Wertkritischer Exorzismus statt Wertformkritik
Zu Robert Kurz’ „Abstrakte Arbeit und Sozialismus“
von Daniel Dockerill07/04
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onlinezeitungDie folgende Auseinandersetzung mit der sich „fundamental“ gebärdenden Wertkritik mag wie ein Anachronismus anmuten. Hat doch der Nürnberger Fundamentalismus, müde vom stupiden Wiederkäuen dessen, was man für die Essentials Marxscher Kritik der politischen Ökonomie hält, längst sein Fundament zur Disposition gestellt. Zwar wird in der Krisis als „Ausgangspunkt“ der eigenen Unternehmungen immer noch gelegentlich „die Marxsche Theorie“ bemüht; dies besonders dann, wenn es gilt, hier und da die revolutionäre Reputation zu flicken, auf die man denn doch nicht verzichten kann bei aller Verachtung von „Klassenkampffetisch“, „Aufklärungsdenken“ und wie dergleichen Etikettierungen sonst noch heißen, die einem die Kritik linker Bewußtseinsformen ersetzen. Solche nur noch floskelhafte Berufung auf Marx wird vor allem dort geübt, wo die in der Nähe zur dumpf philosophierenden, ressentimentgeladenen, traditionell-reaktionären oder postmodernen Marxismus-Kritik aufsteigenden faulen Ausdünstungen so peinlich zu werden beginnen, daß es geraten erscheint, die Sinne ein bißchen zu betäuben. Ansonsten gilt es jedoch inzwischen als anrüchig, den reklamierten Ausgangspunkt auf seine Substanz hin abzuklopfen. Man ist stolz darauf, aus dem „Marxschen Begriffsuniversum“ – was immer das für eine Behausung gewesen sein mag – ausgezogen zu sein, und wer sich etwa daran macht, jenen halt nur noch virtuellen Ursprung selbst zu befragen, ist ein gemeiner Spielverderber.
Der durchschnittliche fundamentale Wertkritiker von heute will nichts wissen (und weiß vermutlich wirklich nichts) vom Bemühen um ein „authentisches Verständnis“ der Marxschen Kategorien, das dem Projekt „fundamentale Wertkritik“ dereinst als sein Markenzeichen diente, ganz zu schweigen vom nicht einmal nur blassen Schimmer eines Verständnisses, das er sein eigen nennen darf. Was heutzutage Krisis-Anhänger in Diskussionsrunden über Kritik der politischen Ökonomie zum Besten geben, eignete sich allenfalls zur Karikatur jener üblichen, um Sachkenntnis völlig unbekümmerten, postmodernen Fachsimpeleien, worin mehr zufällig auch der eine oder andere Terminus der politischen Ökonomie auftaucht; mit deren wissenschaftlicher Kritik hat das selten etwas zu tun. Die Beschäftigung solcher Wertkritiker mit den Quellen ihrer Weisheiten beschränkt sich offensichtlich auf das Maß akademischer Hausarbeiten: Man kann Autor, Titel, Erscheinungsort und -jahr sowie einige Stichworte mit etwas Glück korrekt zitieren, darüber hinaus interessiert vor allem, von wem wann und wo das eine oder andere Stichwort mit welchen Schlenkern durch die endlose Sekundärliteratur geschleift wurde. Etwaige Gelüste nach einer ins Einzelne gehenden Auseinandersetzung mit originalen Gedankengängen (von Marx oder anderen) wird da geradezu als sittliche Verirrung betrachtet. Der „politökonomische Analphabetismus“, den Robert Kurz der Restlinken neuerdings wieder übelnimmt, hat längst von seiner eigenen Anhängerschaft umfassend Besitz ergriffen, und mancher darunter kokettiert damit. Von diesen Leuten, die gewissermaßen ganz naturwüchsig zur wichtigsten Zielgruppe der Krisis-Autoren avanciert sind, ist natürlich nicht zu erwarten, daß sie sich auch nur von ferne dafür interessieren, was es mit jenem einst postulierten „authentischen Verständnis“ auf sich hatte. Sie sind schließlich froh, daß Kurz und Co. sie damit nicht mehr behelligen.
Auf der anderen Seite haben all jene, die der fundamentalen Wertkritik schon immer skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, vermutlich längst gewußt, daß das nicht gut gehen konnte. (Ich spreche hier nicht von solchen Linken, die das Projekt der fundamentalen Wertkritik bloß lustlos zur Kenntnis nahmen, getrieben allein durch den allgemeinen linken Diskurs, der im Zusammenbruch seiner Welterklärungen jeder sich noch regenden frohen Botschaft lauschen muß.) Wer sich selber in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie ein bißchen auskannte, dem war nicht entgangen, daß der fundamentalistische Zug, die überstrapazierten Gesten des noch-nie-dagewesen Grundsätzlichen und Weltumstürzenden, mit denen die meisten Aufsätze in der Krisis bzw. der Marxistischen Kritik den sogenannten „traditionellen Marxismus“ zu erledigen suchten, bei Licht betrachtet so manches vertraute Merkmal altbackener, von näherer Bekanntschaft mit dem Gegenstand ungetrübter Marx-Kritik mit sich führte.
Die Operation des unsäglichen „Abspaltungstheorems“, die der Krisis-Autorenschaft die Stichworte lieferte, ihren Abschied vom selbstgewebten sogenannten „Raster der allgemeinen ,Wertkritik‘ “ PR-gerecht zu inszenieren, hat insofern nur eine theoretische Spießigkeit ungeniert zur Kenntlichkeit gebracht, die hinter den forschen Attacken aufs „warenförmige Bewußtsein“ schon längst vermutet werden mußte. Die Reduktion der Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse auf wenige Pointen der Marxschen Enthüllung des Warenfetischismus hatte schon immer Anlage, die Kritik von Ware und Geld auf das Niveau einer nebulösen Aburteilung der Moderne herunterzubringen mit dem entsprechenden Hang zu Beschwörungen der Apokalypse. Wer hartnäckig die zahlreichen Hinweise im Marxschen Werk darauf übersieht, daß Ware und Geld der Fortentwicklung zum Kapital bedürfen, um zu herrschenden Formen der Vergesellschaftung zu avancieren, wer sich folglich den Teufel schert um die in solcher Fortentwicklung sich ergebende Spezifizierung und Verwandlung ihrer Bestimmungen, der muß irgendwann der Wahrheit Tribut zollen, daß seine allzu dürftigen Kategorien dem gesellschaftlichen Zusammenhang Gewalt antun. Es gehört in solchen Fällen zu den ordinären Verfahrensmustern der arrivierten Sozialwissenschaften, die den dort angesagten Interpretationsrastern geschuldeten Bornierungen des eigenen Kopfes dem bloß oberflächlich angeeigneten Stoff anzulasten und „also“ im Eklektizismus Zuflucht zu nehmen: Der leider halt auch nur „abstrakt-universalistische“ Marx habe den wirklichen Zusammenhang verfehlen müssen, weil ihm dessen von der Warenform nicht erfaßbaren und deshalb abgespaltenen Momente entgangen seien, und bedürfe darum der Ergänzung durch allerlei wissenschaftlich aufgemotztes Zeug, das sein Dasein der ähnlich bornierten Bearbeitung solcher Momente als besondere sogenannte Themen verdankt.
Den matten Abglanz von Plausibilität, den im gläubigen Krisis-Publikum immer noch mancher für ein originales Leuchten hält, bezieht das sogenannte Abspaltungstheorem daher, daß in der Tat alle jene in der für sich betrachteten Ware, bzw. der durch sie konstituierten einfachen Zirkulation noch unscheinbar schlummernden Gegensätze, zwischen Wert und Gebrauchswert, zwischen privater und unmittelbar gesellschaftlicher Arbeit, zwischen Produktion und Konsumtion usw., in dieser einfachen Form noch bloß voraussgesetzt sind, also nicht als durch einander vermittelt auftreten und daher die Tendenz haben, ebenso unvermittelt sich in Wohlgefallen aufzulösen, weshalb es auch leicht als pure Spitzfindigkeit erscheinen kann, wenn man sich in sie verbohrt. Nur so sind auch die verschiedentlich von Marx eingestreuten Bemerkungen zu verstehen, daß der Gebrauchswert aus der politischen Ökonomie herausfalle, soweit sie nämlich nur operiert mit den fertigen, durch die einfache Zirkulation gegebenen ökonomischen Formen.[1] Im Geld z.B., der höchsten ökonomischen Form, zu der die einfache Warenzirkulation sich aufschwingt, tritt zwar der Gebrauchswert einer Ware (Gold) ein die ökonomische Form, indem er zur handgreiflichen Inkarnation des Werts dient, die Formbestimmung verflüchtigt sich als solche aber im selben Moment, wo man versucht, sie festzuhalten (etwa in der Schatzbildung), und fällt, als bloße „Verrücktheit“, wie Marx sagt, aus der ökonomischen Form wieder ganz heraus.[2]
Nun ist es allerdings nicht damit getan, gegenüber der von der Krisis kolportierten Kurzfassung der Marxschen Wertkritik (welche letztere, wie wir noch sehen werden, genauer bezeichnet wäre als Wertform-Kritik) deren Fortentwicklung zur Kapitalkritik zu verlangen und in Angriff zu nehmen. Wenn die theoretische Synthese des gesellschaftlichen Ganzen der Warenproduktion steckenbleibt in den Formen der einfachen Zirkulation, dann stimmt schon im Ansatz etwas nicht mit ihr. Der mystifizierende Schleier, der die Kategorien der Waren- und Geldzirkulation als fertige, jedermann geläufige Verkehrsformen des kapitalistischen Alltags umgibt und ihren historisch flüchtigen, vergänglichen Charakter verhüllt, ist dann offenbar noch gar nicht gelüftet, der Fetisch noch nicht entzaubert.
Die Kritik des Warenfetischismus aber, der Elementarform aller weiteren, das kapitalistische Produktionsverhältnis verdunkelnden, entwickelteren Fetischgestalten, schien immer der gemeinsame Boden gewesen zu sein, den die fundamentale Wertkritik mit denjenigen teilte, die kritische Auseinandersetzung mit ihr für nötig hielten. Mehr noch: Viele heutige Kritiker des Fundamentalismus der Krisis (der Autor dieser Zeilen eingeschlossen) kommen nicht umhin zuzugeben, daß sie in diesem Punkt der fundamentalen Wertkritik einige Lernprozesse verdanken. Da erhebt sich wohl notgedrungen die Frage: Was gab es am Ende tatsächlich zu lernen von der fundamentalen Wertkritik? Oder anders herum: Inwieweit gibt es Ursache, die durch sie angestoßenen Lernprozesse zu revidieren?
Die Frage führt uns aus zwei Gründen zurück zur Beschäftigung mit einem mittlerweile schon ziemlich eingestaubten Aufsatz von Robert Kurz aus der Frühzeit der fundamentalen Wertkritik, des Titels „Abstrakte Arbeit und Sozialismus“[3]. Es ist dies buchstäblich der einzige Text aus Kurzens Feder, der nicht nur in der Phrase die Marxsche Werttheorie zum Gegenstand hat, wie sein Untertitel ankündigt, sondern sich auch in der Tat den Marxschen Quellen – freilich in sehr spezieller Weise – zuwendet.[4] Wir haben hierin also zum einen das wohl wichtigste Dokument über den theoretischen Ausgangspunkt der fundamentalen Wertkritik vor uns, werden aber darüber hinaus gewissermaßen durch den Meister der neuen Lehre selbst zurück zu Marx geleitet, dessen theoretische Aufhellung und auch Weiterentwicklung er für sich reklamiert. Es steht zu hoffen, daß das Studium dieses Ausgangspunktes eines Rückgangs auf den „authentischen“ Marx, an dessen Ende schließlich der ganze Marx unverdaut ausgespuckt und verramscht wurde, uns einigen Aufschluß darüber liefert, welches die dafür entscheidenden Weichenstellungen waren.
Der authentische Marx ist noch allemal Ausgangspunkt und Meßlatte jedes Versuchs, die gesellschaftliche Gegenwart kritisch, d.h. historisch zu begreifen, bis es irgendwann vielleicht gelungen sein wird, den sozialen Prozeß neu darzustellen, vervollständigt bzw. korrigiert im Lichte des Fortgangs, den er genommen hat, seit Marx ihn in seiner Kritik der politischen Ökonomie als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung erstmals freilegte. Solange sozialkritisches Denken, das für sich reklamiert, Marx hinter sich gelassen zu haben, regelmäßig dabei endet, das Gesellschaftliche jeglicher zusammenhängender Betrachtung ganz zu entziehen, solange es gegen Marx bloß das Auseinanderfallen der menschlichen Verhältnisse in separierte sogenannte Themenkomplexe zu behaupten imstande ist, letztlich also seinen Gegenstand überhaupt und damit sich selber verleugnet, solange beweist es auf seine eigenartige Weise vor allem die ungebrochene Aktualität der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie.
In der marxistischen Neuen Linken war freilich ein solches Bewußtsein von der Bedeutung des Kernstücks Marxscher Theorie immer schon eher die Ausnahme. Wo sie nicht von vorn herein die theoretische Aufhellung ihrer umstürzlerischen Ambitionen durch politisch-moralischen Rigorismus ersetzte, da sicherte sie sich allzu oft die äußeren Voraussetzungen des Theoretisierens früher oder später unter Preisgabe des umstürzlerischen Gedankens. Das unter solchen Bedingungen erhaltene theoretische Rüstzeug des praktizierenden Durchschnittslinken war am Ende so heruntergekommen, daß den allermeisten Exemplaren dieser Spezies die wertkritische Propaganda aus Nürnberg vorkommen mußte, je nach Temperament, entweder wie die unverständlichen Laute einer unbekannten Art oder wie eine wunderbare Offenbarung. Die Propagandisten selber gehörten übrigens zur zweiten Kategorie; und wie es bei Offenbarungen zu geschehen pflegt, emanzipierte jene sich rasch von der Erfahrung, der sie ihr Dasein verdankte, machte sich selbst zum Maß aller Dinge und verlor daher an sich selber jedes Maß. Wenn als neuartige Entdeckung gelten kann, daß Marx seine Darstellung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse nicht aus bloßem Übermut auf das Fundament der Wertformkritik gestellt hat, dann offenbart sich darin objektiv zuallererst nur die gründliche Anspruchslosigkeit bisheriger neulinker Kapitalismuskritik, nicht zuletzt natürlich derjenigen der Entdecker selbst. Nichts liegt da bei nüchterner Überlegung ferner als die Idee, aus dieser Entdeckung sogleich eine besondere neue Theorie zu zimmern. Indes ist Nüchternheit sicher nicht unbedingt eine Tugend des Verdurstenden. Die intellektuelle Dürre, unter welcher der größte Teil der Linken darben muß, verwandelt leicht jeden auch relativ einfachen Gedanken in die Fata Morgana einer kompletten Theorie mit allen Schikanen, und wir haben alle Hände voll damit zu tun, da klaren Kopf zu behalten, die Dinge ins rechte Verhältnis zueinander zu setzen.
