schon vor den Worten konnte man Angst bekommen.“ Nach diesem abrupten Bildungserlebnis fühlte er sich „haushoch über ihnen [den ,Normalmenschen', U.E.] stehend“. Und er hatte zugleich das Kriterium für eine ,Beförderung‘ zum Agitpropsekretär der Hamburger Stadtteilgruppe Winterhude-Uhlenhorst erfüllt, in dessen Kompetenz auch die Durchführung von Schulungen fiel. In dieser Funktion bekam er bald den Auftrag der Bezirksleitung, eine Funktionärsschulung zu organisieren, woran er sich „mit Feuereifer“ begab. Im weiteren Verlauf organisierte Lotz Elementarkurse und obligatorische Schulungsabende für die Zellen, auf denen die Genossen zu Anfang erst einmal sehr zurückhaltend waren und sagten: „Das kann ich nicht!“ Folgt man Lotz, waren die Schulungsabende oft die am besten besuchten parteiinternen Veranstaltungen.116
Die Bemühungen um die Schulung der Genossen und ihre Ergebnisse unterschieden sich von Bezirk zu Bezirk, oft aber auch in einem Bezirk von Stadt zu Stadt oder sogar von Zelle zu Zelle. Johann Reiners, 1932 Leiter von zwei Wohngebietszellen in Berlin-Moabit, gibt einer weit verbreiteten Einstellung vieler KPD-Mitglieder Ausdruck, wenn er sagt: „Langes Theoretisieren war nicht meine Art.“ Dort beschränkte sich die ,Schulung‘ der Genossen denn auch darauf, daß Reiners die wöchentlichen Schulungsbriefe der Bezirksleitung las und den Inhalt an die Zellenmitglieder weitergab.117 Alfred Spitzer machte im ostsächsischen Neugersdorf ähnliche Erfahrungen: „Die politische Schulung war in jenen Jahren mangelhaft. Sie beruhte hauptsächlich auf Selbststudium.“ Während zehnjähriger KPD-Mitgliedschaft hatte er insgesamt Gelegenheit, an drei Wochenendschulungen teilzunehmen.118 Der Hauptgrund dafür lag im latenten Mangel der Führung an zur Durchführung von Schulungen geeigneten Genossen, die auch kaum die Zeit aufbringen konnten, neben ihren vielfältigen Parteiaufgaben in die bildungsmäßige Diaspora zu reisen. Daher wurden notgedrungen auch frisch ,Angelernte‘ wie Tetje Lotz - die sich gerade einmal Grundbegriffe vom Marxismus-Leninismus angeeignet hatten - sofort in die Schulungsarbeit eingespannt.
Das hätte eigentlich in Großstädten und insbesondere natürlich in Berlin anders aussehen müssen. In den Vororten der KPD-Bezirksorganisationen gab es im Prinzip genug hauptamtliche Parteifunktionäre, Redakteure oder Abgeordnete, die ihr Wissen hätten weitergeben können. Doch auch die waren oft bis an ihre Grenzen ausgelastet. Darauf weist auch Eugen Eberle hin, der sich 1930 in der Stuttgarter MASCH engagierte: „So hatte die Partei auch keine Möglichkeit, etwa Parteisekretäre fhr die MASCH-Schule zu verpflichten. Fast immer waren wir also auf uns selbst gestellt. Wir mußten uns zunächst selber schulen und weiterbilden, um dann den Marxismus weitervermitteln zu können.“119 Auch Gottfried Grünberg versuchte 1929 dem Mangel an Schulungsangeboten über die MASCH beizukommen und fuhr sonntags von Moers nach Duisburg, wo er Politische Ökonomie und Historischen Materialismus trieb. Auch er sollte nach einigen Wochen Mitgliedschaft schon Propagandist seiner Betriebszelle werden und seinerseits Schulungen durchführen. Als er das Ansinnen mit Verweis auf seine mangelnden Organisationserfahrungen ablehnen wollte, meinte der Politische Leiter seiner Betriebszelle trocken: „Erfahrung haben auch die anderen Genossen nicht, bisher hatten wir ja keine Schulung in der Partei.“120
Alfred Lemmnitz, der 1929 noch als SAJ-Mitglied an der Heimvolkshochschule in Leipzig Marxismus ,studiert‘ hatte, und ab Sommer 1932 Agitpropleiter des KPD-Unterbezirks Duisburg-Hamborn war und als solcher auch Schulungen leitete, beleuchtet ein anderes Problem: „Dabei hatte ich zunächst Schwierigkeiten, denn ich hatte die Klassiker des Marxismus-Leninismus studiert, sprach ihre wissenschaftliche Sprache und wurde von den meisten Arbeitern nicht verstanden.“121 Robert Neddermeyer, der im Herbst 1921 an einem dreiwöchigen Lehrgang auf der zentralen Parteischule in Berlin teilgenommen hatte, erinnert sich daran, daß seine immerhin hochrangigen Mitschüler der Meinung waren, die Lehrer, unter denen auch der eloquente Edwin Hoernle war, gingen zu schnell im Stoff voran. Dieser Lehrgang von 1921 blieb denn auch Neddermeyers einzige Berührung mit Schulungen während seiner zwölfjährigen Parteizugehörigkeit.122 Isaac Abuschs Genossen aus der „Kommunistischen Partei Deutschlands-Opposition“ (KPO) in Leipzig, der er sich 1929 nach seinem KPD-Ausschluß angeschlossen hatte, hatten das große Privileg, sich 1929 von August Thalheimer selbst, also einem der besten Kenner der Materie, in die Marxschen „Theorien über den Mehrwert“ einführen zu lassen. Sie sollen aber „in ein paar Stunden nie über ein paar Zeilen hinausgekommen“ sein, was Thalheimer auf ihre mangelnde Geduld zurückführte.123
Was die Genossen mit den Erkenntnissen aus der Schulung dann hinterher in ihrer politischen Alltagspraxis anfangen konnten, ist nicht überliefert, es dürfte aber den Erfahrungen des Protagonisten Erwin Strittmatters in der DDR in vielen Fällen nicht unähnlich gewesen sein: „Als Büdner die Parteischule verließ, war die Welt und alles, was mit ihr zusammenhing, für ihn marxistisch erklärbar. Vom Schulsaal aus gesehen, war diese Welt standhaft, geduldig, auseinandernehmbar und erkennbar bis in ihre Laschen und Taschen, doch nun hatte er es wieder mit der wirklichen, brausenden, sich ewig wandelnden Welt zu tun.“124
3 Die Einstellungen der Mitglieder
Die letzte Instanz in bezug auf die Einstellungen vieler KPD-Mitglieder blieb das vielförmige proletarische ,Klassenbewußtsein‘, das, wie auch Hans Fladung feststellen mußte,125 mitunter in „Klassendünkel“ mutieren konnte, mit dem die Funktionäre der Führung nicht selten ihre Probleme hatten. Paul Elflein etwa wählte 1919 ,klassenbewußt‘ die USPD v.a. aus dem Grund, weil ihm auf der SPD-Liste zu wenige Arbeiter vertreten waren.126 Jan Valtin bringt es auf den Punkt: „Ich war klassenbewußt, weil Klassenbewußtsein bei uns zur Familientradition gehörte. Ich war stolz darauf, ein Arbeiter zu sein, und ich verachtete den Bourgeois.“127 Die immanenten Werthaltungen dieses hergebrachten ,Klassenbewußtseins‘ überlebten denn auch in vielen Fällen mühelos die Widersprüche zwischen ihnen und dem, was über Lektüre und Schulungen an ihre Träger herangetragen wurde.
