Peter Trotzig Kommentare zum Zeitgeschehen

Lafontaines Nationalismus
09/05

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Herr Lafontaine meint und verteidigt folgende Aussage: "Der Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter ihnen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen."

Soweit ich das bisher verfolgen konnte kritisiert die „Linke“ daran zu recht und mit Nachdruck den Gebrauch des Wortes „Fremdarbeiter“, diesen skrupellosen Gebrauch des Nazijargons.

Sollte es aber nichts gegen diesen Satz einzuwenden geben, wenn es statt „Fremdarbeiter“ beispielsweise „befreundete Menschen aus den Nachbarländern“ geheißen hätte?

Dann wären immer noch Menschen, die vom Verkauf ihre Arbeitskraft leben, die angeblichen Akteure, Subjekte des Geschehens, die andern lohnabhängigen Menschen die Arbeitsplätze „wegnehmen“. Warum wird das nicht kritisiert, ist der Antikapitalismus schon so weit auf den Hund gekommen? Hat Mensch sich an diese Sprüche schon zu sehr gewöhnt, um nicht zu erkennen welcher Affront gegen die Kapitalismuskritik darin steckt?

Die Konkurrenz unter den VerkäuferInnen von Ware Arbeitskraft wird gesetzt durch die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, das Privateigentum an Produktionsmitteln, die Trennung der unmittelbaren ProduzentInnen von den gegenständlichen Bedingungen ihrer Reproduktion. Wird gleich qualifizierte Arbeitskraft zu unterschiedlichen Preisen angeboten, dann kaufen die Kapitalisten die billigere Arbeitskraft. Egal, ob sie „fremd“ oder „nicht fremd“ ist. Entwickelt sich ein internationaler Markt für die Ware Arbeitskraft, dann vergrößert sich das Reservoir an AnbieterInnen billiger Arbeitskraft aufgrund des unterschiedlichen Entwicklungsstandes der nationalen Kapitale/Märkte.

Das Kapitalverhältnis selbst ist die Ursache für den „Verdrängungswettbewerb“ unter den AnbieterInnen von Arbeitskraft. Das Kapital, der ökonomische Prozess seiner Verwertung, nimmt die Arbeitsplätze weg! Niemand und nichts sonst!

Am Kapitalverhältnis aber will der Herr Lafontaine nicht rütteln!

"Die Kapitalisten, die brauchen wir, es muss sie geben...“ So ein anderer markanter Spruch von ihm.

Wo es Kapitalisten gibt, da gibt es Lohnabhängige und ein entsprechendes Verhältnis zwischen beiden Sorten Mensch. Die Kapitalisten tun im Wesentlichen nur das, was das ökonomische Gesetz der Verwertung von Wert, die Vermehrung des angelegten Geldes, von ihnen verlangt, nämlich möglichst billig produzieren und möglichst teuer verkaufen. Zur billigen Produktion gehört die billige Ware Arbeitskraft und die billige Ware Arbeitskraft ist überall dort zu haben, wo es einen Überschuss davon gibt, der im Fortgang der Akkumulation durch die besondere kapitalistische Nutzung des technischen Fortschritts und durch Krisen permanent erzeugt wird. Die überschüssigen Lohnarbeitskräfte, die lohnarbeitslos sind, wo immer sie auch geboren sein mögen, tun auch das, was die Verhältnisse von ihnen verlangen, sie suchen nach einem Job und bieten sich zu Preisen an, die der Markt von ihnen verlangt. Sie nehmen nicht weg, was ihnen nicht gehört („Arbeitsplätze“), sie bieten nur an, was sie haben, ihre Arbeitskraft. Alles Gerede davon, dass irgendwelche LohnarbeiterInnen anderen den Lohnarbeitsplatz „wegnehmen“ ist reaktionäres Gewäsch!

Wer wirklich etwas gegen Lohnarbeitslosigkeit tun will, der muss die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, das Privateigentum an Produktionsmitteln und die durch das Kapital selbst bedingte Konkurrenz unter den Lohnabhängigen beseitigen.

Herr Lafontaine, in Anbetracht der Unverzichtbarkeit der Kapitalisten, setzt stattdessen auf „Vater Staat“:

"Der Staat ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden ...“

Und welche Möglichkeiten hat „Vater Staat“ einer nationalen, kapitalistischen Republik, die es zunehmend mit internationalen Märkten zu tun hat? Nationale Politik eben! Die billigen fremden „Arbeitsplatzwegnehmer“ draußen halten. Das macht „Vater Staat“ nicht nur mit billiger, fremder Ware Arbeitskraft so, sondern auch mit billigen anderen Waren aus andern Ländern, z. B. Textilien aus China. Der „Kampf gegen die Arbeitslosigkeit“ wird so geführt als Kampf zum Schutz der deutschen Industrie.

Das ist die bürgerlich-nationale Variante des Kampfes gegen die Lohnarbeitslosigkeit, für die sich jede so genannte „Linke“ entscheiden muss, wenn sie die kapitalistischen Produktionsverhältnisse aus ihrer Kritik ausklammert und sie nicht abschaffen will.

In Lafontaines so oft zitierten und kritisierten Satz steckt also noch eine ganze Menge mehr, was Sozialrevolutionäre zu kritisieren hätten. Man hört diese Kritik aber kaum, was mir reichlich Anlass zur Sorge über den Zustand der so genannten „Linken“ gibt! 

Editorische Anmerkungen

Peter Trotzig schreibt ab der Nr. 1-05 in unregelmäßigen Abständen seine Kommentare zum Zeitgeschehen. Dieser wurde am 2.9.2005 erstellt.