MAO TSETUNG

von Andreas Arndt & Giselher Schmidt
09/06

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A. ZUR QUELLENLAGE UND ZUR SITUATION DER auseinandersetzung mit maos modell materialistischer dialektik: die „philosophischen monographien" als resultate kollektiver praxis und erkenntnis und der streit um die wissenschaftliche relevanz der dialektik-konzeption

Mao Tsetungs Konzeption materialistischer Dialektik ist integraler Bestandteil seiner praktisch-politischen Konzeptionen und von ihnen nicht abzulösen. Nicht nur, daß die Bemerkungen zur Dialektik in die konkreten Analysen mit eingeschlossen sind, auch die explizit als philosophische Beiträge ausgewiesenen Texte sind auf konkrete politische Situationen bezogen. Bezeichnend ist die Zuordnung eines Textes wie „Rede auf der Landeskonferenz der KP Chinas über Propagandaarbeit" zu den „Philosophischen Monographien."

Bisher wurden fünf Texte Maos dieser Gruppe zugeordnet: „Über die Praxis" (1937); „Über den Widerspruch" (1937); „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volke" (1957); „Rede auf der Landeskonferenz der KP Chinas über Propagandaarbeit" (1957) und „Woher kommen die richtigen Ideen der Menschen?" (1963)(1). Eine weitgehende Beschränkung auf diese Texte ist deshalb legitim, weil in ihnen die politische Funktion der Dialektik und die Situationsbezogenheit der Argumentation exemplarisch zum Ausdruck kommt.

Aber auch in dieser Beschränkung ergeben sich besondere Schwierigkeiten durch die chinesische Publikationspolitik. Die genannten Texte sind aller Wahrscheinlichkeit nach von der Redaktionskommision des ZK der KP Chinas überarbeitet worden. Wieweit dabei die ursprüngliche Fassung abgeändert wurde, läßt sich kaum feststellen. Sicher ist jedoch, daß die Texte in der vorliegenden Form historisch wirksam geworden sind und den philosophischen Kern der Maotsetungideen enthalten. Das zunächst befremdliche Verfahren der kollektiven Redaktion von Texten Maos erklärt sich aus seiner eigenen Auflassung, daß die revolutionäre Theorie nichts anderes ist als die Zusammenfassung der Erfahrungen der Klassenkämpfe; die Maotsetungideen sind daher, trotz des unbestrittenen persönlichen Beitrags Maos, der in ihnen zum Ausdruck kommt, Resultat kollektiver Praxis und Erkenntnis und werden als solche behandelt. Es wäre daher wenig angemessen, die „reine" Lehre Maos rekonstruieren zu wollen, weil er theoretische Festschreibungen losgelöst von der Praxis nicht akzeptieren kann, sondern darauf besteht, daß seine Theorie in der Praxis erprobt, verändert, weiterentwickelt wird. Sein Modell materialistischer Dialektik läßt sich aber, wie es im Folgenden versucht wird, in dem Maße auch für sich erfassen, wie darin diese enge Bezogenheit zur Praxis selbst thematisiert wird.

Neben den genannten offiziell edierten Texten sind eine Reihe anderer Texte bekannt, die größtenteils aus nicht autorisierten Sammlungen der Roten Garden während der Kulturrevolution stammen.(2) Daneben gibt es einen in seiner Echtheit auch in der Sinologie umstrittenen Aufsatz von 1936 „Über den dialektischen Materialismus," eine Zusammenstellung von Lehrsätzen aus sowjetischen Lehrbüchern, der Mao zugeschrieben wird, obwohl er selbst eindeutig erklärt hat, nicht der Verfasser zu sein.(3) Diese Texte werden hier nicht herangezogen, um die sonst unumgängliche Diskussion um die Echtheit einzelner Aussagen zu vermeiden und weil sie zu den entscheidenden Bestimmungen der Dialektik bei Mao keine wesentlich neuen Gesichtspunkte beitragen. Die geplante Gesamtausgabe der Werke Mao Tsetungs wird hier erst eine Klärung herbeiführen können.

Die Diskussion über den Beitrag Maos zur Theorie der Dialektik ist dadurch gekennzeichnet, daß sie sich weitgehend auf die Frage konzentriert, ob Maos Modell denen von Marx, Engels, Lenin oder auch Stalin entspricht bzw. sie weiterentwickelt. In der westlichen Forschung gibt es dazu drei Positionen. Holubnychy sieht in Maos Schriften eine solche Weiterentwicklung, die er vor allem als Wiederherstellung der von Lenin und Stalin verzerrten Theorie Marx' begreifen will.(4) Dagegen vertritt Schräm die Auffassung, Mao sei als Philosoph weder originell noch kompetent; „wenn zwar Maos Beitrag zur Wissenschaft der Dialektik gering ist, sein Beitrag zur Dialektik der Revolution ist sehr groß."(5) Andere Autoren sprechen Mao auch diesen Beitrag ab6 und treffen sich dabei mit der pauschalen Abqualifizierung Mao Tsetungs durch die sowjetische Polemik, die behauptet, sein Modell stehe „zum Marxismus im gleichen Verhältnis wie Alchemie zur ' Chemie"(7) und sei schlicht „nicht wissenschaftlich."(8)

