"Der Revolutionäre Touch ist Weg"
Freie Kinderarbeit – Professionalisierung – Institutionalisierung
Kinderladen-Entwicklung: Eindrücke aus Frankfurt und Hessen

von Robert Hamm
01/05

trend

onlinezeitung

Inhalt

Einführung
Professionalisierung
Die Institution
Trägerschaft, Vereine, Verträge
Räume
Die Stellung der Eltern
Die Arbeitsbeziehungen der Bezugspersonen
Männer und Frauen
Arbeit, Leistung, Lohn
Pädagogik
Auf sicherem Grund ...
Eindrücke und Erfahrungen
Ästhetische Praxis
Anhang: Frankfurt und Hessen ...
Quellen
Literatur

Einführung 

Kinderläden haben Geschichte - mittlerweile fast 30 Jahre. In dieser Zeit haben sie sich entwickelt, von einstmals ‘subversiven Einrichtungen’ hin zu etablierten Institutionen. Ihr Image, ihr Gesicht hat sich gewandelt.

„Will man die Kinderladen-Bewegung verstehen, so ist es unumgänglich, nicht nur nach den Gründen und Motiven der Eltern zu fragen, sondern auch die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen zu sehen, die die Studentenbewegung hervorgebracht haben. (...)

In einem Prozeß der Politisierung begannen die Studenten auch nach der gesellschaftlichen Wirklichkeit, in der sie lebten, zu fragen, und die Schlagworte von Freiheit, Pluralismus und sozialem Rechtsstaat auf ihren Gehalt hin zu überprüfen. Die Aufdeckung grundsätzlicher Widersprüche dieser Gesellschaftsordnung führten sie zu der Erkenntnis, daß sie selber etwas zur Veränderung beitragen mußten. Zwangsläufig kam man dazu, sich mit den Ideen des Sozialismus auseinanderzusetzen.

Neue Formen des Zusammenlebens mußten gefunden werden, um die Vereinsamung des einzelnen und seine damit verbundene Hilflosigkeit den Mißständen gegenüber aufzuheben. Die ersten Kommunen wurden gegründet. Auch die Situation der Frau wurde genauer untersucht. Ziemlich schnell schälte sich aus der Diskussion die Frage der Kinder heraus. Sollte die Frau in der Lage sein, beruflich und politisch arbeiten zu können, so mußte sie zu bestimmten Zeiten der Sorge um die Kinder enthoben werden. Mit den vorhandenen Kindergärten konnte diese Aufgabe nicht erfüllt werden. Einmal war die Aussicht, einen Kindergartenplatz zu bekommen, so verschwindend gering, zum anderen wurde in den meisten bestehenden Kindergärten so autoritär erzogen, daß auch der Wunsch, die eigenen Kinder derartigen Erziehungspraktiken auszuliefern, nicht vorhanden war. Das heißt, man mußte selber daran gehen, Kindergärten zu gründen.

Ein erster Versuch, sich selbständig zu organisieren, wurde spontan auf dem Vietnam-Kongreß im Februar 1968 unternommen.[1] (...)

  • Die Kinderladen-Bewegung ist also die Antwort gewesen auf

  • die katastrophale Kindergartensituation,

  • die zum großen Teil dort betriebene autoritäre Erziehung,

  • die Situation der Frau,

  • die Vereinsamung in der Kleinfamilie und den sich daraus ergebenden Folgen für die Kinder,

  • die Erkenntnis, daß jede Erziehung politische Folgen hat, auch wenn sie sich noch so privat und persönlich versteht, und daß diese Folgen mitbedacht werden müssen.“[2]

Von Kinderläden sprechen heute auch nur noch die wenigsten, wenn sie über selbstorganisierte Kinderbetreuungseinrichtungen reden. In Hessen hat sich der Begriff der ‘Freien Einrichtung’ entwickelt, der den Bereich der ehemaligen Kinderläden heute beschreibt.  Anderswo haben sich andere Begriffe herausgebildet; in Berlin z. B. heißen sie Elterninitiativ-Kindertagesstätte (E-K-T).

Heute stellen die ‘Freien Einrichtungen’ eine feste Größe in der Kinderbetreuungslandschaft dar. In Hessen hat sich dabei in den neunziger Jahren eine rasante Entwicklung abgespielt.

Eine Vorreiterrolle kam dabei der Stadt Frankfurt zu. Das ‚Sofortprogramm Kinderbetreuung’, das vom Magistrat 1990 aufgelegt wurde, führte neben einer relativen Verbesserung der Finanzlage der bestehenden Einrichtungen insbesondere auch zu einem Gründungsboom.

„Die schon zu Beginn des Jahres 1990 einsetzende Gründungsbewegung, die sich auf die schon bestehenden Vereine konzentriert, entwickelt eine ungeheure Eigendynamik; nahezu monatlich eröffnen die Vereine neue Einrichtungen. (...) Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich neben den traditionellen Trägerkonzepten des öffentlichen Jugendhilfeträgers und der kirchlichen Träger ein auch quantitativ bedeutsamer dritter Sektor: der der freigemeinnützigen Träger, die derzeit etwa 14 % (das sind fast 3000 Plätze, von denen fast 2000 im Rahmen des Sofortprogramms neu entstanden) der Betreuungsplätze für alle Altersstufen in Frankfurt bereit halten. Im Bereich der Kinder unter 3 Jahren stellen sie mit gut 600 Plätzen die Hälfte des gesamten Angebots ...“[3]

Mit dem Ausbau des Platzangebotes veränderten sich jedoch auch Strukturen innerhalb der Einrichtungen. Die Gründungen wurden zum Teil nicht mehr auf den ‘klassischen’ Wegen, d. h. von Eltern oder Bezugspersonen initiiert, sondern die Trägervereine selber gründeten Einrichtungen, für die sie dann Eltern und Bezugspersonen suchen. Das prozeßhafte und relativ langsame Wachsen der Initiativen, das bis 1990 die Regel war, wurde zunehmend durch eine auf rasche Funktionalität drängende Erwartungshaltung der Beteiligten ergänzt, bzw. ersetzt.

Insbesondere aus den ‘alten Einrichtungen’ wurde dieser Prozeß mit großer Aufmerksamkeit verfolgt: „Fast unbemerkt und trotzdem offenkundig ist ein neuer Partner der Bezugspersonen auszumachen: der Trägerverein. Welche gestalterischen Einbußen nehmen Bezugspersonen hin oder auch ganz bewußt in Kauf durch die Zugehörigkeit zu einem Trägerverein, bzw. muß das so sein?“[4]

Die Entwicklung der Platzzahlen durch Neugründungen, die sich in Frankfurt abspielte, ermutigte die 1991 gewählte rot-grüne Hessische Landesregierung, ein auf den Ausbau der Kinderbetreuungsangebote zielendes ‘Sofortprogramm Kinderbetreuung’ aufzulegen.

Bestandteil des ‘Sofortprogramms’ war „ein ‘Starthilfeprogramm Kinderbetreuung’, das Zuwendungen zu den besonderen Kosten in der Gründungs- und Anlaufphase neuer Betreuungsangebote sowie zum laufenden Betrieb vorsieht; die Haushaltsmittel werden den örtlichen Trägern der öffentlichen Jugendhilfe zur Verteilung auf eigene Vorhaben und Vorhaben anderer Träger zugewiesen, wobei finanzschwache Träger wie Elterninitiativen vorrangig berücksichtigt werden sollen.[5]

Die Situation in den anderen Landesteilen unterschied sich von den spezifischen  Bedingungen in Frankfurt durch das Fehlen sogenannter ‘großer Vereine’. Auch die die Gruppen umgebende Infrastruktur war insbesondere in den ländlichen Regionen nicht so differenziert wie in Frankfurt.

Dennoch verfehlte das ‘Sofortprogramm Kinderbetreuung’ auch landesweit nicht seine beabsichtigte Wirkung. Es kam zu einem massiven Ausbau der Platzangebote. Schon für 1994 stellte das Ministerium für Jugend, Familie und Gesundheit fest: „Insgesamt stehen mittlerweile in Hessen mehr als 7.800 Plätze in selbstorganisierten Tageseinrichtungen zur Verfügung“[6] Verglichen mit der bis 1990 bestehenden Platzzahl von ca. 4000[7] in Kinderläden, Krabbelstuben und Schülerläden in Hessen stellte diese Zahl tatsächlich eine Verdoppelung des Angebots dar.

Mittlerweile sind neun Jahre ins Land gegangen seit der Auflage des Sofortprogramms in Hessen. Der Bereich der  ‘Freien Kinderarbeit’ hat sich weiter entwickelt. Er hat sich tatsächlich in einem vor noch zehn Jahren nicht vorherzusehenden Ausmaß etabliert. Sicherlich in den einzelnen Regionen und Städten unterschiedlich, aber landesweit in nicht mehr wegzudenkenden Größenordnungen übernehmen die ‘Freien Kindereinrichtungen’ Versorgungsfunktionen im Bereich der außerfamiliären Kinderbetreuung.

Die mit der Etablierung der Einrichtungen einhergehenden Veränderungen struktureller Bedingungen eröffnen den Beteiligten in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre veränderte Erfahrungsräume, als die, die vor 25 Jahren in den ‘Läden’ entstanden. Um diese strukturellen Veränderungen soll es hier gehen.

Professionalisierung 

Ein zentraler Begriff in Gesprächen mit Eltern, Bezugspersonen und VereinsvertreterInnen ist die ‘Professionalisierung’, bzw. ‘Professionalität’. Diese Begriffe werden gebraucht, wenn eine Abgrenzung vorgenommen werden soll. Dabei stehen den ‘Profis’ gegenüber die ‘Laien’, die ‘Amateure’.

„‘Professionalisierung’ ist ein Verständigungstitel, der oft verwendet wird, um einen so schlichten Sachverhalt zu kennzeichnen, wie die Verberuflichung von Tätigkeiten, die vormals >alltagspraktisch<, also von nichtspezialisierten und dafür u. U. unbezahlten Akteuren zeitweise verrichtet wurden.“[8] Es ist aber so, daß durchaus auch ‘Laien’, die ‘ehrenamtliche’ Tätigkeiten ausüben, dieselben ‘professionell’ erledigen können. Umgekehrt ist mit einer ‘beruflichen’, sprich bezahlten Tätigkeit noch lange nicht zwingend ‘Professionalität’ verbunden. Zumindest stellt sich dies im Gebrauch des Begriffes ‘Professionalität’ im Rahmen der Freien Kinderarbeit so dar.[9]

Carl Wolfgang Müller hat den Prozeß der ‘Verberuflichung’ im Bereich der Sozialarbeit beschrieben. Für ihn beginnt er dort, „wo gesellschaftliche Institutionen der Wohlfahrtspflege schrittweise ihre ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer durch bezahlte Kräfte ersetzten und sie für diese Berufstätigkeit schulten.“ Weitergehend meint er: „Mit diesem Prozeß der Verberuflichung verbunden oder ihm doch auf dem Fuße folgend wird ein zweiter Prozeß erkennbar: die Trägerinnen und Träger des neuen Berufes werden durch besondere, meist zunächst berufsbegleitende, später berufsvorbereitende Ausbildungsgänge angehalten, ihre beruflichen Verrichtungen nicht mehr ‚wie Laien’, sondern ‚wie Profis’ auszuüben, also zu professionalisieren. Professionalisierung ist also nicht identisch mit der lateinischen Übersetzung des deutschen Wortes ‚Verberuflichung’. Sie meint etwas Zusätzliches, Weitergehendes: die systematische Vorbereitung der diesen Beruf Ausübenden durch die Lehre von den Kenntnissen und Fertigkeiten, von denen die Anstellungsträger und Ausbildungsstätten meinen, daß sie zur verantwortlichen Berufsausübung notwendig seien und daß sie nicht einfach durch die Imitation der Berufstätigkeit erfahrener Kolleginnen und Kollegen durch die Berufsanfänger erworben werden können.“[10]

Professionalisierung wird im Bereich der Freien Kinderarbeit als Prozeß gesehen, der mit dem „Andrang ausgebildeter Erzieher(innen) und Sozialpädagog(inn)en auf Beschäftigungsmöglichkeiten im Bereich der Kinderläden und ihrer Nachfolger einsetzte."[11]

Diskussionen um die ‘richtige’ Art der Betreuung der Kinder gab es schon von Anbeginn der Kinderläden. „Während die Elterngruppe des Kinderladens Charlottenburg von Anfang an der Meinung war, daß nur eine neutrale Bezugsperson (...) in der Lage sein würde, die Fixierungen der Kinder an die Eltern abzubauen und die Entwicklungen eines Kinderkollektivs positiv zu beeinflussen, waren andere Läden gegensätzlicher Meinung.“[12] Sie betonten die Vorteile wechselnder Elterndienste für den angestrebten kollektiven Emanzipationsprozeß.

