Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe

von
Max Beer
04/05

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VIII. BEGINN DER ENGLISCHEN
ARBEITERBEWEGUNG (1792-1824)
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1. Einfluß der Französischen Revolution.

Inmitten dieser wirtschaftlich, politisch und sozialkritisch aufgewühlten Zeit, die noch durch den Ausbruch der zweiten Französischen Revolution eine weitere Erschütterung erfuhr, entstand die erste demokratische und sozialpolitische Arbeiterbewegung in Großbritannien. Ihr Gründer war der schottische Schuhmacher Thomas Hardy (1752-1832), der sich 1772 in London niederließ und die hier verbreiteten demokratischen Ideen in sich aufnahm. Gegen Ende 1791 gründete er einen Verein der arbeit enden Klassen, den er „Londoner Korrespondierende Gesellschaft" (L. K. G.) nannte und mit den französischen Jakobinern in Beziehungen brachte. Ähnliche Organisationen entstanden in Sheffield, Coventry, Leeds, Nottingham, Norwich und Edinburg. Sie standen miteinander im schriftlichen Verkehr. Daher der Name „Korrespondierende Gesellschaft". Politischen Vereinen war es damals verboten, sich zu einem Verband zusammenzuschließen; der Verkehr vollzog sich deshalb durch den Briefwechsel einzelner Mitglieder. Die Grundsätze dieser Vereine waren Demokratie und arbeiterfreundliche Gesetzgebung (Sozialpolitik). In einer im April 1792 veröffentlichten Erklärung der L. K. G. wird gesagt:

„Die Freiheit ist das Geburtsrecht des Menschen; - wir halten es für unsere Pflicht, sie unverletzt zu bewahren zum Wohle unserer Mitbürger und unserer Nachkommen. Es ist das Recht des Bürgers, an der Regierung teilzunehmen; ohne dieses Recht kann sich kein Mensch frei nennen. Das Volk Großbritanniens ist zum größten Teil im Parlament nicht vertreten und von der Teilnahme an der Regierung ausgeschlossen. Die Folgen der beschränkten, ungleichen und deshalb ungenügenden Vertretung sowie der Wahlkorruption sind: erdrückende Steuern, ungerechte Gesetze, Beschränkung der Freiheit und Verschwendung der Staatsgelder. Das einzige Hilfsmittel gegen diese Übel ist die gleiche, allgemeine und gerechte Vertretung des Volkes im Parlament. Die L. K. G. ist entschlossen, für dieses Ziel energisch zu wirken, aber sie verurteilt alle Gewalttaten und alle Anarchie; ihre Waffen sind einzig und allein Vernunftgründe, Festigkeit und Übereinstimmung."

Ende September 1792, nach der Erklärung Frankreichs zur Republik, sandte die L. K. G. folgenden Glückwunsch an den Konvent nach Paris:

„Franzosen! Ihr seid bereits frei, und wir rüsten g uns nun für den Sieg der Freiheit in Britannien... Während ihr den beneidenswerten Ruhm genießt, die Vorkämpfer der Freiheit zu sein, denken wir im Geiste an die Segnungen, die der Menschheit bevorstehen. Wenn ihr, wie es unser heißer Wunsch ist, den Sieg endgültig davontragt, dann wird ein Dreibund (nicht der Kronen, sondern) der Völker Amerikas, Frankreichs und Britanniens den Völkern Europas die Freiheit bringen und der ganzen Welt den Frieden.

Freunde! Ihr kämpft für das Menschengeschlecht!" Bedeutende demokratische Politiker schlossen sich der L. K. G. an; Spence wirkte eifrig für sie; nach Erscheinen von Godwins „Political Justice" wurde das Werk von den Mitgliedern der Arbeitervereine gelesen. Die Mitgliedschaft wuchs zusehends, so daß die Regierung, die seit 1793 im Kriege mit Frankreich lag, die Führer der L. K. G. verhaften und wegen Hochverrats prozessieren ließ. Die Angeklagten wurden meistens freigesprochen, aber die Organisation litt unter den fortgesetzten Verfolgungen, bis sie um das Jahr 1799 einging, doch die meisten Arbeiterführer, die sich in den Jahren 1810-20 hervortaten, hatten ihre Erziehung in der L. K. G. erhalten.

2. Die Luddisten (Maschinenzerstörer).

In den Entstehungsprozeß des modernen Proletariats gingen die verschiedenartigsten Elemente ein: Lohnarbeiter, Hausindustrielle, enteignete Bauern, Handwerker und Manufakturarbeiter, bei denen sich die Wirkungen der wirtschaftlichen Revolution verschiedenartig äußerten. Manche dieser Schichten blickten auf die Zeit der Zünfte sehnsuchtsvoll zurück; andere wurden revolutionär und strebten zur Demokratie, Sozialreform, agrarkommunistischen Reorganisation; bei der Mehrheit machte sich ein scharfer Haß gegen die Unternehmer und den ganzen Fabrikapparat bemerkbar. Das britische Proletariat war das erste, das in die Wirtschafts- und Lebensweise des kapitalistischen Systems geworfen wurde, dessen Widersprüche die besten Köpfe des 19. Jahrhunderts beschäftigten. In den ersten Jahrzehnten der industriellen Revolution herrschte das Chaos, aus dem die neuen Maschinen wie fremdartige, monströse Wesen emporragten und die Blicke der staunenden Beobachter auf sich lenkten.

Umgeben von den Wundern der Wissenschaft und Technik, von allerhand Maschinen als täglichen Erscheinungen und Gebrauchsgegenständen, die das 19. Jahrhundert ins Leben einführte, kann sich der Mensch des 20. Jahrhunderts kaum eine Vorstellung von den Seelenstimmungen machen, die der Aufgang des Maschinenzeitalters in seinen ersten Opfern auslöste. Noch bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es gebildete Engländer, die die Maschinen als krankhafte Ausgeburten des menschlichen Geistes und als ein Symptom der Dekadenz Englands betrachteten. Man zitierte gern folgenden Ausspruch Bacos: „In der Jugendzeit eines Staates blühte die Kriegskunst; im Mannesalter eines Staates die Gelehrsamkeit, und dann beide zusammen für längere Zeit; im niedergehenden Alter eines Staates blühen die technischen Künste, Gewerbe und Handel." Und das Zentralorgan der Chartisten schrieb: „Man findet gegenwärtig selten jemanden, der es wagen würde, die Frage der Maschinerie zu behandeln; sie scheint eine gewisse Furcht einzuflößen; jeder sieht, wie sie die größte aller Revolutionen hervorbringt, indem sie vollständig die Beziehungen der Klassen zueinander ändert, aber keiner wagt, einzugreifen."