Diese Umstände möge in Rechnung stellen, wem die folgende Auseinandersetzung mit der wirklich fundamentalen Konfusion der Marxschen Werttheorie, die Robert Kurz uns in seiner wertkritischen Frühschrift darbietet, als vertane Liebesmüh’ erscheinen will. Ich gebe zu, daß die Geduld der Leser streckenweise arg strapaziert werden wird, wenn ich ihr zumute, dem Kurzschen Gedankengang in etliche seiner grotesken Abirrungen zu folgen. Es wird einige Mühe kosten, einen roten Faden, einen zusammenhängenden Gedankengang im Auge zu behalten. Dafür bitte ich um Entschuldigung, übernehme aber nicht die Verantwortung – oder höchstens insofern, als ich überhaupt mit dem Ansinnen komme, das (von manchen schon beklagte) Wirrwarr dieses fundamentalen Schinkens aufzulösen, nachdem er doch gerade Aussicht hatte, endlich gnädigem Vergessen anheimzufallen.
Natürlich wäre es einfacher, man beschränkte sich im wesentlichen auf die positive Darlegung der Marxschen Werttheorie. Noch einfacher wäre es dann freilich, auf die einschlägigen Marxschen Texte zu verweisen, denn der ganze Fragenkreis, in dem die neuere wertkritische Diskussion sich umtreibt, ist dort weitaus gründlicher und folgerichtiger bearbeitet, als diese erahnen läßt. Jedoch sind die Texte ja bekannt und werden wohl auch immer wieder einmal zur Hand genommen, wie fleißiges Zitieren daraus anzeigt. Die Marx-Lektüre allein, so erschöpfend sie ihrer Substanz nach wäre, scheint also nicht zu helfen. Im unterm Namen Wertkritik abgehaltenen Diskurs (egal ob er Robert Kurz oder eher Moishe Postone favorisiert oder beide und noch einige andere verheiraten möchte) artikulieren sich beachtliche Verständnisschwierigkeiten mit der Marxschen Darstellung, um die der Rückgang auf den authentischen Marx offenbar nicht herumkommt. Was diese Artikulation betrifft, ragt der hier zu untersuchende Aufsatz von Robert Kurz immerhin deutlich heraus. Jedenfalls bietet dagegen das Gestammel, das beispielsweise mittlerweile in den Bahamas in Sachen „Wertgesetz“ veranstaltet werden darf, kaum noch Anhaltspunkte für Kritik; da muß man schon froh sein, wenn jemand wenigstens richtigstellt, daß Werttheorie nichts zu tun hat mit dem Grenznutzen-Blödsinn der Volkswirtschaftslehre.
So gesehen kann ich vielleicht hoffen, daß die hier unternommene Kritik eines Urtextes der fundamentalen Wertkritik auch über die unmittelbare Auseinandersetzung mit dieser speziellen Lehre hinaus und sogar davon unabhängig von Interesse ist für alle diejenigen, die in der in Mode gekommenen Ausschlachtung von Stichworten der Marxschen Wertformkritik für eine sich besonders schlau dünkende Anklage ungeliebter Zustände vergeblich Ausschau halten nach einer theoretisch schlüssigen Analyse der Ware und ihres Fetischcharakters. Ich denke zeigen zu können, daß die Marxsche Formanalyse der Ware keineswegs jene Art Geheimwissenschaft ist, als welche der wertkritische Diskurs in seiner Hilflosigkeit sie so gerne darstellt.
Es wird übrigens nicht nötig sein, durch sämtliche der engstens bedruckten fünfzig Seiten des Kurzschen Textes sich hindurchzuquälen, denn der Webfehler seiner Überlegungen zeigt sich bereits in ihren Anfängen und pflanzt sich von dort aus bloß als solcher fort, so daß es genügt, sie ein Stückweit zu verfolgen, um ihren ganzen Inhalt zu erfassen; von einem gewissen Punkt an erschöpfte sich dessen Kritik in ermüdenden Wiederholungen. Ich habe es mir daher namentlich gespart, die Kurzsche Nutzanwendung der von Alfred Sohn-Rethel entlehnten Kategorie der „Realabstraktion“ zu untersuchen; sie dient bei Kurz nur dazu, eine von ihm selbst fabrizierte sogenannte „Lücke“ in der Marxschen Werttheorie zu stopfen, mit welcher sie aber an sich nichts zu tun hat. Eine Auseinandersetzung damit scheint freilich dessenungeachtet angesagt zu sein, geistert doch das Stichwort „Realabstraktion“ als eine Art Faktotum unverwüstlich durch den wertkritischen Diskurs, naturgemäß vor allem dort, wo das „Reale“, die konkreteren Formen nämlich des „warenproduzierenden Systems“, mangels analytischer Anstrengung nicht so recht zusammenkommen will mit den aufgeschnappten einfachen, weil abstraktesten Bestimmungen – also fast überall. Diese Auseinandersetzung hätte aber weniger Robert Kurz oder sonst irgendeinen postmodernen Wertkritiker zum Gegenstand, als vielmehr das Sohn-Rethelsche Original.
Lesarten: eine fundamentale RezeptionsgeschichteDer Aufsatz, der uns nun näher beschäftigen soll, beginnt mit einem Abriß der Rezeption der Marxschen Werttheorie seitens des arbeiterbewegten Marxismus, der nur aus dem einzigen Grund bemerkenswert ist, weil er von allem möglichen handelt nur nicht von dem, wovon er vorgibt zu handeln. Seine Kernaussage lautet, daß dieser Marxismus sich niemals dafür interessiert habe, was denn der Wert eigentlich sei, sondern lediglich für den Mehrwert sowie das sogenannte Wertgesetz, das Kurz uns erläutert als „die indirekte Form gesellschaftlicher Regulierung, deren zentrale Instanz der Markt darstellt“ (59). Der Wert selbst sei regelmäßig als simple, per Definition abzuhandelnde Tatsache vorausgesetzt worden, statt, wie Kurz es gerne hätte, einer wie auch immer gearteten „Kritik“ anheimgefallen zu sein. Daß die Kritik des Werts im Gang der Marxschen Argumentation durchaus sehr verschieden ist von seiner Verdammung „als einer negativen, zerstörerischen Potenz“ (58), die Kurz dabei vorschwebt, kann man schon nach einer flüchtigen Bekanntschaft mit den ersten Abschnitten des „Kapitals“ erahnen. Diese Verschiedenheit vor allem gilt es im weiteren auszuleuchten.
Wer freilich erwartet, daß Robert Kurz ihm nun das eine oder andere Beispiel vorstellte einer marxistischen Befassung mit Mehrwert oder Wertgesetz auf Basis „unkritisch verstandener Bestimmungen“ des Werts, der wird enttäuscht. Die Argumentation gibt sich subtiler. Nicht daß die Sache sich wirklich so verhalten hat, ist das Argument, sondern daß sie sich, im Kurzschen Blick auf die neuzeitliche Geschichte, so verhalten haben „muß“. In seiner historischen Zwischenblende schlägt Kurz großzügig einen Bogen von den ersten Entwicklungsschüben der Warenproduktion „schon seit dem 15. Jahrhundert“ bis zu den „empirischen Lebensumstände(n) der Arbeiterklasse noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein“ und extrahiert daraus einen Kurzschen Widerspruch:
„Einerseits hatte sich ... das Wertverhältnis tendenziell verallgemeinert, freilich erst für den Einzelnen in Teil- oder Randbereichen seiner Reproduktion.“
„Einerseits“ also hatte sich das Wertverhältnis nicht wirklich „verallgemeinert“, sondern bloß „tendenziell“, denn die Reproduktion „des Einzelnen“ (des wirklichen, lebendigen Daseins der Menschen nämlich, das freilich erst vom Standpunkt des Wertverhältnisses als „der einzelne“ Mensch erscheinen kann) ist nur teilweise oder gar marginal durch den Warenaustausch vermittelt. Diese Verdeutlichung der von Kurz mit Bedacht unschlüssig gehaltenen Formulierung ist nötig, damit wir nun sein „Andererseits“ richtig bewerten können. Denn „andererseits (war) die Lohnarbeit zunächst nur punktuell aufgeschossen; ... Ein großer Teil der Warenproduktion spielte sich also über lange Zeiträume zwischen handwerklichen und bäuerlichen Kleinproduzenten auf der Basis von Eigenarbeit ab. ... Die wirkliche und fast totale Verallgemeinerung der Lohnarbeit setzt erst nach dem Zweiten Weltkrieg ein.“ (57f)
Zur wirklichen Verallgemeinerung hat es demnach im fraglichen Geschichtsabschnitt weder „einerseits“ das Wertverhältnis, noch „andererseits“ die Lohnarbeit gebracht. Es sortiert hier vielmehr die blanke Willkür das Wertverhältnis auf eine und die Lohnarbeit auf die andere Seite.
Ich will mich jetzt nicht damit aufhalten, solche verquaste Geschichtsdialektik richtigzustellen, die alle wirklichen Unterschiede, beispielsweise den zwischen industrieller und vorindustrieller Produktionsweise, einebnet, um ein ziemlich mißglücktes Kurzsches Paradoxon zu plazieren. Ihr näherer Zweck besteht sowieso nicht darin, geschichtliche Zusammenhänge zu erhellen. Sie soll vielmehr Kurz zu einem ihm offenbar unmittelbar nicht zugänglichen „Phänomen“ verhelfen: der behaupteten „verkürzenden Lesart“ der Marxschen Theorie des Mehrwerts in ihrer marxistischen Rezeption. Die ist nun natürlich leicht fabriziert. Nachdem Kurz selbst den Zusammenhang von Wertverhältnis und Lohnarbeit in ein lockeres „Einerseits und Andererseits“ zerrupft hat, ist es nur noch eine Kleinigkeit zu erklären, daß solche Geschichtsdialektik den Marxisten „den Mehrwert nicht als das moderne Dasein des Werts erscheinen (ließ), sondern vielmehr als eine äußerlich zum Wertverhältnis hinzutretende Kategorie.“ (58)
Wohlgemerkt, dies folgert Kurz nicht aus der Untersuchung irgendwelcher marxistischen Ausführungen zu Wert oder Mehrwert,[5] sondern einzig aus jener eigenartigen historischen Dialektik, die zuvor schon Wertverhältnis und Lohnarbeit (die hier den Mehrwert einschließt) in ganz äußerliche Beziehung zueinander gesetzt hat. Garniert wird dieses Konstrukt durch eine Betrachtung über den dazu passenden Arbeiterwillen, dem auch die Marxisten Ausdruck verleihen „mußten“: „Die Arbeiter“ („noch stark von einem handwerklichen Bewußtsein geprägt“), behauptet Kurz, „wollten nicht wirklich die Wert- und Warenform der Produktion loswerden, sondern bloß das ihnen im Nacken sitzende Geldkapital“ (58).
und planscht mit diesem Blick in die Tiefen der historischen Arbeiterseele vollends im seichtesten Geschichtsidealimus. Denn das, was „die Arbeiter“ hier angeblich „wollten“, ist natürlich in Wahrheit die bereits ideologisch systematisierte Form eines „Wollens“, nämlich der handwerklich-bäuerliche Produzenten-Sozialismus etwa eines Proudhon. Wenn aber Arbeiterwille und Proudhonismus so ideal zusammenpaßten, dann wäre zuerst einmal zu erklären, warum die Arbeiterbewegung sich überhaupt den Marxismus aufgehalst hat, also ihr größerer Teil zumeist, statt auf Proudhon oder ähnliche Ideologen, sich erst auf die Marxsche Theorie berief (die den Proudhonismus ziemlich ätzend kritisierte), um sich sodann an ihre „Verkürzung“ zu machen. Was „die Arbeiter“ tatsächlich „wollten“, ist augenscheinlich nicht dermaßen unmittelbar herauszulesen aus beliebigen sozialistischen Traktaten, Programmen oder Parolen (auch Lassalles „unverkürzter Arbeitsertrag“ wird von Kurz bemüht), die sich der Anschauung ihrer unglücklichen Lage verdankten und deren Verbesserung versprachen.
Historisch interessant ist das Wollen der Arbeiter sowieso nur, soweit es sie zu Taten trieb. Ihre Lebensumstände und der ihnen entspringende alltägliche Existenzkampf lenkte ihren Willen aber zunächst auf weitaus profanere Fragen, wie z.B. die der Überwindung der Konkurrenz untereinander, ihres Zusammenschlusses zum gemeinsamen Kampf für die praktische Verbesserung ihrer Lage durch gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit, Tariflöhne, Solidarkassen etc. Rezepte wie die Proudhonsche genossenschaftliche Warenproduktion mögen vielleicht in den Köpfen mancher Arbeiter herumgespukt haben, sie haben aber in der praktischen Arbeiterbewegung und den sie reflektierenden theoretischen Manifestationen schon deshalb keine größere Rolle gespielt, weil beispielsweise der Proudhonismus – keineswegs zufällig – den praktischen Kampf, Gewerkschaften und Streiks, heftig ablehnte.
Der Existenzkampf der Arbeiter verhalf dann auch ihren Vordenkern sehr bald zu der Einsicht, daß zwischen dem strengen Reglement, unter welches das Profitinteresse ihres jeweiligen Kapitalisten die Arbeiter zwingt, sowie dem regellosen Zufall, der den Austausch der kapitalistischen Waren, damit auch das Schicksal der zur Ware gewordenen Arbeitskraft zu beherrschen scheint, ein bestimmter Zusammenhang besteht. Die Marxisten, denen es um die Aufhellung der Kampfbedingungen der Arbeiter, daher um die Klärung jenes Zusammenhangs ging, wußten natürlich sehr wohl, daß die Marxsche Werttheorie den archimedischen Punkt ausmacht, aus dem heraus allein es Marx gelungen war, die Anatomie der kapitalistischen Produktionsverhältnisse in sich zusammenhängend darzustellen, mit einer Folgerichtigkeit, die auch von vielen Gegnern bewundert worden ist.