In der Praxis wurden ‘PädagogInnen’ nicht an ihrer Ausbildung gemessen, sondern an der Bereitschaft, sich in einem kollektiven Prozeß der Emanzipation mit einzubringen. Georg R. Kiefer auf die Frage: Wie setzt sich die Pädagogengruppe zusammen? „Wir sind gegenwärtig eine Gruppe von 10 Personen mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren. Für alle hat die praktische und theoretische Arbeit eine erhebliche Veränderung gebracht. Adelheid ist Studienreferendarin, Gabriele ist an einer Frauenfachschule ausgebildet, Georg ist Designer und Dozent, Hannes ist Studienrat, Hetzi war Volksschullehrerin, Karin ist Kindergärtnerin, Muschi ist Journalistin, Monika ist Hausfrau, Tiki war Innenarchitektin, Usch war Malerin, Ute war Kostümbildnerin. Die Arbeitsstunden für den Einzelnen im Kinderladen liegen zwischen 20 bis 115 Stunden, was die praktische Arbeit anbelangt. Dafür werden DM 6,- pro Stunde bezahlt. Die Diskussionszeit beträgt etwa 50 Stunden monatlich, woran aber nicht alle Pädagogen beteiligt sind. Die theoretische Arbeit (Literatur) und Organisationsarbeit (Büro) ist dabei noch nicht berücksichtigt. ... Innerhalb der Pädagogengruppe sind heftige Auseinandersetzungen an der Tagesordnung. Der Gruppenkonsens ergibt sich aus dem Lernprozeß (korrektiv und rückkoppelnd) auf die Zielsetzung hin.“[13]

Je mehr sich die Kinderläden als dauerhafte Einrichtungen der Kinderbetreuung erwiesen, um so mehr entwickelte sich in ihnen auch eine Perspektive für ausgebildete PädagogInnen. Wichtig dabei zu sehen ist, daß die Motivation der in diesem Bereich tätigen PädagogInnen häufig einen ausdrücklich politischen Charakter hatte.

„Warum ich als Bezugsperson in einem Kinderladen (immer noch) arbeite. (Und nicht mit doppelter Bezahlung in einer anderen Institution):

Aus dem Wunsch, die Gesellschaft verändern (revolutionieren) zu wollen, entstand die Einsicht, daß Verändern auf gesamtgesellschaftlicher Ebene nur möglich ist, wenn sich das Individuum verändert, d. h. andere Gesellschaftsstrukturen nur möglich sein würden mit charakterlich anders geprägten Menschen, als sie die bürgerliche Gesellschaft verlangte. Man mußte also ganz unten anfangen, nämlich bei dem Wunsch sich selbst zu verändern, Erziehung neu zu definieren, Erziehungsziele zu überlegen, die mit dem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Veränderung korrelierten. Das Ziel war, mal ganz platt und verkürzt formuliert, in einer Gesellschaft leben zu wollen, die nicht auf dem Prinzip der Ausbeutung beruht, die nicht durch ökonomische und menschliche Unterdrückung gekennzeichnet ist, in der jeder nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten leben kann, in der es Macht und Herrschaft einiger weniger über ein ganzes Volk nicht mehr geben würde, usw. usw. (...)

Ich hatte mich schon in den früheren Jahren der Studentenbewegung neben dem ‘politischen Kampf’ sehr stark mit diesen Zusammenhängen auseinandergesetzt und glaubte daran, über diesen Weg, eine Möglichkeit zur Veränderung des Menschen in oben genanntem Sinne zu sehen. Unter diesem Aspekt habe ich Pädagogik studiert und angefangen ...(als Bezugsperson)... zu arbeiten.

Ich denke, es ist in diesem Zusammenhang nicht wichtig auf die konkreten Inhalte der damaligen Kinderladenbewegung einzugehen, sondern einfach klar zu machen, was ich damit verbunden habe (erst einmal sehr allgemein) und was ich heute damit verbinde (weil ich eben nicht sagen kann, ich hab Kinder so lieb, ich will so gerne was mit Kindern machen, ob im Kindergarten oder in einem Kinderladen ist mir egal)

Was für mich übriggeblieben ist, ist folgendes: gesellschaftliche Utopien habe ich immer noch im Kopf, nur habe ich den Glauben an die reale politische Durchsetzung (Parteien, Demonstrationen, Organisierter Kampf usw. usw.) verloren. So einfach, so schnell und mit so wenigen Leuten geht es nicht. An was ich aber zutiefst glaube, ist der Wunsch des Menschen nach Entfaltung, nach Veränderung, nach Selbständigkeit, nach Unabhängigkeit und nach Liebe. Das sind für mich Erziehungsziele, die sehr viel mit meiner politischen Einstellung zu tun haben und die viel mit dem Wunsch nach einer anderen Gesellschaft zu tun haben, die eigentlich identisch sind mit dem, was in der Studentenbewegung entstanden ist und nur anders formuliert ist. Alle diese Punkte laufen diametral dem entgegen, was unsere Gesellschaft verlangt und keiner von uns ist unter diesen Gesichtspunkten erzogen worden. (Behaupte ich erst mal)

Und das ist für mich der entscheidende Punkt meiner Motivation in einem Kinderladen zu arbeiten und nicht als Erzieherin in einem Kindergarten. In keinem Kindergarten kann ich mich mit den Kindern und den Eltern so auseinandersetzen, daß Möglichkeiten geschaffen werden, über Ziele überhaupt zu diskutieren. Dort geht es um das Funktionieren von Menschen, um Beschäftigung, Ordnung, Sauberkeit und sonst nichts.“[14]

Daß die Suche nach ‘sinnvollen Tätigkeiten’ zum Zwecke der eigenen Reproduktion im weitesten Sinne ‘linke PädagogInnen’ in die Kinderläden trieb ist auch dem politischen Klima der siebziger Jahre geschuldet. Mit dem ‘Radikalenerlaß’ und den daraus folgenden Berufsverboten war zumindest für einen Großteil von ihnen der Weg in staatliche Stellen von vornherein verbaut. Nicht zuletzt dieser Umstand bewirkte, daß Lehrer und Lehrerinnen in Kinder- oder auch in Schülerläden als Bezugspersonen arbeiteten.

Dabei war die Finanzlage der meisten Einrichtungen beileibe nicht dazu angetan, ‘Profis’ anzuziehen. Es gab kaum öffentliche Zuschüsse, die Eltern brachten den Hauptteil der Gelder für die Läden auf, ‘übertarifliches Engagement’ war für die Bezugspersonen eine Selbstverständlichkeit.

„Als ich anfing (im Kinderladen zu arbeiten: 1979), hab ich 600 Mark gekriegt. Aber der soziale Ausgleich dafür wog die Unterbezahlung auf. Die Anerkennung in der Szene vor 10 - 14 Jahren war einfach gut. Noch dazu als Mann im Kinderladen. Das war einfach ein Status, der hat die Unterbezahlung ausgeglichen.“[15]

Spätestens ab Anfang der achtziger Jahre wirkte sich ein weiteres Phänomen auch im Bereich der Freien Kinderarbeit aus. Eine große Anzahl von arbeitslosen ErzieherInnen, SozialpädagogInnen und anderer sozialer Berufe bis hin zu LehrerInnen hatte kaum eine Aussicht auf eine Anstellung. Die Arbeitsämter finanzierten daraufhin relativ leicht ABM-Stellen; und zwar auch in Kinderläden. Das wirkte sich natürlich auf die Eltern als Träger der Einrichtungen wiederum so aus, daß sie ein leicht nachvollziehbares Interesse an der Einstellung eines/r ABM-berechtigten PädagogIn hatten. Schließlich entlastete dies die privaten Etats in nicht unerheblichem Ausmaß.

„Bei uns im Kinderladen gab es gleich zu Beginn heftigen Streit über die ‘gerechte’ Höhe der Elternbeiträge. Dabei geht es uns in finanzieller Hinsicht gut: wir haben eine ABM-Stelle für eine(n) Erzieher(in), zahlen eine relativ niedrige Ladenmiete und bekommen Zuschüsse von der Stadt für sozial benachteiligte Eltern.“[16]

Und angesichts der bis in die zweite Hälfte der achtziger Jahre anhaltenden ErzieherInnen-Arbeitslosigkeit ist das längere Verweilen der ausgebildeten PädagogInnen in den Arbeitsstellen nicht weiter verwunderlich.

Wenn aber eine längere Verweildauer in den Einrichtungen für die Beschäftigten absehbar wird, so gehen sie auch eher daran, sich über die eigene Rolle Gedanken zu machen. Berufliche Identität kann somit entstehen, der ‘Beruf Bezugsperson’ wird erlebbar: individuell für die bezahlten PädagogInnen. Damit ist er aber noch nicht faßbar außerhalb des eng gesetzten Rahmens der jeweiligen Gruppe.

Die Bezugspersonen entwickeln zuerst FÜR SICH eine eigenständige, von den traditionellen Berufsbildern in den Erziehungsberufen unterschiedene Berufsidentität. Sie beginnen, sich in ihrer spezifischen Situation mit den daraus erwachsenden Anforderungen wahrzunehmen, und zwar nicht mehr als Teil eines Gesamtprojektes, sondern tatsächlich als bezahlte Arbeitskräfte, deren Tätigkeit zum Beruf wird. Dieser Prozeß ist individuell nicht immer einfach zu verarbeiten. Solange sich die Bezugspersonen als Teil einer ‘Szene’ erleben können, deren Solidarität alltäglich spürbar ist, müssen die Angst machenden Tendenzen innerhalb der Kinderläden nicht zu einem bestimmenden Faktor ihrer Tätigkeit werden.

„Noch ein Frust ist, daß ihr als Eltern immer die Möglichkeit habt, euch zurückzuziehen, wenn es Euch stinkt. (Kaum noch in den Kinderladen schaut, weniger auf Elternabende kommt.) Die Möglichkeit haben wir nicht. Ich kann nicht einfach sagen, das und das stinkt mir, ich komm jetzt mal ein paar Tage nicht.

(Eine Mutter) sagte mal, der Kinderladen ist (der Kinder) Bereich, da habe sie nichts mit zu tun. Genau das denke ich nicht. Ich verstehe mich immer noch als zu einem Kollektiv dazugehörig, wie recht und schlecht es auch gehen mag. Ich will nicht, daß das Ganze in die Ecke eines Dienstleistungsbetriebes rutscht, aus inhaltlichen Gründen nicht, aber auch noch aus einem ganz anderen Grund nicht.

Dann kriege ich nämlich Angst, auf einer ganz bestimmte Ebene. Die Leute vom Kinderhaus haben oft zu uns gesagt: Ihr seid vielleicht blauäugige Herzchen mit Eurem Vertrauen in die Elterngruppe, daß die sich schon um Euch kümmern, wenn Ihr kündigt oder das Projekt scheitert. (Arbeitslosenversicherung usw.) Und wir haben immer versichert, daß wir da absolutes Vertrauen haben und deshalb auch weiterhin halb schwarz und ohne schriftliche Rückendeckung und auch sonst ohne Stundendeputate für Elterngespräche und was weiß ich alles arbeiten.

Und ich hab Angst, wenn man meint, man hätte mit dem Kinderladen nichts zu tun, dann hat man im Grunde auch wenig mit uns zu tun. Dann geht es um Verteilung von Rechten und Pflichten und da kann es schon passieren, daß wir eines Tages alt aussehen mit unserem Vertrauen.(...)

Wenn ich anfange, mir für Elterngespräche Stundendeputate zu holen, wenn mein Urlaub geregelt wird, wenn ich anfange mit Verträgen und Vorschriften zu arbeiten, habe ich zwar mehr Sicherheit, aber mit dieser Sicherheit würde unter Garantie auch 50 % von meinem Engagement schwinden, weil es dann nach dem Motto geht, was kriege ich für meine Leistung, und nicht mehr darum, was wollen wir zusammen machen und was setze ich dafür ein.“[17]

In dem Maße, wie sich aber das Umfeld der Kinderläden verändert, gewinnen auch die Angst erzeugenden Entwicklungen für die Bezugspersonen an Relevanz.