Insgesamt läßt sich feststellen, daß die Diskussion sich zumeist auf Sinologen und die sogenannten Marxologen beschränkt.(9) Es gibt nur wenige Versuche, Maos Beitrag zur Dialektik in seiner systematischen Bedeutung für die materialistisch-dialektische Philosophie zu erfassen. Neben Schicke! und Holz wären hier vor allem Althussers knappe, aber theoretisch folgenreiche Bezugnahmen auf Mao Tsetung zu nennen.(10)

Die Ursachen dafür liegen zum Teil in den spezifischen Voraussetzungen des Dialektik-Modells Mao Tsetungs. Der Zugang zu seinen Schriften wird dadurch erschwert, daß er sich in ihnen positiv oder negativ auf chinesische Kulturzusammenhänge und Traditionen bezieht. Sie sind daher nicht ohne weiteres den Argumentationsweisen westlicher Philosophie, auch der Philosophie des Marxismus, gleichzusetzen. Wieweit das nur die Form der Argumentation Maos betrifft oder ob wesentliche inhaltliche Bezugnahmen vorliegen, ist in der bisherigen Literatur noch nicht hinreichend untersucht und geklärt worden. So kann auch im Folgenden nicht eine abschließende Einschätzung vorgenommen, sondern nur eine These der Autoren vorgelegt werden.

B. SPEZIFISCHE VORAUSSETZUNGEN DES DIALEKTIK-MODELLS VON MAO TSETUNG

Maos Theorie gilt allgemein zunächst als „Sinisierung" des Marxismus-Leninismus, als seine Verbindung mit der konkreten Praxis der chinesischen Revolution.(11) Die Übernahme der Theorie von Marx, Engels und Lenin erklärt sich aus dem Einfluß der Oktoberrevolution auf die antiimperialistische, revolutionär-demokratische Bewegung in China.(12) Dabei spielte der Leninismus eine entscheidende Rolle, weil Rußland und China im Überwiegen der Bauernschaft und dem Fortbestehen asiatischer bzw. halbasiatischer Strukturen wesentliche Gemeinsamkeiten aufwiesen. Die Leninsche Imperialismustheorie ermöglichte zudem eine Bestimmung der Rolle Chinas im weltrevolutionären Prozeß. Lenin und der sowjetische Marxismus waren daher die nächsten theoretischen Bezugspunkte der Entwicklung des chine-sichen Marxismus.(13) Auch die Theorie-Praxis der 1921 unter Assistenz der Komintern gegründeten KP Chinas richtete sich zunächst ganz am sowjetischen Vorbild aus.

Die Berufung auf Lenin und Stalin ist daher auch in den Schriften Maos vorherrschend. Sein Dialektik-Modell, wie es vor allem in „Über die Praxis" und „Über den Widerspruch" dargelegt ist, versteht sich vor allem als Konkretisierung der Leninschen Konzeption, wie die zahlreichen Verweise auf „Materialismus und Empiriokritizismus" und die „Philosophischen Hefte" belegen.(14) Unabhängig davon, ob diese Verweise erst später hinzugefügt wurden, zeigen sie doch, daß Mao sie als seiner Auffassung der Dialektik adäquat betrachtet.

Dieser Bezugnahme auf die westliche Tradition der Dialektik gehen jedoch ebensolche Verweise auf Traditionen chinesischen Denkens und eine spezifische Argumentationsweise einher, die es verbieten, Maos Texte ohne weiteres nach westlich-europäischen Maßstäben zu lesen. Die fehlende Auseinandersetzung mit Hegel, einem Bezugspunkt, der für Mao im Unterschied zu allen anderen Modellen materialistischer Dialektik entbehrlich ist, verweist auf spezifische theoretische Voraussetzungen seines Dialektik-Modells, deren Bedeutung zunächst zu klären ist.

Abgesehen davon, ob es in China so etwas wie eine philosophische Tradition gibt, die dem westlichen Begriff von Philosophie und ihrer Tradition vergleichbar wäre, lassen sich in Anlehnung an den westlichen Marxismus Grundformen der Weltanschauung wie Idealismus/Materialismus und Dialektik/Metaphysik im chinesischen Denken aufweisen,(15) sofern berücksichtigt wird, daß es sich in China nicht um ein kategoriales Denken handelt und keine distinktive Logik vorliegt.

Diese nicht-kategoriale Argumentationsweise ist auch für Maos Schriften charakteristisch. Er greift häufig auf Mythen, Gleichnisse, Beispiele und Zitate zurück,(16) die ihre Funktion erst im theoretischen und politischen Kontext enthüllen und in einen logisch-kategorialen Zusammenhang nach den Maßstäben westlicher Tradition erst übersetzt werden müssen. Das heißt nicht, daß Mao keine Kategorien entwickeln und nicht logisch argumentieren würde. „Praxis," „Widerspruch," „Wesen," „Erscheinung" sind zentrale Kategorien seiner philosophischen Texte, deren Inhalt und Zusammenhang jedoch anders dargestellt ist, als durch eine Ableitung des logisch-kategorialen Zusammenhangs nach westlichem Muster.