Der Zusammenhang ist allerdings kein einfacher; er ist im Begriff des Werts zwar schon „an sich“, d.h. aber nur ganz abstrakt, unentwickelt enthalten. Gleichwohl kommt Kurz beim „Wertgesetz“ unvermittelt auf die marxistische Debatte zur Akkumulations- und Krisentheorie zu sprechen, die eine – und zwar schon sehr weit getriebene – Entwicklung und Spezifizierung des Wertgesetzes voraussetzt. Gerade in dieser, auch über die Mehrwerttheorie hinausgeführten Entwicklung der Marxschen Theorie, lag die Dringlichkeit einer weiteren kritischen Ausarbeitung am deutlichsten zutage, zumal die Verhältnisse selber seit Marx nicht stehengeblieben waren, sondern sich rasant weiter entwickelten. Dagegen hatte das Fundament, die Werttheorie im engeren Sinne, durch Marx bereits ihre endgültige Formulierung so ziemlich gefunden, was nicht zuletzt daran abzulesen ist, daß es keinen weiteren Versuch einer neuen Formulierung der Theorie des Warenwerts gegeben hat, alle offizielle, nicht-marxistische Ökonomie sich vielmehr von jeglicher Werttheorie verabschiedete. Deshalb spielte in den marxistischen Debatten um Fragen der Ökonomie die Werttheorie selbst zunächst keine größere Rolle, sehr wohl aber wurde sie immer wieder von Gegnern des Marxismus oder von solchen Marxisten, die sich mit ihren Gegnern auszusöhnen trachteten (Bernstein z. B.), grundsätzlich in Frage gestellt; dies jedoch wiederum meist so, daß nicht unmittelbar ihre Begründung angegriffen wurde, sondern ungelöste Widersprüche zwischen ihr und Problemen der konkreteren Ausarbeitung behauptet wurden (z. B. die angebliche Unvereinbarkeit der Theorie der Produktionspreise mit der Theorie des Arbeitswerts).
Wenn daher Kurz glaubt, eine „Haltung“ denunzieren zu müssen, nach welcher der „Wert als solcher ... mit dürren, definitorischen, unkritisch verstandenen Bestimmungen platt als pure Selbstverständlichkeit vorausgesetzt“ (57) worden sei, dann trifft er sicherlich – läßt man sein pejoratives Ornament beiseite – einen wirklichen Sachverhalt; einen Sachverhalt allerdings, der in der Natur der Sache begründet lag, wenn auch nicht, „platt“ und „unkritisch verstanden“, als aus irgendwie rückständigen Verhältnissen grob herausgelesenes borniertes Arbeiterbewußtsein, vor dem der postmoderne Durchblick eines Robert Kurz sich profilieren kann, sondern begründet in den aus den Verhältnissen wie aus der Theoriegeschichte selbst den Marxisten sich ergebenden theoretischen Fragestellungen. In die hätte erst einmal einzudringen, wer mögliche (auch werttheoretische) Unzulänglichkeiten ihrer marxistischen Bearbeitung aufdecken möchte. Keineswegs ist eine irgendwie lieblose Beziehung der Marxisten zur Werttheorie ihres theoretischen Stammvaters schon an sich daraus abzulesen, daß sie diese als das Fundament ihrer theoretischen Bemühungen nicht in Frage stellten, sondern eher als selbstverständlich voraussetzten.
Wenn jedoch Kurz seinerseits das Wertgesetz „durchaus nicht unmittelbar“ mit dem Begriff des Werts identifizieren möchte, um es statt dessen „zu begreifen als die indirekte Form gesellschaftlicher Regulierung, deren zentrale Instanz der Markt darstellt.“ dann hat er sich offensichtlich selbst entschlossen, Marxens Werttheorie (und damit zwangsläufig dessen ganze ökonomische Theorie), folglich auch den Zusammenhang von Ware und Wert, Markt und Konkurrenz, zu zerstückeln in lauter einander äußerliche Bestimmungen. Die Kurzsche Formulierung des Wertgesetzes ist natürlich ein krasser Euphemismus. Das Wertgesetz ist einfach der Wert als Gesetz, das die Produktion und den Austausch der Waren reguliert. Die Form dieser Regulierung ist aber mit dem Begriff des Werts bereits gesetzt und zwar nicht bloß als „indirekte“, was ja so abstrakt alle möglichen, auch idyllischen Regulationsweisen einschlösse, sondern als anarchische Regulierung, die immer nur im nachhinein wie eine unbeherrschte Naturgewalt sich Geltung verschafft. Wie sich hier zeigt, charakterisiert vor allem seine eigene „Lesart“ der Marxschen Theorie, was Kurz auf die marxistische Marx-Rezeption gemünzt wissen will:
„Wie schon der Mehrwert der Wertkategorie selber äußerlich hinzutretend mißverstanden wurde, so also auch das Wertgesetz als ,anarchisches Prinzip der Konkurrenz‘.“
Die Bemerkung zielt nicht darauf, daß Wertgesetz und Mehrwert aus „der Wertkategorie selber“ zu entwickeln seien, wie man beim unbefangenen Lesen vermuten müßte. Kurz will damit vielmehr Mehrwert und sogar das Wertgesetz als uneigentliche Fragestellungen aus dem Weg räumen, um sich ganz und gar jener „Wertkategorie selber“ widmen zu können. Er kündigt also auf reichlich verschrobene Weise die Absicht an, das dem Marxismus unterstellte Mißverständnis auf die Spitze zu treiben. Es dient ihm dabei als gewissermaßen ganz abstrakter Anhaltspunkt: Nicht auf die Korrektur eines bestimmten Mißverständnisses der Marxschen Theorie kommt es ihm an, sondern auf die Tatsache an sich, daß sie überhaupt mißzuverstehen ist. Daraus nämlich können „Lücken und Brüche in der Marxschen Argumentation“ gefolgert werden, die Robert Kurz Gelegenheit geben, Marxens Werttheorie auf ganz neue Weise, „gegen den Strich der traditionellen Lesart“ (62), mißzuverstehen.
Näher betrachtet freilich erweist sich auch das im Folgnden zu untersuchende Kurzsche Mißverständnis als keineswegs originell. Daß das Fundament der Marxschen Theorie, die Werttheorie im engeren Sinne, in den marxistischen Debatten keine größere Rolle gespielt hätte, wie Kurz behauptet, stimmt wohl nur einigermaßen für die Zeit bis zur Oktoberrevolution. Mit dieser aber hatte die Aufhebung der kapitalistischen Warenproduktion begonnen, zu einem praktischen Problem zu werden, und warf naturgemäß die Frage nach den Elementarformen kapitalistischen Produzierens unter dem Aspekt, wie über sie hinauszukommen ist, neu auf. Seither wurde mit den unterschiedlichsten Akzenten vor dem Hintergrund der realsozialistischen Erfahrungen wiederholt diskutiert, wie Warenproduktion und Kapitalismus miteinander zusammenhängen, welches die besonderen Merkmale von Warenproduktion sind und wie sich davon sozialistische Produktionsverhältnisse unterscheiden, welche Umwandlungen Wert bzw. Wertgesetz im Sozialismus erfahren, wie sich also ihre Aufhebung konkret vollzieht etc.
Namentlich die in den sechziger Jahren im Westen sich neu formierende marxistische Linke, die dem östlichen Realsozialismus zumeist von vornherein mehr oder weniger skeptisch gegenüberstand, hat sich in allen ihren Schattierungen von Anfang an mit diesen Fragen intensiv herumgeschlagen. Und selbstverständlich hat auch der neulinke (Ex-)Marxist Robert Kurz seine spezielle Sicht auf Marx hier gelernt. Für eine ernstgemeinte Diskussion der Rezeption Marxscher Werttheorie hätte es daher nahegelegen, zunächst die jüngere, nämlich die eigene Rezeptionsgeschichte genauer zu betrachten (wozu dann allerdings auch die Diskussionen gehörten, die an einem selbst vielleicht, weil man beispielsweise zu einem in bestimmter Hinsicht besonders bornierten Teil der Szene zählte, vorbeigegangen sind). Ausgerechnet in diesem Punkt aber hat Robert Kurz seinerseits die Sache – zu seinem eigenen größten Schaden – allzu sehr verkürzt. Der „westdeutsche Neo-Marxismus der Neuen Linken“ kommt bei ihm nur in einer Fußnote vor, die besagt, daß da in Sachen „Rekonstruktion der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie“ nicht viel gewesen und das Wenige, „(Backhaus und Reichelt etwa)“, gescheitert sei. (59: Fn. 3)
Daß da doch etwas mehr gewesen ist, beweist Kurz selbst mit seinem Text sozusagen negativ, indem er nämlich allerhand Hinweise, die ihm aus dieser jüngeren Rezeptionsgeschichte zur Verfügung gestanden hätten, ignoriert hat. Es ließe sich nämlich zeigen, daß Kurzens Ansatz einer „Neu“-Interpretation der Marxschen Werttheorie im Ganzen und in den Einzelheiten (z. T. bis in wörtliche Formulierungen hinein) sehr stark – um es milde zu sagen: – inspiriert ist durch eine Arbeit des russischen marxistischen Ökonomen I.I. Rubin mit dem Titel: „Studien zur Marxschen Werttheorie“, deren Thesen in der Sowjetunion der zwanziger Jahre zeitweilig Gegenstand heftiger Diskussionen unter seinen Kollegen gewesen waren. In deutscher Übersetzung erstmals 1973 erschienen,[6] wurden sie auch in der westdeutschen marxistischen Linken – soweit die überhaupt willens und fähig war, in Fragestellungen der Marxschen Ökonomiekritik tiefer einzudringen – kritisch erörtert. Hervorzuheben ist dabei eine 1975 beim VSA herausgegebene Broschüre, die ein Stück der sowjetischen Debatte um Rubins Auffassungen dokumentiert.[7] Das darin enthaltene ausgezeichnete „Nachwort“ des Projekts Klassenanalyse stellt Verdienste und Fehlleistungen der werttheoretischen Überlegungen Rubins ziemlich erschöpfend klar. Wenigstens diesen kleinen Ausschnitt der jüngeren Rezeptionsgeschichte hätte Kurz berücksichtigen müssen; das „Scheitern“ (um es einmal auf Kurzsche Art auszudrücken) seiner eigenen Anknüpfungen an die Rubinschen Fragestellungen hätte sich dann wahrscheinlich vermeiden lassen.
Kurz indes verweist zwar einige Male auf Rubins „auch im Westen bekannt gewordene Arbeit zur Marxschen Werttheorie“ (67)[8] (ohne freilich offenzulegen, in welchem Ausmaß er für seine fundamentale Wertkritik sich darin bedient hat); bezeichnenderweise findet sich aber keiner dieser Verweise in dem Teil, der die marxistische Rezeptionsgeschichte zu resumieren vorgibt. Und schon gar nicht streift Kurz der Gedanke, daß er die Entdeckung Rubins „auch im Westen“ gerade jenen Bemühungen des „westdeutschen Neo-Marxismus“ um eine „Rekonstruktion der Kritik der politischen Ökonomie“ verdankt, die – freilich zu Zeiten, als er noch gewissermaßen im ökonomischen Sandkasten hockte – halt doch etwas mehr hervorgebracht hat, als „gescheiterte Versuche“ von „Reichelt oder Backhaus“.
Ware und Wert – oder die
„Lücken und Brüche“ in der Marxschen WerttheorieWenn nun schon jene, angeblich den gesamten Marxismus beherrschende, „verkürzende Lesart“ der Marxschen Werttheorie nicht nachgewiesen wurde, so sollte man doch erwarten dürfen, daß jedenfalls der Marxsche Gedankengang in diesem Punkt von Kurz zunächst einigermaßen zutreffend referiert und so seine möglichen Unzulänglichkeiten an ihm selbst aufgewiesen würden. Indes begnügt sich Kurz für sein Urteil über Marxens Werttheorie in der Hauptsache, nämlich für die Frage, ob überhaupt es darin Lücken oder Brüche gibt, mit dem – noch dazu sein Ziel glatt verfehlenden – Verweis auf die marxistische Rezeptionsgeschichte. In der Strafjustiz nennt man so etwas einen Indizienbeweis, auf welchen vor allem dann zurückgegriffen wird, wenn kein direkter Zugang zum verhandelten Sachverhalt zu finden ist; wo ein ganzes Verfahren sich ausschließlich auf diese Methode stützt, wird es den Ruch der Gewaltsamkeit und Willkür selten ganz los. Daß Kurz hier darauf verfallen ist, dürfen wir allerdings getrost als Indiz dafür nehmen, wie schlecht es steht um seinen Zugang zum selbsterkorenen Gegenstand der Kritik. Und wir dürfen schon einmal die Befürchtung aussprechen, daß uns womöglich eine ziemlich unkundige Schnippelei an der Marxschen Werttheorie bevorsteht. Ein Chirurg, der mit dem Skalpell herumfuchtelt, bevor er weiß, wo es etwas zu schneiden gibt und ob überhaupt, erweckt halt kein Vertrauen.
Im Gegensatz zu Kurzens Verdikt über „Lücken und Brüche“ bei Marx müssen wir uns indes mit diesem noch recht äußerlichen Anhaltspunkt nicht begnügen. Gibt doch Kurz seine eigene Lesart in der Sache hinreichend deutlich zu erkennen, so daß wir sie mit dem Gegenstand, dem er in bester Absicht zu Leibe zu rücken sich anschickt, vergleichen und so Erfolg oder Mißerfolg seiner Operation recht gut beurteilen können.
Dabei fällt nun freilich gleich zu Beginn eine bedenkliche Verschiebung des Ausgangspunkts ins Auge. Während Marx bekanntlich beginnt mit der einfachsten Form, in welcher der gesellschaftliche Reichtum im Kapitalismus erscheint, also mit der Ware, beabsichtigt Kurz, sogleich „zu den analytischen Basisbestimmungen des Wertbegriffs selber zurückzukehren, um zu einer kritischen Auflösung zu gelangen.“ (62)
Während also bei Marx der „Wertbegriff“ oder schlichter: der Wert erst als Resultat einer Analyse ins Spiel kommt, möchte Kurz unmittelbar ihn selbst zum Objekt analytischer Bearbeitung machen.