Das Fundament dieses ,Klassenbewußtseins‘ lag in der proletarischen Moral mit ihren Wurzeln in der christlichen Ethik und ging im politisch-sozialen Bereich auf die Erfahrungen des modernen Proletariats und seiner Bewegung seit ihrer Entstehung in der industriellen Revolution zurück.128 Die proletarische Moral war eine Gebrauchsanweisung für den Alltag, umfaßte ,Theorien‘ für relevante Situationen und erleichterte so in einer unübersichtlich komplexen Welt die Orientierung. So konnten sich viele KPD-Genossen in politischen Streitfragen immer auf den sicheren Grund ihrer Wertvorstellungen zurückziehen und zu einer Entscheidung kommen, ohne erst umfangreiche Informationen über die Standpunkte der Kontrahenten heranziehen zu müssen.
Auch wenn sie keineswegs in sich konsistent waren, war es für die KPD-Führung in vielen Fällen utopisch, die im proletarischen Elternhaus und im Betrieb aufgeprägten Werthaltungen durch eine eigene kommunistische Moral zu ersetzen - allenfalls konnten ein paar Einstellungspartikel ,marxistisch-leninistisch‘ interpretiert oder teilweise auch hinzugefügt werden. Es gelang ihr zwar, wie auch schon der Führung der wilhelminischen SPD, die Auslegung der proletarischen Vorstellung von Solidarität - „Das war der eigentliche Grundzug der Moral, solidarisch zu handeln.“129 - als Aufforderung zur Parteidisziplin in der Mitgliedschaft durchzusetzen und auf diesem Weg auch tradierte politische Erfahrungen auszubeuten, aber damit wurde doch nur eine neue Nuance hinzugefügt. Und die proletarische Moral blieb ein gemeinsamer Besitz von kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeitern.
Die beiden empirisch vorfindlichen Pole der Einstellung der Basis zur Parteidisziplin beschreibt Jan Valtin. Das eine Extrem hieß: „Im Bewußtsein jedes Kommunisten stand das Wort Parteibefehl bedingungslos über allem“, womit er wohl v.a. die Gruppe beschreibt, zu der er selbst gehörte. Das andere stellt er wie folgt dar: „Viele von den einfachen Parteimitgliedern leisteten eigensinnigen Widerstand; wenn sie auch zu diszipliniert waren, um das Zentralkomitee offen anzugreifen, so gingen sie doch zu einer stillschweigenden Kampagne passiven Widerstandes oder gar der Sabotage über.“130 Fritz Selbmann war 1923 „geradezu froh, daß ich nun einer Partei angehörte und ihr zu Disziplin verpflichtet war, die mir durch ihre Beschlüsse und Tageslosungen klar und einfach sagte, was ich ... zur gegebenen Zeit zu tun hatte“. Margarete Buber-Neumann bringt die Einstellung zur Parteidisziplin auf folgenden Punkt: „Wir bezweifelten keine Minute lang die Notwendigkeit der Disziplin in der Kommunistischen Partei“. Sie vergißt aber dabei uns mitzuteilen, ob sich damals in ihrer KJVD-Gruppe auch alle zu jedem Zeitpunkt daran gehalten haben. Hans Benenowski etwa war neben neben seiner Zugehörigkeit zum KJVD noch Mitglied einer „wilden Clique“, weil ihm der KJVD „nicht radikal genug war. ... Also, das Gehorchen und Diszipliniertsein und schön abzuwarten, bis die Revolution im Gange ist, das dauerte uns alles zu lange; das war uns nicht heiß genug.“131
Isaac Abusch schließlich zieht folgendes Fazit seiner Erfahrungen und Gedanken zum Thema: „Die Disziplin der deutschen Arbeiterklasse ist zugleich ein ungeheuer positives und gefährliches Element.“ All diese Äußerungen hätte man ohne weiteres auch von Sozialdemokraten hören können. Disziplin war nicht nur ambivalent, sondern auch eine politisch-inhaltlich neutrale Sekundärtugend.132
Ein unüberschätzbares Geschenk für die KPD-Führung war die tief verankerte proletmoralische Abneigung gegen Spaltungen, die ihre Wurzel wohl in der Erfahrung hatte, daß Einigkeit stark mache. Dabei gelang es den Spitzenfunktionären der KPD wohl auch, ihre durchaus inkonsequente Auslegung des Begriffes „Einigkeit“ durchzusetzen - mußte sie doch bei allen Spaltervorwürfen gegen innerparteiliche Oppositionsgruppen oder gegen die SPD verhindern, daß jemand sich dadurch aufgefordert fühlte, über die Entstehung der KPD nachzudenken. Daher machte sich die KPD-Führung die größte Mühe, vor jeder neuen Aktion, die den Spaltervorwurf heraufbeschwören konnte133 - den etwa die SPD rituell bereithielt -, das Spalterstigma jeweils schon prophylaktisch der Gegenpartei anzuhängen. Und diese Haltung hielt auch die Partei zusammen, wie absurd auch immer die Politik der KPD-Führung wurde. „In der Arbeiterklasse wurde jede Spaltung, die nicht unbedingt politisch berechtigt war, als Verbrechen gegen die Organisation angesehen. Das hat sehr viele kommunistische Arbeiter, die mit der Politik der KP nicht einverstanden waren, zurückgehalten. Die haben gesagt, wir sind keine Spalter.“134 Die KPO als Sammelbecken der 1928/29 hinausgeworfenen ,Rechten‘ kam nach Brandler auf ganze 3.500 Mitglieder,135 was wahrscheinlich nur ein kleiner Teil der Genossen war, die die politischen Vorstellungen der ,Rechten‘ für angemessener hielten als die des ZK.136
Die Mutter von Tönnies Hellmann, eine gläubige Christin, hatte ihren Kindern oft gesagt: „Wahre Christen müssen leben, was sie predigen.“137 Das sahen die meisten doch eher kirchenfernen KPD-Mitglieder in bezug auf ihre Hauptamtlichen ganz genau so. Bei einem Funktionär, der Isaac Abusch beeindrucken wollte, mußten schon Reden und Handeln übereinstimmen.138 Johann Reiners beleuchtet einen weiteren Aspekt: „Arbeiterfunktionäre, die führen wollen, sollten überall, auch in ihrem privaten Verhalten, untadelig sein.“139 Das Gegenstück war die unausrottbare Vorstellung vom “Wohlleben der Bonzen“.140 Ein weiterer an der Basis beliebter Vorwurf gegen manche leitende Funktionäre war niemals „einen Betrieb von innen gesehen“ zu haben.141Schwielige Hände und Schweißdunst waren Kriterien ersten Ranges bei der Beurteilung der leitenden Genossen. Robert Neddermeyer faßt diese Haltung zusammen: „Ich machte damals wie viele Arbeiter den Fehler, etwas Schlechtes darin zu sehen, daß Genossen ihren Beruf aufgaben, um als von der Partei bezahlte Funktionäre zu arbeiten. Den hauptamtlichen Parteiarbeiter, der für die Sache des Proletariats unentbehrlich war, sah ich als einen Genossen an, der nicht mehr richtig zur Arbeiterklasse gehörte, nicht mehr alle ihre Sorgen und Nöte teilte.“142