Betrifft dies die Argumentationsweise, so ist weiter zu fragen, ob Mao sich inhaltlich auf eine Tradition dialektischen Denkens beziehen konnte. Eine solche Tradition wird vor allem im I Ching und im Taoismus gesehen.(17) Freiberg nennt sechs Elemente der taoistischen Weltanschauung, die einer dialektischen Logik kompatibel sind: Gegensatz (z.B. ying-yang, wobei es sich nicht um einen bloßen Dualismus, sondern um die Einheit Entgegengesetzter handelt), Einheit, Werden, nichtlineare (zyklische) Entwicklung, Verbindung von Empirie und Theorie, Relativität des Wissens.(18) Die zyklische Entwicklung schließt allerdings die für den Marxismus charakteristische Auffassung der qualitativen Höherentwicklung aus, ebenso bedeutet Einheit nicht Totalität als komplex gegliedertes Ganzes, sondern einfaches Grundprinzip, schließt also die Analyse der Besonderheiten im Sinne konkreter Situation weitgehend aus.(19) In diesen beiden Punkten grenzt sich Mao, der in seinen Schriften vielfältig auf dialektische Elemente der chinesischen Tradition verweist,(20) entschieden von dieser Tradition ab. Die Betonung der Bedeutung der Praxis, des verändernd eingreifenden und die Geschichte vorantreibenden Handelns für die Erkenntnis richtet sich gegen jede Stagnation und damit gegen einen möglichen Rückfall in das zyklische Denkmuster. Mao hielt diesen Punkt für so wichtig, daß er auch „Über die Praxis" für entscheidender erachtete als „Über den Widerspruch."(21) „Über den Widerspruch" schließlich geht von der Erwähnung der dem chinesischen Denken geläufigen These der Allgemeinheit des Widerspruchs direkt zur Besonderheit des Widerspruchs über und gibt ihr, in Abgrenzung von der Tradition, einen neuen Sinn: Die Allgemeinheit des Widerspruchs besteht eben darin, daß der Widerspruch als überall vorhandener je ein besonderer und konkret zu analysierender ist.

Diese Abgrenzung von entscheidenden Elementen der dialektischen Weltanschauung in China legt die These nahe, daß Mao sich zwar traditioneller Ausdrucksweisen und Verweise auf die Tradition bedient, damit aber keine wesentliche inhaltliche Bezugnahme vorliegt, sondern der Marxismus-Leninismus in eine dem chinesischen Kulturzusammenhang adäquate Ausdrucksweise gebracht wird. Die „Maotsetungideen" sind daher als radikaler Einschnitt in die chinesische Tradition zu verstehen, die vom Vergangenen nur aufnimmt, was den neuen Inhalten dienen kann.(22) Mao steht in erster Linie in der Tradition der „Bewegung des 4-Mai" von 1919, einer Kulturrevolution, die einen solchen Einschnitt bewußt vornehmen wollte und deren Zielsetzungen in der „Großen Proletarischen Kulturrevolution" aufgenommen wurden.(23)

Die Priorität praktisch-politischer Problemstellungen auch in den philosophischen Argumentationen Maos ist ein weiterer Beleg dafür, daß sie, ungeachtet aller spezifischen Voraussetzungen, die dabei zu berücksichtigen sind, nicht als Vermittlung chinesischer Traditionen in den Marxismus, sondern als Anwendung des Marxismus auf die chinesichen Verhältnisse zu verstehen sind und an den zugrunde gelegten Kriterien des Marxismus-Leninismus gemessen werden müssen.

Die Übernahme der russischen Strategie und Taktik, des Kampfes in den Industriezentren und der Vernachlässigung der Bauernbewegung als kleinbürgerlich-demokratisch, führte nach dem Bruch des Bündnisses zwischen Kuomintang und KP Chinas zum Fiasko der revolutionären Bewegung.(24) Mao zog daraus die weitestgehenden Konsequenzen und empfahl, ungeachtet der führenden Rolle des Industrieproletariats und seiner Partei, die Bauernbewegung, in der die so/ialrevolutionärcn Traditionen der Taiping-Revolutionäre noch lebendig waren, als Hauptkraft der demokratischen Revolution zu betrachten.(25) Die Durchsetzung dieser Linie war von heftigen Linienkämpfen und Rückschlägen begleitet, die Mao zwangen, immer wieder gegen den Dogmatismus in den Reihen der KP Chinas anzugehen. Die 1937 nach dem langen Marsch in Jenan geschriebenen Aufsätze „Über die Praxis" und „Über den Widerspruch" sind direkt gegen die Gruppe der an der Sowjetunion orientierten Kader um Wang Ming gerichtet, die Maos Bauernpolitik und Kriegsführung bekämpften.(26) Mao hielt entsprechende Vorträge vor den Kadern der Bauern- und Arbeiterarmee und erläuterte die Erkenntnistheorie und Dialektik des Marxismus anhand deren praktischen Erfahrungen. Sie sind so nicht nur aus der Situation ihrer Entstehung heraus, sondern auch in ihrer Argumentationsweise Dokumente der engen Verbindung von Theorie und Praxis.