Der Wert ist bei Marx eine Bestimmung der Ware und zwar eine solche, die sich nicht auf den ersten Blick ergibt, sondern bereits eine bestimmte Überlegung und einen bestimmten Abstraktionsschritt erfordert. Es mag vielleicht als eine relative Belanglosigkeit erscheinen, ob man mit Marx sich die Mühe macht offenzulegen, woher der Begriff des Werts genommen, auf welchem Weg er gewonnen wurde, oder sich diesen Schritt spart und sogleich damit anfängt, den Wert selbst zu bestimmen. Indes ist der Wert eine Abstraktion, und als diese erhält er seine Bestimmtheit nur von der bestimmten Operation des Abstrahierens, deren Ergebnis er ist. D. h. es ist von erheblichem Belang, festzuhalten nicht nur, von welchem Konkretum jene Abstraktion abstammt; hierfür könnte Kurz immerhin auf den Anfang seines Aufsatzes verweisen, wo er den Wert einführt als „zum Gebrauchswert gegensätzliche gesellschaftliche Form“, welche die „historische Besonderheit der Ware“ (57) ausmache – eine Formulierung, an der freilich nur soviel richtig ist, daß der Wert die Ware vom Gebrauchswert unterschieden, besonders bestimmt. Eher noch wichtiger aber ist es, zu klären, wovon genau man an der Ware abstrahieren, was man in ihrer Betrachtung beiseite lassen muß, um zur Abstraktion des Werts zu gelangen, und warum gerade diese bestimmte Abstraktion notwendig ist. Ohne solche Klarstellungen[9] bleibt der Wert eine leere, unwissenschaftliche Abstraktion und steht damit, als „Begriff“ dessen Leere nach „Inhalt“ schreit, beliebiger Spekulation zur freien Verfügung. Just aus diesem Grund liebten es offenbar schon zu Marxens Zeiten besonders die deutschen Professoren der Ökonomie, sich zuallererst über den „Wertbegriff“ herzumachen und aus seiner „Ableitung“ (wofür wir hier ruhig auch „analytische Bestimmung“ sagen dürfen) sich ihr je spezielles ökonomisches Leergebäude zu zimmern, bevor sie auch nur ein einziges ökonomisches Faktum zur Kenntnis genommen hatten. Wenn nun zwar nicht behauptet werden soll, daß Kurz, indem er ebenfalls seine Überlegungen mit der Bestimmung des „Wertbegriffs“ beginnt, er dieselben „Faseleien“ reproduziert, über deren tieferen Sinn man sich bei Marx aufklären kann,[10] – schließlich haben wir es hier noch mit einem kritischen Marxisten zu tun – so bleibt dennoch eine fatale Affinität zur deutsch-gelehrten „Begriffswirtschaft“[11] zu notieren, die eine angemessene Interpretation der Marxschen Werttheorie schwerlich befördert – von ihrer Kritik gar nicht zu reden. Es kann daher auch kein pures Versehen sein, wenn wir Robert Kurz, kaum daß er begonnen hat, sein kritisches Vorhaben in die Tat umzusetzen, wiederfinden ausgerechnet vor einigen modernen Abkömmlingen jener „deutschen Professoralschulmeister“[12] (die ja immer wieder einmal gerne sich vergeblich an Marx versuchen) – platterdings auf dem Bauch liegend. Wir kommen gleich dazu.
Eine Diagnose methodischer Affinität zu besagter Gilde von Interpreten, die Marx noch nie auch nur im Ansatz verstanden haben, wird aber ohnedies erhärtet durch die folgende Erläuterung der Marxschen Methode, die Kurz uns kredenzt: „Marx leistet diese analytische Bestimmung“ (des Wertbegriffs) „in zwei Richtungen, einmal sozusagen nach rückwärts, vom Wert zur Arbeit, und einmal nach vorwärts, vom Wert zum erscheinenden Tauschwert.“ (62)
Hier ist nun schon nicht mehr nur der Ausgangspunkt verschoben, sondern die ganze Analyse derart verkehrt aufgehängt, daß sie zur komischen Figur gerät. Es ist darum an dieser Stelle unumgänglich, schon einmal einiges zurechtzurücken, d.h. den wirklichen Weg der Analyse bei Marx im Vergleich mit ihrer ersten Kurz-Fassung anzudeuten, wenngleich das ganze Ausmaß der Konfusion im weiteren Verlauf der Kurzschen Erörterung sich erst nach und nach entblättern wird.
Wie gesagt geht Marx nicht aus vom Wert, sondern von der Ware, dem „einfachsten ökonomischen Konkretum“[13]. An ihr findet er Gebrauchswert und Tauschwert. Der Tauschwert aber ist zunächst bloße Erscheinungsform ohne näher bestimmbaren Inhalt, er erscheint als rein zufällige Austauschrelation zwischen verschiedenen Waren. Es ist gerade dieser scheinbar bloß flüchtige, jeder objektiven Bestimmung sich entziehende Charakter des Tauschwerts, der den Klassikern der politischen Ökonomie ebenso viele Schwierigkeiten bereitet hat, eine in sich konsistente Theorie des Warenwerts zu entwickeln, wie er ihren Nachfahren bis heute Anlässe liefert, auf eine solche Theorie ganz zu verzichten. Zwar liegt offenbar, seit Ökonomie als Wissenschaft getrieben wird, ein leidlich objektives Maß der Warenwerte im Geld immer schon vor, und die bloße Zufälligkeit und Relativität des Tauschwerts scheint darin, wenigstens bis zu einem gewissen Grad, aufgehoben. Jedoch ist erstens auch das Geld gegen die Anfeindungen des Zufalls nicht gänzlich gefeit und verflüchtigt sich manchmal in baren trügerischen Schein; es kann seine Tauglichkeit als objektiver Wertmesser verlieren. Zweitens aber muß eine Theorie des Werts die Phänomene der Warenzirkulation in sich schlüssig erklären und hat daher gerade den Zusammenhang aufzudecken zwischen der Zufälligkeit der Tauschrelation verschiedener Waren und der Objektivität des Geldes, das den Austausch vermittelt – auch um die Grenzen letzterer bestimmen und begründen zu können. Es ist daher für die Marxsche Argumentation wesentlich, daß sie nicht stumm hinweggeht über den Charakter des Tauschwerts als zufälliger Proportion von Gebrauchsdingen, sondern ihn in dieser seiner Erscheinungsform ausdrücklich zur Kenntnis nimmt, sich andererseits aber nicht nur davon nicht beirren läßt, nach deren objektivem Gehalt zu suchen, sondern vielmehr dessen vom Tauschwert, wie er unmittelbar erscheint, unterschiedenes, darin verborgenes Vorhandensein aus diesem selbst ableitet. Marx begründet so, warum es notwendig ist, zunächst jenen Gehalt, den Wert, unabhängig von seiner Erscheinungsform, dem Tauschwert, zu betrachten, um sodann letztere als das Zum-Vorschein-Kommen dieses bestimmten Inhalts darstellen zu können.
Die Marxsche Analyse führt also vom Tauschwert, nicht vom Wert – mit Kurz zu sprechen: – „sozusagen nach rückwärts“, nämlich zum Wert hin und zu seiner Substanz, der abstrakten Arbeit. Von hieraus geht Marx schließlich „nach vorwärts“, nämlich zurück zum Tauschwert als der Erscheinungsform des Werts.[14] Es ist dies der Gang der Untersuchung, durchgeführt an einem sehr einfachen Gegenstand, wie Marx ihn ganz allgemein formuliert hat in seinen berühmten Überlegungen zur „Methode der politischen Ökonomie“ in der Einleitung zu den „Grundrissen“. Vom Konkreten, „der wirklichen Voraussetzung“ (hier: der Ware und ihrem Austausch), das zunächst bloß „chaotische Vorstellung“ ist, gelangen wir zu einfachen, abstrakten Bestimmungen (Gebrauchswert, Wert, konkret nützliche sowie abstrakte Arbeit) und können von dort aus das beginnen, was Marx als „die wissenschaftlich richtige Methode“ bezeichnet: das konkrete Ganze als gedanklich Konkretes, d.h. als charakteristische Zusammenfassung einer Reihe einfacher Bestimmungen darzustellen.
Wir werden noch einige Male Gelegenheit haben, vor allem jenen Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten und die spezielle Kurzsche Variante davon gegeneinander abzuwägen. Jetzt aber ist erst einmal die Frage zu beantworten, welche Funktion der offenkundigen Verballhornung des Marxschen Gedankengangs in Kurzens Argumentation zukommt. Man erinnere sich, daß Kurz ja bereits angekündigt hat, nach „Lücken“ in der Marxschen Argumentation zu fahnden, von denen für ihn feststeht, daß es sie gibt. Eine solche Lücke läßt sich natürlich viel leichter fabrizieren, nachdem die Untersuchung eines bestimmten konkreten Gegenstands verwandelt wurde in ein äußerliches Beziehen sogenannter Begriffe aufeinander. Kurz läßt uns alsbald in einen analytischen Abgrund blicken:
„Es muß also genau analytisch differenziert werden zwischen (konkreter und abstrakter) Arbeit, Wert und Tauschwert. Die Qualität Arbeit erscheint als Wert, der Wert erscheint als Tauschwert. Der Tauschwert ist somit erscheinendes Dasein bereits in zweiter Potenz. Die Schwierigkeit einer genauen Ableitung liegt daher nicht bloß im Übergang vom Wert zum Tauschwert, der bereits viele Kontroversen hervorgerufen hat, sondern mehr noch im Übergang von der Arbeit zum Wert.“[15] (62)
Wer analytisches Prozedere vor allem fordert, an dem ist möglicherweise die Analyse schon vorbeigerauscht. Auf die Kategorien „Arbeit, Wert und Tauschwert“ jedenfalls kommt Kurz wie die Jungfrau zum Kind. Sie stehen schon bereit, ohne daß Kurz analytisch irgend etwas unter- oder wenigsten zur Kenntnis genommen hätte. Alles weitere „genaue Differenzieren“ hat es daher von vornherein zu tun mit dem fait accompli ihrer Anwesenheit, also ihres Unterschiedenseins von einander. Es kann sie als solche fertigen Kategorien nur mehr äußerlich zu einander in Beziehung setzen, ohne in ihren jeweiligen Gehalt einzudringen.
Über den Unfug der Rede vom Tauschwert als „erscheinendes Dasein bereits in zweiter Potenz“ gehe ich an dieser Stelle vorerst hinweg; er wird uns noch zur Genüge beschäftigen. Jetzt aber sollten wir die Kurzsche Ungeduld gewähren lassen, uns endlich die ominöse „Lücke“ zu präsentieren; wir ahnen ja bereits, wo Kurz sie plaziert hat. Er wirft eine „offen“ gebliebene Frage auf, nämlich:
„ob der Wert nun Arbeit als solche ,ist‘ ... oder ob der Wert selber eine der Arbeit gegenüber verschiedene Qualität darstellt.“ (62)
Die Frage könnte uns an sich ziemlich kalt lassen, da sie selbst wie ihre Elemente „Wert“ und „Arbeit“ reichlich unmotiviert und gegenstandslos in der Luft hängen. Kurz hat bislang noch nicht einmal dargelegt, warum überhaupt Arbeit und Wert in irgendeine Beziehung zu bringen seien.[16] In der Frage aber haben wir – die Leser haben’s schon erraten – jene Lücke vor uns, in deren Behebung der ganze Text schließlich seine Daseinsberechtigung finden soll, und wo die Frage aus einem Gedankengang sich nicht ergeben will, da kann ein Zitat vielleicht aushelfen. Marx gebe über sie „keineswegs erschöpfende Auskunft“, eröffnet uns Kurz, sogleich hinzusetzend – wohl weil er das Gewicht seiner bloßen Versicherung zurecht bezweifelt: „und so kann nicht zu Unrecht kritisch behauptet werden, daß er ‚im unklaren (läßt), welche Qualität einer Ware es ist, die als ... Tauschwertgröße quantifizierbar ist. Diese Frage wird nicht beantwortet durch die These, das, was sich im Tauschwert ›ausdrückt‹ oder in ihm ›erscheint‹, seine ›Substanz‹ ... sei die Arbeit; denn auch diese These läßt die Frage offen, die Größe welcher erscheinenden Qualität der Tauschwert ist, dessen nicht erscheinende Substanz die Arbeit sein soll‘ “[17] (62)
Das Zitat, das Kurz hier bemüht, uns seine Lücke anzudienen, entstammt nun ausgerechnet jener deutsch-professoralen Marx-Kritik, deren Begriffsstutzigkeit gar nicht erst versucht, dem Marxschen Gedankengang selbst nachzuspüren, sich statt dessen damit begnügt, ihn nach ihren vorgefertigten sogenannten „Standards der modernen Wissenschaftstheorie“[18] zurechtzudeuten. Im Grunde wirft diese Kritik Marx nur noch vor, daß er über die Frage, welche „Qualität“ der Ware in ihrem Tauschwert erscheint, sich überhaupt theoretische Gedanken macht, d.h. der Differenz zwischen Erscheinungsweise und Wesen der Ware sowie deren Zusammenhang nachgeht. Eine Qualität jedenfalls, die erscheint als das, was sie ihrem Wesen nach ist, wäre kein wissenschaftliches Problem.[19] Es ist aber gerade das Vertrackte der Ware und spezieller ihres Tauschwerts, daß sie sich als ein Geheimnis bergend zu erkennen gibt. Der Austausch der Waren gegeneinander, d.h. ihre Gleichsetzung in bestimmten Proportionen, drückt ein Gleiches an ihnen aus, verrät aber nicht, was dieses Gleiche ist. Nach ihm zu forschen, das Geheimnis lüften zu wollen, ist spätestens seit Marx in den offiziellen Sozialwissenschaften verpönt und wird gewöhnlich als „Metaphysik“ gebrandmarkt. Kurz selbst weiß zu Beginn seines Aufsatzes davon zu erzählen. Das praktische Aufgeben der Werttheorie, schreibt er dort, komme „einer bedingungslosen Kapitulation vor dem Marxschen Angriff“ gleich (57), was wiederum ein wenig übertrieben ist, denn natürlich schwadronieren die modernen sozialwissenschaftlichen Zünfte, befreit von der Forderung nach theoretisch schlüssiger Durchdringung der Zusammenhänge, um so munterer weiter daher über Waren, Werte, Preise, Geld und pipapo; und begreiflicherweise müssen sie nach wie vor dabei ab und zu gegen den Werttheoretiker Marx sticheln, an dem sich ihre fleißigen Versuche der Systematisierung des platten Augenscheins bis zum heutigen Tag allesamt blamieren.