Es ist die Zeit, in der der von Marx als „ursprüngliche Akkumulation" bezeichnete Prozeß abgeschlossen ist: seine Kennzeichen waren die Enteignung des Landvolks, die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Enteignung der Kirchengüter und mit der Schaffung des neuen Kapitals der Übergang vom Manufakturwesen zur Industrie. Jetzt bestehen bereits deutlich die beiden Klassen der Kapitalisten, die die Mittel zur Gründung großer Industrien besitzen auf der einen Seite, auf der ändern jene der „freien" Arbeiter - frei nämlich vom Besitz der Produktionsmittel, vom Bodeneigentum und den aus ihnen erwachsenden Rechten. Besonders in der Baumwollindustrie hatte die Einführung der Spinningjenny und des mechanischen Webstuhls (vgl. Teil IV, Kap.I, 2) ungeheure Massen von ehemaligen Handwebern brotlos gemacht und die Ausbeutung von Frauen und Kindern ungeheuerlich verschärft. Schon in diesem Stadium der kapitalistischen Wirtschaft ist die Spannung zwischen diesen beiden sie bestimmenden Klassen so groß, daß sie sich nur in Explosionen Luft machen kann. Diese richten sich um die Wende des 18. Jahrhunderts noch nicht gegen die Klasse der Kapitalisten, sondern gegen die Maschinen, denen der Arbeiter die Schuld an seiner wachsenden Versklavung und Verelendung gibt.

Das erste Gesetz gegen die Zertrümmerung von Maschinen und Zerstörung von Fabrikgebäuden wurde in England im Jahre 1769 erlassen. Es betrachtete derartige Handlungen als Verbrechen, auf die die Todesstrafe gesetzt wurde. Der Beginn der industriellen Revolution hatte also schon um jene Zeit einen Umschwung der staatlichen Auffassung über den Wert der Maschinerie hervorgebracht. Ungeachtet der drakonischen Strafen wuchs die Zahl der Maschinenstürmer in Mittel- und Nordengland. In Nottingham soll ein gewisser Ned Ludham oder Ned Ludd einen Strumpfwirkerstuhl zerstört haben. Seine Tat fand Nachahmung in Lancashire, und die Maschinenstürmer wurden nach und nach als Luddisten bekannt.

In den Jahren 1811/12 wurde der Luddismus zu einer Massenbewegung, die sowohl politische wie wirtschaftliche Ziele verfolgte. Die herrschenden Klassen wurden durch die luddistischen Ausbrüche alarmiert, so daß die Regierung abermals einen Gesetzentwurf über Maschinenzerstörungen einbrachte, der derartige Handlungen mit dem Tode bestrafte. Bei der zweiten Lesung im Oberhause im Februar 1812 war auch Lord Byron anwesend, der gegen den Entwurf eine flammende Rede hielt, in der er die Arbeiter verteidigte.

Der Entwurf wurde im März 1812 zum Gesetz erhoben, aber es hat ebensowenig wie das Gesetz vom Jahre 1769 die Maschinenzerstörungen verhindert, trotzdem es mit drakonischer Strenge gehandhabt wurde. Bei den Angriffen auf Maschinen und Fabriken kam es einige Male zum Totschlag, aber es war außerordentlich schwierig, die Täter zu ermitteln. Erst die Aussetzung hoher Geldpreise - einmal sogar einer Summe von 40000 Mark - auf die Köpfe der Luddistenführer führte zum Verrat. Todesurteile gegen Luddisten wurden nur vom Gericht in York gefällt. Am 13. Januar 1813 bestiegen dort drei Arbeiter, darunter der Luddistenführer Georg Mellor, das Schafott. Sie bewahrten bis zuletzt eine mutige Haltung; Mellor hielt auch eine kurze Ansprache vom Schafott an die Volksmassen. In dem Bericht über die Hinrichtung bemerkte das „Annual Register" (1813), daß Mellor und seine Leidensgenossen nicht wie Meuchelmörder aussahen und daß sie unter anderen Umständen tüchtige Menschen geworden wären. Drei Tage später folgten ihnen fünfzehn Arbeiter: sieben wurden vormittags, acht nachmittags hingerichtet. Die Schreckensurteile und die Hinrichtungen desorganisierten vorerst die Luddistenbe-wegung, jedoch erholte sie sich nach und nach, und im Jahre 1816 war der Luddismus, der im Grunde genommen eine elementare revolutionäre Bewegung bildete, wieder im Schwung. Byron faßte sie ganz als eine solche auf und dichtete für sie am 16. Dezember 1816 ein Sturmlied, in dem er sie mit den Männern des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges vergleicht.

3. Sozialer Sturm und Drang.

Die Napoleonischen Kriege nahmen 1815 ihr Ende. Der äußere Friede, den England seit Jahrzehnten nicht mehr gekannt hatte, zog wieder ins Land, aber die Freudenfeuer, die ihn begrüßten, warfen düstere Flammenstreifen auf Szenen von Not, Elend, Aufruhr, Verschwörungen und Demonstrationen. Denn die Hoffnung auf eine Erleichterung der Lage blieb aus. Niedrige Geldlöhne, hohe Lebensmittelpreise, Arbeitslosigkeit und Steuerlasten, politische und wirtschaftliche Unfreiheit (Junkerherrschaft und Koalitionsverbot) steigerten die Unzufriedenheit der Massen aufs äußerste. Seit 1816 befand England sich in einem Zustand der Rebellion, die, zudem durch Polizeispitzel geschürt, zu opferreichen und nutzlosen Verschwörungen in der Provinz wie in London führte. 1816 lebte der Luddismus wieder auf; in Nottingham zerstörten die Strumpfwirker 30 Maschinen; in den östlichen Gegenden Englands steckten die Landarbeiter die Heuschober in Brand; sie zertrümmerten die Dreschmaschinen, demonstrierten mit ihren Fahnen, deren Inschriften lauteten: „Brot oder Blut!" In Birmingham, Preston, Newcastle demonstrierten Massen von Arbeitslosen; in Dundee und Glasgow kam es zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär. In Mittelengland wurde ein im geheimen organisierter Insurrektionsversuch gemacht, der 23 der Beteiligten teils das Leben, teils die Freiheit kostete. 1819 brachte die Riesendemonstration in Manchester für allgemeines Wahlrecht und Sozialpolitik, wobei das Militär auf die Masse schoß und mehrere hundert Personen tötete und verwundete. 1820 wurde in London ein Insurrektionsversuch vorbereitet, der mit der Hinrichtung von 5 der Beteiligten abschloß. In diesen vier Jahren elementar revolutionärer Bewegungen entstand Shelleys Arbeitermarseillaise:

An Englands Männer.
Männer Englands! was bestellt
Euren Zwingherrn ihr das Feld?
Warum webet eure Hand
Der Tyrannen Prachtgewand?
Warum gebt der Drohnenbrut,
Die von eurem Schweiß und Blut
Frech sich nährt, ihr immer noch
Speis' und Trank, und front im Joch?
Bienen Englands! warum schafft
Ihr zur eignen Schmach und Haft
Waffen, Ketten immerdar
Für die feige Drohnenschar?
Habt ihr Obdach, Nahrung, Ruh'?
Winkt euch Glück und Liebe zu?
Sagt, um welchen Hochgewinn
Gebt ihr Schweiß und Blut dahin?
Ihr sät das Korn für andre nur,
Durchwühlt für sie nach Gold die Flur,
Für andre wirkt ihr das Gewand
Und euer Schwert trägt andre Hand.
Sät Korn - doch für den Zwingherrn nicht!
Schürft Gold - doch nicht dem faulen Wicht!
Webt Kleider - nicht dem Schelm zunutz!
Schweißt Waffen - selber euch zum Schutz!