C. „Über die Praxis" (1937)

„Über die Praxis" reflektiert in der Form grundlegender Aussagen über den Erkenntnisprozeß den Bezug der Theorie-Praxis Maos zu den Erfahrungen der chinesischen Revolution. Dabei knüpft Mao an Lenins Hervorhebung der Bedeutung der Praxis als Grundlage der Erkenntnis und Kriterium der Wahrheit an. Praxis heißt materielle Produktion, Klassenkampf und wissenschaftliches Experiment,(27) wobei die materielle Produktion die „allerwesentlichste praktische Tätigkeit" darstellt, unter den Bedingungen der Klassenspaltung der Gesellschaft der Klassenkampf aber für die Erkenntnis von zentraler Bedeutung ist: „In der Klassengesellschaft lebt jeder Mensch in einer bestimmten Klassenlage, und es gibt keine Ideen, die nicht den Stempel einer Klasse trügen."28 Dies begründet er dadurch, „daß die Theorie von der Praxis abhängt, daß die Praxis die Grundlage der Theorie bildet und die Theorie ihrerseits der Praxis dient."(29)

Maos Darstellung des Erkenntnisprozesses als Bewegung von der Praxis über sinnliche und rationale Erkenntnis zur Praxis zurück entspricht in seiner Grundstruktur dem von Lenin vor allem in den „Philosophischen Heften" dargestellten Verhältnis von Theorie und Praxis. Wenn auch die Erfassung der inneren Widersprüche der Dinge und ihres Zusammenhangs der rationalen Stufe der Erkenntnis angehört und „Über den Widerspruch" daher im Praxisprozeß der Erkenntnis seinen systematischen Ort zugewiesen bekommt, so ist das Verhältnis „von Erkenntnis und Praxis, von Wissen und Handeln," so der Untertitel von „Über die Praxis,"(30) doch schon selbst als Widerspruch zu begreifen. Wenn im allgemeinen die Praxis oder das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, so kann die Theorie oder das Bewußtsein in bestimmten Situationen dennoch die Hauptseite des Widerspruchs darstellen, eine Konstellation, für die sich Mao ebenfalls auf Lenin beruft(31) und deren Darstellung in „Woher kommen die richtigen Ideen der Menschen?" auch in der dort erfolgten Akzentuierung Lenins Konzeption entspricht.(32) Wenn Maos Darstellung des Erkenntnisprozesses dennoch als originäre Weiterentwicklung Lenins angesprochen werden kann, so deshalb, weil er nicht nur die bei Lenin weniger systematisch vorliegenden Hinweise und Bemerkungen zusammenfaßt, sondern die bei Lenin nur angedeutete Bedeutung der sinnlichen Stufe der Erkenntnis in den Mittelpunkt stellt.(33)

Dies ist die erste Stufe des Erkenntnisprozesses, die der unmittelbaren Erfahrung, der sinnlichen Erkenntnis der Erscheinungen der Dinge. Ohne diese unmittelbare sinnliche Erfahrung gibt es für Mao keine Erkenntnis, auch jede mittelbare Erfahrung, jede Abstraktion gründet auf unmittelbaren Erfahrungen. Die sinnliche Erkenntnis ist daher nicht bloße Vorstufe der Erkenntnis, sondern ihre wesentliche Grundlage, deshalb können rationale (logische) Erkenntnisse und Theoriebildungen keine absolute Geltung beanspruchen, sondern nur, sofern sie der sinnlichen Erfahrung entsprechen, d.h. mit der Praxis in Einklang zu bringen sind. Von dieser Position aus greift Mao den Dogmatismus an: „Wer die Empfindungen verneint, die unmittelbare Erfahrung leugnet und die persönliche Teilnahme an der die Wirklichkeit verändernden Praxis ablehnt, ist kein Materialist. Darum eben sind die ,AlIeswisser' so lächerlich."(34) Die Betonung der Priorität unmittelbarer sinnlicher Erfahrung für jede Erkenntnis richtet sich gegen jede Verselbständigung der Theorie, sowohl gegen das zyklische Denkmuster als auch gegen den Dogmatismus. Mao räumt ihr eine entscheidende Stellung ein, die die systematische Bedeutung dieser Erkenntnisstufe auch gegenüber den Äußerungen von Marx, Engels und Lenin neu akzentuiert. ''