Die meisten Äußerungen über Spitzenfunktionäre finden sich über Ernst Thälmann, seit 1925 Parteivorsitzender. Paul Elflein legt - erneut - viel Wert auf den ,korrekten‘ Klassenhintergrund: „Für Thälmann hatten wir viel Sympathie, er war Arbeiter wie wir.“143 Die Wertschätzung Thälmanns unter den proletarischen Genossen scheint - neben seiner propagandistisch überhöhten Rolle im Hamburger Aufstand von 1923 - v.a. eine Quelle zu haben: Seinen hergebrachten und wohldurchdacht inszenierten proletarischen Habitus. Er verfehlte auch seinen Eindruck auf Änne Wagner nicht, die ihn bei seinem ersten Besuch in Solingen 1925 erlebte, wo die Menge, die zur Begrüßung erschienen war, in Begeisterung ausbrach, als „Teddy“ sich auf dem Bahnsteig die (symbolisch aufgeladene) Krawatte abriß. Kritische Genossen, mit denen sich Wagner hinterher unterhielt, dämpften ihren Enthusiasmus: „Das tut er bei jedem Auftritt, er weiß, welche Beifallsstürme er auslöst, wenn er sich bei seinem Empfang so gebärdet.“144
Thälmanns proletarischer Habitus verfehlte auch in seinen Reden nicht seine Wirkung. Anstatt sich auf theoretische Höhenflüge zu begeben - zu denen er nach Meinung Margarete Buber-Neumanns gar nicht fähig war -, sprach er die proletarischen Zuhörer in ihrer Sprache an, und zwar - wie Fritz Selbmann es empfand - mit „dem Temperament und der Leidenschaft des echten Revolutionärs“. Woraufhin ihm etwa in Chemnitz, wo Lucie Suhling 1927 den KJVD-Reichsjugendtag besuchte, „unsere Begeisterung entgegenschlug.“ Beeindruckt war auch Heinz Hoffmann, der ihn 1932 in Mannheim erlebte. Zusammenfassend sagt Emil Carlebach: „Millionen aber verehrten und liebten diesen Mann“, der den einfachen Hafenarbeiter nicht verleugnete, und für ihn „ein kluger und weitsichtiger Politiker, ein revolutionärer Führer war.“145 Bei den durch Reuter befragten Exkommunisten aus Hannover war Thälmann der einzige KPD-Führer, der „geliebt“ wurde. Recha Rothschild hielt ihn für einen „Politiker vom großen Format“.146 Einen ganz anderen Eindruck bekam Axel Eggebrecht, für den er schon bald nicht mehr war als „eine Art Galionsfigur des Schiffs, das andere steuerten“. Auch Herbert Wehner, seinerzeit ZK-Mitarbeiter, bemerkte, daß er von den Parteiintellektuellen benutzt wurde, die sich sich seine Popularität zunutze machten, da sie wie z.B. Heinz Neumann nicht den ,richtigen‘ Klassenhintergrund mitbrachten.147
Der erste proletarische Vorsitzende der KPD, Heinrich Brandler, hingegen war denjenigen, die nach der Mitte der zwanziger Jahre eingetreten waren, kaum noch ein Begriff - höchstens als Sündenbock für den fehlgeschlagenen „deutschen Oktober“ von 1923 -, was Käthe Popall, die 1930 eine KPO-Versammlung besuchte, so darstellt: „Ich wollte ihn mal selbst hören, denn ich wußte von Brandler nur das, was man uns in der KPD erzählt hatte. Ich wußte damals nicht einmal, daß er Mitbegründer der KPD war.“148
Im Hinblick auf die allgemeine Einstellung der einfachen Genossen zu den Spitzenfunktionären der Partei ist folgende Beschreibung Margarete Buber-Neumanns - die sie wahrscheinlich durch die Brille ihres Lebensgefährten Heinz Neumann gewonnen hat - doch eher mit Vorsicht zu genießen: „Mit der Zeit bildete sich bei den einfachen Kommunisten eine geradezu religiöse Ehrfurcht allem gegenüber heraus, ... was die Tätigkeit der ‚führenden Genossen‘ im Karl-Liebknecht-Haus betraf.“ Zu diesen „Ehrfürchtigen“ gehörte seiner Selbstbeschreibung nach der damals knapp über 20 Jahre alte Georg K. Glaser: „Ich stand vor dem Karl-Liebknecht-Haus und wurde es nicht satt, die rußgeschwärzten Steine anzuschauen, die anders waren, als Steine jemals sein konnten.“149
Die kritischen Stimmen sind unter den Selbstzeugen leider nicht so ausgeprägt wie in anderen Quellen, wo die proletarische Neigung zu Kraftausdrücken gegenüber der Parteiführung keineswegs milder wird. Helmuth Warnke zitiert einen Genossen seiner Ortsgruppe Hamburg-Langenhorn, der Anfang 1933 - nachdem das ZK am 28.1.1933 wieder einmal die SPD als faschisierte Partei definiert hatte -, nur trocken bemerkte: „Die sind wohl da oben gar nicht mehr zu retten“. Rosa Meyer-Leviné kritisiert, daß sich die Spitzenfunktionäre der KPD nichts dabei dachten, „wenn sie sinnlose Forderungen stellten, die Arbeiter und Angestellte den Arbeitsplatz kosteten, und sogar mit sinnlosen Aufträgen Menschenleben in Gefahr brachten.“150
Heinrich Galm wirft ein Schlaglicht auf die Wege, über die die Einstellungen der einfachen Mitglieder gegenüber der Führung geprägt wurden. 1928 war Willi Münzenberg nach Offenbach gekommen, um die dortige KPD-Ortsgruppe für die neue Linie der Partei zu gewinnen und sie von den ,Rechten‘ um Galm zu isolieren, wobei er die Autorität der Parteiführung ins Feld führte: „Er hatte aber nicht überlegt, daß wir diese Autorität nie gepflegt haben, weil wir sie nicht für gut hielten. Und da kam seine Berufung auf die Autorität, und sie ging in den leeren Raum.“151
Ergebnis der wenn auch abstrakten, dennoch zunächst einmal grundsätzlich positiven Einstellung vieler Genossen zu den Spitzenfunktionären war der Vertrauensvorschuß, den sie ihnen einräumten. Dieser erleichterte es wiederum den einfachen Mitgliedern, sich in Streitsituationen zu entscheiden. So übernahm Paul Elflein 1924 für sich die Interpretation der neuen ,linken‘ Parteiführung um Ruth Fischer und Arkadi Maslow zur ausgefallenen deutschen Oktoberrevolution von 1923: „Was gegen Brandler vorgebracht wurde, habe ich erstmal geglaubt, ich sah keinen Grund, der Parteiführung zu mißtrauen.“ Auf der anderen Seite mußte sich eine neue Führungsgruppe immer wieder aufs Neue des Vertrauens würdig erweisen, und sie war auch nicht in der Lage es bis zum äußersten zu strapazieren. Manès Sperber benennt einen Grund für das Vertrauen vieler Kommunisten in die KPD-Führung nach Ausbruch der Weltwirtschaftskrise: „Sie hatte mitten in der Prosperität [als einzige, U.E.] die Krise angekündigt“.152