„Speziell für die Kinderläden in der Mitte der achtziger Jahre stellt sich das Problem, daß sie sich in ihren theoretischen Überlegungen, aber auch in ihrer Praxis einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive nicht mehr zuordnen können, ... Häufig haben Kinderläden einer Stadt untereinander keinen Kontakt. Die fehlende gesamtgesellschaftliche Perspektive (...) trägt so sicherlich dazu bei, daß Erzieher, aber auch die Eltern, mit weniger Engagement im Kinderladen arbeiten als noch vor fünfzehn Jahren. (...) Das Problem der Lustlosigkeit sollte allerdings nicht auf die Kinderladenerzieher eingeengt werden. Auch wir, die Eltern lösen viele Konflikte im Kinderladen nur noch pragmatisch. Für berufstätige Eltern ist es eben auch wichtig, daß ‘alles gut klappt’.“[18]

Eine Antwort auf eine solche Situation ist für die Bezugspersonen die in dem Zitat angesprochenen Lustlosigkeit, sprich: Motivationsverlust. Eine andere: die Neudefinition ihrer Rolle. Sie wird zunehmend als professionelle Rolle verstanden. In einem aktiven Prozeß wenden die Bezugspersonen die Auflösungstendenzen, die Kindereinrichtungen werden zunehmend ‘Projekte’ der Bezugspersonen. Damit entwickelt sich auf Seiten der Bezugspersonen eine neue Ebene der Motivation, deren Kern in der beruflichen Identität wurzelt.

„Identitäten sind motivationale Kräfte, sie umfassen Antriebe zu einem Verhalten, das die Identitäten darstellt oder symbolisiert.“[19] Und: „Sind Identitäten, die im Ablauf von Interaktionsprozessen den Individuen zugeschrieben worden sind, von diesen einmal akzeptiert, so besitzen sie motivierende Kraft.“[20]

Die berufliche Identität einer Bezugsperson im Kinderladen, und die sich daraus ergebenden Handlungsmöglichkeiten hängen dabei nicht nur von der Selbstwahrnehmung der PädagoInnen ab, sondern ganz genauso von der Akzeptanz dieser Wahrnehmung durch die Eltern.[21] Und genauso umgekehrt: die Handlungsmöglichkeiten der Eltern im ‘System Kinderladen’ sind sowohl durch deren Selbstwahrnehmung geprägt wie auch durch die Akzeptanz dieser Wahrnehmung durch die Bezugspersonen.

Wo sich die Selbstwahrnehmung der Bezugspersonen und die elterliche Wahrnehmung nicht decken, entstehen notwendigerweise Konfliktpotentiale. Der beschriebene Prozeß des Zerfalls eines größeren Zusammenhangs, einer „gesamtgesellschaftlichen Perspektive“[22], löst auch die bis dahin vorhandenen Rollenzuweisungen auf. Zunehmend verstehen sich die Bezugspersonen als eine in speziellen Arbeitsstrukturen tätige Gruppe gewerblicher PädagogInnen, und das entspricht der sich verändernden Situation.

Die sich in einem wechselseitigen Prozeß stetiger Reflektion Stück für Stück emanzipierende Gruppe von Erwachsenen, die in einem als gemeinsam verstandenen Projekt den Kinderladen betreibt, der sich wiederum in einem größeren Zusammenhang gesellschaftsverändernder Initiativen und Projekte einordnet, wird mehr und mehr zur reinen Fiktion.[23] Mit der Zeit trennen sich die im Kinderladen beteiligten Erwachsenen immer deutlicher in die Gruppe der Eltern und die der Bezugspersonen. Für letztere bedeutet das, daß sich der Reflektionsrahmen, der die Arbeit mit den Kindern begleitete, verändert, wenn nicht gar auflöst. Es „fehlt mir auch heute die gemeinsame Theoriediskussion. Ich arbeite weitgehend allein und eigenverantwortlich.“[24] Allerdings: „(...) so alleine ist der ‚einsame Pädagoge’ auf seinem Weg nicht wirklich. Schon mit Bezug auf die ‚supraindividuell’ erstellten Wissensbestände nicht und in der Kontaktaufnahme mit berufs- oder erwerbstätigen Pädagogen in ähnlichen Einrichtungen schon gar nicht mehr. In Dachorganisationen scheint die Verständigung gleichgesinnter Pädagogen möglich.“[25]

1984 wird in Frankfurt die LAG Freie Kinderarbeit Hessen gegründet und damit ein organisatorischer Rahmen etabliert, der es ermöglicht, die Verständigungsprozesse über die eigene Berufsrolle für die Bezugspersonen zu koordinieren und über die individuelle Beschäftigung mit diesem Thema hinaus zu kommen. Als persönlichen Effekt für den ‚einsamen Pädagogen’ stellt Robert Soprun fest: „... größere Handlungssicherheit bzw. emotionale Beruhigung in seinem konkreten Handlungssystem und generelle Qualifikation für seine berufliche Zukunft in irgendeinem ähnlichen konkreten pädagogischen Zusammenhang.“[26] Oder in den Worten von Petra Bernhardt: „Ich hab da profitiert von, ohne daß sich das jetzt in bare Münze ausgezahlt hätte. Ich hab da sehr viel rausgezogen für meine Professionalisierung, ... für mein Wohlbefinden auch.“[27]

Indem sich die Bezugspersonen in einem nicht mehr individuellen Prozeß des Austauschs über die Berufsrolle in den Freien Kindereinrichtungen gegenseitige Klarheit verschaffen, d. h. sich darüber verständigen, was sie als der Berufsrolle zugehörig ansehen und was nicht, gehen sie einen entscheidenden Schritt weiter in dem Prozeß der Professionalisierung.

Sie entfernen sich in ihrer Selbstwahrnehmung von dem als fiktiv erlebten Aufgehobensein in einer solidarischen Gruppe und konstituieren ihren Status als der Gruppe der Eltern gegenüber stehende PädagogInnen. Sie definieren sich als professionelle ErzieherInnen, die Eltern als Laien.

Diese von Seiten der Bezugspersonen konstatierte Trennung hat natürlich auch eine sehr handfeste materielle Komponente. Indem sie ihre Arbeit als Profis verrichten, werten sie sie in einem leicht nachvollziehbaren Sinne auf. Wenn die „immaterielle Gratifikation“[28] als Faktor der Beziehungen zwischen Eltern und Bezugspersonen aufhört, eine Rolle zu spielen, muß an ihre Stelle etwas anderes treten, und „Geld ist ja schließlich auch ne Anerkennung.“[29]

Daß es dabei zu Beginn der achtziger Jahre darum ging, die Gehälter überhaupt erst einmal auf das Niveau der ErzieherInnen in öffentlichen Einrichtungen zu heben, spielt für diese Argumentation zwar keine Rolle. Es ist aber zumindest bemerkenswert, sich diesen Sachverhalt zu vergegenwärtigen, da im Bereich der Freien Kinderarbeit zu dieser Zeit tatsächlich überwiegend PädagogInnen mit einem Fachhochschul- oder Universitätsabschluß tätig waren.

Der Weg, auf dem versucht wird, die eigene Position auch materiell besser abzusichern besteht nun darin, den ideologischen Satz vom ‘guten Geld für gute Arbeit’ implizit zu übernehmen. So kann die Qualität der in den Kinderläden geleisteten pädagogischen Arbeit als eine relevante Kategorie entdeckt werden.  Ausführende dieser guten Arbeit sind logischerweise die Bezugspersonen.

Sie entwerfen das ‘Berufsbild Bezugsperson’, indem sie neben ihrer täglichen Praxis in den Kindereinrichtungen quasi selbstbeobachtend das Typische ihrer Arbeitssituation herausfinden und ihren Ansprüchen gemäße Forderungen an die Arbeitsbedingungen formulieren. Die konsequente Umsetzung dieser Tendenz ist die Gründung sogenannter ‘Bezugspersonenprojekte’, die nicht mehr auf Initiative von Eltern zustande kommen, sondern von BerufspädagogInnen ausdrücklich auch zum Zwecke des Gelderwerbs gegründet werden.

„Die autonome Arbeitsstruktur soll sich positiv auf das Autonomiestreben der Kinder auswirken. Die geringere Abhängigkeit der eigenen beruflichen Existenz von der Elterngunst soll Freiraum für die Pädagogik schaffen, den Kindern einen unabhängigen Lebensraum von Familienstruktur und Elterndynamik ermöglichen. Und nicht zuletzt vielleicht einen Arbeitsplatz schaffen und damit die eigene Arbeitslosigkeit aufheben.“[30]

Aus der reflexiven Durchdringung des eigenen Arbeitsfeldes erwächst zudem die Kompetenz, dieses Arbeitsfeld angemessen zu beschreiben. Das ist die Grundvoraussetzung für weitergehende Bemühungen, NeueinsteigerInnen beratend beiseite zu stehen.

„Die mittlerweile vorhandenen Formen und Möglichkeiten, das eigene Wissen und die eigenen Erfahrungen als Bezugsperson in verschiedenen Kreisen zu reflektieren und weiterzugeben, läßt andere partizipieren und sorgt dafür, daß nicht stets wieder am Punkt Null angefangen werden muß.“[31]

Diese Hilfestellungen sind durchaus differenziert zu betrachten. Sie nehmen den ‘Neuen’ auch die Chance, eigene Erfahrungen im gleichen Ausmaß zu sammeln, wie das die ‘Alten’ getan haben. Mit der Entwicklung praxisbegleitender ‘Stützmaßnahmen’ werden gleichzeitig Standards der Arbeit festgeschrieben. Dies geschieht zunächst durch die Verbreitung „supraindividuell erstellter Wissensbestände“, sprich: die Veröffentlichung von Konzepten, denen Modellcharakter zukommt.[32] Der Etablierung der Freien Kindereinrichtung als Institutionen, die „aus dem vielfältigen Tagesbetreuungsangebot ... nicht mehr wegzudenken“[33] sind, folgt die Institutionalisierung des Umfeldes. Die Vermittlungsfunktion bei der Propagierung, bzw. Durchsetzung der Standards übernehmen einzelne, schon ‘Professionalisierte’ im Rahmen von ihnen selbst geschaffener Agenturen.

„In Frankfurt haben sich schon 1980 Kinderläden und Krabbelstuben zur ‘Liga der freigemeinnützigen Elterninitiativen zusammengeschlossen (...) 1984 gründeten Vereine und Initiativen aus ganz Hessen die Landesarbeitsgemeinschaft Freie Kinderarbeit Hessen e. V. Seitdem hat die LAG folgende Arbeitsschwerpunkte entwickelt: Sie stützt die Sache der Freien Kinderinitiativen durch Vertretung derer Ansprüche auf kommunaler, auf landespolitischer Ebene sowie auch in der Öffentlichkeit. (...) Sie führt allgemeine Projektberatung durch (Finanzierung, Konzepte, Kostenpläne, Vermittlung von Kontakten, Umgang mit Behörden). Sie organisiert regionalen und überregionalen Erfahrungsaustausch ...“[34]

Die Standards, die die Bezugspersonen in dem beschriebenen Professionalisierungsprozeß als wesentliche Merkmale ihres Berufsbildes entwickelt haben, werden so an NeueinsteigerInnen weitergegeben. Sie stellen für Gruppen, die sich neu gründen, einen Orientierungsrahmen dar, der in zunehmendem Ausmaß verpflichtenden Charakter bekommt.

Dies betrifft sowohl die äußere Gestaltung der Arbeitsverhältnisse, die sich zunehmend angleichen (BAT-Bezahlung, Vorbereitungszeiten, Supervision etc.), als auch die Identifikationsmuster, die den Erwachsenen als identitätsstiftende Grundlagen ihres Eintritts in das Interaktionssystem Kinderladen angeboten werden.

„Anforderungen an die Bezugsperson: Durch Reflexion und Bearbeitung der eigenen Persönlichkeit und ihres kindheitsgeschichtlichen Hintergrunds, Erweiterung der eigenen Grenzen, d. h. permanente Persönlichkeitsentwicklung in der Arbeit. Voraussetzung ist eine Lust an der Kindheit, wobei die eigene Rolle als Erwachsener berücksichtigt wird (gesellschaftlicher Auftrag, eigene Ansprüche, Alternativen etc.). Einerseits authentisches Verhalten gegenüber den Kindern, andererseits aber gleichzeitig Selbstreflexion (Authentizität verändert sich permanent). Interesse über die konkrete Situation mit den Kindern hinaus (Organisation, politische Durchsetzung von Interessen, Weiterbildung etc.)“[35]

„Von den Eltern wird folgendes an Engagement und Mitarbeit geleistet: Vorstandsarbeit; zweimaliges Kochen im Monat und Mitbetreuung von 13.00 bis 14.00 Uhr an diesen Tagen; Putzen; Frühstückseinkauf; Reparatur- und Renovierungsarbeiten; Teilnahme an den monatlichen Elternabenden und deren Mitgestaltung in organisatorischen und pädagogischen Belangen.“[36]

Indem die Neudefinition der Identitätskategorien ‘Bezugsperson’ und ‘Eltern’ für die Freien Kindereinrichtungen von den Beteiligten als annehmbar akzeptiert wird, kann sich eine neue Form des gegenseitigen Handelns entwickeln. Dabei entsteht Akzeptanz nicht ‘einfach so’, sondern es bedarf durchaus der z. T. heftigen Auseinandersetzung, die sich an bestimmten Punkten des Handlungsgefüges entzündet.