Die sinnliche Erfahrung ist, wie der Verweis auf die Praxis deutlich macht, nicht als rezeptiv zu verstehen, sondern als aktives sinnliches Begreifen. Ebenso ist der Übergang von der sinnlichen zur rationalen Stufe der Erkenntnis nicht als rein theoretische Tätigkeit vorzustellen, die nur durch die Praxis empfangene Eindrücke weiterverarbeitet, sondern die Rückkehr -zur Praxis und das Wiederaufsteigen zur Theorie findet auf jeder Stufe der Erkenntnis statt. Auf der sinnlichen Stufe ist die Erkenntnis noch einseitig weil sie nur die Erscheinungen, aber nicht deren inneren Zusammenhang faßt. Durch wiederholte praktische Erfahrungen und die Hinzuziehung von mittelbaren Erfahrungen verwandeln sich die Empfindungen in Begriffe, wird die Totalität der Dinge, ihr Wesen, ihr innerer Zusammenhang aufgedeckt. Damit zeigt sich die „Dialektik der Erkenntnistheorie"(35) als Sprung von der sinnlichen zur rationalen Stufe der Erkenntnis; der Inhalt dieser neuen Stufe ist die Aufdeckung der inneren Widersprüche der Dinge.836) Der systematische Ort von „Über den Widerspruch" ist deshalb auf dieser Stufe der Erkenntnis, was heißt, daß Widersprüche, etwa in der Gesellschaft, nicht logisch abgeleitet und bestimmt werden können, sondern nur auf der Grundlage in der Praxis gewonnener reichhaltiger Erfahrungen; und' sie müssen im Hinblick auf die Praxis bestimmt werden.

Die Stufe der logischen Erkenntnis ist nämlich auch einseitig, nämlich bloß theoretisch und kann den Reichtum der Erscheinungen nicht vollständig erfassen. Dieser Mangel kann nicht theoretisch, sondern nur durch die Rückkehr zur Praxis aufgehoben werden. „Die aktive Rolle der Erkenntnis findet ihren Ausdruck nicht nur in dem aktiven Sprung von der sinnlichen Erkenntnis zur rationalen Erkenntnis, sondern, was noch wichtiger ist, sie muß auch in dem Sprung von der rationalen Erkenntnis zur revolutionären Praxis zum Ausdruck kommen."(37) Dies ist eine Notwendigkeit, sofern die Praxis die Grundlage der Erkenntnis ist und die Wahrheit einer Theorie letztlich auch nur praktisch und nicht in theoretischen Kriterien (einer Adäquation der Widerspiegelung an das Widergespiegelte) erwiesen werden kann.

Dieser Standpunkt schließt jede Anerkennung „ewiger" theoretischer Wahrheiten aus und ist die theoretische Grundlage der „Massenlinie" Mao Tsetungs. Wenn die Praxis der Massen die Grundlage der Theorie bildet und das Kriterium ihrer Wahrheit, sind die Theorien und auch die Führer der Massen als Avantgarde allemal einseitig und können borniert werden: „Die wahren Helden sind die Massen, wir selbst sind aber oft naiv bis zur Lächerlichkeit; wer das nicht begriffen hat, wird nicht einmal die minimalen Erkenntnisse erwerben können."(38) Das schließt nicht aus, daß die Theorie auch gegenüber der Praxis der Massen zur Hauptseite werden kann, heißt aber auf jeden Fall, daß diese Theorie in jeder Situation auf die der Situation entsprechende Praxis beziehbar, den Massen verständlich und von ihnen in der Praxis überprüfbar sein muß, um zur materiellen Gewalt werden zu können.

Mit der Rückkehr zur Praxis ist der Prozeß der Erkenntnis abgeschlossen und nicht abgeschlossen zugleich; abgeschlossen, sofern eine Erkenntnis gewonnen wurde, nicht abgeschlossen, sofern diese Teilerkenntnis durch den Prozeß der Praxis, der fortschreitenden Erkenntnis und Umgestaltung der Welt, relativiert wird. Mao knüpft hier an Lenins Abgrenzung der Dialektik vom Relativismus an, um die Bewegung der Erkenntnis als unendlichen Prozeß der Annäherung an die absolute Wahrheit durch die Summe der relativen Wahrheiten zu erläutern. „Durch die Praxis die Wahrheit entdecken und in der Praxis die Wahrheit bestätigen und weiterentwickeln; von der sinnlichen Erkenntnis ausgehen und diese aktiv zur rationalen Erkenntnis fortentwickeln, sodann wieder ausgehend von der rationalen Erkenntnis aktiv die revolutionäre Praxis anleiten, die subjektive und objektive Welt umzugestalten; Praxis, Erkenntnis, wieder Praxis und wieder Erkenntnis -diese zyklische Form wiederholt sich endlos und der Inhalt von Praxis und Erkenntnis wird bei jedem einzelnen Zyklus auf eine höhere Stufe gehoben."(39)

D) „über den Widerspruch" (1937)