Ein gutes Beispiel für die Wege, über die sich mittlere Funktionäre das Vertrauen der Genossen erarbeiteten, ist erneut Heinrich Galm. Er war seit 1920 als einziges KPD-Mitglied in Offenbach Sekretär einer ADGB-Gewerkschaft und gewann über seine Gewerkschaftstätigkeit und seinen mutigen Einsatz zahlreiche Anhänger. Dieses war ein wichtiger Grund dafür, daß die Offenbacher KPD-Mitglieder nach Galms Ausschluß Ende 1928 fast geschlossen zur KPO gingen, aus der ihm 1932 wiederum viele in die SAPD folgten.153 Willi Bohn wurde 1923 als Redakteur an die „Neue Arbeiter-Zeitung“ in Hannover berufen und machte sich, nachdem er sich einen Überblick über die wirtschaftliche Situation der Betriebe im Bezirk verschafft hatte, unverzüglich auf die Tour durch die Mitgliederversammlungen, um dann dort mit Hilfe seiner intimen Kenntnis der Probleme der Genossen ihr Vertrauen zu erwerben. Auf niedrigerer Ebene, als Zelleninstrukteurin, erlebte Recha Rothschild ähnliches: „Es bedurfte des geduldigen Einfühlens und unermüdlicher Konsequenz, um das Vertrauen der Genossen und Genossinnen zu gewinnen.“154 Um dieses Vertrauen und sei es nur zeitweise zu verspielen, reichte es im Einzelfall schon aus, wenn ein Angehöriger der Führung eine Ortsgruppe bei einer Veranstaltung versetzte, für die er als Referent fest eingeplant war.155
Ein anderer entscheidender Aspekt war der Umgang mit den ,Beitragsgroschen‘ der Genossen, die da keinen Spaß verstanden. Thälmanns Verhalten in der Wittorf-Affäre 1928 schlug denn auch trotz aller Vertuschungsbemühungen seitens des ZK in der proletarischen Mitgliedschaft hohe Wellen der moralischen Entrüstung.156 In Warnkes Ortsgruppe - die zum Bezirks Wasserkante gehörte, dessen Polleiter Wittorf seit 1927 gewesen war -, ging das Gerücht um, die veruntreuten Gelder seien „in Nachtlokale und Spielclubs auf dem ,Kiez‘ gewandert. Ein großer Teil der Parteimitglieder ist wie ich aufs heftigste empört und fordert Konsequenzen.“ Als auf einer Parteiarbeiterversammlung am 1.10.1928 bekannt wurde, daß die Bezirksleitung (BL) sich mehrheitlich gegen Thälmanns Absetzung ausgesprochen hatte, reagierten er und seine Genossen aufgebracht: „Nieder mit der BL! Sie soll verschwinden!“157
Exkurs über die Einstellung zur Sowjetunion
Thälmanns Wertschätzung in der Mitgliedschaft der KPD wurde vielleicht nur noch durch die Verehrung Lenins übertroffen. Die ehrlich vergossenen Tränen rollten im Januar 1924 anläßlich Lenins Tod reichlich. Mischket Liebermann hatte auf einer Lenin-Gedächtnisfeier im Großen Schauspielhaus in Berlin am 24.1.1924 ein Lenin-Foto erworben, das sie bei der Niederschrift ihrer Memoiren 50 Jahre später noch immer besaß und auf dessen Rückseite sie damals geschrieben hatte: „Selten war ich so ergriffen. Ich hatte ein wehes und wundes Gefühl.“158 Die KPD-Führung nahm denn, um diese Emotionen alljährlich wieder erwecken und für sich vereinnahmen zu können, Lenin sofort in den KPD-Pantheon auf. Dadurch wurden aus den bisherigen Gedenkfeiern zur Wiederkehr der Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts Mitte Januar nunmehr „LLL-Feiern“. Problematischer war es, später der Verehrung der in Ungnade gefallenen ehemaligen Bolschewistenführer abzuhelfen, jedenfalls bei den Genossen, die z.B. noch die propagandistische Verherrlichung Trotzkis als Begründer der Roten Armee und Sieger des Bürgerkriegs erlebt hatten.
Eng mit der Lenin-Verherrlichung verknüpft war die Verehrung der Partei Lenins, der RKP/KPdSU. Georg Fischer faßt die Gefühle gegenüber ,Lenins Partei‘ so zusammen: „Die Kommunistische Partei der UdSSR war unser großes Vorbild. Darum unser Ruf ,Heil Moskau!‘“ Eine große Rolle spielte dabei das Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Bolschewiki v.a. bei den dienstälteren Genossen, das aber auch von Späteinsteigern wie dem 1904 geborenen Günter Reimann übernommen wurde. Es bestand in der Vorstellung, die Bolschewiki - die ja zu Anfang so sehnsüchtig die Revolution in den industrialisierten Ländern und v.a. in Deutschland erhofft hatten - 1918 im Stich gelassen zu haben, und damit sozusagen den Bärenanteil der Probleme im nachrevolutionären Rußland auf die eigene Kappe nehmen zu müssen: „Meine Freunde und ich fühlten uns schuldig für die Misere in der Sowjetunion. ... Wir hatten in Deutschland ,versagt‘. Auf sich allein gestellt, isoliert, mußten Lenin und die Bolschewiki in eine furchtbare Lage geraten."159
Eine spannende Frage ist nun, inwieweit diese Mischung aus Verehrung und Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den Bolschewiki auch die Bereitschaft mit sich brachte, jene Anordnungen der KPD-Führung, die aus der von den Bolschewiki dominierten KI kamen, besonders bereitwillig umzusetzen. Paul Elflein jedenfalls behauptet das: „Vor allem, wenn etwas aus Moskau kam, haben wir uns auf die Autorität der russischen Partei verlassen.“ Zweifel kommen allerdings auch hier wieder auf, wenn man einen Blick in die anderen Quellen wirft. Vielen einfachen KPD-Mitgliedern, die nicht so engagiert waren wie Elflein - der sich 1928 schließlich auch selbst nicht mehr auf die russische Autorität verlassen wollte und deshalb ausgeschlossen wurde -, war im Einzelfall gar nicht bewußt, welchen Hintergrund bestimmte Anordnungen hatten, ob sie von der Bezirksleitung, in Berlin oder in Moskau ausgeheckt worden waren. Die Parteiführung gab sich zwar Mühe, etwa die Beschlüsse der KI-Weltkongresse über Broschüren, Schulungen oder in Mitgliederversammlungen zu popularisieren, aber das ging doch an den meisten Genossen vorbei. Und es gab auch noch andere Stimmen, die im großen Einfluß der Partei der Oktoberrevolution nicht nur Positives sahen, zu denen Martin Muschkau gehörte, der diesen Zusammenhang wie folgt beschreibt: „Die KPD lief in jenen Jahren Gefahr, zum bloßen Wurmfortsatz der KPdSU(B) zu werden.“160