Diese vier Jahre sind auch die Geburtszeit des modernen englischen Sozialismus.

4. Robert Owen.

Mit Owen beginnt die Geschichte des modernen Sozialismus in England. Er gehört auch zu den größten Gestalten der Geschichte des Sozialismus überhaupt. Er war der erste Sozialkritiker, der, früher als alle bürgerlichen Nationalökonomen und Staatsmänner, die Bedeutung der wirtschaftlichen Revolution erfaßte, und als Sozialist nach Mitteln suchte, ihre Errungenschaften in den Dienst des sozialen Fortschritts zu stellen. Er war auch persönlich tüchtiger als Fourier und Saint-Simon und drang viel tiefer als diese in das Wesen des Kapitalismus ein; nur an historischem Wissen und Gesamtblick wurde er von ihnen weit übertroffen.

Robert Owen wurde im Jahre 1771 in Newtown (Wales) als Sohn einer kleinbürgerlichen Familie geboren. Sein Vater war Sattler, Eisenhändler und Postmeister. Die Volksschule besuchte er bis 1781, wo er sich durch seine Begabung auszeichnete. Dann wurde er Handelslehrling und Handelsgehilfe in Stamford, London und Manchester. Schon frühzeitig offenbarte er ein bedeutendes Organisationstalent, besonders aber die Gabe, Menschen zu lenken. Die bewundernswerte Gesundheit und Harmonie seiner körperlichen und geistigen Energien, sein Ordnungssinn, sein Fleiß, sein ebenmäßiges, geradezu unerschütterliches Temperament resultierten in einem ungebrochenen und zielsicheren Willen, in einem Selbstvertrauen und einer Fähigkeit raschen Entschlusses, die ihn zum Menschenführer bestimmten. Owen gehört zu denjenigen seltenen Naturen, deren Denkprozesse ohne große Reibungen und störende Wirbel verlaufen und deshalb ohne Zeitverlust den motorischen Nerven klare, entschiedene Befehle übermitteln. Aus derart organisierten Menschen entstehen große Feldherren, überragende Staatsmänner und auch erfolgreiche Revolutionäre, wenn richtige sozialwissenschaftliche Anschauungen ihre Aktionen leiten. Im Jahre 1790 wurde er Direktor einer Textilfabrik in Manchester, die 500 Arbeiter beschäftigte. Der bescheiden auftretende junge Mann gewann bald einen leitenden Einfluß auf die unter seine Aufsicht gestellten Arbeiter, obwohl das Fabrikproletariat sich zu jener Zeit aus den untersten und verwahrlosesten Schichten des Volkes rekrutierte. Sein Gehalt belief sich auf 300 Pfund Sterling jährlich, und es wurde ihm auch die Teilhaberschaft an dem sehr profitablen Unternehmen in Aussicht gestellt. Er blieb indes nur bis 1795 auf diesem Posten und machte sich selbständig. Die schöpferischen Fluten der industriellen Revolution erhoben zu Reichtum und Ansehen diejenigen Geschäftsleute, die die Gelegenheit zu benutzen verstanden, und sie warfen diejenigen in den Abgrund, die sich ihnen nicht anpassen konnten. Owen sah, begriff und siegte: er entschloß sich ohne Zaudern, auf eigene Rechnung zu fabrizieren, und warf sich auf die Feinspinnerei, die die größten Gewinste erzielte. Sein Geschäft nahm einen raschen Aufschwung, und schon im Jahre 1797 erwarb er mit einigen Teilhabern eine Textilfabrik für 60000 Pfund Sterling von der Firma Dale und Arkwright in New-Lanark (Schottland), wo seine bahnbrechende sozialreformerische Tätigkeit begann, die - in Verbindung mit seinen geschäftlichen Erfolgen - ihn zu einem der berühmtesten Männer seiner Zeit machte. Im Jahre 1800 übernahm er die ganze Leitung und zugleich die soziale Wiedergeburt des Fabrikdorfes New-Lanark, wo er nicht nur feines Garn hervorbrachte, sondern auch gesundere, glücklichere Menschen und edlere Charaktere erzog.

In der Hauptsache waren es folgende Reformen, die Owen in New-Lanark einführte und die den von ihm beabsichtigten Erfolg erzielten:

1. Er richtete Kleinkinderschulen ein und begründete den Unterricht auf Anschauung und Beobachtung; er schaffte Strafe und Belohnung ab; Knaben erhielten Unterricht im Turnen, Mädchen in Haushaltsgegenständen. 2. Kinder im Alter von unter 10 Jahren wurden in die Fabrik nicht aufgenommen. Er setzte einen Normalarbeitstag von 10 1/2 Stunden fest. 3. Die Fabrikräume wurden verschönert und gesundheitlicher eingerichtet; ebenso bemühteersich, das ganze Fabrikdorf zu sanieren und die Ortsbevölkerung zu Reinlichkeit, Ordnung und Pünktlichkeit zu erziehen. Durch Errichtung eines genossenschaftlichen Konsumladens, wo gute Waren zu niedrigen Preisen verkauft wurden, sowie durch die körperliche und geistige Gesundung, die die verschönerten Wohnungen und Arbeitsstätten zur Folge hatten, verloren die Schankhäuser ihre Anziehungskraft. Die Arbeiterschaft wurde mäßiger im Genuß von Spirituosen, und die Trunksucht und ihre verderblichen Wirkungen verschwanden. 4. Kranken- und Alterspensionskassen wurden eingerichtet; im Jahre 1806, als eine Geschäftskrise ausbrach und viel Arbeitslosigkeit herrschte, zahlte Owen den Beschäftigungslosen ihre Löhne, bis die Krise vorüber war.

Dem ganzen Reformplan Owens lag der Gedanke zugrunde, daß das Laster nur dann hinweggeräumt werden könnte, wenn seine Quelle verstopft würde. Die Umstände, in denen die Menschen lebten, müßten so beschaffen sein, daß sie das Gute im Menschen förderten.

Denn der Charakter des Menschen hängt vollständig von den Umständen ab, in denen er geboren wurde und in denen er lebt und wirkt. Es kommt also darauf an, die Umstände - die charakterbildenden Faktoren - so zu gestalten, daß der Mensch tugendhaft wird, sozial fühlt und wirkt.