1. Ziel der Argumentationsweise

Mao Tsetungs Schrift „Über den Widerspruch" erläutert vor dem Hintergrund der in „Über die Praxis" dargelegten Bewegung des Erkenntnisprozesses die rationale Stufe der Erkenntnis, deren theoretische Leistung in der Aufdeckung der inneren Widersprüche der Dinge in ihrer Entwicklung und ihren Beziehungen liegt. Ebenso wenig wie in „Über die Praxis" der Erkenntnisprozeß in dem Sinne systematisch entfaltet wird, daß der Gang der Erkenntnisse von einer Stufe zur anderen und diese Stufen selbst in der Vollständigkeit ihrer Bestimmungen logisch-kategorial entwickelt werden, stellt „Über den Widerspruch" so etwas wie eine Logik des Widerspruchs dar. Maos Interesse ist auch hier praktisch-politisch bestimmt. Die Leistung der dialektischen Weltanschauung besteht für ihn darin, „die Bewegung der Widersprüche in den verschiedenen Dingen verständnisvoll zu beobachten und zu analysieren und auf der Grundlage dieser Analyse die Methoden für die Lösung der Widersprüche zu bestimmen. Daher ist das konkrete Verständnis des Gesetzes von dem Widerspruch, der den Dingen innewohnt, für uns äußerst wichtig."(40)

Dieses Interesse bestimmt den Argumentationsgang und die von Mao vorgenommenen Akzentuierungen. Mao greift auf eine Fülle von Beispielen aus der Entwicklung der chinesischen Revolution und besonders aus dem Bereich der Strategie und Taktik des Volkskrieges zurück, um die praktische Bedeutung der Erkenntnis und Behandlung der verschiedenen Widersprüche zu demonstrieren. Er zeigt verschiedenartige Formen des Widerspruchs in praktisch-politischen Zusammenhängen auf, d.h. in ihrer konkreten Existenzweise und nicht sosehr in einem kategorialen Zusammenhang. Es geht Mao darum, den Blick für die Besonderheiten konkreter Widersprüche zu schärfen, um den Dogmatismus zu bekämpfen, der diese Besonderheiten in einem schematischen Herangehen an die Wirklichkeit nicht zureichend zu erfassen vermag. In diesem Sinne sind die von Mao vorgenommenen Differenzierungen zunächst „Stützpunkte" der Erkenntnis konkreter Zusammenhänge unter dem Gesichtspunkt ihrer Veränderbarkeit.

Diese Stoßrichtung der Argumentation erklärt sich aus der besonderen Komplexität der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in China, nicht nur in den Beziehungen der Klassen und Schichten der chinesischen Gesellschaft zueinander, sondern auch in den durch imperialistischen Druck und japanische Intervention erzeugten Widersprüchen, die zu ständigen Umgruppierungen der politischen und sozialen Kräfte führten und den Kommunisten eine flexible Taktik abverlangten. Mao verweist wiederholt auf die komplizierte Lage in den Beziehungen der Klassen und Schichten und die Notwendigkeit wechselnder Bündnisse im Verlauf der chinesischen Revolution.(41) Seine Darlegung der Formen des Widerspruchs im Kontext praktisch-politischer Situationen will daher zu allererst die Notwendigkeit der konkreten Analyse jeder konkreten Situation als „innerstes Wesen und lebendige Seele des Marxismus" (Lenin) (42) erweisen und dafür Bestimmungen an die Hand geben, die es erlauben, die Besonderheit einer Situation zu erfassen.

Dabei gilt jedoch, was Mao in „Über die Praxis" darlegt: eine Situation kann nicht „empiristisch" allein durch konkrete sinnliche Erfahrung zureichend erfaßt werden. In diesem Sinne will „Über den Widerspruch" es „zugleich ... unseren erfahrenen Genossen ermöglichen, ihre Erfahrungen zu systematisieren und diese auf eine prinzipielle Höhe zu bringen, eine Wiederholung der Fehler des Empirismus zu vermeiden."(43) Die Beispiele, in denen die konkrete Existenzweise der verschiedenen Widersprüche aufgezeigt wird, sollen durch Anknüpfen an den Erfahrungen der Revolutionäre einer Systematisierung dieser Erfahrungen dienen. Von dorther folgt auch die Darlegung einer Systematik, die schon in der Gliederung des Aufsatzes deutlich wird: Allgemeinheit des Widerspruchs, Besonderheit des Widerspruchs, Hauptwiderspruch und hauptsächliche Seite des Widerspruchs, Identität und Kampf der gegensätzlichen Seiten des Widerspruchs, Platz des Antagonismus in den Widersprüchen. Gleichwohl ist diese Systematik nicht als logisch-deduktive Abfolge zu verstehen, sie liegt vielmehr, wie noch zu zeigen sein wird, in der verhandelten Sache begründet, der Erkenntnis eines „Dings"44 als Einheit qualitativ verschiedener Widersprüche, die seinen Charakter und seine Entwicklung bestimmen und Ansatzpunkte seiner Veränderung aufzeigen.