Einer Messung der exakten Wirkung der sowjetischen Herkunft bestimmter Anordnungen auf ihre Umsetzung durch die Parteibasis sind also enge Grenzen gesetzt. Das Sowjetunion-Bild der allermeisten Genossen, wenn sie nicht gerade - wie Georg Fischer - vom Anarchosyndikalismus zur KPD gestoßen waren, war nichtsdestotrotz positiv. Eine Ursache dafür lag darin, daß es für die meisten Genossen nahezu unmöglich war, sich der umfassenden Maßnahmen der KPD-Führung zur Popularisierung der Entwicklung - insbesondere die Verherrlichung des industriellen Aufbaus im Rahmen des ersten Fünfjahresplans nach 1928 - zu entziehen. Die Mitglieder wurden spätestens seit 1921, dem Gründungsjahr der „Arbeiterhilfe für Rußland“ (später „Internationale Arbeiterhilfe“), aus der dann Münzenbergs Medienkonzern hervorging, mit Vorträgen, Artikeln, Bildern, Filmen und Büchern über die Sowjetunion bombardiert, wobei v.a. Münzenbergs „Arbeiter-Internationale Zeitung“ hervorstach.161
Das Echo dieser auf jeden Zweifel verzichtenden Berichterstattung läßt sich in den Selbstzeugnissen sehr gut ausmachen. Arthur Koestler bringt die Einstellung der wohl meisten Genossen auf den richtigen Punkt. Sie betrachteten die Sowjetunion als ein „Über-Amerika, beschäftigt mit der Erfüllung der gewaltigsten historischen Aufgabe und vibrierend von Tatkraft, Tüchtigkeit und Enthusiasmus.“ Tetje Lotz beschreibt die vorherrschende Einstellung der Mitglieder an der Basis zur Oktoberrevolution und die Euphorie über den industriellen Aufbau: „Ich wurde mir erst über die Bedeutung der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution klar, als ich Näheres darüber auf RFB-Versammlungen erfuhr. ... Das waren für uns Beispiele dafür, daß die Arbeiterklasse siegen konnte und siegen würde. Als dann der erste Fünfjahresplan verkündet wurde, war der Jubel der Genossen groß und viele Zweifler sahen: Ja, so muß man es machen!“ Gottfried Grünberg hingegen vergaß bei aller Begeisterung nicht, Zustände kritisch zu betrachten, die er als Arbeiter in Deutschland nicht ertragen hätte, und hielt die Subbotniki, die scheinbar freiwilligen Arbeitseinsätze, dementsprechend für „Ausbeutung“. Jan Valtin überliefert die Meinung eines kommunistischen deutschen Schiffsingenieurs, mit dem er Anfang der dreißiger Jahre zwei Schiffe in die Sowjetunion überführte, der schockiert war über den gleichgültigen Umgang der sowjetischen Matrosen mit ihrem Produktionsmittel und meinte: „Wartet nur, bis wir ein Sowjetdeutschland haben - dann werden wir den Moskowitern zeigen, was sozialistische Leistungsfähigkeit ist.“162
* * *
Kommen wir zurück zur Einstellung gegenüber den KPD-Führern. Unabdingbare Voraussetzung für die Meinungsbildung an der Basis war, daß man sich als einfaches Mitglied überhaupt einen Überblick verschaffen konnte. Aber: „Die Debatten auf der Führungsebene interessierten an der Basis nur mäßig oder überhaupt nicht. Das jahrelange Ringen um die Linie der Partei ging bei vielen, vielleicht sogar den meisten Mitgliedern über die Köpfe hinweg, weil sie die Diskussionen nicht verstanden und als ,Führergezänk‘ abtaten, aber auch weil sie ihre Interessen nicht angesprochen sahen.“163 So trat Marie Torhorst, die der KPD seit längerer Zeit nahestand, ihr nicht bei, weil „die damaligen, für mich undurchsichtigen Auseinandersetzungen in der KPD-Führung mich unsicher gemacht hatten.“164
Rosa Meyer-Leviné kannte sich einigermaßen in den Diskussionen aus, da sie mit Polbüro-Mitglied Ernst Meyer verheiratet war, konnte aber die Probleme der einfachen Genossen nachvollziehen, die sie damit hatten, sich ein Bild davon zu machen: „Nicht jedes Parteimitglied hatte schließlich ein Mitglied des Polbüros als Informationsquelle in seiner persönlichen Verfügung.“ Käthe Popall mußte wie die allermeisten ohne ein solches auskommen: „Es war für uns, die wir erst [spät, U.E.] zur kommunistischen Bewegung gekommen waren, außerordentlich schwer, die Politik des ZK zu verstehen. Wir begriffen die Ablösungen [von Funktionären, U.E.] nicht. Wir wußten nicht einmal genau, worin sich die Links- von der Rechtsfraktion der KPD unterschied.“ Walter Janka wurde, um seine Eignung für die Lenin-Schule zu erweisen, zu seiner Meinung über Heinz Neumann befragt, wozu er nichts sagen konnte, denn „wir erfahren über den Streit in der Parteiführung zuwenig. Was davon zu uns kommt, stiftet mehr Verwirrung als Klarheit. Wir verstehen auch nicht, warum wir heute so und morgen wieder anders orientiert werden.“ Ernst Carlebach erfuhr erst 1931, daß es nicht nur eine Haltung in der Parteiführung gab - nämlich die Thälmanns -, wie er „ganz naiv angenommen“ hatte, was ihn gehörig irritierte.165
Wie schon kurz erwähnt, ging Thälmanns Popularität in der Partei auch auf seine Rolle im Hamburger Aufstand von 1923 zurück - oder vielmehr auf die durch die KPD-Medien verbreitete Legende. Denn die wenigen Selbstzeugen, die - wie Walter Zeutschel - 1923 selbst Zeugen des Aufstands und seiner Vorbereitung wurden, haben kein besonders positives Bild von Thälmanns Beteiligung: „Er, ... der selbst am Hamburger Aufstand in keiner Weise teilgenommen hatte, sondern hübsch weit vom Schuß geblieben war, wurde als Verkörperung des Hamburger Barrikadenkampfes gefeiert, weil er der Hamburger Partei entstammte.“ Karl Retzlaw meint, Thälmann, der „Kneipen-Großredner“, wäre gar nicht in die Revolutionsplanungen eingeweiht worden, weil er Probleme mit dem Alkohol gehabt hätte. Und er kritisiert die „sinnlos heroisierende Darstellung der Ereignisse“ in Hamburg durch die kommunistische Presse. Gerade die war aber durchaus erfolgreich, und zwar insbesondere in bezug auf die später, in der revolutionären Saure-Gurken-Zeit nach 1923 eingetretenen jüngeren Mitglieder. Georg Fischer war denn auch aus der Ferne des bayerischen Ingolstadt hingerissen: „Der Bericht über den Hamburger Aufstand ließ unsere Herzen glühen.“ Als das Abenteuer zu Ende war, hatten die meisten Genossen wie z.B. Oskar Hippe zunächst vollauf mit ihrer Enttäuschung zu kämpfen.166
Spannender als die Einstellungen zum Hamburger Aufstand sind die durchaus kontroversen Auffassungen in der Mitgliedschaft zum ZK-Beschluß vom 22.7.1931, eine Kehrtwendung um 180 Grad zu machen, und sich an den von DVP, DNVP und NSDAP unterstützten Volksentscheid des „Stahlhelms“ zur Auflösung des preußischen Landtags anzuhängen. Damit werden zugleich die Einstellungen zur Sozialdemokratie - zwischen den Polen Sozialfaschismus-Theorie und Einheitsfrontwille - und zum Aufstieg der NSDAP berührt. Mitte Juli 1931 hatte die KPD-Führung das Stahlhelm-Volksbegehren noch als „Volksbegehren der Reaktion“ bezeichnet, bei dem eine Teilnahme der KPD „selbstverständlich ausgeschlossen“ sei.167