Seit 1812 wirkte er für Schulreform und Fabrikgesetzgebung, sprach erst in öffentlichen Versammlungen, wurde Freidenker und praktisch 1817 auch Sozialist. An Stelle der Armengesetzgebung verlangte er für die Arbeitslosen die Errichtung von landwirtschaftlichen und industriellen Genossenschaften und riet schließlich den Arbeitern, sich produktivgenossenschaftlich zu organisieren und die technischen Erfindungen, die ihnen unter der Herrschaft des Kapitals zum Fluche gereichen, zu ihrem eigenen Nutzen zu verwenden und sie in einen Segen für alle zu verwandeln. Die Ursache der Verschlimmerung der Lage der Arbeiter, die Zunahme der Beschäftigungslosigkeit und Abhängigkeit erblickte er in der beispiellosen Vermehrung der Maschinerie, die den Reichen allen rapide steigenden Reichtum verschafft und den Besitzlosen nur Arbeitslosigkeit, Lohnherabsetzungen bringt und deren Frauen und Kinder in die Fabrik treibt. In den Jahren 1818-1821 verbreitete er in Zeitungsartikeln, Broschüren, Eingaben an die Regierungen folgende Ansichten:

Ehe die industrielle Revolution in die englische Wirtschaft tief eingriff, also bis etwa 1790, wurde die produktive Arbeit von erwachsenen Männern ausgeführt; die frühzeitige Anspannung von Kindern und Frauen zur regelmäßigen gewerblichen Lohnarbeit gehörte zu den Ausnahmen. Man darf annehmen, daß um das Jahr 1792 etwa ein Viertel der Bevölkerung produktiv tätig war. Die Bevölkerung Großbritanniens und Irlands mag damals etwa 15 Millionen gezählt haben, die produktiv tätige also etwa 3750000 Menschen. Die wissenschaftliche (mechanische und chemische) Produktivkraft derselben Periode belief sich wahrscheinlich auf das Dreifache der Handarbeitskraft: auf 11250000, die gesamte Produktivkraft auf 15 Millionen. Die Zahl der Produktivkräfte und die der Bevölkerung waren demnach gleich. Produktivkraft und Bevölkerung verhielten sich wie 1:1.

Dann kam die rasche Anwendung der mechanischen Erfindungen, die seit 1760 in die produktive Arbeit eindrangen und sich ein Gebiet nach dem ändern eroberten. Der Umschwung, den sie hervorriefen, ist außerordentlich. Sie füllten die Fabriken mit Kinder- und Frauenarbeit und führten zu einer Verlängerung der Arbeitszeit. Die Steigerung der Zahl der produktiven Kräfte ist enorm. Im Jahre 1817 betrug die Bevölkerung der britischen Inseln 18 Millionen, wovon ein Drittel zur produktiven Arbeit herangezogen wurde, also 6 Millionen. Unvergleichlich stärker war inzwischen die Vermehrung der mechanischen Produktivkräfte, die jetzt (1817), bescheiden gerechnet, 200 Millionen betragen. Rastlos, gleichmäßig und fast kostenlos sind diese 200 Millionen eiserner Arbeiter an der Erzeugung von Reichtum tätig. Für jeden Briten schaffen jetzt mehr als zehn starke Arbeitskräfte bei Tag und Nacht allerhand Güter; und jeder menschliche Arbeiter hat mit mehr als dreißig mechanischen, bedürfnislosen Konkurrenten um seine Existenz zu kämpfen. Dreißig gegen einen! In den Jahren von 1792-1817 waren demnach folgende Änderungen der Ökonomie der britischen Inseln zu verzeichnen:

Die Bevölkerung stieg von 15 Millionen auf .....................................18.000.000
Die Handarbeit von 1/4 von 15 Millionen auf 1/3 von 18 Millionen ........6.000.000
Die mechanischen Produktivkräfte stiegen auf ..............................200.000.000
Die alten mechanischen Produktivkräfte betrugen ...........................11.250.000
Die Gesamtproduktivkräfte belaufen sich also im Jahre 1817 auf .. .217.250.000

Auf jeden Menschen der britischen Bevölkerung kommen im Jahre 1817 mehr als zwölf Produktivkräfte. Seit 1792 hat also die Macht Britanniens, Reichtum zu schaffen, sich verzwölffacht. Diesen Überfluß an Reichtum kann Britannien entweder im Kriege und in anderen nutzlosen Unternehmungen verschwenden oder auf die Verbesserung der Lage der Bevölkerung weise verwenden. Und es war dieser Reichtum, der die britische Regierung befähigte, fast ein Menschenalter in kostspieligen Kriegen zu verbringen und Napoleon zu stürzen.

Der enorme Zuwachs der Produktivkräfte Britanniens ist indes unbedeutend, wenn er mit den Möglichkeiten verglichen wird, von denen es noch Gebrauch machen kann. Das Land besitzt noch unbenutzte oder falsch benutzte Kapitalien, die hinreichend wären, Jahr um Jahr Produktivkräfte zu entfesseln, die die der Handarbeitskräfte weit übersteigen würden. Schon mit einer Bevölkerung von unter zwanzig Millionen und mit Hilfe von Produktivkräften, die nur vom blinden Selbstinteresse „geleitet" werden, ist Britannien imstande, seine eigenen Märkte mehr als zu befriedigen und überdies den Weltmarkt mit Fabrikwaren aller Art zu überfüllen. Die britische Regierung ist deshalb eifrig bemüht, neue Märkte, auch die der entferntesten Gegenden, zu erschließen; und wenn sie eine neue Welt ins Dasein rufen könnte, so würden die britischen Gewerbe nicht in die geringste Verlegenheit kommen, die neue Nachfrage zu befriedigen.

Und doch schreit die Not vergeblich nach Abhilfe; ganze Gesellschaftsklassen versinken in Armut; der Wert der Handarbeit (der Lohn) fällt; die Armen werden mit Haß erfüllt und greifen zu Gewalttätigkeiten; und Menschenfreunde entsetzen sich über den Notstand, ohne ihm beikommen zu können, und ihm ist tatsächlich mit den bisherigen Mitteln nicht beizukommen; es ist vielmehr sicher, daß er an Umfang und Tiefe sich verschlimmern wird. Denn der Fortschritt der Wissenschaft, die Zunahme der mechanischen Produktivkräfte und das Wachsen des Reichtums erzeugen ihn und müssen ihn unter den obwaltenden Umständen zu erzeugen fortsetzen. Was ist denn die Ursache der Massenarmut und des allgemeinen Notstandes? Die Ursache liegt in dem raschen Wachsen der neuen Produktivkräfte, für deren vorteilhafte Anwendung die Gesellschaft keine Vorsorge getroffen hat: die Gesellschaft hat es verfehlt, Einrichtungen zu treffen, die allen Mitgliedern die Möglichkeit gegeben hätten, an den Vorteilen der neuen wissenschaftlichen und ökonomischen Errungenschaften teilzunehmen.

Das große Problem unserer Zeit liegt also nicht auf dem Gebiet der Produktion, sondern auf dem der Verteilung. Rasch fließende und gehaltreiche Ströme von Reichtum, für deren zweckentsprechende Benutzung keine Einrichtungen getroffen wurden; reiche Wissensquellen, die unbenutzt bleiben - das sind die wirklichen Ursachen des Übels. Hieraus entstehen Armut, Elend, Unwissenheit, Müßiggang, Verbrechen, drakonische Strafen und blutige Kriege - Symptome eines moralisch und materiell ungesunden Zustandes der Gesellschaft. Weder die politischen Ökonomen und Staatsmänner noch die geistlichen Lehrer und Gesetzgeber haben sich als fähig erwiesen, diesen Zustand zu begreifen und einer Gesundung entgegenzuführen.