Diese Hinweise machen die Schwierigkeit einer Interpretation des Aufsatzes „Über den Widerspruch" deutlich. Das Aufzeigen der Widersprüche in ihrer konkreten Existenzweise und ihrer Bedeutung für die Praxis folgt, wie sehr es auch durch den politischen Kontext der Argumentation begründet ist, der nicht kategorial ausgerichteten Argumentationsweise chinesischer Tradition. Zugleich enthüllt sie eine in der Sache begründete Systematik, die aber von der „Oberfläche" des Textes nicht unmittelbar ablesbar ist. Im Folgenden soll daher unter weitgehendem Verzicht auf die von Mao gewählten Beispiele der Versuch unternommen werden, die in „Über den Widerspruch" entwickelten Bestimmungen in einen Zusammenhang zu „übersetzen," in dem sie nicht einfach nach westlichem Muster gelesen werden, sondern in dem zugleich die Besonderheit des von Mao gewählten Verfahrens hervortritt. Eine solche „Übersetzung" wird dadurch möglich, daß die von Mao verhandelte Sache kein exklusiver Gegenstand chinesischer Weltweisheit ist, sondern Gegenstand der materialistisch-dialektischen Weltanschauung. Von diesem Ansatz aus ist zunächst das Verhältnis Maos zur westeuropäischen und chinesischen Tradition anzugeben, wie er es in dem ersten Abschnitt seiner Schrift umreißt.

2. Dialektik und Metaphysik als Grundformen der Weltanschauung

Die „marxistische, dialektisch-materialistische Weltanschauung" ist für Mao Tsetung das Produkt des hochentwickelten europäischen Kapitalismus,(45) sie bedeutet eine „beispiellose Revolution in der Geschichte der menschlichen Erkenntnis."(46) Ihre Weiterentwicklung durch Lenin und Stalin und ihre Entwicklungsgeschichte (Mao nennt die Bedeutung Hegels und die kritische Übernahme der rationellen Elemente Hegelscher Dialektik durch Marx und Engels (47) skizziert Mao entsprechend der Konvention marxistischer Philosophiegeschichtsschreibung. Dies ist jedoch mehr als bloße Reminiszenz; Mao macht deutlich, daß die materialistisch-dialektische Weltanschauung kein originäres Produkt der chinesischen Entwicklung ist, sondern „von außen" übernommen wurde. Diese Übernahme bedeutet zunächst einen Einschnitt in die chinesische Tradition: „Sobald sie in China Eingang gefunden hatte, rief sie im geistigen Leben Chinas sofort die größten Veränderungen hervor."(48)

Mao sieht in der chinesischen Tradition die Existenz und den Kampf beider Grundformen der Weltanschauung, der Metaphysik (Hsüan-hsüeh, Hsing-erh-shang-hsüeh) und der Dialektik (Pien-chengfa)(49); die dialektische Weltanschauung in China bildet für ihn jedoch, ebenso wie die „spontane, primitive Dialektik" des Altertums in Europa,(50) eine Vorform materialistischer Dialektik. Deshalb bringt er ihr kein besonderes Interesse entgegen; der Bruch, den die marxistische Weltanschauung im chinesischen Traditionszusammenhang herbeiführt, überwiegt eindeutig alle möglichen Kontinuitäten. Dennoch ist die Übernahme des Marxismus kein einfacher Vorgang, denn die Veränderungen, die er in China hervorruft, hängen ab von der Geschichte und Situation des gesellschaftlichen, politischen, geistigen Lebens in China selbst. Ein solches Modell der Wirkung von außen vermittels der inneren Widersprüche entwirft Mao in seiner Charakterisierung der dialektischen Weltanschauung: Die Oktoberrevolution in Rußland „beeinflußte die inneren Veränderungen in anderen Ländern der Welt, so auch - und zwar mit besonderer Tiefenwirkung - die inneren Veränderungen in China. Diese Veränderungen erfolgten jedoch vermittels der inneren Gesetzmäßigkeiten dieser Länder beziehungsweise Chinas selbst."(51)

Die Konsequenz, daß nämlich die inneren Widersprüche entscheidend für die Entwicklung eines Dinges sind und äußere Ursachen nur vermittels der inneren wirken, enthält eine politische Pointe: Mao will zeigen, daß die Übernahme des Marxismus den chinesischen Kommunisten keine Rezepte liefert, sondern sie allererst vor die Aufgabe stellt, die besonderen Widersprüche der chinesischen Gesellschaft zu erfassen. Dies ist auch die theoretische Pointe der Schrift Maos: die Metaphysik ist für ihn eine Weltanschauung, die nicht in der Lage ist, die „qualitative Vielfalt der Dinge und das Umschlagen einer Qualität in eine andere zu erklären"52; ins Zentrum der dialektischen Weltanschauung rückt daher die Erfassung der Besonderheiten der Widersprüche in ihrer qualitativen Vielfalt. Als Beispiel für metaphysische Denkweise in China zitiert Mao den konfuzianischen Satz: „Der Himmel ist unveränderlich, und unveränderlich ist auch Tao."(53) In dieser Unveränderlichkeit der „Gesetze" oder der „Wahrheit" (um den Übersetzungsvorschlägen der chinesischen Herausgeber für „Tao" zu folgen), die zugleich als universell aufgefaßt werden und deren Erkenntnis das Ziel der Bemühungen ist, liegt der Ausschluß jeder qualitativen Höherentwicklung wie auch der qualitativen Vielfalt der Dinge als zentrales Anliegen der Erkenntnis. Indem Mao diese zwei Punkte hervorhebt und in den Mittelpunkt seiner Konzeption stellt, wird zugleich die theoretische Bedeutung des Einschnitts deutlich, den die marxistische Weltanschauung für den chinesischen Kulturzusammenhang darstellt.