„... über ‘Kämpfe’, über schwere Auseinandersetzungen haben wir uns ... erfochten, daß wir die Bezugspersonen aussuchen, die mit uns arbeiten, ja, nicht mit den Eltern, sondern mit uns.“[37]

Wenn diese ‘Kämpfe’ ausgefochten sind, entsteht ein Zustand relativer Balance innerhalb der Einrichtungen. „Wenn ich recht sehe, kontrollieren die Bezugspersonen im Team das gesamte Unternehmen. Sie erfüllen die institutionellen Regeln und versorgen die Kindergruppen. Die Eltern treten als einfach vorhandene Nachfrager auf - es gibt u. U. Wartelisten. Die Finanzierung ist durch öffentliche Gelder weitgehend gewährleistet, die Anstellungsbedingungen der erwerbstätigen Bezugspersonen sind ‚seriös’. Das Problem ist auf Dauer gelöst.“[38]

Die Etablierung dieser im Vergleich zu den Anfängen der Kinderläden doch stark veränderten Struktur ermöglicht einen weiteren Schritt des Professionalisierungsprozesses: „... die systematische Vorbereitung der diesen Beruf Ausübenden durch die Lehre von Kenntnissen und Fertigkeiten, von denen die Anstellungsträger und Ausbildungsstätten meinen, daß sie zur verantwortlichen Berufsausübung notwendig seien.“[39]

Nachdem dieser Zustand in Hessen Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erreicht ist, entsteht eine neue Situation durch die verbesserte Bezuschussung der Freien Kindereinrichtungen. Ausgehend von Frankfurt und landesweit fortgesetzt fließen erstmals Gelder in diesen Bereich, die es ermöglichen, einen massiven Ausbau der Platzzahlen der Freien Kindereinrichtungen zu forcieren und gleichzeitig die Existenz der bestehenden Einrichtungen auf finanziell solidere Beine zu stellen.

Innerhalb eines Zeitraumes von 4 Jahren verdoppelt sich die Anzahl der Freien Einrichtungen und damit natürlich auch diejenige, der in diesem Bereich zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze. Bei einer im Vergleich zu Beginn der achtziger Jahre völlig anderen Arbeitsmarktsituation[40] und gleichzeitig besserer Finanzierung der Freien Kindereinrichtungen entsteht ein verstärkter Zustrom von ErzieherInnen, klassisch auf der Fachschule ausgebildeter PädagogInnen in die Krabbelstuben, Kinderläden und Schülerläden.

Insbesondere bei den Gruppen, die von den großen Trägervereinen gegründet werden, entsteht eine neue Dynamik. „Der Unterschied liegt vor allem darin, ... daß weniger so ne homogene Entwicklung stattgefunden hat ... die mußten von Anfang an funktionieren.“[41] Eine Identifikation der Eltern mit solchen Projekten ist nur noch schwer möglich. Sie verstehen sich tatsächlich zunehmend als ‘vorhandene Nachfrager’. Ebenso ist das Hinzukommen der Bezugspersonen nicht mehr als Eintritt in ein gemeinsames Projekt zu verstehen. Vielmehr begründet die Suche nach einem ‘guten’ Arbeitsplatz  das Interesse der PädagogInnen. „Das war ein Reiz für die, die haben gedacht, da ist es besser.“[42]

Die in den Arbeitsstrukturen vorgefundenen Bedingungen und die sich daraus ergebenden Anforderungen führen jedoch leicht zu Schwierigkeiten. „Die sind furchtbar auf die Schnauze gefallen oft, weil sie gemerkt haben, da hab ich mehr Freiheiten, aber das ist total streßig, die konnten mit diesen Eltern, mit diesen Ansprüchen überhaupt nicht umgehen ...“[43]

„Wir erwarten von den Einrichtungen Selbständigkeit, selbständiges Organisieren ihrer eigenen Belange.“[44] Eine Vorbereitung auf diese spezifische Arbeitsanforderung wird in der ErzieherInnenausbildung aber nicht geleistet. „Diese Autonomie, die wir vom Verein her haben, daß wir im Prinzip ja hier autonom handeln, das wird von der Schule überhaupt nicht berücksichtigt. (...) Also es ist dieses Denken halt, Erzieherinnen sind im Grunde ... doch nur Kinderbetreuerinnen, die ja einfach in’n Rahmen gesteckt werden, wo sie funktionieren müssen. Daß sie eigenständig handeln, in verantwortlichen Geschichten, ja das wird völlig weggestrichen. (...) Also selbst zu entscheiden, wen stellt man ein, selbst zu entscheiden, wofür wird die Kohle ausgegeben, selbst zu entscheiden, was für Schwerpunkte legt man in seiner Arbeit (...) wie gestaltet man einen Dienstplan zum Beispiel. So Sachen hab ich in der Schule nie gemacht.“[45]

So sehen sich NeueinsteigerInnen mit einer Situation konfrontiert, die von einem hohen Erwartungsdruck von Seiten der Eltern - und bei Einrichtungen der großen Trägervereine von Seiten der Träger - gekennzeichnet ist. Von beiden Seiten wird den ErzieherInnen ein Identifikationsmuster entgegengehalten, auf dessen Handlungsanforderung sie nicht vorbereitet sind, obwohl sie eine abgeschlossene Ausbildung mitbringen! Diese Situation erzeugt schnell Unsicherheit und Versagensängste. Dies umso mehr, als es sich um ein bezahltes Arbeitsverhältnis handelt, in dem die Ideologie des ‘guten Geldes für gute Arbeit’ als konstituierendes Moment der Rollenzuschreibungen enthalten ist.

„Leistung an sich ist zum vorrangigen Wertkriterium für die Beurteilung von Menschen geworden und sie ist heute dabei, zur einzigen allgemeinverbindlichen Wertkategorie der kapitalistischen Gesellschaft zu werden. Das Leistungsprinzip regelt die menschlichen Beziehungen nach der Leistung und dem Können der einzelnen. Die Polarität Können - Nichtkönnen wird zum vorrangigen Urteilsschema in fast allen Lebensfragen, das Leben zu einem Ablauf von angsterregenden Bewährungssituationen. Wo es gilt, eine Leistung zu vollbringen, da besteht die Gefahr zu versagen, weil man zu dumm ist oder zu schwach oder zu empfindlich oder zu feig. Das Leistungsprinzip führt unweigerlich zur Versagensangst, und je tiefer sich das Leistungsprinzip einnistet in alle unsere Tätigkeiten und Beziehungen, desto mehr wird die Versagensangst zu einem Grundbestandteil unseres ganzen Lebens.“[46]

In dieser Situation erscheinen Fortbildungsangebote, die sich mit spezifischen Problemen der Bezugspersonen in Freien Kindereinrichtungen beschäftigen, als Hilfe. Entsprechend werden spezielle Vorbereitungs- und Fortbildungskurse für Bezugspersonen von der LAG Freie Kinderarbeit entwickelt und angeboten: ‘Konzeptionsentwicklung’, ‘Arbeitsplatz Kinderladen’, ‘Das professionelle Elterngespräch’, ‘Alltag in der Krabbelstube’, ‘Kindliche Sexualität im Vorschulalter’, ‘Männer in der Kindererziehung’.[47] Und diese Angebote finden Resonanz.

Was sich für die Bezugspersonen hierbei individuell als Professionalisierungsprozeß abspielt, unterscheidet sich gründlich von dem, was sich in den achtziger Jahren als Professionalisierungsprozeß abgespielt hat. Tatsächlich übernehmen Institutionen wie die LAG Freie Kinderarbeit eine ‘professionalisierende’ Rolle im individuellen Professionalisierungsprozeß der Bezugspersonen. Darin liegt ein entscheidender Unterschied zu der Entwicklung vor ca. 15 Jahren. „Manchmal, muß ich Dir ehrlich sagen, daß ich das Gefühl habe, von außen was zu initiieren, was ich damals in der Kinderladenbewegung hatte.“[48]

Zwar professionalisieren sich die Bezugspersonen aus ihrer eigenen Wahrnehmung heraus nach wie vor je individuell: indem sie sich Handlungsstrategien für ihr Arbeitsfeld aneignen, die ihnen eine relativ konfliktfreie, auf Dauer angelegte berufliche Existenz darin ermöglichen. Aber genauso werden sie in einer ganz bestimmten Weise ‘supraindividuell’ professionalisiert, indem ihnen durch ‘alte Bezugspersonen’, bzw. Träger- und Standesorganisationen bestimmte berufliche Identitätsmuster ‘mit auf den Weg gegeben werden’. Diese gewinnen bei näherem Hinsehen einen faktisch bindenden Charakter, denn in der alltäglichen Arbeitssituation treffen die Bezugspersonen immer wieder auf Personen (Eltern, MitarbeiterInnen), die ihnen genau diese Identitätsmuster als Rollenerwartung gegenüberbringen.

Diejenigen, die als FachberaterInnen, SupervisorInnen oder FortbilderInnnen den Professionalisierungsprozeß der Bezugspersonen begleiten, abstützen und (auch wenn sie sich das selber nicht immer gerne eingestehen) nach ihrem Bild von ‘guter Arbeit’ formen, sind mittlerweile selber Profis. Das ‘ehrenamtliche Engagement’ im Rahmen selbstorganisierter Zusammenschlüsse interessierter PädagogInnen findet kaum mehr statt. Voneinander Lernen wird nicht mehr in Prozessen der gemeinsamen Diskussion von Personen mit gleicher Ausgangslage vollzogen. Es entsteht eine ‘Kader-Ebene’, in der sich diejenigen als Mentoren der neu Hinzugekommenen betätigen, die sich in den institutionalisierten Zusammenschlüssen die Perspektive einer beruflichen Existenz eröffnen. Sie werden sozusagen Professionalisierungsprofis. Der Weg in diese Ebene der pädagogischen Arbeit stellt insbesondere für studierte PädagogInnen nach einer gewissen Zeit der praktischen Arbeit mit Kindern eine Chance dar, einer in ihrer Selbstwahrnehmung der eigenen Ausbildung adäquateren Tätigkeit nachzugehen. Allerdings ist hier zu bedenken, daß ein solcher Weg erst einmal möglich sein muß, sprich, ‘einfach vorhandene Nachfrager’ für das Wissen der solcherart Spezialisierten da sein müssen. Der Professionalisierungsprozeß in der Freien Kinderarbeit ist an einem Punkt angekommen, an dem man feststellen kann, daß ein weitgehend ausdifferenziertes ‘Berufsbild Bezugsperson’ entstanden ist. Darüber hinaus haben sich einzelne Profis zu Spezialisten der Professionalisierung weiterentwickelt und Wege gefunden, ihre solcherart spezifischen Kenntnisse ebenfalls zur Grundlage der beruflichen Existenz zu machen, sich mithin neuerlich professionalisiert.

Wer heute in einem Kinderladen anfängt zu arbeiten, kann sich mittlerweile einer berufsständischen Rückversicherung sicher sein, die Hilfe in krisenhaften Situationen sowie Begleitung auf dem Weg der individuellen Professionalisierung verspricht. ‚Der einsame Pädagoge’ ist nicht mehr länger einsam.

Die Institution 

Um einen Professionalisierungsprozeß für die Bezugspersonen überhaupt zu ermöglichen, ist ein entsprechender Rahmen notwendig. Ganz kurz: ohne Kinderladen keine Bezugsperson. Nur da, wo eine Einrichtung konkret existiert, kann überhaupt jemand auf die Idee kommen, sich zu professionalisieren. „Erziehung findet weder in den Köpfen von Menschen statt noch zwischen ihren Körpern. Sie wird vielmehr in einem Raum wirksam, der gesellschaftlich vorgegeben, aber auch gesellschaftlich gestaltbar ist. (...) Ohne Organisationsform ist die ‘Methode’ in der Tat ein Fisch ohne Wasser: ein surrealer Gegenstand.“[49]

Die institutionellen Bedingungen bestimmen und begrenzen die Möglichkeiten der in ihnen Handelnden. Allerdings sind die in Institutionen Handelnden genauso Faktor der Entwicklung der institutionellen Bedingungen.[50] So stellt der beschriebene Professionalisierungsprozeß der Bezugspersonen in der Freien Kinderarbeit einen Teil eines Zusammenhangs von Veränderungen dar, der den Charakter des ‘Systems Kinderladen’ verändert. Diese Veränderungen führen dazu, daß das ‘Experiment’ sich etabliert und zur ‘Institution’ wird.