Offenbar hat Kurz seiner eigenen Formulierung von der „bedingungslosen Kapitulation“ dieser Sorte Wissenschaft allzu sehr aufs Wort geglaubt und sich daher nicht näher dafür interessiert, wie jene Preisgabe jeglicher Werttheorie in der Sache selbst sich äußert. Andernfalls hätte er kaum so unbekümmert in deren Arsenal gegriffen und sich die Forderung zu eigen gemacht, mit der die pure Ignoranz sich wichtig tut, die der Tauschwertgröße zugrundeliegende „Qualität“ habe gefälligst zu erscheinen, bevor man sich bequemen könne, sie wissenschaftlich in Betracht zu ziehen. Es kommt freilich noch viel schlimmer. Vom Glauben beseelt, hier auf ein wirkliches Problem gestoßen zu sein, unternimmt Kurz, so unglaublich das klingt, allerhand Anstrengungen, der „Qualität“ Wert schon als solcher, also noch vor ihrem wirklichen Erscheinen als Tauschwert, zum Rang einer „Erscheinung“ zu verhelfen, was natürlich nicht ohne verheerende Folgen insbesondere für das Begreifen des ganzen Verdinglichungsproblem abgeht.
Jedenfalls ist jetzt heraus, an welcher Frage der Kurzsche Text sich des weiteren abarbeiten wird. Und Bevor wir dem wirklich abenteuerlichen Kunststück zusehen, wie der Meister der fundamentalen Wertkritik „der reflektierten bürgerlichen Marx-Kritik“ die „erscheinende Qualität“ des Werts hervorzaubert, sollten wir versuchen, wenigstens eine Idee davon zu bekommen, wie besagte „Lücke“ im Gang der Marxschen Warenanalyse selbst sich gestaltet. Wie also stellt sich dort die Frage nach dem Zusammenhang von Arbeit und Wert und fällt dementsprechend ihre Beantwortung aus?
Von der Ware zum Wert
Der Gang der Analyse bei MarxMarx führt den Wert ein als das „Gemeinsame, was sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt“, das „zunächst jedoch unabhängig von dieser Form“, in der es sich darstellt, dem Tauschwert, zu betrachten sei.[20] Daß es ein solches Gemeinsames gibt, verrät das Austauschverhältnis selbst, indem es verschiedene Gebrauchswerte einander gleichsetzt und also sagt, daß sie in Bezug auf etwas noch nicht näher bestimmbares sich nur in der Größe unterscheiden, die sie davon darstellen. Dieses Etwas ist ihnen in ähnlicher Weise gemeinsam eigen, wie es z. B. die Schwere ist oder eine andere mehr oder weniger abstrakte physikalische Eigenschaft an ihnen. Das gemeinsame Gleiche (Gleichartige) kann aber in keiner physikalischen oder sonst natürlichen Eigenschaft bestehen, weil solche Eigenschaften immer in irgendeiner Hinsicht den Gebrauchswert affizieren, dagegen das Austauschverhältnis erstens nur zustandekommt, sofern ungleichartige Gebrauchswerte sich gegenüberstehen, und zweitens die Ware hinsichtlich ihres Gebrauchswerts oder die Warensorte, die den Tauschwert einer bestimmten anderen Ware ersetzt, beständig wechseln können muß, wo gesellschaftlicher Warenaustausch herrscht, mithin ihre natürlichen Eigenschaften ganz beliebig verschieden sein dürfen.[21] Um vom Tauschwert, der in vielerlei Gebrauchswertgestalt auftritt, zu dem zu gelangen, was diese bunte Vielfalt an Austauschverhältnissen ausdrückt, d. h. zum Wert, muß man daher vom Gebrauchswert abstrahieren. Man muß also alle Aspekte einer Ware weglassen, die sie zum Gegenstand irgendwelcher bestimmten, an unsere fünf Sinne geknüpften menschlichen Bedürfnisse machen. Hier endlich kommt bei Marx die Arbeit ins Spiel:
„Sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten.“[22]
Arbeit jedoch ist zweckmäßiges, auf einen bestimmten Nutzen gerichtetes Tun. Es ist klar, daß jede Ware, da Gebrauchsgegenstand, nützliches Ding, einen kürzeren oder längeren, mehr oder weniger aufwendigen Prozeß der Zurichtung auf die Zwecke, denen sie schließlich dienen soll, durchlaufen muß. Insofern ist also ihre Bestimmung als Produkt menschlicher Arbeit tatsächlich etwas allen Waren Gemeinsames. Die Klassiker der politischen Ökonomie, in deren Kritik Marx seine Werttheorie entwickelte, waren genau bis zu diesem Punkt gelangt und gaben sich damit zufrieden, als dann ihre Epigonen sich anschickten, die Zurückführung des Warenwerts auf Arbeit komplett zu eliminieren. Es wird heute in wertkritisch gewitzten Kreisen gerne über solche „Borniertheit“ der klassischen Ökonomie die Nase gerümpft, auch Kurz tut das im vorliegenden Text und wir werden das an entsprechender Stelle noch zu würdigen haben.[23] Seine fundamentale Wertkritik ist später – in gewisser Hinsicht konsequent – bei der Expedierung des „Arbeitsbegriffs“ aus dem wertkritischen Diskurs gelandet. Arbeit, Wert und Warenform, deren Zusammenhang Kurz hier noch ausdrücklich problematisierte, sind seither nur mehr schlicht identisch. Um aber Marxens Kritik zu verstehen, ist es nötig genauer zu betrachten, worin sich seine Bestimmung des Werts von derjenigen der politischen Ökonomie unterscheidet und was sie von dieser übernimmt. Marx selbst bezeichnet diese Frage als den „Springpunkt ..., um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“.[24]
Wirkliche, lebendige Arbeit ist immer auf einen bestimmten Zweck gerichtet, hat einen bestimmten Gegenstand, dessen physikalische, biologische, geometrische oder sonstwie natürliche Beschaffenheit sie in Rechnung stellen, in bestimmter Weise dem vorgegebenen Zweck anpassen muß; sie ist selber in ihrer Wirkung auf den Gegenstand natürlich bestimmt, wirkt gewissermaßen als bestimmte Naturkraft. Die wirkliche Arbeit enthält also unvermeidlich die Bestimmung des Gebrauchswert, von der wir aber abstrahieren müssen, um die des Werts zu finden. Und wie die mannigfachen Gebrauchswertgestalten der Warenkörper keinerlei Gemeinsamkeit darbieten, aus der sich ein einheitliches Maß ihrer Wertgröße gewinnen ließe, so zunächst auch die verschiedenen Arbeitsprozesse, in denen sie entstanden sind.
In dem Ausdruck „Arbeit“ ist nun allerdings bereits die bunte Vielfalt der wirklichen Arbeiten ausgelöscht. Alle verschiedenen konkreten Arbeiten sind ausgedrückt als ein Gleiches: Arbeit ohne nähere Bestimmung – Arbeit sans phrase. In seiner Kritik der klassischen Wertbestimmung durch Arbeit geht Marx über diese nur einen winzigen, aber sehr entscheidenden Schritt hinaus. Er reflektiert, was die politische Ökonomie schon getan hat, ohne sich über die Bedeutung ihres Tuns völlig im Klaren zu sein. Marx hebt sozusagen ins Bewußtsein, was die politische Ökonomie schon mehr oder weniger klar ausgesprochen, aber nicht in seinen Implikationen und Konsequenzen erfaßt und bedacht hat, daß nämlich die Arbeit, die der Vergleichung der Tauschwerte der Waren zugrundeliegt, selber gleiche Arbeit und daher ihre wirkliche, konkrete Verschiedenheit losgeworden sein muß. Was also bleibt übrig von den Arbeiten, wenn sämtliche Unterschiede ihrer auf konkrete Zwecke gerichteten vielfältigen Formen außer Betracht gelassen werden? Übrig bleibt nur die einzige Bestimmung, daß sie allesamt Äußerungen eines allen Individuen der menschlichen Gattung gemeinsam eigenen Vermögens sind: ihrer Arbeitskraft.[25]
Diese zuletzt zurückbleibende, abstrakte Bestimmung der Arbeit reduziert sie auf eine rein gesellschaftliche Größe, d. h. sie drückt keine Beziehung der Menschen zu den bearbeiteten Gegenständen mehr aus, sondern nur noch die gesellschaftliche Beziehung der arbeitenden Menschen zueinander als Gleicher, als Personifikationen des gleichen produktiven Vermögens. Als solche bloß gesellschaftliche Qualität kann sie naturgemäß nicht an den Produkten der Arbeit erscheinen. Ihre Vergegenständlichung an der je einzelnen Ware oder Warenart bleibt „gespenstisch“, wie Marx sagt. Als Gebrauchswerte verkörpern die Arbeitsprodukte konkrete, den gegenständlichen Bedürfnissen der Menschen entstammende und im Arbeitsprozeß ihnen sinnlich mehr oder weniger greifbar aufgeprägte Zwecke; als Werte sind sie nur gegenständliche Repräsentanten eines Mehr oder Weniger an Verausgabung des gleichen gesellschaftlichen Arbeitsvermögens. Die Wertgestalt der Ware müßte unterschieden sein von ihrer gewöhnlichen Gestalt als Gebrauchswert, die Ware hat aber nur ihren einen Körper und sprechen kann sie auch nicht, oder genauer: sie spricht ihre eigene Sprache – die Warensprache, deren spezifische Ausdrucksformen Marx daher in der Analyse des Tauschwerts herausarbeitet, zu dem er, nachdem jetzt geklärt ist, was sich in ihm ausdrückt, zurückkehrt.
Wir müssen jedoch zunächst zurückkehren zu unserer verflixten Lücke, bzw. zu der für Kurz offen gebliebenen Frage, ob denn nun „der Wert Arbeit als solche ,ist‘ ... oder ... eine der Arbeit gegenüber verschiedene Qualität darstellt“. Da unser Lückenspäher, anders als Marx, die Kategorien Tauschwert, Wert und Arbeit schon vor sich hat, bevor sie entwickelt sind, stellt sich ihm das Problem des Übergangs von einer zur anderen als ein den Kategorien selber äußerliches. Bei Marx halten die Kategorien nur bestimmte Entwicklungsschritte der Analyse selbst fest und geben ihnen Namen, ihr Zusammenhang mit der jeweils vorhergehenden ist in der Fragestellung, die auf sie führt, bereits formuliert. So bleibt denn auch dort – wir konnten uns soeben davon überzeugen – keineswegs offen, wie Wert und Arbeit zusammenhängen. Seine Analyse führt Marx vom Doppelcharakter der Ware, als nützlichem Ding und Träger von Wert in einem, zum Doppelcharakter der Arbeit, die in ihr vergegenständlicht ist, als konkret-nützlicher Arbeit einerseits, welche den Gebrauchswert hervorbringt, sowie andererseits der abstrakten, allgemein-menschlichen Arbeit, welche die Substanz des Werts bildet. Die Qualität, Seite oder der bestimmte Aspekt der Arbeit, der sich an der einzelnen Ware unsichtbar als ihr Wert niederschlägt, ist von Marx genau bezeichnet und darin auch erklärt, warum er nicht an ihr sichtbar werden kann.
Wert ist, nach Marx, geronnene abstrakte Arbeit und also eine gesellschaftliche Beziehung, nämlich die Beziehung aller Arbeiten (soweit Geschick, Intensität und sachliche Voraussetzungen dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprechen) aufeinander als gleiche, nämlich menschliche Arbeiten, deren einheitliches Maß die Zeit ist. Als dieses gesellschaftliche Verhältnis hat der Wert an sich nichts zu schaffen mit der konkreten Gestalt der Produkte der Arbeit und kann in ihr nicht erscheinen. Die Antwort auf Kurzens Frage muß daher lauten: Der Wert hat „eine der Arbeit gegenüber verschiedene Qualität“, insofern es sich um die konkrete, bestimmten Gebrauchswert produzierende Arbeit handelt. Soweit es sich um die Abstraktion davon, um abstrakte, gleiche menschliche Arbeit handelt, ist sie die flüssige, prozessierende Substanz des Werts und mit ihm etwa in derselben Weise identisch wie das geschmolzene, in eine Gußform fließende Metall mit dem schließlich darin erstarrten – feiner Unterschied freilich: Flüssige wie feste Form des Metalls stellen konkrete, von der Arbeit in bestimmter Weise umgeformte Natureigenschaften desselben dar, während der Wert ebenso wie seine flüssige Form, die wertproduzierende Arbeit, oder die Arbeit, soweit sie Wert produziert, rein gesellschaftliche und also abstrakte Bestimmungen sind, abstrahiert von der konkreten Tätigkeit wie ihrem Resultat, welche beide immer auch vielfältige gegenständliche Naturbeziehungen einschließen.
Bei aller klug tuender Mahnung, es müsse „genau analytisch differenziert werden zwischen (konkreter und abstrakter) Arbeit, Wert und Tauschwert“, die bloß die professoral weihevolle Ausdrucksweise davon ist, daß man die zu diesen Kategorien führende Analyse sich ganz gespart hat, setzt Kurz demnach ausgerechnet die hier entscheidende Differenz, die solche Analyse liefert, fatalerweise in Klammern und hat so glücklich seine Lücke gefunden. Als lückenhaft hat sich damit an dieser Stelle nicht die Marxsche Werttheorie erwiesen, sondern ihre Rezeption durch Robert Kurz – und das ist noch das freundlichste, was man davon sagen kann.
Da dieser nun also den Unterschied von konkreter und abstrakter Arbeit vorläufig zu ignorieren beschlossen hat, entsteht für ihn eine Schwierigkeit, die so wahrhaftig von Marx „vernachlässigt“ worden ist. Kurz muß erklären, wie es von der lebendigen, alle menschlichen Sinne beanspruchenden und bedienenden Arbeit zur übersinnlichen, abstrakten Wertgegenständlichkeit an der einzelnen Ware kommt. Diese Schwierigkeit existierte für Marx deshalb nicht, weil er zuvor bereits festgehalten hat, daß für die Gegenständlichkeit des Werts nur die selber schon vollkommen unsinnliche, abstrakt gleiche menschliche Arbeit in Betracht kommt. Die Schwierigkeit, die er zu lösen hatte, war die Frage, wie die nicht sinnlich, sondern nur gedanklich faßbare, an den Waren, um deren Wert es geht, nicht erscheinende gesellschaftliche Tatsache, daß sie alle Produkt vergleichbarer, weil menschlicher Arbeit sind, sinnlichen, gegenständlichen Ausdruck findet; ein Problem, das, wie wir gleich sehen werden, bei Kurz, unter der Bezeichnung „Wertform-Begriff der zweiten Ebene“ firmierend, ausdrücklich als „bloßer Binnen-Begriff“ (was bei ihm immer heißt: für eine wie auch immer geartete „Kritik“ unergiebig) und „sekundär“ eingeordnet wird; von Marx wird es schlicht als „Die Wertform oder der Tauschwert“ abgehandelt, birgt aber das ganze Fetischproblem, die Verdinglichung eines gesellschaftlichen Verhältnisses, in sich. Für Kurz hingegen verdichtet sich seine Frage zum Problem der Vergegenständlichung schlechthin. Daß etwas „eigentlich“ Flüssiges sich in feste Gestalt verwandeln soll, daß überhaupt Arbeit sich objektiviert, sei es im Gebrauchswert oder im Wert, macht für ihn das Phantastische der Wertgegenständlichkeit aus, worauf später noch näher einzugehen sein wird.