Owen wurde deshalb Sozialist(1). Aber da er bei der damaligen Rückständigkeit der Arbeitermassen an deren Klassenkampf und Befreiung nicht glaubte, und auch infolge seiner ganzen im XVIII. Jahrhundert wurzelnden Auffassung, daß nicht Kampf, sondern Aufklärung und friedliche Änderung der Umstände helfen könnten, verfiel er in den Utopismus und sah die alleinige Hilfe in der Gründung von kommunistischen Kolonien. 1820 zog er sich vom Geschäftsleben zurück, gründete teils in Amerika, teils in England kommunistische Kolonien, die sämtlich fehlschlugen, und entfernte sich von der eigentlichen Arbeiterbewegung, die seit 1824 (seit der Aufhebung des Koalitionsverbots) in einen Klassenkampf eintrat.

5. Combe, Gray, Thompson, Morgan, Bray.

Vollständig unter dem Einfluß Owens steht Abram Combe (1785-1827). Im Jahre 1820 besuchte er, wie Tausende anderer Leute, New-Lanark und kam sofort unter den Zauber der owenistischen Geisteswelt. Drei Jahre später veröffentlichte er ein interessantes Büchlein: „Metaphorical Sketches of the Old and the New System" (Metaphorische Skizzen des alten und des neuen Systems), und 1825 gründete er die kommunistische Kolonie in Orbiston bei Glasgow, in der er sich infolge Überanstrengungen den Tod holte. Nach seinem Tode zerfiel seine kommunistische Schöpfung.

John Gray (1798-1850?), ein Bekannter von Combe und einer der Aktionäre der kommunistischen Kolonie Orbiston, war konsequenter Vertreter der Austausch- und Zirkulationsmittelreform. Er besuchte die Mittelschule in Repton, dann wurde er Kaufmannslehrling in London, wo er in den Notjahren von 1816-1820 zum sozialkritischen Denken angeregt wurde. Er veröffentlichte im Jahre 1825 eine Broschüre: „Lecture on Human Happiness" (Vortrag über menschliche Glückseligkeit), die sich fast vollständig im Gedankengang Owens bewegt und eine statistische Tabelle enthält, in der mathematisch nachgewiesen wird, daß die produktive Klasse nur ein Fünftel des Ertrags ihres Schaffens erhält, während vier Fünftel in die Taschen der unproduktiven Klasse fließen. Die Konkurrenz hat nicht nur aufgehört, irgendwelchen Nutzen zu bringen, sondern wirkt direkt schädlich. Gray lobte Owens Plan, jedoch fügte er am Schlüsse seiner Broschüre folgende Ankündigung hinzu: „In einer künftigen Abhandlung werden wir einen anderen Aufbau auf der Grundlage eines Nationalkapitals zu skizzieren versuchen, durch dessen Einführung die einzigen Grenzen für unseren Reichtum die Erschöpfung unserer Produktivkräfte und die Befriedigung unserer Wünsche sein würden."

Die versprochene Abhandlung ist das im Jahre 1831 von ihm veröffentlichte Buch „Social System", das die ganze Sozialreform auf den Austauschprozeß konzentriert. Die Leitpunkte seines Reformplans sind:

Die Edelmetallwährung ist vollständig abzuschaffen. Das Geld als Austauschmittel muß ebenso leicht erhältlich und herstellbar sein wie die Güter, denen es als Austauschmittel dient; und als Wertmaß muß das Geld ebenso konstant sein wie eine Elle oder ein Pfund. Gold ist weder leicht erhältlich noch konstant im Werte, also zum Austauschmittel und Wertmaß untauglich. Und was von der Goldwährung gilt, bezieht sich auch auf Banknoten, denn auch sie sind Repräsentanten von Wert; sie beruhen auf Sicherstellungen, deren Gesamtwert größer ist als der des auf sie gestützten Geldes. Wir leiden deshalb fortgesetzt an einem Mangel an Austauschmitteln, da diese den Gesamtwert der Austauschgüter nie erreichen. Der Zweck des Geldes ist aber, die Menschen zu befähigen, zu jeder Zeit irgendeinen Gegenstand gegen einen gleichwertigen, aber verschiedenartigen auszutauschen. Um diesen Zweck erfüllen zu können, darf das Geld selber keinen Tauschwert haben, sondern einfach einen Empfangsschein darstellen, daß sein Inhaber eine gewisse Summe von Werten zum nationalen Reichtumsschatz beigetragen hat und berechtigt ist, zu jeder Zeit gleichwertige Güter aus dem nationalen Reichtumsschatz zu erhalten. Der Austausch darf sich nicht anarchisch und konkurrenzmäßig abspielen, sondern muß planmäßig organisiert werden. Das ganze Prinzip der Genossenschaftlichkeit, von dem Gray in seinem Erstlingswerk spricht, soll sich einzig und allein auf den Austausch beschränken. Hierin besteht der wichtigste Unterschied zwischen ihm und Owen. Nach Gray soll die Güterherstellung ihren privatwirtschaftlichen Charakter behalten. Erst wenn die Güter fertiggestellt sind, sollen sie durch zentrale, genossenschaftliche Einrichtungen ausgetauscht werden. Zu diesem Zweck wird eine Nationalbank eingerichtet, die das ausschließliche Recht besitzt, Papiergeld (Empfangsscheine) herzustellen. Ferner werden Warenhäuser gebaut, an deren Spitze Agenten stehen, die mit der Nationalbank in Verbindung sind, von ihr Papiergeld empfangen und an sie über Zufluß und Abfluß der Güter berichten. Die verschiedenen Produzenten liefern ihre Güter an die nationalen Warenhäuser, beglaubigte Taxatoren schätzen den Kostenpreis (Rohstoffe, Maschinenverschleiß, Arbeitslohn) ab und schlagen einen gewissen, von der nationalen Handelskammer festgesetzten Mehrbetrag darauf, der Profit, Geschäfts- und Verwaltungsspesen darstellt. Kostenpreis und Mehrbetrag bilden den Detailpreis der Güter. Die Produzenten erhalten dann Papiergeld (Empfangsscheine) auf den Betrag der eingelieferten Güter, für das sie sich in den anderen Warenhäusern die von ihnen gewünschten Güter holen. Auf diese Weise würde das umlaufende Papiergeld stets im Verhältnis zum vorhandenen Warenvorrat stehen; die Produzenten würden stets imstande sein, ihre Güter gegen gleichwertige und von ihnen gewünschte auszutauschen, und sie würden sich auch leicht eine Übersicht über Angebot und Nachfrage verschaffen können. Die Buchführung der Nationalbank würde zu jeder Zeit die Bilanz der Güter aufweisen und Überproduktion und Krisen vorbeugen. Die Hauptsache ist hierbei die Produktion; je mehr einer produziert, desto mehr Aussicht hat er, seine mannigfachen Bedürfnisse befriedigen zu können. Die Produktion wird die Nachfrage bestimmen und nicht - wie heute - die Nachfrage den Umfang der Produktion.