„Daß es heute Kinderläden gibt, die seit 15 bis 20 Jahren existieren, ist schon Beleg für den Prozeß, der als Institutionalisierung bezeichnet wird (ein Begriff, der in der Kinderladenszene mittlerweile seinen festen Platz hat). Das Bestehen dieser Kinderläden ist heute unabhängig von einzelnen Personen, seien es Bezugspersonen oder Eltern. Natürlich ist die konkrete Existenz der Läden abhängig von dem Wirken der beteiligten Personen, der Laden verkraftet jedoch Wechsel von Bezugspersonen wie das Ausscheiden von Eltern und den Eintritt neuer Eltern, ohne jedesmal in Identitätskrisen zu geraten.“[51]

Um an einen solchen Punkt zu kommen, ist es nötig, einige Bedingungen zu erfüllen. Eine gewisse Dauerhaftigkeit der Einrichtungen, die sich institutionalisieren, ist zu gewährleisten. Es muß eine ausreichende Anzahl von Einrichtungen existieren. Diese müssen in einem infrastrukturellen Umfeld eingebunden sein, das Gewähr dafür bietet, daß ein Austausch unter den einzelnen Einrichtungen möglich (und auch tatsächlich praktiziert) wird. Es muß zur Etablierung gemeinsamer Standards kommen, die als Merkmale der Institutionen diese von anderen abhebt, damit sie auch für Außenstehende als solcherart spezifische Institutionen erkannt werden können.

Gegen Ende der achtziger Jahre sind diese Bedingungen in ausreichendem Ausmaß vorhanden. In Hessen bestehen zu dieser Zeit ca. 220 Initiativen, die etwa 4000 Kinderbetreuungsplätze bieten. Viele dieser Initiativen können auf eine längere Praxis zurückschauen, einige bestehen bis zu 20 Jahren.[52] Trotz der beileibe nicht befriedigenden Bezuschussung, die noch dazu von Kommune zu Kommune unterschiedlich gehandhabt wird[53], haben es die Initiativen geschafft, das Problem der Dauer soweit zu lösen, daß sie den ‚Trauerflor der steten Bedrohung’ der materiellen Existenz weit genug in den Hintergrund rücken können.

„Relativ stabile Organisationsformen sowohl innerhalb des Kinderladens wie auch, was seine Rahmenbedingungen betrifft, erlauben den Beteiligten ein hohes Maß an Konzentration auf die eigentliche Tätigkeit des Kinderladens.“[54]

Welche Rahmenbedingungen sind aber nun die typischen der Organisationsform der Kinderläden? Welche Standards sind heute im Rahmen der Freien Kindereinrichtungen vorzufindende Norm, und welche Entwicklungen haben sie hervorgebracht?

TRÄGERSCHAFT, VEREIN, VERTRÄGE

Die Freien Kindereinrichtungen heute werden von freigemeinnützigen Trägern, in der Regel in der Form eines e. V., eines eingetragenen, gemeinnützigen Vereins organisiert. „Es besteht die Möglichkeit, sich entweder einem Verein in der Nähe anzuschließen (...) oder einen neuen Verein zu gründen (...):“[55] Dafür gibt es zwingende Gründe. Erst einem solchen gemeinnützigen Verein ist die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe nach § 75 KJHG möglich, die wiederum Voraussetzung ist für die Beantragung öffentlicher Zuschüsse.

Die Anerkennung der Vereine als Träger der freien Jugendhilfe ist geknüpft an die Bedingungen, daß „sie

1. auf dem Gebiet der Jugendhilfe ... tätig sind,
2. gemeinnützige Ziele verfolgen,
3. aufgrund der fachlichen und personellen Voraussetzungen erwarten lassen, daß sie einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Erfüllung der Aufgaben der Jugendhilfe zu leisten imstande sind und
4. die Gewähr für eine den Zielen des Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten.“[56]

Vom Finanzamt lassen sich die Vereine ihre ‘Gemeinnützigkeit’ bescheinigen. Dazu legen sie ihre Vereinssatzung vor, in der Ziele und Zwecke des Vereins aufgeführt sein müssen, die als ‘gemeinnützig’ anerkannt sind. Solche Zwecke sind z. B. die Förderung der Jugendhilfe, die Unterstützung berufstätiger Eltern oder „die theoretische und praktische Förderung pädagogischer Arbeit mit Kindern“.[57]

Beim Landesjugendamt stellen sie einen ‘Antrag auf Erteilung der Betriebserlaubnis gemäß § 45 KJHG’. Dort werden die räumlichen und personellen Voraussetzungen der Einrichtung anhand bestimmter Vorgaben geprüft.[58] Von Seiten des örtlichen Jugendamtes wird dem Antrag eine Stellungnahme zugefügt.

Das Erfüllen all dieser formalen Vorgaben hat eine eigene Entwicklungsgeschichte: In Folge der Tatsache, daß die Betreuung der Kinder in den Kinderläden schon bald nach deren Entstehen neutralen Bezugspersonen übergeben, bzw. überlassen wurde, entstand natürlich auch die Notwendigkeit einer verläßlichen Finanzierung. Schon von Anfang an bemühten sich daher die Freien Kindereinrichtungen um die staatliche Bezuschussung ihrer Projekte. „Die Kosten sind von den beteiligten Eltern getragen worden. Sie haben keinen Träger im Hintergrund, der als Zuschußgeber in Betracht kommen könnte. Ein großer Teil der Mütter studiert, ist in Ausbildung oder arbeitet. Die Einkommensverhältnisse sind sehr unterschiedlich. Eine Aufrechterhaltung des Betriebes der Einrichtung scheint auf weitere Sicht nicht ohne Bezuschussung von irgendeiner Seite gewährleistet zu sein. Die meisten Elterngemeinschaften haben sich daher mit der Bitte um Bezuschussung zur Ausstattung und Unterhaltung ihrer Einrichtung an das örtlich zuständige Jugendamt und den Senator für Jugend, Familie und Sport gewandt.“[59]

Der Versuch, 1968 in Berlin über die Organisierung der entstehenden Gruppen im ‘Zentralrat der sozialistischen Kinderläden’ einen außerhalb staatlicher Vorgaben agierenden Zusammenschluß als Verhandlungspartner der Senatsverwaltung gegenüberzustellen[60], brachte für die Finanzierungsprobleme der Einrichtungen keine Lösung.[61]

Über die Notwendigkeit, staatliche Gelder zur Abdeckung der laufenden Betriebskosten zu bekommen, ergibt sich schließlich ein Eingehen auf formale Vorgaben des Staates, sich einer im ‘rechtlichen Rahmen’ handhabbaren Trägerstruktur zu bedienen und die für die staatliche Verwaltung ‘unkalkulierbare’ Situation in deren Sinne zu verändern. „Die ‘Kinderläden’ lassen sich (...) nur schwer in das gegenwärtige Rechtssystem des Jugendwohlfahrtsgesetzes einordnen. Ihre Träger haben keine Rechtspersönlichkeit und sind lose, zweckbestimmte Zusammenschlüsse von betont auf ihre individuelle Selbständigkeit und Freiheit bedachten Eltern. Sie fallen auch nicht unter den Begriff ‘Träger der freien Jugendhilfe’.“[62]

Die Initiativgruppen konstituieren sich daher in Form der eingetragenen Vereine. „So waren die Eltern gehalten, einen Trägerverein mit starren, vereinsrechtlichen Organisationsformen zu gründen und Gruppenräume für einen Zeitraum anzumieten, der den Bedarfszeitraum (etwa drei bis vier Jahre) bei weitem überschritt. In Nordrhein-Westfalen z. B. mußten Gruppenräume für mindestens 10 Jahre angemietet werden. So war die spontane politische Bewegung unter der Hand in das Korsett bürgerlicher Öffentlichkeitsformen gezwängt worden.“[63]  Eine Debatte über diese Form der Organisation findet bis heute nicht mehr statt. Sie ist eine der institutionellen Grundlagen der Freien Kindereinrichtungen.

Solange sich die Kinderläden als gemeinsame Projekte der Beteiligten definieren, die ein so verstandenes ‘gemeinsames Interesse’ verbindet, ist die Frage nach der formal juristischen Basis im alltäglichen Umgang nicht von zentraler Bedeutung. Mit dem Verschwinden dieses ‘gemeinsamen Interesses’ entwickeln sich die formalen Gegebenheiten zu auch real bestimmenden Faktoren in den Beziehungen der Menschen. Es werden Verträge von zwei sich formal gegenüberstehenden Parteien mit unterschiedlichen (gegensätzlichen) Interessen geschlossen. Wenn die Einrichtungen von Vereinen getragen werden, die als Vertragspartner auftreten, so stellt sich natürlich in vielen Fällen die Frage, welche Personen den Verein bilden.

Das gilt nicht nur in Beziehungen nach ‘Außen’, wie bspw. bei Mietverträgen oder Anträgen auf Bezuschussung, sondern ganz genauso nach ‘Innen’, bei Arbeits- und Betreuungsverträgen, bei konzeptionellen Fragen und bei Konflikten unter den Erwachsenen. Die entscheidende Frage dabei ist stets, ‘wer hat hier was zu sagen’.

Dabei sind heute in Hessen zu unterscheiden: 1) kleine Vereine, die nur eine Einrichtung betreiben, bei denen nur Eltern Mitglieder sind (z. T. auch noch ehemalige Eltern, Bezugspersonen und FreundInnen, SympathisantInnen, die die Vereine fördern und unterstützen wollen), sowie 2) große Vereine, die als Träger mehrerer Einrichtungen auftreten, deren Mitgliederzahl aber eng begrenzt ist (wie z. B. bei der Gesellschaft f. Jugendarbeit, die in Frankfurt/M. ca. 50 Einrichtungen betreibt, wo sie 1997 bei 30 Mitgliedern liegt, die sich aus Eltern, Bezugspersonen und ‘Ehemaligen’ zusammensetzt[64]).

Im ersten Falle sind in der Regel die Eltern ‘direkt’ die Arbeitgeber der Bezugspersonen. Zwar stimmt dies im juristischen Sinne nicht, denn der Verein als juristische Person schließt die Verträge mit den Angestellten, aber de facto wird das Verhältnis auch von Beteiligten so dargestellt.[65] Im zweiten Fall besteht neben den Eltern und den Bezugspersonen eine dritte Instanz, die sich formal ‘zwischen’ beiden befindet und sich nicht wie beim ersten Modell aus Personen zusammensetzt, die als Akteure in den beiden Gruppen beteiligt sind. Diejenigen, die in den Vereinen handeln, sind in der Regel die GeschäftsführerInnen[66]. Sie sind diejenigen, die Arbeitsverträge, Mietverträge und Betreuungsverträge unterschreiben, die Gehälter und Elternbeiträge verwalten, Mieten überweisen, also die formale Ebene der Arbeitsorganisation garantieren.

Wenngleich sich die beiden Modelle in ihren Auswirkungen auf die Binnenbeziehungen in den Einrichtungen unterscheiden, ist ihnen doch gemeinsam, daß sowohl Betreuungsverträge mit den Eltern der Kinder als auch Arbeitsverträge mit den Bezugspersonen abgeschlossen werden. Das war nicht immer so, sondern stellt eine Bedingung dar, die erst im Laufe des Institutionalisierungsprozesses und als Teil desselben stattgefunden hat. Sie greift in den einzelnen Einrichtungen da, wo „das Vertrauen in die Elterngruppe, daß die sich schon um Euch kümmern, wenn Ihr kündigt oder das Projekt scheitert“[67] nicht mehr ausreicht. Wie dieser Prozeß auf Seiten der Bezugspersonen gewendet wird und zu einem neuen Selbstverständnis führt, wurde schon beschrieben. Formal spiegelt sich das neu definierte Rollenverständnis der Beteiligten in dem Rückgriff auf traditionelle Formen bürgerlichen Rechts wieder: „... immer mehr Kinderläden gehen davon ab, das Arbeitsverhältnis ‘alternativ’ zu regeln. Offiziell ist meist ein Erzieher für eine 40-Stunden-Woche angestellt und wird nach BAT bezahlt.“[68]

Institutionelles Merkmal der Freien Kinderarbeit ist somit, daß sie dem Eintreten von Bezugspersonen, Eltern und Kindern in den Handlungszusammenhang Vertragsbeziehungen zwischen einem Verein und diesen Personen zugrunde legt. Dabei handelt es sich um Arbeitsvertrag einerseits und Betreuungsvertrag andererseits. Es entsteht dadurch notwendig ein ‘Betrieb’, dessen Angebot, nämlich die Betreuung von Kindern zu übernehmen, von ‚einfach vorhandenen Nachfragern’ über die Zahlung des Betreuungsentgeltes gekauft wird. Insofern ist die häufig gestellte Frage, ob sich die Kinderläden allmählich zum Dienstleistungsbetrieb entwickeln, an den vorhandenen Bedingungen vorbei gestellt.[69] Sie sind es schon lange. Als Teil des sozialen Netzes stehen sie in Konkurrenz zu städtischen und kirchlichen Einrichtungen. In dieser Konkurrenz können sich die Freien Kindereinrichtungen jedoch zunehmend besser behaupten.