Lange wurde trotz der evidenten Mobilisierungsprobleme der KPD zum Stichtag des Volksentscheids am 9.8.1931, und zwar gerade in den Hochburgen wie dem Berliner Wedding, Webers Interpretation der innerparteilichen Vorgänge als gültig angesehen: „Die Partei war inzwischen so zentralisiert und diszipliniert, daß jede Wendung akzeptiert wurde.“168 Sicher, es gab kaum offenen Widerspruch gegen die Wendung des ZK, aber allenthalben - in den KPD-generierten Quellen und den Selbstzeugnissen - finden sich Unzufriedenheit und Verärgerung unter den Mitgliedern. „Die Massen konnten die Partei nicht mehr verstehen“, bilanziert Willi Dickhut. Helmuth Warnkes Ortsgruppe hatte im zu Preußen gehörenden Langenhorn gemeinsam mit der SPD gegen den Volksentscheid agitiert wobei man sich auch wieder näher gekommen war - jedenfalls bis zum Beschluß des ZK: „Diese ,Idylle‘ wird durch einen Beschluß des Zentralkomitees der KPD vom 22. Juli, sich an dem Volksentscheid gegen die Severing-Braun-Regierung zu beteiligen, brutal zerstört“. Manès Sperber begann innere Distanz zur Parteiführung aufzubauen, als er davon erfuhr: „Von da an nahm ich ihre Reden zwar mit Respekt vor ihrer revolutionären Überzeugung auf, aber nur mit sehr beschränktem Zutrauen zu ihrer Urteilskraft“. ZK-Mitarbeiter Herbert Wehner wußte genau, was der Beschluß an der Basis anrichtete: „Es ist mir unvergeßlich, in welch schmähliche Lage die Partei und ihre vielen Arbeiterfunktionäre dadurch versetzt wurden.“ Und ZK-Mitglied Willi Münzenberg benannte im vertraulichen Gespräch den Grund dafür: „Man könne den Genossen, die täglich damit rechnen müssen, von den Nationalsozialisten erschlagen zu werden, ein solches Zusammengehen niemals begreiflich machen.“ Genau das war nämlich die Haltung vieler Genossen an der Basis - daß es angesichts des Nazi-Aufstiegs wie Faulhaber es ausdrückt „um Sein oder Nichtsein ging.“169
In diesem Prozeß ging denn auch die SPD bei vielen Genossen ihrer Rolle als „Hauptfeind“ verlustig. Bei vielen anderen mußte sie es erst gar nicht, denn sie waren immerhin Marxisten oder Arbeiter genug, um zu wissen, daß der ,Hauptfeind‘ auf der anderen Seite stand. Dazu Helmuth Warnke: „So sehr die Parteibasis auch darauf gedrillt ist, in der SPD den ,Hauptfeind‘ zu sehen, fühlt sie instinktiv doch, was es bedeuten würde, wenn es den Faschisten gelänge, auf legalem Wege sozialdemokratische Länderregierungen zu beseitigen.“ Willy Sägebrecht sagt ganz richtig: „Der Terror der Nazis führte die Arbeiter zusammen.“170
Und das geschah trotz der hergebrachten kritischen Einstellung vieler Kommunisten zur SPD oder ihren Führern. Für Helmut Damerius machten die SPD-Führer „schon lange keine Arbeiterpolitik mehr“. Johann Reiners bringt die für meine Begriffe reflektierteste Erklärung, indem er auf jeden Überbau verzichtet und einfach feststellt, daß die SPD-Taktik des kleineren Übels „nicht meinem Naturell“ entsprach. Die Haltung vieler Jungkommunisten wird wieder von Damerius am besten wiedergegeben: „Unser Haß auf die Verräter in der sozialdemokratischen Spitze übertrug sich auf die einfachen Mitglieder dieser Partei. Wir haßten ihre Inkonsequenz, ihr Zögern, ihr endloses unentschlossenes Warten. Sie hatten Angst, sich zu entscheiden. ... und es wollte nicht in ihren Kopf hinein, daß sie Verrat übten.“171
Einfühlungsvermögen in andere Sichtweisen und eine entsprechende Toleranz war nicht die starke Seite vieler Genossen. Willi Dickhut erfuhr auch erst aus einem Buch des als ,Rechten‘ geschaßten August Enderle, daß die „Reformisten-Führer“ keine „bewußten Verräter“ seien. Heinz Hoffmann wußte das aus eigener Anschauung und hielt ihm bekannte sozialdemokratische Betriebsräte für v.a. „ehrliche und klassenbewußte Arbeiter“, die nur einen anderen Weg zum Sozialismus wollten als die Kommunisten.172
Die Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Lagern in der Arbeiterbewegung trug Probleme in viele Familien, in denen Sozialdemokraten und Kommunisten vereint waren. Mir scheint aber evident, daß die Form der Auseinandersetzung zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Brüdern, Vätern und Söhnen mehr von nichtpolitischen Aspekten bestimmt war. So war das Verhältnis zwischen Gerd Horseling und seinem sozialdemokratischen Vater, auf den er auch in der Gocher Stadtverordnetenversammlung traf, irreparabel gestört, während Max Faulhabers Verhältnis zu seiner sozialdemokratischen Familie ungetrübt blieb.173
Entscheidendes Einzelereignis für die Akzeptanz der Sozialfaschismustheorie - die 1927/28 Allgemeingut in der KI wurde - bei Teilen der KPD-Mitgliedschaft war mit Sicherheit der Berliner „Blutmai“ von 1929,174 der nach Meinung von Karl Retzlaw „den Graben innerhalb der Arbeiterbewegung weiter“ aufriß und „ihn schwer überbrückbar“ machte. Helmuth Warnke war spätestens nach dem Ausfall eines internationalen Frontkämpfertreffens infolge des RFB-Verbots durch die sozialdemokratische Landesregierung Hamburgs 1929, die zugleich aber seiner Meinung nach dem „Stahlhelm“ alle Freiheiten gewährte, von der Richtigkeit der antisozialdemokratischen Linie überzeugt: „Klar, daß diese Erfahrungen mit der SPD-Politik mich gegen sie aufbringt. Einleuchtend ist für mich die Definition der Parteiführung“ der SPD als Hauptfeind. Auch Emil Carlebach sieht in der „Sozialfaschismus“-Theorie - die Moskauer Strategen als Urheber ignorierend - eine „Folge von Zehntausenden Mordtaten im Interesse des kapitalistischen Staates“, „der ohnmächtigen Wut der Opfer“ sozialdemokratischer Minister, Offiziere und Polizeipräsidenten. Durchaus folgerichtig war er daher als Schüler ohne Wurzeln in der Arbeiterbewegung und ohne Alltagskontakte zu Sozialdemokraten davon „überzeugt, daß die ,Sozialfaschisten‘ der schlimmste Feind seien“.175