Form und Inhalt des Werts: Fundamentales „Durcheinander“
Es ist jetzt an der Zeit, zurückzukommen auf jene der „reflektierten bürgerlichen Marx-Kritik“ abgelauschte Frage nach der „erscheinenden Qualität“ der Ware, die dem Tauschwert zugrunde liegen müsse. Sehen wir uns an, was Kurz mit ihr anfängt. Die Frage verwechselt ja nicht nur offenbar überhaupt den Charakter wissenschaftlicher Aufgabenstellungen mit der dem gestandenen Sozialwissenschaftler eigentümlichen Unfähigkeit, hinter die Erscheinung der Dinge zu blicken. Sie verkennt insbesondere die Eigenart jener von Marx erstmals zu Ende analysierten Qualität, die schließlich im Tauschwert als Proportionen verschiedener Gebrauchswerte erscheint. Die in ihrem Austausch verglichene Qualität der Waren, d.h. ihr Wert, kann nicht als solche erscheinen, weil sie Abstraktion, das gerade Gegenteil einer erscheinenden, aus Fleisch und Blut oder sonstigem Naturstoff bestehenden, sinnlich faßbaren Angelegenheit ist: gedanklich aus vielfach in sich bestimmtem Erscheinenden herausgelöste, einfache Bestimmung. Und sie ist nicht nur überhaupt Abstraktion, wie etwa die Schwere der Körper, die den Waren als gesellschaftlich-natürlichen Dingen, Gebrauchsgegenständen zukommt, sondern gesellschaftliche Abstraktion: Bestimmung, in welcher die Waren bloße Gesellschaftsdinge sind, Verkörperungen von Verausgabung der gleichen gesellschaftlichen Arbeitskraft. Diese gesellschaftliche Qualität erscheint, aber sie erscheint verkehrt, nämlich als Verhältnis ordinärer Gegenstände. Es wird also in jener Frage der Marx-Kritik (vertreten durch Herrn Steinvorth) nicht nur sehr wohl „zu Unrecht“ die Differenz von Erscheinung und Wesen der Gegenstände wissenschaftlicher Untersuchung überhaupt theoretisch verworfen, als wär’s die pure Selbstverständlichkeit. Vor allem wird das spezifische Problem des Fetischismus der Warenproduktion, die Verdinglichung eines gesellschaftlichen Verhältnisses, schon im Ansatz aus dem Marxschen Gedankengang eskamotiert, bevor der beifällig nickende Kurz es auch nur flüchtig in Augenschein nehmen konnte.
Statt nämlich dem tumben Kritiker seine Begriffsstutzigkeit um die Ohren zu hauen, spielt Kurz das blöde Spiel mit: „Die erscheinende Qualität“, nach welcher der Herr verlangt, antwortet er, „wäre eben der Wert im Unterschied zum Tauschwert.“ (62) Und weil ihm offenbar zu Ohren gekommen ist, daß der Wert im Tauschwert selber eine besondere Erscheinungsform besitzt, erfindet er eine Differenz der „erscheinenden Qualitäten“, er kreiert sozusagen die Erscheinung vor der Erscheinung oder in seinen Worten: eine Erscheinung „erster“ und eine weitere solche „zweiter Potenz“. Die Arbeit (konkret oder abstrakt oder beides) erscheine als Wert, aber nicht wirklich, sondern bloß in „erster Potenz“, und erst der Wert erscheine wirklich, d.h. in „zweiter Potenz“, im Austauschverhältnis zweier Waren; oder vielmehr umgekehrt: wirklich, nämlich wirklich interessant für Kurz, scheint allein die luftige „Erscheinung“ in erster Potenz als Wert zu sein, während der Tauschwert, die wirkliche Erscheinungsform des Werts, als Erscheinung „bloß“ in zweiter Potenz, kaum seine Beachtung findet. Ob das einseitige Interesse einer größeren Potenz seiner ersten Erscheinung geschuldet ist oder eher ihrer Impotenz, dem mit theoretischer Unbedarftheit spekulierenden Mißbrauch Widerstand zu leisten, bleibe zunächst dahingestellt.
Die ganze abstruse Konstruktion erhält den Namen „die zwei Ebenen des Wertform-Begriffs“, und man muß wohl am Ende noch froh sein, daß unser fundamentaler Pfiffikus es mit zwei „Ebenen“ oder „Potenzen“ hat gut sein lassen. Die von ihm sogenannte Wertform – in seiner Diktion lieber noch: der „Wertform-Begriff“ – der „ersten Ebene“, bei der es sich ja um eine „erscheinende Qualität“ handeln soll, hat, wie sich denken läßt, beträchtliche Schwierigkeiten, dieser Seite ihrer Qualität gerecht zu werden. Nicht von ungefähr benutzt Marx die Ausdrücke „Wertform“ und „Tauschwert“ meist synonym, denn eine ihm eigentümliche Form erhält der Wert erst im Austausch zweier Waren. An der einzelnen Ware hat der Wert keine Form, weshalb Marx dort, wo er ihn an dieser analytisch isoliert hat, von einer bloßen „Gallerte unterschiedsloser menschlicher Arbeit“[26] spricht. Der Ausdruck „Gallerte“ soll hier zweifellos die Formlosigkeit des in der Analyse des Tauschwerts der Ware erhaltenen Resultats unterstreichen.[27] Da der Wert gesellschaftliche Bestimmung der Waren ist, kann er nur Gestalt annehmen, wo sie in gesellschaftlichen Verkehr miteinander treten: in ihrem Austausch.
Der Witz der Marxschen Formanalyse der Ware besteht gerade darin, daß der Tauschwert, die Form, wie der Wert der Ware erscheint, als notwendige Form, als die dem Wert der Ware eigentümliche Weise seines Erscheinens, als innerer Zusammenhang von Form und Inhalt aufgewiesen wird – Zusammenhang nicht einfach in dem Sinne, daß ein an sich bereits fertiger Inhalt äußere Gestalt erhält, ohne davon in seiner eigenen Bestimmtheit berührt zu sein, sondern so, daß der Inhalt diese bestimmte Form notwendig braucht, um zu sein, was er ist, d.h. in anderer Form auch anderer Inhalt wäre. Der Zusammenhang erst von Wert und Tauschwert macht das historische Spezifikum der Warenproduktion aus, welche die naturwüchsigen Besonderungen menschlicher Lebensproduktion aus ihrer zähen Beharrlichkeit löst, sie umwandelt in bloß vorübergehende, jederzeit widerrufbare besondere Betätigungen desselben allgemeinen Vermögens der Menschen.
Tatsächlich hat ja der Inhalt der Wertbestimmung an sich nichts Undurchsichtiges, Geheimnisvolles. Es ist „eine physiologische Wahrheit“, wie Marx sagt, daß, „wie verschieden die nützlichen Arbeiten oder produktiven Tätigkeiten sein mögen, ... sie Funktionen des menschlichen Organismus sind und daß jede solche Funktion, welches immer ihr Inhalt und ihre Form, wesentlich Verausgabung von menschlichem Hirn, Nerv, Muskel, Sinnesorgan usw. ist.“[28] Es ist also eine sehr einfache, allgemeine Wahrheit, daß die miteinander ausgetauschten Produkte nicht nur besondere Produkte von Russen oder Amerikanern, Küstenbewohnern oder Bergvölkern, Sklaven, leibeigenen Bauern oder freien Handwerkern, gut ausgebildeten oder ungelernten Arbeitern usw. sind, sondern außerdem allesamt Produkte von Menschen.[29] Gleichwohl braucht es für das Praktischwerden dieser Wahrheit, für ihre selbstverständliche Anwesenheit im gesellschaftlichen Alltag, bestimmte Voraussetzungen, welche die längste Zeit, seit Menschen die Erde bewohnen, weitgehend gefehlt hatten, bzw. erst in ihrer Herausbildung begriffen waren und sogar heute noch nicht überall und durchweg die pure Trivialität sind. Die vereinzelten, selbstgenügsamen, naturwüchsig-gemeinschaftlichen Existenzformen mußten hinreichend diversifiziert und spezifiziert, ihr Verkehr untereinander genügend alltägliche Übung geworden sein, damit das Menschsein eine die zufällige Existenzweise des eigenen Kollektivs überschreitende Bestimmung erhielt nicht mehr nur durch besondere Denkleistung einer Handvoll (durch ausgiebiges Reisen oder andere Ausnahmebedingungen) Gebildeter, sondern aus täglicher Allerweltserfahrung.[30] Dieses praktische Wahrwerden der Menschheit, die Entstehung der wirklichen menschlichen Gemeinschaft, vollzog und vollzieht sich immer noch eben in der Form, daß die Arbeitsprodukte Waren werden: Wie der menschliche, über das eigene unmittelbare Dasein hinaus reichende, Gesichtspunkt zu diesem Dasein zunächst äußerlich hinzutritt in Gestalt anderer, andersartiger Menschen, das menschliche an dem eigenen Dasein also zunächst erscheint als das Dasein des Anderen, so stellen sich auch die Objektivierungen dieses Daseins als menschliche dar in einem äußeren Gegensatz. Die an sich einfache und scheinbar selbstverständliche Bestimmung, daß sie nicht nur Produkte bestimmter zweckmäßiger, auf ein mehr oder weniger eingrenzbares Bedürfnis gerichteter Tätigkeit sind, sondern Produkte, die von Menschen für Menschen geschaffen wurden, kann sich zunächst nicht anders zeigen als darin, daß sie anderen Produkten, Produkten von anderen Menschen gleichgesetzt werden. Ihre menschliche Herkunft, ihr Charakter als Verkörperung einer von Menschen für (andere) Menschen aufgebrachten Anstrengung – nichts anderes besagt die Wertbestimmung ihrem qualitativen Inhalt nach – erscheint als von ihrer eigenen konkreten Form unterschiedene Identität mit anderer Ware.
Dies ist das Geheimnis der Wertform, das sich nur erschließt, wenn die darin verborgene bestimmte Beziehung des Inhalts mit seiner Form analysiert wird. Weder sind Form und Inhalt einfach identisch, wie es das abgeschlaffte, wissenschaftstheoretisch standardisierte akademische Durchschnittsdenken gerne hätte, auf das Kurz eingangs rekurrierte; noch ist die Form ohne die Bestimmung ihres spezifischen Inhalts oder gar der Inhalt ohne die bestimmte Form, die er annimmt, begriffen. Robert Kurz, dessenungeachtet, versucht beides:
Zum einen reißt er Form und Inhalt derart auseinander, daß er die Form des Werts, d.h. den Tauschwert, für ein nachgeordnetes Problem erklärt, dessen Untersuchung über den Wertbegriff, also die Frage, was denn der Wert sei, wenig bis gar keinen Aufschluß geben könne.[31] Dem Inhalt dagegen versucht er mit geradezu fanatischem Ehrgeiz ganz außerhalb seiner Form, also in seiner blanken Abstraktheit, „an der einzelnen Ware selbst“ (64) jenes verrückte, uns warenproduzierende Erdlinge blendende Leben einzuhauchen. Was bei den klassischen Ökonomen nur Desinteresse an der Form war, weil der abstrakte Inhalt der Wertbestimmung der Waren ihre ganze Aufmerksamkeit absorbierte (woraus zu ersehen ist, daß sie eben mit ihm noch nicht fertig waren), das wird bei Robert Kurz zur fixen Idee. Mit der Unterscheidung der in der Ware enthaltenen Arbeit in konkrete und abstrakte hatte Marx jene Bestimmung des Wertinhalts, an der die Ökonomen zwei Jahrhunderte lang sich abgearbeitet hatten, soweit zum Abschluß gebracht, daß der Zusammenhang dieses Inhalts mit seiner Form erstmals in den Blick genommen werden konnte. Genau deshalb nennt Marx sie den „Springpunkt ... , um den sich das Verständnis der politischen Ökonomie dreht“. Indem Kurz sich wieder ganz in den abstrakten Inhalt verbeißt, fällt er also auf den Stand der vormarxschen Ökonomie zurück, ohne allerdings noch einen Hauch von deren sachlicher Motivation zu besitzen.
Zugleich aber wirft Kurz Form und Inhalt des Werts ununterschieden zusammen; oder richtiger: er rührt sie heillos durcheinander – mit Hilfe einer ausgesprochen albernen Wortspielerei, die aber offenbar trickreich genug ist, daß sie ihn selbst überlistet. Zunächst heißt es, scheinbar ganz harmlos:
„ ... gegenüber dem Inhalt der lebendigen Arbeit ist Wert eine Form, gegenüber der erscheinenden Form des Tauschwerts oder der Tauschrelation zweier Waren ist Wert selber der Inhalt.“ (63)
Sieht man einmal von dem Blödsinn ab, daß hier der „lebendigen“ Arbeit, die bereits hinlänglich gegenständliche Form annimmt in der konkreten Gestalt ihres Produkts, ohne weiteres eine zweite, obendrein völlig abstrakte sogenannte „Form“ verpaßt wird, so läßt sich immerhin festhalten, daß in der Kurzschen „Wertform auf der primären Bedeutungsebene“ keineswegs der Wert selbst Form gewinnt. Trotzdem spricht Kurz dauernd von ihr als „Form des Werts“ und läßt den Wert darin („in erster Potenz“) sogar „erscheinen“. Der Wert wäre demnach an sich selber Form, wenn auch nicht von sich selbst als Inhalt, diese wiederum, also die wirkliche Wertform oder der Tauschwert, wäre nur noch äußerliches Beiwerk – oder wie Kurz so unnachahmlich formuliert: „ ,Form einer Form‘ in zweiter Potenz“. (63) Jedenfalls ist der Wert, obwohl nach Form und Inhalt auf zwei verschiedenen Planeten zu Hause, glücklich beides in einem geworden – wer will da schon noch genau wissen, welche Form für welchen Inhalt bzw. welcher Inhalt in welcher Form? Kurz kann so nur verfahren, weil ihn der Unterschied von Inhalt und Form des Werts gar nicht interessiert, respektive er nicht den Schimmer einer Ahnung davon hat, was damit anzufangen wäre.