Dieser Tendenz kommt die Entwicklung zugute, daß die Freie Kinderarbeit allmählich besser finanziell unterstützt wird. Bis Ende der achtziger Jahre gibt es in einzelnen Kommunen Förderungsrichtlinien, die aber nicht über die sog. Drittelbezuschussung hinaus gehen.[70] Das bedeutet für die Einrichtungen, daß sie maximal ein Drittel der Kosten als Zuschuß erhalten können. Üblicherweise werden diese Kosten noch dazu nur in der Höhe als bezuschussungsfähig anerkannt, wie sie die Kosten eines städtischen Kindergartenplatzes nicht übersteigen. Damit werden die Freien Kindereinrichtungen formal gleich behandelt wie andere Einrichtungen, z. B. der Kirchen oder des DRK. Ihrer besonderen Situation als freigemeinnützige Träger, die nicht über Eigenmittel verfügen, wird diese Bezuschussung aber nicht gerecht.

Die Einführung des ‘Sofortprogramms Kinderbetreuung’ bedeutet in dieser Hinsicht einen wesentlichen Schritt auf dem Weg zur finanziellen Absicherung. Die Gelder, die für die Aufrechterhaltung der Betriebe nötig sind, werden also einerseits von Eltern andererseits von staatlichen Stellen (Kommune, Kreis, Land) zusammengebracht. Ohne staatliche Zuschüsse sind die Freien Einrichtungen in der bestehenden Form nicht überlebensfähig. Diese finanzielle Abhängigkeit ist ein weiteres institutionelles Merkmal der Einrichtungen.

Räume 

Um als Betrieb eine Dienstleistung anbieten zu können, braucht es notwendig einen Raum dafür. Dies gilt sowohl im eher abstrakten Sinne, also bspw. einen ‘gesellschaftlichen Frei-Raum’, ist hier aber ganz einfach auf den schlichten mit Mauerwerk und Glas umbauten Raum bezogen, in dem sich die Kinder und Bezugspersonen bewegen. Gerade die räumliche Situation, in der sich die ‚eigentliche Tätigkeit des Kinderladens’ abspielt, stellt in ihrer spezifischen Ausprägung ein institutionelles Merkmal dar.

„Vor dem Kinderladen steht der steinerne Löwe, dem - wer? die Kinder vielleicht nicht? - den Kopf abgeschlagen hat, den - wer? vielleicht die Kinder mit roter Farbe übergossen haben an der Bruchstelle, dem kopflosen Hals, mit regenfester roter Farbe, nicht mit Fingerfarbe, die, flüchtige, der nächste Regen wegwäscht. Über dem Laden steht in verschnörkelten Buchstaben, kaum leserlich, allen Rätsel aufgebend, >>Antik<<, denn bevor der Kinderladen darin sich einrichtete, hatte Barbara hier ihren Trödelladen ... Der Kinderladen erinnert an Höhlen, die immer tiefer in die Erde führen, an Stollen, an den unterirdischen Bau eines Tieres. Zwei Zimmer liegen nach vorn raus, in einem bauen die Jungen große Burgen aus Klötzen und spielen Krieg. Im anderen Zimmer veranstalten die Mädchen Mädchenpartys und wühlen, Elstern, im Geglitzer ihrer Schmuckkästchen. Das sind aber nur die Vorhöfe, die Tür im Jungenzimmer führt tiefer hinein in den Stollen. Dort hinten liegt rechts die Küche und links ein weiteres Zimmer, in dem Hannes Kinder schlafen. Und eine Falltür und eine Treppe schließlich führen ganz ins Innere, nach unten, in den Keller, in dem Hanne schläft.“[71]

Kinderläden waren und sind nach wie vor in Räumen anzutreffen, die nicht als Kinderräume gebaut wurden. Man findet sie in umfunktionierten Wohnungen, Läden, Fabriketagen, Seminarräumen, Büroetagen, ausgedienten Lagerräumen (sogar in ehemaligen Gefängnissen[72]). Manche der heute existierenden Freien Kindereinrichtungen haben eigene Häuser zur Verfügung, die meisten sind in Häusern oder Gebäudekomplexen anzutreffen, die auch anderweitig genutzt werden. Dadurch stehen sie in ständiger Verbindung zu einer sie umgebenden Nachbarschaft.

„Also was hier gut ist, ist diese Schaufensterscheibe, wir haben viel Kontakt von außen. Wir haben oft schon Kinder reingelassen, die draußen an der Scheibe standen, die dann einfach hier ein bißchen mitgespielt haben. (...) Wir haben nen ganz regelmäßigen Kontakt seit fünf Jahren schon zu unserer Müllabfuhr. Das sind gute Freunde von uns, die kommen ganz regelmäßig hier rein. Einmal in der Woche sitzt unser Müllfahrer hier mit drin, der Karl, der ist eine stehende Einrichtung schon, für alle Krabbelkinder, die ich bisher hatte. Wenn der vorbeikommt, ist der mit drin und das ist für die Kinder auch selbstverständlich, daß der dann hier sitzt und frühstückt. Desgleichen zum Briefträger, der ist auch immer gekommen, und es ist viel so, so Omas die draußen stehen, die dann ‘n paar Minuten schwätzen. Es ist eigentlich schon sehr offen nach draußen auch.“[73]

Daß die Kinderläden nach wie vor in solchen Räumen unterkommen, liegt zum großen Teil daran, daß es von keiner Seite finanzielle Mittel gibt, die den Neubau einer Freien Kindereinrichtung sichern könnten. Weder haben die Eltern die dafür nötigen Gelder zur Verfügung, noch sind Verwaltungsstellen in der Lage (bzw. auch bereit), Investitionen für Neubaumaßnahmen innerhalb der für das Entstehen von Freien Kindereinrichtungen nötigen kurzen Zeit zu tätigen. So bleiben die Freien Kindereinrichtungen nach wie vor in Wohnungen, Läden und anderen Räumen, deren ursprünglicher Zweck ein anderer war, als ausgerechnet eine Kinderbetreuungseinrichtung zu beherbergen.

Diese Bedingung hat sich somit seit der Entstehung der ersten Kinderläden nicht wesentlich verändert. Allerdings gibt es auch hierbei Entwicklungen, die mit der Zeit stattfinden. In den Orten nämlich, wo eine entsprechend bessere Unterstützung - insbesondere finanzieller Art - durch die öffentliche Hand zur Verfügung steht, verbessern sich auch die Möglichkeiten der Initiativen und Vereine, tatsächlich Räume auf dem Immobilienmarkt zu finden.

Am weitesten in dieser Hinsicht fortgeschritten ist die Entwicklung wiederum in Frankfurt, wo die Stadtverwaltung einen separaten Mietkostenzuschuß über den Platzkostenzuschuß hinaus zur Verfügung stellt. Der Effekt einer solchen Finanzierung ist einfach nachzuvollziehen.

„Wir haben nicht mehr das Problem, daß wir in früheren Jahren durch alle Hinterhöfe gerannt sind, ... also die Eltern mußten (und) sind dann wirklich durchs Viertel gelaufen und gelaufen und gelaufen, bis sie das billigste Objekt gefunden haben, das am wenigsten renovierungsbedürftige Objekt (...)

Als wir anfingen, die teureren Mieten, die üblichen Mieten zu zahlen, war das Thema Kindergeschrei oder das Thema Kinderbetreuung in Räumen überhaupt kein Thema mehr. Als die gemerkt haben, aha, da gibt es Mieter, die sind bereit zu zahlen, sind auch bereit unsere geforderten Mieten zu zahlen, da war das auch nicht mehr schwierig, Räume zu finden. Das ist schon richtig. (...)

Es war in der Tat so, daß sich auf diesem Vermietermarkt das quasi rumgesprochen hat. Da gab’s dann plötzlich, (...) wir haben was angemietet in Rödelheim oder in Niederrad und dann hat der gesagt: ‘Ich hab auch noch was im Gallus, wollen sie nicht auch ...’“[74]

Ein Effekt dieser Bezuschussung ist, daß über öffentliche Gelder die überhöhten Mieten der Immobilienbesitzer mitfinanziert werden. Ein Effekt allerdings, der sich aus Sicht der Initiativen nicht als zentral darstellt, da deren Interesse zuerst darin besteht, überhaupt Räume und weiterhin, möglichst gut geeignete (also große, helle, gute Lage etc.) Räume für ihre Kinder zur Verfügung zuhaben. Die zugrunde liegende Logik der Umverteilung von Kosten auf die Gesellschaft bei gleichzeitiger Privatisierung von Gewinnen spielt dabei in den Diskussionen innerhalb der Freien Kindereinrichtungen keine Rolle.

Man ist froh, über die entsprechende Bezuschussung eine Verbesserung der konkreten Bedingungen zu erlangen. „Es hat eine Veränderung bewirkt, dadurch, daß wir auch einfach nicht mehr auf jede Mark gucken mußten. Und es hat ja auch was verbessert, wenn man einfach davon ausgeht, daß die Einrichtungen eingerichtet sind, daß die renoviert sind, daß die auch nett sind. Früher war das (...) der Touch von second-hand, der war ja nie weg, der war nicht zu übersehen. (...) Und das ist jetzt anders. Also da gibt es einfach auch, ganz einfach nett und schön eingerichtete Einrichtungen, und auch für die Kinder ein besseres Angebot dadurch.“[75]

Wo die Einrichtung als gemeinsames Projekt gesehen und das Klima von einer auf kollektive Entwicklung und gesellschaftliche Veränderung gerichteten Interessenslage geprägt war, wo sie eingebunden war in eine sich subkulturell verstehende Szene, die sich als ‘alternativ’ und zum bestehenden politischen System oppositionell charakterisierte, spielte die Frage nach ‘nett eingerichteten Räumen’ eine nachrangige Rolle.

„Da konnte man mehr improvisieren. Das ist ja dann auch alles nicht mehr gewesen, oder ist ja heute nicht mehr möglich. Die Zeiten haben sich geändert. Also es haben sich auch inhaltlich die Zeiten geändert. Die Nachfrage der Eltern ist eine andere geworden. Die wollen auch mehr Dienstleistung, die wollen auch einen anderen Kinderladen haben und wollen auch vergleichen können.“[76]

In anderen Städten, die in Hinsicht auf die Bezuschussung der Freien Kindereinrichtungen nicht so weit fortgeschritten sind wie Frankfurt, bleibt den Initiativen nach wie vor oft nichts anderes, als ‘durch die Hinterhöfe zu laufen’, auf der Suche nach geeigneten, und eben: billigen Räumen. So kommen Kindergruppen häufig in Räumen unter, deren provisorischer Charakter mit den Ansprüchen der Gruppen zu Beginn der Entwicklung der Freien Kindereinrichtungen nicht kollidierte, mittlerweile aber den veränderten Ansprüchen der Eltern und Bezugspersonen an die Rahmenbedingungen nicht mehr einfach gerecht wird.

Unabhängig davon, ob sie von einer besseren Bezuschussung profitieren können oder nicht, bleiben die Gruppen aber durchgängig auf Räume angewiesen, die ursprünglich nicht als Kinderbetreuungsräume konzipiert waren. Diese Bedingungen stellen mithin ein Charakteristikum der Freien Kindereinrichtungen dar.

Die Stellung der Eltern 

Die Stellung der Eltern in den Betrieben hat sich innerhalb der Zeit des Bestehens Freier Einrichtungen verändert. Diese Veränderung korrespondiert stets mit der Veränderung der Stellung der Bezugspersonen. Die Professionalisierung der Bezugspersonen zieht notwendig eine Laisierung der Eltern nach sich. Der Rückzug der Eltern aus der praktischen wie auch theoretischen Arbeit der Kinderläden führt notwendig zu einem Ausbau der Stellung der Bezugspersonen. So ist jeweils der eine mit dem anderen Prozeß verknüpft. Es ist dabei von beiden Parteien die jeweils den anderen zuzurechnende Verhaltensweise (Rückzug, Aneignung, etc.) leicht als Legitimation für die eigene zu benutzen. Eine solche kausale Rückführung von Prozessen innerhalb der Freien Kindereinrichtungen auf z. B. ‘den Rückzug der Eltern’ stellt aber eine Verkürzung dar, da sie nicht die Bedingungen mit untersucht, unter denen dieser zustande kommt.

Um die Stellung der Eltern in den Einrichtungen in ihrer jeweils anzutreffenden Ausprägung zu verstehen, ist es zuerst einmal notwendig, die Stellung der Eltern zu den Einrichtungen zu klären. Dabei fällt auf, daß selbst heute noch diejenigen Einrichtungen der Freien Kinderarbeit eine ganz spezifische Position der Eltern in den Einrichtungen haben, die aus einer Elterninitiative entstanden und sich in der ersten Phase nach der Gründung befinden.