Viel zahlreicher allerdings sind die kritischen Stimmen zur Sozialfaschismus-Theorie in den Selbstzeugnissen.176 Wir haben ja oben schon erfahren, daß sich Helmuth Warnke durch seine Erfahrungen mit sozialdemokratischen Polizeipräsidenten nicht davon abhalten ließ, mit SPD-Mitgliedern gegen den Stahlhelm-Volksentscheid zusammenzuarbeiten. Martin Muschkau bringt die Sache auf den Punkt: „Warum sollten meine Arbeitskollegen, die mit mir das Brot teilten und die mit mir an der Stempelstelle des Arbeitsamtes standen, Klassenfeinde sein? Nur weil sie Mitglied der SPD waren?“ Heinz Zöger, Mitglied der „Jungen Garde“ - der Jugendorganisation der „Antifaschistischen Aktion“ -, kannte sozialdemokratische Arbeiter und wußte, „wie absurd und ungeheuerlich der Vorwurf ist“, den die KPD-Führung mit der Sozialfaschismus-Theorie der SPD machte.177
Über die Haltung von Führung und Basis der KPD zur Sozialfaschismus-Theorie sind sich auch Johann Reiners und Erich Honecker weitgehend einig: „Wir, ja, wir einfachen Muschkoten an der Basis - uns war es ernst mit der Einheit. Den Spitzen von SPD und KPD ging es mehr darum, den anderen taktisch zu überrunden.“ Und: „Es war ja nicht direkt Feindschaft zwischen uns, es war mehr die Feindschaft zwischen Theoretikern.“ Die proletmoralische Wertschätzung der Einheit war eben nicht nur auf die eigene Partei gerichtet - wie oben zu sehen war - sondern als gemeinsames Gut auch auf die Arbeiterbewegung als Ganzes.178 Max Faulhaber und Gerd Horseling als führende Lokalfunktionäre gingen sogar so weit, wenn schon nicht die „Einheitsfront von oben“ zu bilden - die für das ZK dem Leibhaftigen gleichkam -, so doch in der Endphase der Weimarer Republik einen Burgfrieden mit der lokalen SPD zu schließen: also z.B. den Sozialdemokraten bei Demonstrationen den Vortritt zu lassen oder die Mitführung kontroverser Transparente zu vermeiden.179
VI. Die praktischen Aspekte des Parteialltags
In vielen Untersuchungen zur Parteien- und Organisationsgeschichte der deutschen Arbeiterbewegung dominiert „eine metaphorische, anthropomorphe Denkweise über Parteien als handelnde Akteure mit eindeutigen Zieloptionen und zentral gesteuerter, rationaler Mittelwahl“.180 Diese hat zwar den Vorteil des geringeren intellektuellen Aufwands, führt aber zu einer gewissen Einseitigkeit und schließlich zu einer totalen Verkennung des Beitrags der Parteibasis. Folgt man Winkler, kann im Grunde die Basistätigkeit in der Weimarer KPD vernachlässigt werden, da ihr Einfluß auf „die ,große Politik‘“ unbedeutend war.181 Was immer unter „großer Politik“ zu verstehen ist: Diese Behauptung ist zumindest voreilig, da eine systematische Untersuchung der Willensbildung in der KPD noch gar nicht existiert.182
Anders als leider die Historiker haben Politikwissenschaftler und Soziologen schon vor einiger Zeit die Notwendigkeit erkannt, die Basistätigkeit in Parteien zu untersuchen. Sie haben zu diesem Zweck eine Reihe von Konzepten entwickelt, die in den meisten Fällen noch der historiographischen Anwendung harren.183 Die Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Untersuchungen unterstreichen die Bedeutung des Basisbeitrags bei der innerparteilichen Willensbildung und Parteientwicklung. Der Politologe Lammert begründet die Relevanz einer Beschäftigung mit der Tätigkeit der Parteibasis mit drei triftigen Argumenten: „Die Leistungsfähigkeit einer Parteiorganisation entscheidet sich im wesentlichen auf unterer, also kommunaler Ebene.“ Die lokalen Parteiorganisationen sind „die unmittelbare Nahtstelle“ zwischen den Parteien und der Öffentlichkeit. Und sind sie das „einzig verfügbare Partizipationsfeld der großen Mehrheit ihrer Mitglieder“.184
Ein fundamentalerer Ansatz kennzeichnet die Handlungstheorie von Michel Crozier und Erhard Friedberg, die den theoretischen Ausgangspunkt für die diesem Beitrag zugrunde liegenden Annahmen über das Verhalten in Organisationen bildet. Ihre zentrale These formulieren sie wie folgt: „Es gibt keine völlig geregelten und kontrollierten sozialen Systeme.“ Akteure in diesen Systemen, also z.B. auch die Akteure in Organisationen, sind „Akteure, die im Rahmen der ihnen ,vom System' auferlegten, oft sehr starken Zwänge über einen Freiraum verfügen, den sie auf strategische Weise in ihren Interaktionen mit den anderen verwenden.“ Macht ist demnach „eine Tausch- und also eine Verhandlungsbeziehung“.185 Anzunehmen, daß ausgerechnet die KPD mit diesen sozialwissenschaftlichen Konzepten nicht zu untersuchen wäre, gibt es keinen Grund - schon gar nicht der so häufig seitens der Parteiführung beanspruchte oder später seitens der Forschung behauptete „monolithische“ Charakter der Partei.
Ich betrachte daher Organisationen als Feld eines unausgesetzten Aushandlungsprozesses. Strukturen handeln nicht. Es sind immer Menschen, die Strukturen nach ihren Vorstellungen und Bedürfnissen gestalten - also aufbauen, aufrecht erhalten, modifizieren oder abschaffen. Wenn sie im Sinne der Strukturen handeln, handeln selbstverständlich sie und nicht die Strukturen. Strukturen, selbst wenn sie mitunter relativ dauerhaft und auch gegen die Intentionen relevanter Gruppen von Akteuren existieren, können doch sinnvollerweise nur prozeßhaft gedacht werden. Strukturen definieren zwar den Handlungsrahmen und beschränken die den Akteuren zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen, aber selbst um das zu tun, benötigen sie das Handeln von Menschen.
Weiterhin gehe ich davon aus, daß die Basisorganisationen - also die satzungsmäßig kleinsten Organisationseinheiten - auf ihrem Gebiet relativ autonom sind, und zwar v.a. aus zwei Gründen: erstens verfügen nur sie über das nötige lokalpolitische Know-How und kennen die Zustände vor Ort, während es den Apparat der Parteiführung ins Unermeßliche und Unfinanzierbare aufblähen würde, alle vor Ort jeweils relevanten Informationen selbst zu erheben und zu verwalten,186 und zweitens können sie den durch die Beschaffenheit menschlicher Sprache bedingten Spielraum zur konkretisierenden Interpretation der von oben kommenden Anweisungen ausnutzen - die nicht nur auslegungsfähig, sondern auslegungsbedürftig sind.