Im Gegensatz zu Gray, der unbewußt beim Owenismus begann und zur Privatproduktion gelangte, trat William Thompson (zirka 1785-1833) als Anhänger der utilitarischen Lehren und als Gegner Owens an die Untersuchung der sozialen Probleme heran und entwickelte sich bald zum konsequenten Kommunisten und zum Theoretiker des Owenismus. Die Erstlingsfrucht seiner Untersuchungen war sein umfangreiches Werk „Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth most conducive to human happiness" (Untersuchung über die Grundsätze der Verteilung des Reichtums, die die menschliche Glückseligkeit am meisten fördern könnten). Es trägt noch deutlich die Spuren seines Schwankens und des mühevollen Prozesses seiner Selbstklärung. Erst seine kleine Schrift „Labour Rewarded" (Die belohnte Arbeit), die gegen Ende 1825 verfaßt und zwei Jahre später veröffentlicht wurde, ist konsequent owenistisch.

Als Anhänger Benthams war er überzeugt, daß der Zweck der Gesellschaft die Glückseligkeit ist, daß die Gütererzeugung die Grundbedingung zur Glückseligkeit bildet und daß die Sicherheit des Besitzes den Ansporn zur Gütererzeugung gibt. Ohne Gütererzeugung ist eine Befriedigung der Bedürfnisse und Wünsche der Menschen nicht denkbar, und ohne Sicherheit des Besitzes der Produkte der Arbeit wird an eine Hebung und Förderung der Produktion nicht gedacht werden.

Die industrielle Revolution hat aber gezeigt, daß die Produktion allein die Glückseligkeit nicht hervorrufen kann. Zur Glückseligkeit gehört also nicht nur die Produktion, sondern auch eine möglichst allgemeine Verteilung der wirtschaftlichen Güter, was aber heute nicht der Fall ist. Denn der Arbeiter ist der Erzeuger des Reichtums, aber der Kapitalist nimmt ihm den größten Teil davon weg, so daß große Ungleichheit und Unsicherheit entstehen, wodurch das Prinzip der Glückseligkeit verletzt wird. Der ganze Zustand der Gesellschaft ist schlecht und ungerecht. Die Produktion von Reichtum kann nicht steigen, wo die Sicherheit des Besitzes und des Genusses fehlt. Wenn also Sicherheit und Gleichheit die einzigen Mittel sind, die fortgesetzte Produktion von Reichtum und die größte Summe von G'ück zu sichern, so bleibt keine andere Art der Verteilung übrig als die erhabene Einfachheit der Gerechtigkeit: man sichere jedem die freie Verfügung über die gesamten Produkte seiner Arbeit. Und das ist auch die Forderung, die die Arbeiter aufstellen: „Die Gewerbefleißigen, deren Zeit verwendet, deren körperliche und geistige Kräfte angespannt waren, um jene Gegenstände zwecks Vermehrung ihres eigenen Behagens zu erzeugen, treten auf und nehmen das als ihr Eigentum in Anspruch, was ihre Arbeit gemacht hat." Aber soll denn der Arbeiter alles und der Kapitalist, der ihm die Produktionsmittel zur Verfügung stellt und das Arbeiten ermöglicht, nichts erhalten? Thompson antwortet: Gewiß muß der Arbeiter für ihre Benutzung bezahlen, wenn er sie unglücklicherweise nicht besitzt; die Frage ist nur, wieviel von den Produkten seiner Arbeit für diese Benutzung abgezogen ' werden soll. Zwei Maßstäbe für diesen Wert bieten sich uns dar: der des Arbeiters und der des Kapitalisten. Nach dem Maßstab des Arbeiters wäre eine Beisteuer nötig, die zum Ersatz für Abnutzung sowie des Wertes des verbrauchten Kapitals ausreicht, wozu dann noch für den Besitzer und Verwalter des Kapitals eine genügende Entschädigung hinzukäme, die ihm denselben Lebensgenuß gestattet, den die leistungsfähigeren unter den produktiven Arbeitern in Anspruch nehmen. Der Maßstab des Kapitalisten würde dagegen den Wertzuwachs umfassen, den dieselbe Menge Arbeit infolge der Benutzung von Maschinen und anderen Kapitals erzeugt. Dieser ganze Mehrwert (surplus value) müßte dem Kapitalisten zugute kommen für die höhere Intelligenz und Geschicklichkeit, die es ihm ermöglicht haben, sein Kapital anzuhäufen und seine Benutzung den Arbeitern vorschußweise zu gestatten. Die Verschiedenheit der Beträge, die nach diesen beiden Maßstäben von den Arbeitern für die Benutzung des zur Ausübung ihrer produktiven Kräfte nötigen Kapitals bezahlt werden müssen, ist ungeheuer. Es ist der Unterschied zwischen einer fast vollkommenen Gleichheit und einem Übermaß von Reichtum auf der einen und von Unterdrückung und Armut auf der anderen Seite.

Eine kurze Erwähnung verdient der christliche Owenist John Minter Morgan (1782-1854). Im Jahre 1826 veröffentlichte er die „Revolt of the Bees" (Revolte der Bienen) und im Jahre 1834 „Hampden in the Nineteenth Century", die in Form von Zwiegesprächen den Owenismus propagierten und wegen ihrer schönen und poetischen Sprache von den gebildeten Arbeitern viel gelesen wurden.

Die beste und endgültige Zusammenfassung des Owenismus gab jedoch J. F. Bray, ein Schriftsetzer aus Leeds, in seinem glänzend geschriebenen Buche „Labour's Wrongs" (Die Beschwerden der Arbeiter), 1839. (Mehrere der hier genannten Bücher sind in deutschen Übersetzungen bei Hirschfeld, Leipzig, „Hauptwerke des Sozialismus", erschienen.)

6. Individualistische Sozialkritiker: Ravenstone, Hodgskin.

Parallel mit der sozialistischen Kritik läuft eine individualistische Sozialkritik, die zwar scharf antikapitalistisch ist, aber nicht zum Sozialismus gelangen kann. Sie sieht im Kapitalismus und in der industriellen Revolution, die ihn zum Machthaber des Arbeiterfleißes erhob, einen krankhaften Zustand des in Unordnung geratenen Gesellschaftslebens. Das von ihr vorgeschlagene Heilmittel ist eine Sozialreform, deren Zweck es sein soll, eine Gesellschaft von selbständigen landwirtschaftlichen und gewerblichen Arbeitern zu schaffen und die kapitalistische Aneignung der Erträge des Arbeitsfleißes unmöglich zu machen. Sie ist deshalb eine Gegnerin der Rente, des Kapitalprofits, der Monopole, der Zölle und der hohen Steuern, wie überhaupt aller positiven Aufgaben und Maßnahmen des Staates. Ihre Anhänger sind entweder freihändlerisch-liberal oder anarchistisch und stehen in einem Gegensatz zur Taktik und zum Ziel der Sozialisten und haben mit diesen nur die Sozialkritik gemein. Ihre Ausgangspunkte sind Locke, Smith-Ricardo und zum Teil Godwin; sie sind sämtlich der Ansicht, daß den Menschen oder der Natur bestimmte Gesetze innewohnen, die sie zur Glückseligkeit führen würden, wenn die Staatsgesetze oder die künstlichen Regulierungen nicht dazwischen kämen und das freie Auswirken der Naturgesetze nicht hemmten.