„Eltern haben sich zusammen gefunden und sich auf bestimmte Bedingungen, Ziele und Gemeinsamkeiten geeinigt. Sie haben sich in die Verwaltung eingearbeitet, Räume angemietet und gestaltet, einen Verein gegründet und die Kindergruppe aufgebaut.“[77] Dieser Prozeß entwickelt sich 1999 nicht wesentlich anders als 1974 oder 1985. Er ist zwar in jeweils andere Bedingungen eingebunden, z. B. was die politische Durchsetzbarkeit der finanziellen Förderung angeht, oder den gesellschaftlichen Diskussionshintergrund bezüglich außerfamiliärer Kinderbetreuung, aber diese Bedingungen beeinflussen nicht den Prozeß als solches. Sie wirken sich zwar auf die Geschwindigkeit bestimmter Entwicklungen aus, oder auch auf die jeweils vorherrschenden Themen innerhalb der Gruppen, aber an der Stellung der Eltern zu der Einrichtung ändern sie nichts.

Diese ist charakterisiert durch eine starke Identifikation. Die Eltern betrachten die Einrichtung zu einem hohen Maß als ihre Einrichtung. Und sie verhalten sich dementsprechend. „Eltern tragen die Vereinsarbeit und stellen den Vorstand. Eltern putzen, kochen, gestalten die Räume etc. Eltern machen Elterndienst in der Kindergruppe. (...) Eltern erleben sich selber und untereinander in der Arbeit, erleben die Bezugspersonen in ihrem Verhalten, die eigenen Kinder, die Gruppendynamik und ihre Prozesse. Eltern tragen und gestalten die Elternabende mit ihren Ansprüchen, Bedürfnissen, Erfahrungen, Wünschen und Fähigkeiten als Elterngruppe. (...) Eltern haben viel Kompetenz und sind Träger des Ladens; schaffen die Atmosphäre und bestimmen, ob und wie der Laden läuft.“[78]

Dieses Verhältnis verändert sich in den je einzelnen Gruppengeschichten in der Regel dann, wenn die Gründungseltern aus der Gruppe heraus gehen - begünstigt noch dadurch, daß u. U. die Bezugspersonen bleiben. „Wenn der letzte Gründungsvater und die letzte Gründungsmutter aus so einer Einrichtung draußen sind, dann ist der Elterninitiativgedanke gestorben. Da gibt’s ganz, ganz wenige Ausnahmen nur, wo’s anders ist.“[79] Giesel Krämer und Björn Pertoft sprechen in diesem Stadium nicht mehr von einer Elterninitiative sondern von einem Elternbetrieb: „Die neuen Eltern haben die schwierige, aufwendige Aufbauphase nicht mitgemacht. Sie müssen sich nun von außen kommend in die Gruppe einfinden, sich in die Vereinsaufgaben einarbeiten und sich mit der Pädagogik und den Kompetenzen der Bezugsperson zurechtfinden. Meist sind die Bezugspersonen jetzt Träger der pädagogischen Kompetenz. Sie schaffen Atmosphäre und bestimmen, wo es langgeht.“[80]

Indem sich die Stellung der Eltern zu der Einrichtung verändert, verändert sich auch die Stellung in der Einrichtung. So wie eben kurz skizziert laufen die Veränderungsprozesse innerhalb der einzelnen Einrichtungen jeweils ähnlich ab. Es ist im historischen Rückblick festzustellen, daß diese Prozesse erstmals da greifen, wo die Kinderläden sich „einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive nicht mehr zuordnen können.“[81] „Mit Zerfall der politischen Studentenbewegung verschwand auch das Verständnis von der kollektiven Kinderarbeit als einer politischen Aktion. Sie reduzierte sich auf ihren Kern, die Realisierung der Verpflichtung von Eltern, ihre Kinder zu erziehen. In allen uns bekannten Eltern-Kind-Gruppen setzte ein Prozeß ein, in dessen Verlauf sich die Eltern immer weniger mit ihren Fähigkeiten und Ideen einbrachten, ‘Kinderdienst’ wurde zu einer lästigen Pflicht, die sich in zahlreichen Gruppen schließlich auf reine Serviceleistungen wie Putzen und Renovieren der Räumlichkeiten verengte.“[82]

Diese Entwicklung ist dabei stets aufs engste verbunden mit dem Prozeß der Professionalisierung, der in Kap. 1 geschildert wurde. „Die Eltern, (...) erwarteten von den Erziehern, daß sie Erziehung realisierten, die zwar in der Tradition der antiautoritären Erziehung stehen sollte, die ihre Kinder aber nicht hinter den (schulischen) Fähigkeiten anderer Kinder zurückstehen lassen sollte. Auf Elternabenden wurde viel darüber geredet und gestritten, die Realisierung verblieb den Erziehern. Gelang sie nicht zur Zufriedenheit der Eltern, wurde den Erziehern eben gekündigt. Die Eltern waren zu ‘Arbeitgebern’ geworden, die Erzieher zu ‘Lohnerziehern’, zumeist ohne Arbeitsvertrag und unter Arbeitsbedingungen, die weit hinter die von Kindergarten-Erziehern zurückfielen.“[83]

Die Bezugspersonen müssen sich zunehmend als Gruppe innerhalb eines Zusammenhangs erkennen, die einer anderen, den Eltern gegenübersteht, also nicht mehr innerhalb eines als gemeinsam verstandenen Projektes an unterschiedlichen Stellen befindlich. „Dabei hegten viele Erzieher auch weiter die Illusionen, einen selbstbestimmten Arbeitsplatz zu haben und Mitglied einer (wie auch immer inhaltlich bestimmten)  politischen Gruppe zu sein. Gewerkschaftlich orientierte Forderungen, z. B. für Arbeitszeitregelungen und versicherungsrechtliche Absicherungen wurden von vielen Elterngruppen mit dem Hinweis auf ‘gemeinsame’ politische Interessen abgelehnt und mit dem Hinweis, sie könnten ja kündigen, unterstrichen.“[84]

So ergeben sich Interessengegensätze, die über „Kämpfe“ ausgetragen werden. Dabei geht es im wesentlichen immer um die gleichen Fragen. Wer entscheidet bei Neuaufnahmen? Wer entscheidet bei Einstellungen? Diese Fragen sind deshalb von zentraler Bedeutung, weil die personelle Zusammensetzung der Eltern- und Bezugspersonengruppen bei der Regelung alltagspraktischer Fragen natürlich von überragender Bedeutung ist. Infolge ihrer Professionalisierung gelingt es den Bezugspersonen zunehmend, Einfluß auf diese Entscheidungen zu gewinnen. Dieser Einfluß ist aus Sicht der Bezugspersonen überzeugend mit deren Erfahrungsvorsprung zu legitimieren.

Je mehr sich die Eltern selber als Laien verstehen, um so leichter folgen sie dieser Argumentation. Zunehmend ziehen sie sich aus der Regelung von für das Fortbestehen der Gruppen wichtigen Entscheidungen heraus. Ein Indiz für die wachsende Bereitschaft der Eltern dazu ist die Akzeptanz, die der Einführung von Elterngesprächen entgegengebracht wird. „Da hat sich ein Wandel vollzogen in der Hinsicht, daß seit Anfang, Mitte Achtzig sehr viele Einrichtungen dazu übergegangen sind, klassische Elterngespräche einzuführen, wesentlich seltener Fragen, die die Erziehung angehen, Fragen die die Erwachsenen angehen, auf Elternabenden zu besprechen, ganz konkrete Probleme.“[85]

Die Etablierung der Vorstellung des Kinderladens als eines Ortes, an dem Pädagogik betrieben wird, und zwar von Profis, dessen Existenz also der Notwendigkeit des Betreibens von Pädagogik und der Einsicht in die Vorteile dieser Art des pädagogischen Treibens geschuldet ist, bringt es mit sich, daß sich die Stellung der Eltern zu und demnach auch in den Einrichtungen dahingehend ändert, daß sie als Teil einer pädagogischen Veranstaltung eine bestimmte Rolle zu übernehmen haben. Selbst wo sie formal über die Mitgliedschaft in einem Verein noch Träger der Einrichtung sind, gestehen sie doch zum großen Teil den Bezugspersonen die Kompetenz zu, über die meisten Angelegenheiten der Einrichtung zu entscheiden.

Andererseits sind die Eltern aber dennoch in den Einrichtungen präsent. Zum einen da, wo sie als Träger bestimmte Entscheidungen zu verantworten haben, auch wenn dieselben vorwiegend von den Bezugspersonen vorbereitet oder ganz und gar getroffen werden. Zum anderen dort, wo sie als Teil der pädagogischen Veranstaltung verstanden werden, bzw. auch sich verstehen und entsprechenden Handlungsanforderungen gegenüberstehen.

Dies bezieht sich weniger auf die schon weiter oben genannten Service-Leistungen wie Putzen, Kochen, Waschen etc. Die Bereitschaft, sich in einen pädagogischen Dialog mit den Bezugspersonen, bzw. einen pädagogischen Diskurs in der Elterngruppe zu begeben, schafft erst die eigentliche Basis für das Gelingen der pädagogischen Veranstaltung. „Auch wenn heute, im Gegensatz zu den Anfangszeiten, die pädagogische Arbeit ausschließlich von Pädagogen geleistet wird, gibt es für Eltern über die Organisationsarbeit und die Elternabende Möglichkeiten der Mitarbeit, ist der Kinderladen nach wie vor mehr als eine Unterbringungsmöglichkeit für Kinder, worin er sich entscheidend von traditionellen Kindergärten unterscheidet. Er ist zudem Ort für Beratung und ‘Nachbarschaftshilfe’, der Kommunikation unter Eltern und Diskussionsmöglichkeit über Fragen der Erziehung. Regelmäßige (mindestens alle 4 Wochen) Elternabende und der überschaubare Rahmen erlauben auch informelleren und persönlicheren Kontakt zwischen den Eltern und zu den Bezugspersonen, gleichzeitig wird aber an die Eltern der Anspruch gestellt, sich mit den Problemen ihrer Kinder zu befassen und darüber mit anderen eine Auseinandersetzung zu führen.“[86]

Solcherart Ansprüche sind ein charakteristisches Merkmal der inneren Strukturen der Freien Kindereinrichtungen. Und zwar in doppelter Hinsicht: zum einen als Anspruch der Einrichtungen an die Eltern, zum anderen als Anspruch der Eltern an die Einrichtung. Daß diese Ansprüche dann auch tatsächlich zu relevanten Faktoren im Alltag werden, ist ein wesentlicher Standard, der die Freie Kinderarbeit auszeichnet. Dieser Standard stellt ein Resultat eines Prozesses dar, der sich seit Beginn der Kinderladenbewegung in einer spezifischen Art und Weise abgespielt hat. Er ist nichts unumstößliches.

Die Freien Einrichtungen stehen mittlerweile einem viel breiteren Personenkreis offen. Sich als Elternteil einem Verein anzuschließen, der eine Kindergruppe organisiert, bedeutet heute etwas anderes als vor zwanzig Jahren. Und zwar nicht nur wegen der sich verändernden Themen, die gerade ‘aktuell’ sind (Intelligenzförderung, Aggression, Geschlechtsrollen, Fremdenfeindlichkeit, etc.). Viel mehr aufgrund der sich langsam verändernden Strukturen der Einrichtungen. Tatsächlich ist es so, daß bei den großen Trägervereinen in Frankfurt eine Mitgliedschaft im Verein überhaupt nicht mehr nötig ist, um sein Kind in einer Freien Einrichtung unterzubringen.

Hier ist auch die systematische Distanz am weitesten fortentwickelt, die sich zwischen den Bezugspersonen und den Eltern ergibt. In der Dreieckskonstellation Bezugspersonen - Verein - Eltern ergibt sich die Möglichkeit, die Eltern als Teil des am Kind zu vollziehenden pädagogischen Prozesses zu behandeln. (Was durchaus oft mit den Interessen von Eltern zusammenfällt, da sie kein alternatives Bild davon haben, was sich sonst in einer Kinderbetreuungseinrichtung abspielen könnte.) Charakteristisch für die Freien Einrichtungen ist dabei, daß sie die Eltern zu einem weitaus höheren Ausmaß mit in den pädagogischen Prozeß einbeziehen, als es in anderen Einrichtungen der Kinderbetreuung der Fall ist. Die Transparenz der Abläufe in und hinter der Kindergruppe ist für die Eltern in der Regel wesentlich höher als z. B. im städtischen oder kirchlichen Kindergarten. „Den Vorsprung, den haben wir. Das ist immer noch bei uns besser organisiert und auch besser weitergegeben, die Erfahrungen, die da gemacht wurden, die letzten Jahre, die sind ja da, und die sind in den Einrichtungen drin und die laufen da auch ... Also von daher gibt es noch immer den Unterschied, daß die Elternarbeit eine andere ist.“[87]

Die Arbeitsbeziehungen der Bezugspersonen 

Die Entstehung des ‚Berufs Bezugsperson’ ist im Kapitel zur Professionalisierung schon eingehend hergeleitet worden. Heute sind innerhalb der Kinderläden Standards in Bezug auf die Arbeitsbeziehungen der Beschäftigten festzustellen, die praktisch überall in den freien Einrichtungen anzutreffen sind.