Was gewinnen wir also durch die Kurzsche Verdoppelung des „Wertform-Begriffs“? Das eine Mal faßt Kurz darunter den Wert als Form eines anderen Inhalts, das zweite Mal den Wert als Inhalt einer anderen Form. In jedem der Begriffszwillinge kommt das Wort „Wert“ vor, jedoch in ganz unterschiedlicher Funktion, beide haben einen Inhalt und eine Form, aber in genau entgegengesetzter Bestimmung. Sie haben also eigentlich nichts gemeinsam, außer daß man sich über beide am besten möglichst wenig den Kopf zerbricht, weil ihre „Bedeutung“ darunter allzu sehr leiden könnte. Die Marxschen Bestimmungen des Werts nach Inhalt und Form stehen unversehens auf dem Kopf – bei Marx ist der Wert zunächst von seiner Form, dem Tauschwert, in bestimmter Weise unterschiedener Inhalt; bei Kurz ist der Wert in „sekundärer“ Hinsicht zwar auch Inhalt, aber gleichgültig gegen seine Form, in erster Linie jedoch ist er Form der von ihm unterschiedenen „lebendigen Arbeit“. Ansonsten bringt der doppelbödige Wertform-Begriff so viel größere Klarheit in die Analyse der Ware, wie sie etwa ein „zweifacher Wellenbegriff“ in die physikalische Theorie des Lichts brächte, mit dem die Teilchen- von den Welleneigenschaften des Lichts „analytisch genau differenziert“ werden sollten. Man muß jedenfalls schon sehr demoralisiert sein durch die gedankliche Flachatmigkeit und phantasielose sprachliche Einöde heutiger sozialwissenschaftlicher Diskurse, um es für eine erhellende Neuerung halten zu können, daß zwei Sachverhalte oder Gesichtspunkte eines Problems zum Zwecke ihrer besseren Unterscheidbarkeit mit demselben Ausdruck belegt werden und sodann immer extra angezeigt werden muß, auf welcher sogenannten „Ebene“ man gerade turnt, damit alle wissen (oder wenigsten glauben dürfen zu wissen), wovon überhaupt die Rede ist.
Die Probe auf den Gebrauchswert solcher Neuerung liefert Kurz dann prompt an Hand diverser Neu-Interpretionen Marxscher Textstellen mit Hilfe seines „Zwei-Ebenen“-Konstrukts. Weil Kurz die völlig klare Unterscheidung zwischen Wert (als Inhalt) und Wertform nicht verstanden hat, um deren sich entwickelnde Beziehung sich die ganze Marxsche Warenanalyse dreht, weil andererseits Marx „die beiden Bedeutungsebenen des Wertform-Begriffs“ des Robert Kurz nicht kannte und sie infolgedessen bei ihm „beständig durcheinander“ (64) gehen,[32] glaubt nun ihr Entdecker, uns auf Schritt und Tritt darauf hinweisen zu müssen, von welcher „Ebene“ jeweils herunter Marx sich zum Thema äußert. Seltsamerweise kommt er nicht auf den Gedanken, daß wegen des verheerenden Durcheinanders in der Marxschen Argumentation diese nicht einfach neu interpretiert werden kann, sondern eigentlich ganz neu zu entwickeln wäre. Vielmehr scheint ihm das angebliche Durcheinander gerade recht zu sein – als Gelegenheit, selber bedenkenlos herumzustümpern in der „Bedeutung“ des einen oder anderen „berühmten Marx-Zitats“. Das folgende beispielsweise, aus dem Abschnitt über den Warenfetisch stammend, wurde – wie zu befürchten war, ohne Kenntnis der Kurzschen Fahrstuhl-Semantik – bislang völlig falsch verstanden:
„Die politische Ökonomie hat nun zwar, wenn auch unvollkommen, Wert und Wertgröße analysiert und den in diesen Formen versteckten Inhalt entdeckt. Sie hat niemals auch nur die Frage gestellt warum dieser Inhalt jene Form annimmt, warum sich also die Arbeit im Wert und das Maß der Arbeit durch ihre Zeitdauer in der Wertgröße des Arbeitsprodukts darstellt?“[33]
Gegen H.G. Backhaus gerichtet, dessen „anspruchsvoller Versuch“ natürlich auch „letztlich gescheitert ist“ an der „Problematik“, daß er die zwei Ebenen der Wertform übersah (wir müssen uns das gleich noch näher ansehen), erläutert uns Kurz diese Stelle folgendermaßen:
„Hier redet Marx aber eben gerade nicht vom Verhältnis des Werts zum erscheinenden Tauschwert, sondern vom Verhältnis der Arbeit zum Wert, also von der Wertform auf der primären Bedeutungsebene.“ (65)
Da wird es vermutlich gar nichts nützen, wenn man auf die Fußnote hinweist, die Marx der zitierten Stelle angefügt hat und in der er von „der Form des Werts“ spricht, „die ihn eben zum Tauschwert macht“. Denn Robert Kurz hat ja das Gefüge der Marxschen Werttheorie vorsorglich dermaßen konfundiert, daß selbst ihr Schöpfer sich darin nicht mehr auskennen würde und vielmehr angewiesen wäre auf die fundamentalen Interpretationskünste ihres spätgeborenen Ausdeuters. Kurz würde uns also vermutlich erklären, daß Marx selbst in seinem Durcheinander der Bedeutungsebenen desweilen die Orientierung verlor und wir gefälligst im Zweifel uns an die nun einmal viel „differenziertere“ Interpretation halten sollen mit Hilfe der Wertformzwillinge aus seiner theoretischen Alchemistenküche. Wir schweigen darum lieber erst einmal stille, notieren uns nur, daß wir es hier im Zweifel nicht mit der Marxschen, sondern mit der Kurzschen Werttheorie zu tun haben, und schauen uns an, wohin Kurz mit der seinen gelangt.
Kurz contra Backhaus -
MethodischesDiese erste Lektion über die Differenz von Original und Interpretation erhalten wir, wie gesagt, gelegentlich der Befassung mit dem „gescheiterten“ Backhaus. An dem nun exekutiert Robert Kurz noch einige weitere Lehrstücke, die seine Präzisierung der Marxschen Werttheorie, wie er sie versteht, erhellen können. Der große Respekt, den Kurz trotz allen „Scheiterns“ dem guten Backhaus zollt, rührt daher, daß er mit ihm, wie den guten Willen, so auch die Schwierigkeiten schon in den Anfangsgründen der Marxschen Warenanalyse teilt. Mit Genugtuung stellt er fest, daß auch Backhaus „bezüglich des Wertform-Kapitels des ,Kapital‘ kritisch von einer ,mangelhafte(n) Vermittlung von Substanz und Form des Werts‘ “ (64) spreche. Zwar versteht Backhaus noch sehr gut, was Kurz später nicht mehr versteht: daß die Form des Werts eben der Tauschwert ist; doch auch er versenkt die Wertbestimmung der Ware durch abstrakte Arbeit in ein geheimnisvolles Dunkel, das für ihn allerdings nicht durch etwaige Lücken der Analyse selbst entsteht, sondern aus einer möglicherweise allzu „populären“ Darstellung. Backhaus fragt:
„Ist Marx in der Popularisierung der beiden ersten Abschnitte des Kapitels Die Ware so weit gegangen, daß die ›Deduktion‹ des Werts sich überhaupt nicht mehr als dialektische Bewegung begreifen läßt?“[34]
Und er verrät auch, wie er, nicht zufrieden mit schlichtem Begreifen, sich die ihm angemessene spezielle Version davon vorstellt:
„ ... die Entwicklung Tauschwert–Wert–Wertform ... als dialektische ,Bewegung vom unmittelbaren ›Sein‹ durch das ›Wesen‹ zur vermittelten ›Existenz‹ [...]‘ ... dergestalt, daß ,die Unmittelbarkeit aufgehoben und als vermittelte Existenz wieder gesetzt wird‘ “[35]
Im Klartext: Backhaus hätte gerne die Marxsche Warenanalyse übersetzt in die mystifizierende Ausdrucksweise der Hegelschen Philosophie, damit sie auch Leuten aus der philosophischen Zunft, zu der er offenbar gehört, begreiflich werde. Ein Gedanke muß sich als philosophischer Gedanke ausweisen, bevor er Zutritt zum Denken des Geistesarbeiters erhält, d.h. von ihm gedacht werden kann. Wir sehen auch hier, wie Schwierigkeiten mit der Marxschen Theorie, die sich ohne weiteres nachweisen lassen als begründet in der spezifischen Denkweise des Rezipienten, für diesen, in seiner Besonderung befangen, sich verkehren zu einer Unzulänglichkeit des rezipierten Gegenstands. Kurz findet in Backhaus einen Leidensgenossen, daher seine Achtungsbezeugungen bei aller weiteren Mißbilligung. Die fängt sich Backhaus im wesentlichen dafür ein, daß er sich in seiner Marx-Interpretation weniger künstlerische Freiheiten erlaubt, also um einiges seriöser mit dem Gegenstand umgeht. So referiert Backhaus den Gang der Marxschen Analyse in der folgenden kritisch intendierten Passage (sie schließt sich unmittelbar an die zuerst zitierte an) durchaus korrekt:
„Im ersten Abschnitt geht Marx bekanntlich in der Weise vor, daß er von dem ›empirischen‹ Faktum Tauschwert ausgeht und diesen als ,Erscheinungsform eines von ihm unterscheidbaren Gehaltes‘ bestimmt. Dasjenige, was dem Tauschwert ›zugrunde‹ liegen soll, wird Wert genannt. Im Fortgang der Analyse ist dieser zunächst jedoch unabhängig von seiner Form zu betrachten. Die von der Erscheinungsform unabhängige Analyse des Wesens führt nun dazu, daß Marx gänzlich unvermittelt, ohne Aufweis einer inneren Notwendigkeit, zur Analyse der Erscheinungsform zurückkehrt: ,Wir gingen in der Tat vom Tauschwert der Waren aus, um ihrem darin versteckten Wert auf die Spur zu kommen. Wir müssen jetzt zu dieser Erscheinungsform des Werts zurückkehren‘.“[36]
Eingedenk der Kurzschen Manier, Marx ausgehend vom Wert vorwärts und rückwärts marschieren zu lassen, wird man Backhaus zugeben müssen, daß seine Darstellung immerhin den Ausgangspunkt und im Großen und Ganzen auch den Weg der Marxschen Untersuchung der Ware richtig wiedergibt. Der Tauschwert ist zunächst an dem Konkretum, mit dem Marx beginnt, empirisch vorgefundene Tatsache. Seine nähere Betrachtung führt zu der Überlegung, daß er „nur die Ausdrucksweise, die ,Erscheinungsform‘ eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein“ kann, daß folglich diese Form, genauer: das, was an ihr zufällig und unwesentlich erscheint, abgeschieden werden muß, damit ihr Gehalt sichtbar werde. Das ist ein Prozeß der Abstraktion. Und erst die zu Ende geführte Abstraktion ergibt die Bestimmung des Werts der Waren als objektivierte abstrakte Arbeit. Zu Ende geführt aber, nämlich bis hin zu der rein gesellschaftlichen Bestimmung der abstrakten Arbeit, wurde die Abstraktion zuerst von Marx. Ans Ende gelangt, kehrt er, „gänzlich unvermittelt, ohne Aufweis einer inneren Notwendigkeit“, wie Backhaus findet, zurück zur Erscheinungsform. Backhaus selbst freilich dementiert in der Formulierung seiner Kritik schon ihren Inhalt, denn er sagt ganz richtig, daß die Analyse des Wesens des Tauschwerts zur Rückkehr führe. Die Notwendigkeit, in der Untersuchung umzukehren, ist natürlich bereits darin enthalten, daß der Weg der Abstraktion zu Ende, in dieser Richtung alles getan ist. Marx weist sie aber an der gefundenen Bestimmung selbst ganz ausdrücklich auf, und zwar unmittelbar vor dem Satz, den Backhaus zitiert:
„Die Wertgegenständlichkeit der Waren unterscheidet sich dadurch von der Wittib Hurtig, daß man nicht weiß, wo sie zu haben ist. Im graden Gegenteil zur sinnlich groben Gegenständlichkeit der Warenkörper geht kein Atom Naturstoff in ihre Wertgegenständlichkeit ein. Man mag daher die Ware drehen und wenden, wie man will, sie bleibt unfaßbar als Wertding. Erinnern wir uns aber, daß die Waren nur Wertgegenständlichkeit besitzen, sofern sie Ausdrücke derselben gesellschaftlichen Einheit, menschlicher Arbeit, sind, daß ihre Wertgegenständlichkeit also rein gesellschaftlich ist, so versteht sich von selbst, daß sie nur im gesellschaftlichen Verhältnis von Ware zu Ware erscheinen kann. ...“[37]
Man muß offenbar sich das „Wesen“ nur hinreichend genau anschauen, damit der Zusammenhang seiner Analyse mit der weiteren Untersuchung der Form, in der es sichtbar wird, sich erschließt. Backhaus geht hier über diesen „Springpunkt“ der Kritik der politischen Ökonomie ähnlich ignorant hinweg, wie später sein Kritiker Kurz.[38] Und wie dieser verdreht er die daraus entstehende Inkonsistenz der eigenen Überlegungen in einen Mangel der Marxschen Darstellung. Immerhin aber ist der Zusammenhang bei Backhaus noch als Gedanke gegenwärtig, wenn auch bloß noch als abstraktes Postulat, wogegen Kurz ihn seinem Zwei-Ebenen-Konstrukt zu Ehren, in aller der Ignoranz eigenen Unschuld, unbarmherzig schlachtet.