Das geistige Oberhaupt dieser Schule ist Piercy Ravenstone; sein Nachfolger ist Thomas Hodgskin. Ähnliche Gedankengänge sind in der Zeit von 1820 bis 1830 bei anderen Schriftstellern, die meistens anonym an verschiedenen freiheitlichen Zeitschriften arbeiteten, zu finden. Einer dieser anonymen Publizisten wurde von Marx entdeckt und als „Pamphletist"(2) besprechen. Piercy Ravenstones Hauptwerk ist: „A few doubts äs to the correctness of some optnions generally entertained on the subjects of Political Eco-nomy" (Einige Zweifel über die Richtigkeit mancher landläufiger Ansichten über Themen der politischen Ökonomie), erschienen 1821. Er veröffentlichte drei Jahre später eine Broschüre über das Staatsschuldensystem, die von Marx ausführlich behandelt wird (Theorien über Mehrwert, Band III). Er ist ein scharfsinniger, kenntnisreicher Forscher. Politische Ökonomie ist ihm schon gleichbedeutend mit der Wissenschaft vom sozialen Leben. Der Zweck dieser Wissenschaft müßte sein, das menschliche Glück zu begründen und nicht den Reichtum einzelner auf Kosten der Arbeiterklasse anzuhäufen. Das Wesentliche seiner Lehren läßt sich wie folgt zusammenfassen:

Die Grundkräfte der Gesellschaft sind Menschen- und Güterproduktion. Es ist ein Gesetz der Natur, daß die Menschen immer zahlreicher werden, und die Natur rüstet den Menschen mit der Fähigkeit aus, seinen Unterhalt durch Arbeit zu erlangen. Die Vermehrung der Bevölkerung veranlaßt eine Vermehrung der Produktion, der materiellen und der geistigen Mittel, die wieder ihrerseits zu Änderungen im Bau der Gesellschaft führen. Bei einem ungestörten Wirken dieser Grundkräfte würde Vermehrung der Bevölkerung stets Vermehrung der Güter und Verwirklichung der Glückseligkeit - des eigentlichen Zieles der Gesellschaft - bedeuten. Denn nur sie ermöglicht eine weitgehende Arbeitsteilung, die ihrerseits wieder die Menschen befähigt, die Güterproduktion vorteilhaft auszugestalten, Erfindern und Forschern Anregung, Erfahrung und Muße zu. gewähren, ihren Geist zu betätigen. Die Erfindungen sind nicht ausschließlich das Werk derjenigen Personen, nach denen sie benannt werden, sondern das Produkt der Kollektivarbeit der Nation oder der Menschheit. Die Grundkräfte der Menschheit werden aber durch gewisse gesellschaftliche Einrichtungen gehemmt; und die Folgen dieser Hemmnisse sind die Unregelmäßigkeiten im sozialen Leben, die sich als Armut und Unterdrückung der produktiven Klassen kundgeben. Welche Einrichtungen sind es, die das Emporwuchem dieser Übel gestatten? Eigentum (Kapital), hohe Rente und hohe Steuern. Sie zerstören das natürliche Recht dar Arbeiter auf die von ihnen erzeugten Güter und erhöhen fortgesetzt die Zahl der unproduktiven Klassen, die immer größere Anteile an den Erträgen der Arbeiter erhalten.

Kapital an sich existiert nicht; es ist nur aufbewahrte Arbeit. Dennoch wurde es zum Fetisch, zu einem metaphysischen Wesen gemacht, dem alle Errungenschaften des sozialen Lebens zugeschrieben werden, während die Arbeit, die das wirkliche Kapital schafft, nur als eine durch die Gnade des meta- ' physischen Wesens am Leben erhaltene Bettlerin betrachtet wird. Die aufbewahrte Arbeit, die ihren Erzeugern genommen wurde, verwandelte sich in den Händen der unproduktiven Klasse zur Macht. Ihre Aneigner waren ursprünglich nur die vom Volke gewählten Vorgesetzten und Beamten; die Menschen scheinen zu schwach zu sein, um ohne Vorgesetzte leben zu können; aber im Laufe der Zeit usurpierten sie die Lebensquellen des Landes und wurden zur politischen Macht. Ökonomische und politische Macht gehen stets Hand in Hand. Die Art, wie das Eigentum verteilt ist, bestimmt die Regierungsform, die Sitten und den Charakter einer Nation. Im Besitze der politischen Macht begannen die Herrscher die Arbeit tiefer und tiefer herabzudrücken. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit wurde zur unüberbrückbaren Kluft. Alles Kämpfen der Arbeiter ist ergebnislos. Es ist ein Kampf zwischen Schwäche und Gewalt, zwischen gezügeltem Roß und gesporntem Reiter. Die ganze Nation leidet und zersetzt sich in diesem konvulsivischen Ringen. Die Arbeiterklasse allein ist machtlos. Es müssen ihr alle beistehen, die das Wohl des Staates am Herzen haben. Nur durch eine Revolution kann die Nation sich vom Druck des Kapitals befreien.

Von ähnlichen Gedankengängen ist ein anonymes Pamphlet beherrscht, das in Form eines anonymen Schreibens an Lord John Russell im Jahre 1820 erschien. Das Pamphlet zeichnet sich noch durch folgende Gedankengänge aus:

Seit der Entstehung des Maschinenzeitalters ist die Arbeit außerordentlich produktiv geworden. Kapital oder aufbewahrte Arbeit kann in Hülle und Fülle hervorgebracht werden. Dennoch müssen die produktiven Arbeiter für die Erlaubnis, die Produktionsmittel und Rohstoffe zu benutzen, sechs Siebentel ihrer Erträge an die Kapitalisten abgeben. Der Kapitalzins ist also sehr hoch. Und je höher der Kapitalzins, desto niedriger der Anteil der Arbeiter an ihrem eigenen Produkt, desto ärmer die produktive Klasse. Der hohe Kapitalzins ist ein Beweis, daß noch wenig Kapital vorhanden ist, trotzdem es so leicht erzeugt werden kann. Was sind die Ursachen dieser widerspruchsvollen Erscheinungen? Die Ursachen sind: der Austausch der nützlichen heimischen Güter gegen ausländische Luxusartikel durch den Außenhandel; Papiergeld; Kriege; Kornzölle; gesetzliche Beschränkungen der Gewerbe. Diese Ursachen hemmen die rasche Zunahme des Kapitals und somit das Sinken des Kapitalzinses oder, was dasselbe ist: sie hemmen die Erhöhung des Anteils der Arbeiter an den Erträgen ihres Schaffens. Das Heilmittel liegt offenbar in der Beseitigung dieser Ursachen; hauptsächlich aber in der Herstellung der gewerblichen Freiheit. Ist diese eingeführt, so werden die übrigen Ursachen leicht beseitigt werden. Das Kapital wird sich schnell vermehren, der Kapitalzins wird sinken und somit der Anteil der Arbeiter an ihren Produkten zunehmen. Die Verbesserung der ökonomischen Lage der Arbeiter wird zur Kürzung der Arbeitszeit führen. Und kurze Arbeitszeit und hohe Löhne sind die sichersten Anzeichen der Blüte eines Landes.