„Entscheidungsprozesse werden kollektiv getroffen. Es gibt keine Versorgungsmaschinerie, die einen großen Verwaltungsaufwand braucht.“[88] Die Arbeit wird im Team abgestimmt und organisiert. ‘Selbstorganisation’ und ‘Teamarbeit’ sind die entsprechenden plakativen Begriffe, mit denen die Arbeitsbeziehungen häufig charakterisiert werden.

Innerhalb der Freien Kindereinrichtungen gibt es in der Regel keine hierarchische Arbeitsstruktur. Die Planung der Arbeit erfolgt in Zusammenarbeit der Bezugspersonen, die Aufgaben, die sich aus ihr ergeben, werden untereinander aufgeteilt und zwar nicht nach formalen Kriterien. Es gibt in den Einrichtungen keine Leitung, keine Anweisungsbefugnis für einzelne gegenüber anderen MitarbeiterInnen.[89] Konflikte müssen daher in anderer Weise geregelt werden, als unter hierarchisch strukturierten Arbeitsbedingungen. Die gemeinsame Reflektion der Praxis gewinnt hier wesentlich an Bedeutung.

„Also sämtliche Konflikte, Überlegungen, auch pädagogische Überlegungen, laufen im Team. Und überhaupt sich mal mit der Struktur der Teamarbeit auseinanderzusetzen, was das bedeutet, ein Teil unter gleichen Teilen zu sein und wie ich damit umgehe (...) es gibt einfach niemanden, der sagt, so wird’s gemacht, sondern das muß ausdiskutiert werden auf Biegen und Brechen.“[90]

Dabei sind die Bezugspersonen diejenigen, die solche Prozesse tragen, die an ihnen beteiligt sind. Ihre Zusammenarbeit vollzieht sich somit in einer Teamstruktur, in der (von Seiten der Trägervereine, bzw. der Eltern) die Bereitschaft und Fähigkeit zur Kooperation vorausgesetzt wird. (Und aus der die Eltern im Gegensatz zu den Anfängen der Kinderläden heute weitestgehend herausgehalten werden, bzw. sich heraushalten). Durch die Zunahme der aus der ErzieherInnenausbildung in den Beruf kommenden BZP ergibt sich auch hier ein spezifisches Problemfeld, da deren Ausbildung eine diesem Organisationsmodell nicht entsprechende Ausrichtung hat.

„A: Man wird halt nicht zu selbständigem Handeln in verantwortlichen Geschichten ... also die ‘Verantwortung bezieht sich dann darauf, daß ich drauf achten muß, daß sich die Kinder nicht verletzen und überhaupt Aufsichtspflichtgeschichten, die vermittelt werden ... also selbst zu entscheiden, wen stellt man ein, selbst zu entscheiden, wofür wird die Kohle ausgegeben, selbst zu entscheiden, was für Schwerpunkte legt man in seiner Arbeit, ...

D: ... wie gestaltet man einen Dienstplan zum Beispiel. So Sachen hab ich in der Schule nie gemacht. Da ging’s immer mehr oder weniger davon, daß ...

A: ... da gibt’s nen Leiter, der macht das.

D: Ja, genau, das war immer hierarchiebezogen. Es gibt ne Leiterin oder nen Leiter, dem man das entsprechend nahe zu bringen hat.“[91]

Unabhängig davon, wie diesen Anforderungen im Einzelfall entsprochen werden kann, stellen sie aber ein ganz spezifisches Merkmal der Arbeitsbeziehungen innerhalb der Freien Kindereinrichtungen dar.

Die Kompetenzzuweisung an die Bezugspersonen durch die Träger, seien es kleine Elternvereine oder große Trägervereine, konfrontiert diese mit dem Anspruch, den gesamten Ablauf der Arbeit selbständig zu organisieren. „Wir sagen: Das ist unsere Anforderung. Das ist der Arbeitsplatz, den Ihr haben könnt, mit der Selbständigkeit, aber auch mit der Verantwortung. ... es orientiert sich im Grunde genommen an diesem Grundsatz der relativen Autonomie, d. h. der Möglichkeit und auch der Erwartung, die der Verein hat, daß jede Einrichtung so selbständig  wie nur irgend möglich arbeitet.“[92]

So umfaßt der Bereich der Tätigkeiten in den Freien Einrichtungen praktisch alle jene Anforderungen, die in klassischen Kindereinrichtungen als Leitungsfunktionen an Vorgesetzte delegiert werden: Dienstplangestaltung, Haushaltsplanung, Einkäufe, Vertretungs- und Urlaubsplanung, Fortbildung, Konzeptionsentwicklung usw. Indem die Beschäftigten diese Anforderungen als Aufgaben gestellt bekommen, bietet sich ihnen gleichzeitig die Chance, gestaltend auf ihren Arbeitsplatz einzuwirken. Die Beziehungen untereinander sind in einem hohen Maße ‘autonom’ regelbar. Durch ihre zentrale Stellung im Beziehungsgeflecht der Kindereinrichtungen unterliegen die Bezugspersonen somit zwar einerseits einem hohen Erwartungsdruck von Seiten der Eltern (bzw. der Trägervereine), haben aber andererseits vergleichsweise große Spielräume bei der Planung und Gestaltung ihrer Arbeit.

Ein gelungener Umgang mit diesen Anforderungen garantiert den BZP ein relativ angenehmes Arbeitsklima. „Zwischen den Bezugspersonen herrschte ein partnerschaftliches Verhältnis, das sich durch gegenseitiges Vertrauen und Akzeptanz auszeichnete. (...) Durch die Gleichberechtigung der Bezugspersonen wurde m. E. die Gesamtatmosphäre im Kinderladen entscheidend mitbestimmt.“[93]

Daß die Teamarbeit, das gemeinsame Entscheiden über alle Fragen der Arbeitsorganisation, im Rahmen der Kinderläden in den ersten Jahren ihres Bestehens ein logischer Bestandteil der organisatorischen Verwirklichung des Projektzusammenhanges war, ergibt sich notwendig aus der antihierarchischen Ausrichtung der Projekte. Erklärungsbedürftig ist allerdings die Tatsache, daß sich die Teamarbeit als Faktum bis heute hat halten können und nach wie vor ein Essential der Freien Kinderarbeit darstellt.

Ein Element dabei stellt die Gruppengröße dar. Es ist bei den  ein- oder zweigruppigen Einrichtungen mit kaum mehr als vier oder fünf Bezugspersonen einfacher, Entscheidungsprozesse im Team herbeizuführen, als in Einrichtungen, die (wie z. B. in städtischen KTs häufig) Teams von 10, 12 oder 15 Beschäftigten (und zusätzlich: PraktikantInnen, Putzkolonnen, Küchenpersonal und Hausmeister...) beherbergen. Von daher erweist sich die Teamarbeit in den Freien Kindereinrichtungen nicht als träger Prozeß, sondern als funktionales Vorgehen.[94]

Ein weiteres Argument gegen Leitung ist, daß sie ja von irgend jemandem dazu gemacht, eingesetzt, inthronisiert werden muß. Wer soll das tun, und: mit welchem Interesse?

In Elterninitiativen, die als kleine Trägervereine je eine Gruppe betreiben, müßten die Eltern eine entsprechende Stellenbeschreibung absegnen. Die Einführung einer LeiterInnenstelle in einer eingruppigen Einrichtung ist aber schlicht schwer zu begründen: Wen soll denn der/die LeiterIn da leiten? Noch dazu vor dem Erfahrungshintergrund von mittlerweile 30 Jahren, in denen Freie Kindereinrichtungen bewiesen haben, daß es genausogut (oder sogar besser) auch ohne Leitung geht. Und wenn die Eltern als Träger eine entsprechende Stelle einrichten wollten, würden sie sich ökonomisch ins eigene Fleisch schneiden, da sie dieselbe ja besser bezahlen müßten als eine ‘Nur-BZP’.

Die ‘großen Trägervereine’ wiederum müssen sich zuerst um die ideologische Fracht ihrer eigenen Geschichte erleichtern: „Kinderläden (...) schließen hierarchische Strukturen aus. Der zunächst politische Wille, daß keine Hierarchien aufgebaut werden sollen, ist längst zum festen Bestandteil unserer Kinderläden und ihrer Organisationsformen geworden. Zwar ist es nicht auszuschließen, daß sich hin und wieder informelle Hierarchien bilden (manchmal gibt es Leute, die einfach durch ihre Kompetenz so etwas wie Leader-Funktionen übernehmen), aber es gibt keine Möglichkeit, daß diese informellen Hierarchien institutionalisiert werden können.“[95]

Einzelne Ansätze zu Veränderungen dieses Standards gibt es allerdings. Da nämlich, wo Trägervereine ‘große Einrichtungen’ mit mehreren Gruppen gründen, kommt es durchaus auch zu einer internen Stellendifferenzierung, bei der Leitung, Bezugspersonen und hauswirtschaftliches Personal eingestellt werden: „Das läuft in der Regel immer noch über Teamkonzepte, bis auf ganz große Einrichtungen, bei denen wir mittlerweile auch Leitungskräfte haben, aber das ist mehr ein organisatorisches Problem.“[96]

Es bleibt festzuhalten, daß die Arbeitsbeziehungen der Bezugspersonen in den Freien Kindereinrichtungen auch 1999 in aller Regel auf der Basis einer gleichberechtigten Teamarbeit organisiert sind. Eine grundlegende Änderung dieses Faktums ist nicht in Sicht.

Männer und Frauen

Die pädagogischen, sozialen, pflegerischen Berufe sind ‘klassische Frauenberufe’. Der Anteil von Männern in den Erziehungsberufen ist insgesamt relativ gering. Dies gilt umso mehr, je jünger die betreuten Kinder sind. Insofern stellt der vergleichsweise hohe Anteil von Männern in den Freien Einrichtungen ein spezifisches Merkmal dar, das diese von anderen Kinderbetreuungseinrichtungen unterscheidet.

Schon von Anbeginn der Geschichte der Kinderläden waren Männer in einem hohen Maße in den Einrichtungen präsent, wenngleich ihr Eintreten in die ungewohnte Sphäre der Kinderbetreuung durchaus zwiespältig war. Die Entstehung der Kinderläden ist ohne den Wunsch der Frauen nach Einbindung in politische Zusammenhänge, die durch die private und alleinige Verantwortung für die Kinderaufzucht verhindert wurde, ohne den Wunsch nach gleichberechtigter Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, nach Bildung, Ausbildung, Studium nicht denkbar. Die Initiative zur Einrichtung von Kinderläden ging vor diesem Hintergrund von den Frauen aus. Die Männer folgten: „Es sind besonders die Männer, die sich nach und nach bei uns eingefunden haben ...“ - und beeinflußten die Gruppenprozesse: „ ... die für eine schnellere Vermittlung nach außen in die Arbeiterschaft eintreten. (...) Auf Grund ihrer gewandteren Formulierungen übernehmen sie bei manchen Arbeitskreisen die Führung, wogegen viele Frauen nach wie vor hilflos sind. Sie tun so, als sei der Gedanke der Kinderläden ihre eigene Erfindung, sie sehen die politische Relevanz und sagen jetzt den Frauen, sie würden ihre Probleme verdrängen, wenn sie sich jetzt mit der Erziehung beschäftigten.“[97]

Auch nach dem ‘Ende der Kinderladenbewegung’ bleibt die Auseinandersetzung mit rollenspezifischem Verhalten, mit geschlechtsspezifischer Sozialisation ein zentrales Thema innerhalb der Gruppen.

Dafür sorgt schon allein die Tatsache, daß viele Mütter von Kinderladen-Kindern (wie auch häufig die weiblichen Bezugspersonen) sich als Teil der Frauenbewegung verstehen. Gerade Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre entstehen eine Fülle von Studien zur geschlechtsspezifischen Sozialisation, die an den zu dieser Zeit ja noch wesentlich studentisch geprägten Elternkreisen der Kinderläden nicht vorbeigehen. So erklärt sich die Akzeptanz von, sowie die Forderung nach Mitarbeit männlicher Bezugspersonen aus der Korrespondenz dieser (ineinander verwobenen) sozialen Bewegungen.

Für die Bezugspersonen bietet die Mitarbeit von Männern in den Kindergruppen einen spezifischen Erfahrungsrahmen: „In dem Zusammenhang freie Kinderarbeit, da waren eine ganze Menge Pädagogen, da war auch das Mischungsverhältnis Männer -