Enttäuscht über Backhaus, der doch zu den schönsten Hoffnungen Anlaß gab mit seiner Nörgelei über einen angeblichen „Bruch“ in der Marxschen Darstellung beim Übergang von der Substanz zur Form des Werts, gerät Kurz nun sozusagen vollends außer Rand und Band und läßt von der Logik der Sache wie ihrer Marxschen Darstellung keinen Stein mehr auf dem anderen. Wo Backhaus den Übergang vom Wert zu seiner Erscheinungsform völlig richtig als Aufstieg vom Abstrakten zum Konkreten charakterisiert, da wettert Kurz:
„Diese Aussage ist einigermaßen erstaunlich, man muß sie als fehlerhaft bezeichnen. Denn die gesellschaftliche Abstraktion des Werts wird durch ihre ,Erscheinungsform‘, den Tauschwert, nicht etwa ,zum Konkreten‘, sondern wird vielmehr als Abstraktum ,dinglich dargestellt‘. (...) Methodisch handelt es sich also gerade umgekehrt bei der Problematik des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten um das Aufsteigen vom Wert zur lebendigen Arbeit in ihrer realen Prozeßhaftigkeit und ihrer arbeitsteiligen Systematik. Erst daraus kann das sekundäre Verhältnis von Wert und Tauschwert in seiner Rückkoppelung auf das System der lebendigen Arbeiten abgeleitet werden.“ (65f)
„Methodisch“ handelt es sich in dieser noch erstaunlicheren Kurzschen Offenbarung um die wirklich bedrückende „Problematik“ des anscheinend unaufhaltsamen Abstiegs in die Konfusion. Das Konkrete ist zuerst und vor allem heilig, unbefleckt von der bösen Abstraktion. Diese erscheint im Irgendwo, keinesfalls im Konkreten; sie erscheint unmittelbar als sie selbst, zwar dinglich, aber „dinglich“ in den Kurzschen Anführungszeichen, mit denen der Sprecher vorsichtshalber jegliche Verantwortung für das Gesagte von sich weist, sie erscheint in keinem wirklichen, konkreten Ding oder Verhältnis von Dingen. Das „Ding“, worin sie erscheint, ist selber abstrakt: ein Gespenst.[39] Wenn aber die Abstraktion als Abstraktum erscheint, gibt diese Erscheinung keinerlei Rätsel auf – außer daß es, um sie zum Sprechen zu bringen, offenbar eines besonderen Mediums bedarf, das die Verbindung zu dem Ort herstellt, an dem solche „Erscheinungen“ gewöhnlich hausen.
Das von der Abstraktion unberührte „Konkrete“ andererseits, die lebendige Arbeit „in ihrer realen Prozeßhaftigkeit und ihrer arbeitsteiligen Systematik“, ist Abstraktion der konfusesten Sorte. Unter dem Gesichtspunkt ihrer Teilung ist die Arbeit betrachtet als stoffliche, verschiedene einander ergänzende Gebrauchswerte erzeugende Tätigkeit. Diese Teilung mag eine „Systematik“ haben, die aber sehr verschieden systematisch ist, je nach den gesellschaftlichen Verhältnissen, unter denen die Arbeit sich teilt, d.h. nach der Art und Weise, wie sie sich teilt. Die Systematik beispielsweise der Arbeitsteilung einer warenproduzierenden Gesellschaft „wirkt nur a posteriori als innere, stumme, im Barometerwechsel der Marktpreise wahrnehmbare, die regellose Willkür der Warenproduzenten überwältigende Naturnotwendigkeit.“[40] Denn in die wirkliche konkrete Arbeitsteilung gehen hier der Warenaustausch und damit Wert und Tauschwert von vornherein als Bestimmungen mit ein (von Geld, Kapital, Lohnarbeit, Staat usw. usf. ganz zu schweigen), ohne diese ist sie bloß „eine chaotische Vorstellung des Ganzen.“[41] Der den Austausch der Waren und darüber die Verteilung der zahllosen, verschieden nützlichen Arbeiten wie eine Naturgewalt regelnde Wert geht eben nicht hervor aus der schon fertigen, systematisch ausdifferenzierten, konkreten gesellschaftlichen Arbeit – er wäre dann überflüssig, weil es nichts mehr zu regeln gäbe –, sondern stellt vielmehr das abstrakte Prinzip dar, nach welchem der Austauschprozeß der gesellschaftlich regellosen Praxis der Arbeitsteilung die Leviten liest, indem er die ungesellschaftlichen Privatarbeiten gewaltsam auf ihr objektives gesellschaftliches Maß stutzt.
Wert und Arbeit – oder der Kurze Dualismus von Raum und ZeitNach dieser weiteren Lektion über die vor allem methodischen Abgründe zwischen Marxens Warenanalyse und dem vorliegenden Versuch einer „Kritik des Werts selber“ wird uns nun endgültig „das eigentliche Problem“ enthüllt, über das der werttheoretische Neuerer bei der „qualitative(n) Bestimmung des Werts“ gestolpert ist: „nämlich das der ,Vergegenständlichung‘ von Arbeit.“ (66) Es ist bis hierher, das sei noch einmal ausdrücklich festgehalten, noch keine „analytische Differenzierung“ der Arbeit selber passiert, die in den Waren (problematisch oder nicht) vergegenständlicht ist. Das „Problem“ der Vergegenständlichung betrifft demnach zunächst grundsätzlich alle Aspekte der Arbeit. Worin liegt nun das Problem?
„Die wirkliche, lebendige gesellschaftliche Arbeit ist erstens Prozeß, Ablauf von Tätigkeiten, und zweitens dieser prozeßhafte Ablauf innerhalb eines Systems von (Arbeitsteilungs-) Verhältnissen. Der Wert aber ist tote, nicht prozeßhafte Gegenständlichkeit, und zwar nicht erst in der Tauschrelation, sondern schon auf der ersten Ebene der Wertbestimmung an der einzelnen Ware selber.“ (66)
Nun ja, wo Robert Kurz recht hat, da hat er recht. Sieht man einmal davon ab, daß die „wirkliche, lebendige“ Arbeit, wenn sie Waren produziert, gerade nicht so ohne weiteres „gesellschaftliche“ Arbeit ist und das „System von Verhältnissen“ daher den Wertcharakter der Arbeitsprodukte, die spezifische Weise, wie Arbeit gesellschaftlich wird, den besonderen Ausdruck der gesellschaftlichen Arbeit immer schon einbegreift – sieht man davon ab, so ist es keine Frage: Arbeit ist Prozeß, Bewegung, Veränderung in der Zeit. In ihrem Resultat (ob als Wert betrachtet oder als nützlicher Gegenstand) ist die Veränderung abgeschlossen, der Prozeß vergangen, die Bewegung zum Stillstand gekommen, tot; es ist in der Zeit (in gewissen Grenzen) sich nicht mehr Veränderndes, sich selbst Gleichbleibendes. Aber wo ist da ein „Problem“?
Ein Problem haben zunächst wir mit der Kurzschen Argumentation, denn auch sie kommt an dieser Stelle zwar nicht endgültig zum Stillstand, aber doch deutlich ins Stocken, sie verstummt gewissermaßen für einen Moment und kann nur noch an unser stilles Einvernehmen, unseren gesunden Menschenverstand appellieren. Kurz zitiert Marx, der sagt:
„Als Werte sind alle Waren nur bestimmte Maße festgeronnener Arbeitszeit“[42], und erklärt dazu: „Diese Bestimmung des Werts ist nun in der Tat als paradoxer Ausdruck geleistet;“ und, als zweifle er an unseren Lesekünsten, buchstabiert er noch einmal: „der Wert soll geronnene Arbeitszeit sein!“ – Na und, fragen wir bockig, was ist daran „paradox“? Der Meister, schier verzweifelnd, rettet sich ins Lateinische: „Denn der Ausdruck ,geronnene Zeit‘ stellt eine veritable contradictio in adjecto dar.“ (66)
Ende der Diskussion.
Wir sind somit unversehens bei der hochgradig philosophischen Frage des Zusammenhangs von Zeit und Raum an sich gelandet, in der Kurz nun allerdings überhaupt kein Problem mehr zu sehen vermag: Es gibt da für ihn keinen inneren, Zeit und Raum jeweils an sich berührenden Zusammenhang; Zeit ist Zeit, und Raum ist Raum – basta.
Jedoch wird, was nur mit relativ großem Denkaufwand aus seiner starren Gegensätzlichkeit gelöst werden kann, ist es erst einmal auf solche philosophische Höhe gebracht (wie hätte man sich so etwas vorzustellen: die Objektivierung der Zeit im Raum?)[43], sofort elastisch und biegsam, sobald man es wieder in den konkreten Zusammenhang stellt, aus dem es genommen war. Ein Arbeitsprozeß, der nie zum Ende käme, für immer und ewig prozessierte, wäre weder Arbeit noch überhaupt Prozeß, sondern gedankenlose, leere Abstraktion. Daß ich vom Arbeitsprozeß als einem bestimmten Ganzen, als „Prozeß“ sprechen kann, schließt ein, daß er endlich ist, also ausgeht vom Nichtprozeßhaften und übergeht in ebensolches; der Zustand, den er aus einem anderen erzeugt, macht ihn erst zum Prozeß. Das Nichtprozeßhafte ist also Bestimmung des Prozesses selbst, wie umgekehrt der Zustand, da er nicht aus dem Nichts in die Welt hereingeschneit kommt, sondern entsteht, selbst auch bestimmt ist als prozeßhaft – eben entstanden, bzw. wieder aufgehoben. Weiter. Da es sich um Arbeit handelt, und zwar um „wirkliche, lebendige“ Arbeit, ist der Prozeß unvermeidlich zweckgerichteter gegenständlicher Prozeß, gegenständliche Verwirklichung eines Zweckes. Gegenständliches wird zweckmäßig verändert und zwingt dabei der verändernden Tätigkeit, die ihm die Gesetze des bestimmten Zweckes aufprägt, seine eigenen Gesetze auf. Der tätige Zweck vergeht also nicht nur schließlich im umgeformten Gegenstand als objektivierter Zweck oder zweckmäßiger Gegenstand, sondern schon in seinem Tätigsein ist er von Anfang an, bei Strafe der Zweckverfehlung, dem Gegenstand unterworfen. Kurz und gut: die Vergegenständlichung ist nicht nur keine paradoxe Bestimmung der Arbeit, sie ist im Gegenteil unverzichtbare, notwendige Bestimmung an ihr.
Nun hat zwar Kurz sein „Problem“ der Vergegenständlichung ausdrücklich auf die „wirkliche, lebendige“ Arbeit bezogen, die er obendrein als arbeitsteiliges „System“ und damit als konkret nützliche faßt, aber es geht ihm eigentlich ja um die im Wert vergegenständlichte Arbeit. Als solche ist die Arbeit, wie wir gesehen haben, nicht die konkrete Arbeit, die das konkrete in den Austausch eintretende Produkt hergestellt hat,[44] sondern nur noch eine bestimmte, nach ihrer Dauer quantifizierte Menge der Zeit, die von einer gesellschaftlichen Durchschnittsarbeitskraft unter normalen Produktionsbedingungen für die Herstellung dieser Warenart aufgewendet werden muß. Die Ware selbst ist als Träger von Wert nicht mehr einzelnes, konkretes Ding, sondern „Durchschnittsexemplar ihrer Art“.[45] Arbeit und Gegenstand sind hier rein gesellschaftlich bestimmt.
Das „eigentliche Problem“, das Kurz zwangsläufig entgehen muß, weil er statt konkreter Analyse äußerliches Beziehen fertiger analytischer Kategorien treibt, ist also weder das Gerinnen von Zeit überhaupt noch das Gegenständlichwerden menschlicher Subjektivität in ihrer Betätigung. Auch darin, daß die Produkte der Arbeit eine gesellschaftliche Bestimmung erhalten, sich in ihnen ein gesellschaftliches Verhältnis objektiviert, steckt an sich kein Problem. Wenn das feudale Verhältnis von Herr und Knecht die Gestalt von Naturalien annimmt, die der Knecht dem Herrn liefert, so bleibt deren gesellschaftliche Bestimmung völlig durchsichtig. „Der dem Pfaffen zu leistende Zehnten ist klarer als der Segen des Pfaffen.“[46] Gegenständlicher Ausdruck des gesellschaftlichen Verhältnisses ist die Sache hier nur unmittelbar in diesem Verhältnis selbst, d.h. in ihren Beziehungen zu Herr und Knecht. Was dagegen die Wertgegenständlichkeit so rätselhaft macht, ist allein ihre sachliche Form, ihr Erscheinen als Verhältnis der Produkte, das aus deren sachlichen Eigenschaften entspringt. Als Wert ist die Ware nur eine bestimmte Menge vergegenständlichter gesellschaftlicher Arbeit, sie drückt aber dieses ihr Wertsein nicht nur an sich als einzelnem Ding nicht aus, sondern auch nicht in ihrem konkreten Dasein als Arbeitsprodukt und nützlicher Gegenstand, weil sie unmittelbar Produkt ungesellschaftlicher, privater Arbeit ist. Die Beziehung in der die Ware Wert ist, d.h. ihre Beziehung zur gesellschaftlichen Arbeit ist vermittelte Beziehung, weil die gesellschaftliche Arbeit selbst nicht unmittelbar existiert, sondern nur vermittelt über den Austausch der Produkte der privaten Arbeiten. Ihr Wertsein drückt die Ware daher unmittelbar aus in ihrer Beziehung zu anderer Ware.
Diesen Ausdruck des Werts aber, seine Form, hatte Kurz soeben (als „Form in zweiter Potenz“) für die Betrachtungen des Wertbegriffs ins zweite Glied verwiesen und quält sich nun mit der Wertgegenständlichkeit „an der einzelnen Ware“ ab. Aus der Analyse der Erscheinungsform ergibt sich zunächst als ihr wesentlicher Inhalt die Unterscheidung zwischen konkret nützlicher und abstrakt gleicher menschlicher Arbeit. Diese hier ignorierend, kann Kurz folglich die der Wertgegenständlichkeit zugrundeliegende Arbeit nicht bestimmen, d.h. sie wird gedankenlos falsch, konfus bestimmt als gesellschaftliche und konkret nützliche in einem. Das „Gespenstige“ der Wertgegenständlichkeit, von dem Marx spricht und das sich ihm ausdrücklich aus dem spezifischen Charakter der im Wert vergegenständlichten Arbeit ergibt, bezieht Kurz daher ebenfalls falsch, nämlich auf das Vergegenständlichen von Arbeit, ja schließlich von Zeit überhaupt. Und am Ende kann er sich nur noch wundern, warum das „Paradoxe“ daran weder von Marx noch sonst von irgendeinem Menschen vor ihm bemerkt wurde. Nach seiner dogmatischen Verdammnis des Marxschen Ausdrucks von der „festgeronnenen Arbeitszeit“ als ungereimtes Teufelszeug fährt er fort:
„Seltsamerweise macht Marx aber selber nicht ausdrücklich auf diesen Charakter seiner Aussage aufmerksam, und ebenso verblüffend ist es, daß eine solche an sich absurde Bestimmung weder den Marxisten noch ihren Gegnern bis heute ein Problem gemacht hat.“ (66)
Kurz ist also verblüfft, und das wäre „an sich“ Gelegenheit, innez