2 Beitritt und Mitgliedsbeiträge
Wie sah nun der Weg aus, auf dem der Beitritt zur Partei technisch vollzogen wurde, wenn man nicht über eine Organisation wie die linke USPD kollektiv beitrat oder zu den zwanzig Selbstzeugen gehörte, die zu den Gründungsmitgliedern der KPD zu zählen sind? Prinzipiell lassen sich die Wege des Parteibeitritts nach Niedermayer in zwei Gruppen aufteilen: In die Selbst- und in die Außenrekrutierung.187 Bruno Retzlaff-Kresse etwa brauchte sich um seinen Beitritt, den er am 4.7.1930 vollzog, nicht zu bemühen. Ein kommunistischer Genosse aus dem „Verband proletarischer Freidenker“ in Stettin meinte, er gehöre „schon lange zu uns“, und gab ihm einen Aufnahmeschein. Die wenigen anderen Selbstzeugen, die ausführlicher über ihren Beitrittsweg berichten, gingen von sich aus auf Parteifunktionäre zu. Mischket Liebermann tat dies im Rahmen einer kommunistischen Antikriegskundgebung am 1.8.1925 im Berliner Lustgarten, wo sie den Politischen Leiter des Unterbezirks Berlin-Mitte um Aufnahme bat. Für Axel Eggebrecht, einen 21jährigen Bürgersohn mit abgebrochenem Studium, war es 1920 schon schwerer, aufgenommen zu werden. Nachdem er sich die Adresse des zuständigen Wohnbezirksleiters besorgt hatte, vertröstete der ihn zunächst. Schließlich mußte er vor einer Zellenversammlung, die wohl vorher über seinen Beitrittswunsch diskutiert hatte, über seine Motive Rede und Antwort stehen, worauf man ihn dann doch als neuen Genossen akzeptierte. Zeitweise mußte ein Beitrittswilliger zwei langjährige Genossen als Bürgen benennen, was wohl v.a. der Abwehr von Spitzeln dienen sollte. Auf diese Weise kam 1920 der 18jährige Heinz Neumann in die Partei, für den Karl Retzlaw gebürgt hatte.188
Das in der Literatur und in den KPD-generierten Quellen im Zusammenhang mit dem Parteibeitritt vorherrschende Problem läßt sich verständlicherweise in den hier herangezogenen Quellen nicht finden - das der Fluktuation.189 Mit ihr hatte die KPD zeit ihrer Existenz zu kämpfen, und sie nahm nach 1929 geradezu katastrophale Ausmaße an, als es kaum noch gelang, die neu eingetretenen Mitglieder zu integrieren. 1931 betrug die Fluktuation 38 % und 1932 sogar 54 %.190 Die in der Literatur darüber verbreiteten Thesen weisen v.a. auf zwei Zusammenhänge hin, über die Sigmund Neumann in seiner Untersuchung über die Parteien in der Weimarer Republik von 1932 das Wesentliche schon gesagt hat: Er führte die Fluktuation auf die „eigenartige ... Werbemethode“ der KPD zurück. Nach seiner Ansicht beruhten Eintritte auf „der augenblicklichen Begeisterungsstimmung“ nach aufrüttelnden Reden, die aber nicht anhalte, „vor allem nicht, wenn durch die Zugehörigkeit zu den verschiedenen kommunistischen Verbänden eine zeitliche Inanspruchnahme und dauernde, starke finanzielle Belastung entsteht.“191
Diese problematische Eigenart der Mitgliederwerbung wurde nach 1929 noch verschärft, da die leitenden Funktionäre als hingebungsvolle Anhänger sowjetischer Planwirtschaft den Basisorganisationen Sollzahlen über zu werbende neue Genossen vorlegten. Diese Vorgaben waren wohl nicht nur im Ausnahmefall völlig überzogen - nahm doch so mancher ,Werbestratege‘ an, daß sämtliche KPD-Wähler auch leicht als Parteimitglieder gewonnen werden könnten -, weshalb die die Genossen an der Basis einige Findigkeit entwickeln mußten, um sie zu ,erfüllen‘. Margarete Buber-Neumann beschreibt die Auswege, die man sich dabei einfallen ließ: „Um diese Werbung anzufeuern, wurden den einzelnen Zellen ,Solls‘ gestellt, die erfüllt werden mußten. Die Zellen traten in einen Wettbewerb. Die Folge aber war, daß bei der Werbung Hinz und Kunz aufgenommen wurden, um vor der Partei192möglichst gut abzuschneiden. Bei näherer Prüfung stellte sich dann oft heraus, daß der Aufgenommene entweder überhaupt nicht existierte oder nichts von seinem Glück wußte, Mitglied der KP geworden zu sein.“ Einen anderen Aspekt der kommunistischen Werbemethoden anfangs der dreißiger Jahre beleuchtet Georg K. Glaser: „Viele gute alte Genossen wurden rot vor Scham, wenn ein Marktschreier zur Aufnahmeerklärung in die der Partei angegliederten Gewerkschaften und Wehrverbände anfeuerte: ,Dreißig, einunddreißig, zwei-, drei-, vierunddreißig - es fehlen noch sechsundzwanzig bis zum gesteckten Ziel - wer wagt den Schritt - wer will noch etwas für seine Klasse tun - ahaaaah, fünf-, sechs- siebendunddreißig.‘ Oder wenn die dicke Reichstagsabgeordnete [Maria, U.E.] Reese schrie: ,Ich gehe nicht eher von der Bühne, bis sich dreißig Arbeiter in die Partei eingeschrieben haben‘".193
Im Prinzip sollten die Neuen sofort zur Parteiarbeit herangezogen werden - wie etwa Martin Muschkau, kurz nachdem er 1928 einer Straßenzelle in Hannover-Vahrenwald beigetreten war: „Wer in jener Zeit Mitglied der KPD wurde, mußte damit rechnen, daß er schnell in die Parteiarbeit einbezogen wurde. So erging es mir auch.“ Mehringer verweist in seiner Studie über die bayerische KPD darauf, daß die Erwartungen an das Engagement neuer Mitglieder „traditionellerweise besonders hoch“ waren. Das bedeutete konkret, daß man sich sofort aktiv am Verteilen von Flugblättern, Malen von Transparenten sowie an Demonstrationen und Mitgliederversammlungen zu beteiligen hatte. Die dahinterstehende Erwartung der Parteiführung beschreibt Margarete Buber-Neumann treffend: „Ein Kommunist hatte mit seinem Eintritt in die Partei, soweit es irgend ging, auf sein privates Leben zu verzichten.“ Aber dies ist, wie so oft, nur die eine Seite. Die Äußerungen in den KPD-generierten Quellen über die Einbindung neuer Mitglieder zeichnen ein differenzierteres Bild. Um einen Kontrapunkt zu setzen, sei nur aus einer Rede des Berliner Organisationsleiters Paul Langner auf einer Konferenz mit seinen Kollegen aus den Bezirken am 11.5.1930 zitiert. Dort beschwerte er sich darüber, „daß die neu gewonnenen Mitglieder nicht schnell genug ihre Karten bekommen, da8 heute noch beispielsweise es Arbeiter gibt, die ihre Mitgliedskarte nicht haben, die aber schon am 17. Nov. ihren Beitritt zur Partei erklärten.“ Außerdem wies er auf Dutzende von Briefen neu aufgenommener Mitglieder hin, in denen diese reklamierten, „daß sie nicht wissen, wo ihr Zellenlokal ist, wo ihr nächster Funktionär wohnt usw.“194
Wenn der neue Genosse dann mit der Entrichtung des „Eintrittsgeldes“ erfolgreich beigetreten war,195 bekam er sein Mitgliedsbuch oder seine vorläufige vierseitige Mitgliedskarte in die Hände gedrückt. Letzere enthielt in der Ausgabe von 1925 auf dem Deckel ein Feld für die Beitrittsmarke und im Innenteil Felder für die Beitragsmarken für ein Jahr.196 Hatte man sich dieses eine Jahr bewährt, konnte man