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Herr Lafontaine meint und verteidigt
folgende Aussage:
"Der Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass
Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter
ihnen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen."
Soweit ich das bisher verfolgen konnte
kritisiert die „Linke“ daran zu recht und mit Nachdruck den
Gebrauch des Wortes „Fremdarbeiter“, diesen skrupellosen Gebrauch
des Nazijargons.
Sollte es aber nichts gegen diesen
Satz einzuwenden geben, wenn es statt „Fremdarbeiter“
beispielsweise „befreundete Menschen aus den Nachbarländern“
geheißen hätte?
Dann wären immer noch Menschen, die
vom Verkauf ihre Arbeitskraft leben, die angeblichen Akteure,
Subjekte des Geschehens, die andern lohnabhängigen Menschen die
Arbeitsplätze „wegnehmen“. Warum wird das nicht kritisiert, ist
der Antikapitalismus schon so weit auf den Hund gekommen? Hat
Mensch sich an diese Sprüche schon zu sehr gewöhnt, um nicht zu
erkennen welcher Affront gegen die Kapitalismuskritik darin
steckt?
Die Konkurrenz unter den
VerkäuferInnen von Ware Arbeitskraft wird gesetzt durch die
kapitalistischen Produktionsverhältnisse, das Privateigentum an
Produktionsmitteln, die Trennung der unmittelbaren ProduzentInnen
von den gegenständlichen Bedingungen ihrer Reproduktion. Wird
gleich qualifizierte Arbeitskraft zu unterschiedlichen Preisen
angeboten, dann kaufen die Kapitalisten die billigere
Arbeitskraft. Egal, ob sie „fremd“ oder „nicht fremd“ ist.
Entwickelt sich ein internationaler Markt für die Ware
Arbeitskraft, dann vergrößert sich das Reservoir an AnbieterInnen
billiger Arbeitskraft aufgrund des unterschiedlichen
Entwicklungsstandes der nationalen Kapitale/Märkte.
Das Kapitalverhältnis selbst ist
die Ursache für den „Verdrängungswettbewerb“ unter den
AnbieterInnen von Arbeitskraft. Das Kapital, der ökonomische
Prozess seiner Verwertung, nimmt die Arbeitsplätze weg! Niemand
und nichts sonst!
Am Kapitalverhältnis aber will der
Herr Lafontaine nicht rütteln!
"Die
Kapitalisten, die brauchen wir, es muss sie geben...“ So ein
anderer markanter Spruch von ihm.
Wo es Kapitalisten gibt, da gibt es
Lohnabhängige und ein entsprechendes Verhältnis zwischen beiden
Sorten Mensch. Die Kapitalisten tun im Wesentlichen nur das, was
das ökonomische Gesetz der Verwertung von Wert, die Vermehrung des
angelegten Geldes, von ihnen verlangt, nämlich möglichst billig
produzieren und möglichst teuer verkaufen. Zur billigen Produktion
gehört die billige Ware Arbeitskraft und die billige Ware
Arbeitskraft ist überall dort zu haben, wo es einen Überschuss
davon gibt, der im Fortgang der Akkumulation durch die besondere
kapitalistische Nutzung des technischen Fortschritts und durch
Krisen permanent erzeugt wird. Die überschüssigen
Lohnarbeitskräfte, die lohnarbeitslos sind, wo immer sie auch
geboren sein mögen, tun auch das, was die Verhältnisse von ihnen
verlangen, sie suchen nach einem Job und bieten sich zu Preisen
an, die der Markt von ihnen verlangt. Sie nehmen nicht weg, was
ihnen nicht gehört („Arbeitsplätze“), sie bieten nur an, was sie
haben, ihre Arbeitskraft. Alles Gerede davon, dass irgendwelche
LohnarbeiterInnen anderen den Lohnarbeitsplatz „wegnehmen“ ist
reaktionäres Gewäsch!
Wer wirklich etwas gegen
Lohnarbeitslosigkeit tun will, der muss die kapitalistischen
Produktionsverhältnisse, das Privateigentum an Produktionsmitteln
und die durch das Kapital selbst bedingte Konkurrenz unter den
Lohnabhängigen beseitigen.
Herr Lafontaine, in Anbetracht der
Unverzichtbarkeit der Kapitalisten, setzt stattdessen auf „Vater
Staat“:
"Der
Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und
Frauen arbeitslos werden ...“
Und welche Möglichkeiten hat „Vater
Staat“ einer nationalen, kapitalistischen Republik, die es
zunehmend mit internationalen Märkten zu tun hat? Nationale
Politik eben! Die billigen fremden „Arbeitsplatzwegnehmer“ draußen
halten. Das macht „Vater Staat“ nicht nur mit billiger, fremder
Ware Arbeitskraft so, sondern auch mit billigen anderen Waren aus
andern Ländern, z. B. Textilien aus China. Der „Kampf gegen die
Arbeitslosigkeit“ wird so geführt als Kampf zum Schutz der
deutschen Industrie.
Das ist die bürgerlich-nationale
Variante des Kampfes gegen die Lohnarbeitslosigkeit, für die sich
jede so genannte „Linke“ entscheiden muss,
wenn sie die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aus ihrer
Kritik ausklammert und sie nicht abschaffen will.
In Lafontaines so oft zitierten und
kritisierten Satz steckt also noch eine ganze Menge mehr, was
Sozialrevolutionäre zu kritisieren hätten. Man hört diese Kritik
aber kaum, was mir reichlich Anlass zur Sorge über den Zustand der
so genannten „Linken“ gibt!
Editorische
Anmerkungen
Peter Trotzig schreibt ab der
Nr. 1-05 in unregelmäßigen Abständen seine Kommentare zum
Zeitgeschehen. Dieser wurde am 2.9.2005 erstellt.
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