Früher oder später muß die Zeit kommen, wo Kapital in solchem Maße vorhanden sein wird, daß niemand für dessen Benutzung einen Zins zahlen wird. Wenn der Zinsfuß auf den Nullpunkt sinkt, wird die Befreiungsstunde der Menschheit schlagen.

Durch Umstände und Veranlagung auf die sozialkritische Bahn gedrängt, erhielt Thomas Hodgskin (1787-1869) dauernde und entscheidende Anregung von Piercy Ravenstone. Seine Hauptschriften sind: „Labour Defended" (Verteidigung der Arbeit), erschienen anonym im Jahre 1825; „Populär Political Economy" (Politische Ökonomie vom Standpunkt der Volksmassen); sie besteht aus Vorträgen, die er im Jahre 1826 in der Londoner Arbeiterbildungsschule hielt; schließlich „Natural and artifical Rights of Property" (Natürliche und künstliche Eigentumsrechte), erschienen anonym im Jahre 1832. Seine Geschichtstheorie ist nicht einheitlich, aber folgende Zusammenfassung dürfte ihr gerecht werden: Die Gesellschaft ist ein natürliches Phänomen, dem bestimmte Gesetze innewohnen. Der Weltgeist, die erhabenste moralische Macht, rüstete sie mit ihnen aus, um eine gerechte Weltordnung zu schaffen. Die Aufgabe des politischen Ökonomen ist eine rein negative: sie besteht nur darin, diese Gesetze zu erforschen und deren Verletzung zu verhüten. Die Naturgesetze sind wohltätig, die Menschengesetze sind schädlich. Ursprünglich herrschte die Gleichheit. Die Arbeit galt als der alleinige Rechtstitel auf Besitz und Reichtum. Durch das Wirken der natürlichen Triebe vermehrten sich die Menschen; mit der Vermehrung der Menschen wuchsen die materiellen Bedürfnisse, die zu intensiverem Nachdenken zwangen und zur Bereicherung des Wissens und Könnens durch Beobachtung, Erfindung und Entdeckung führten. Erfindungen sind nicht das Werk einzelner Personen, sondern repräsentieren das Ergebnis des Denkens und Schaffens der ganzen Gesellschaft; die Erfinder und Entdecker besitzen nur die glückliche Gabe, durch eine eigene kleine Idee die verschiedenen neuen Erkenntnisse zu einer Einheit zu verbinden. Auch die geographische Lage bestimmt manche Völker zur stärkeren Entfaltung ihrer Fähigkeiten und ihrer Macht. Wäre der natürliche Lauf der Dinge nicht durch menschliche Einrichtungen unterbrochen worden, so würde der Fortschritt der Menschheit auf der Bahn der Gerechtigkeit allgemein gewesen sein. Aber die Gewalt kam dazwischen und verletzte die Naturgesetze: sie trennte Arbeit und Reichtum voneinander, worauf die Nichtarbeiter zu Gesetzgebern wurden. Die Folgen waren: Ungleichheit, Bedrückung, Elend, Luxus, Überarbeit, Müßiggang, Kriege, Verbrechen. Aber die menschlichen Gesetze haben die Naturgesetze nicht ganz verdrängen können. Infolge des Wirkens der der Gesellschaft innewohnenden Gesetze vollzieht sich langsam - trotz der Menschengesetze - die Befreiung der Unterdrückten. Der Hörige entwuchs den Fesseln der Leibeigenschaft, erwarb sich das Recht auf die von ihm erzeugten Produkte. Dann trat der Kapitalist auf, der den Grundherrn zinspflichtig machte. In unserer Zeit werden die Mittelklassen immer zahlreicher; bei ihnen tritt die Vereinigung von Arbeit und Besitz wieder in die Erscheinung. Mit der Ausbreitung der mechanischen Erfindungen, die nach und nach die schweren Arbeiten verrichten werden, wird die Mittelklasse die ganze Gesellschaft zu freien und gleichen Menschen machen.

Hodgskins politische Ökonomie besteht aus der Beweisführung, daß das Kapital unproduktiv sei, daß das fixe Kapital (Produktionsmittel) von den Arbeitern erzeugt und mit schöpferischer Kraft versehen werde und daß das zirkulierende Kapital (Lohn in Form von Lebensmitteln) täglich von den Arbeitern hervorgebracht werde.

Zur Güterproduktion sind nur drei Dinge nötig: 1. Kenntnisse und erfinderischer Geist; 2. technische Befähigung; 3. Geschicklichkeit und Kraft zur Handhabung der Werkzeuge. Mit Hilfe dieser Dinge, von Kopf- und Handarbeitern geschaffen, wurde England reich, und nicht durch sogenanntes Kapital, das nur ein mystisches Zeichen sei. Schaffen Unternehmer am Produktionsprozeß mit, so verdienen sie als qualifizierte Arbeiter eine anständige Entlohnung. Aber als Kapitalisten stellen sie nur Ausbeuter dar, deren Interessen denen der Arbeiter diametral entgegengesetzt seien. Hieraus entstehen umfassende Kämpfe zwischen Kapital und Arbeit. Zum Glück regen sich die Arbeiter, schaffen Koalitionen und bemühen sich, ihre numerische und physische Übermacht durch Bildung und Kultur zu vervollständigen. Und es wird keinen Frieden und kein Glück auf Erden geben, bis Arbeit und Reichtum in denselben Händen vereinigt sind(3).

1) Der Ausdruck „Sozialist" kommt jedoch zum ersten Male im Tagebuch William Owens (des Sohnes von Robert Owen) vor, geschrieben 1820.

2) Pamphlet ist bei Marx, wie im Englischen überhaupt, gleichbedeutend mit jeder Flugschrift, hauptsächlich politischen Charakters.

3) Vgl. Marx, Theorien über Mehrwert, Band 3; was Hodgskin fixes und zirkulierendes Kapitel nennt, heißt bei Marx konstantes und variables Kapital.

Editorische Anmerkungen

Max Beer, Allgemeine Geschichte des Sozialismus und der sozialen Kämpfe, mit Ergänzungen von Dr. Hermann Duncker, S. 441-49

Der Text ist ein OCR-Scan by red. trend vom Erlanger REPRINT (1971) des 1931 erschienenen Buches in der UNIVERSUM-BÜCHEREI FÜR ALLE, Berlin.

Von Hermann Duncker gibt es eine Rezension dieses Buches im Internet bei:
http://www.marxistische-bibliothek.de/duncker43.html