3. Die Lehre von Widerspruch

a. Allgemeinheit und Besonderheit des Widerspruchs

Mao beginnt „um der bequemeren Darlegung willen"(54) mit der Allgemeinheit des Widerspruchs, wobei er sich auf die Autorität der Schriften von Marx, Engels, Lenin und Stalin beruft und zahlreiche Beispiele anführt, um deutlich zu machen, daß in den Entwicklungsprozessen aller Dinge Widersprüche existieren und in der Bewegung jedes Dings die Bewegung der Widersprüche von Anfang bis Ende existiert.(55) Der letzte Punkt meint, daß Widersprüche in jedem Ding die Triebkraft seiner Entwicklung sind und nicht äußere Ursachen, die in ihm erst Widersprüche hervorrufen. Jedes Ding enthält Widersprüche, jeder Unterschied ist schon ein Widerspruch.(56)

Der Hinweis Maos auf die „bequemere Darlegung" macht deutlich, daß er zunächst eher pädagogischen als sachlichen Erwägungen folgt. Die These von der Allgemeinheit des Widerspruchs konnte er, zumal vor dem Hintergrund der chinesischen Tradition, als bekannt voraussetzen. Man brauche, so Mao, „nicht lange bei der Klärung dieser Frage zu verweilen. Was jedoch die Besonderheit des Widerspruchs betrifft, so sehen hierin viele Genossen, vor allem die Dogmatiker, noch nicht klar. Sie verstehen nicht, daß die Allgemeinheit des Widerspruchs gerade in dessen Besonderheit existiert. Ebensowenig verstehen sie, welche große Bedeutung es für unsere Anleitung der revolutionären Praxis hat, die Besonderheit der den vorliegenden konkreten Dingen innewohnenden Widersprüche zu studieren."(57) Das heißt: wenn auch vorausgesetzt werden kann, daß überall Widersprüche existieren und kein Bereich denkbar ist, in dem sie sich nicht aufweisen lassen, so existieren diese Widersprüche jedoch nur als jeweils besondere. Die Allgemeinheit des Widerspruchs ist nicht loszulösen von dieser Besonderheit jedes Widerspruchs, sie läßt sich nicht für sich stellen und betrachten, sondern verlangt das Studium der konkreten Widersprüche in den Dingen.

Die qualitative Vielfalt der Dinge liegt darin begründet, daß jedes Ding seine eigenen, qualitativ besonderen Widersprüche enthält. „Diese besonderen Widersprüche bilden das besondere Wesen eines Dinges, das dies von anderen unterscheidet. Hierin besteht die innere Ursache oder, wie man es auch nennen kann, die Grundlage der unendlichen Vielfalt der Dinge in der Welt."(58) Die qualitative Vielheit der Dinge und damit der Widersprüche ist daher vorausgesetzt und der sachlich notwendige Ausgangspunkt der Erkenntnis, die von der Erkenntnis des Besonderen zur Erkenntnis des Allgemeinen übergeht. Im Prozeß der Verallgemeinerung lassen sich Widersprüche bestimmen, die „der Sphäre einer bestimmten Erscheinung eigentümlich sind,"(59) die Besonderheit dieser Widersprüche grenzt die verschiedenen Wissenschaften voneinander ab, sie sind aber zugleich allgemein für die konkreten Widersprüche in dieser Sphäre. Das Verhältnis von Allgemeinheit und Besonderheit des Widerspruchs ist daher als dialektische Einheit bestimmt: Besonderes ist Allgemeines und umgekehrt. Die Erkenntnis des Allgemeinen geht von der Erkenntnis des Besonderen aus und führt in doppeltem Sinne auf das Besondere zurück: sie erkennt die Besonderheit einer Sphäre des Allgemeinen und dient dazu, die Besonderheiten dieser Sphäre weiter zu erforschen. „Das sind die beiden Prozesse der Erkenntnis: der eine führt vom Besonderen zum Allgemeinen, der andere vom Allgemeinen zum Besonderen."(60)

Im Folgenden nennt Mao, ausgehend vom Allgemeinen, Schritte der Aufdeckung der Besonderheiten der Widersprüche. Er geht so vor, daß er vier Lehrsätze aufführt, denen jeweils Beispiele folgen.

1. In jedem durch einen besonderen Widerspruch bestimmten „großen System der Bewegungsformen der Materie" muß man „den besonderen Widerspruch und das Wesen jedes einzelnen Prozesses auf dem langen Entwicklungsweg jeder Bewegungsform der Materie untersuchen."(61) Beispiel: Qualitativ verschiedene Widersprüche in den Etappen der Revolution.

2. „Um die Besonderheiten der Widersprüche im Entwicklungsprozeß eines Dinges in ihrer Gesamtheit oder ihrer wechselseitigen Verbundenheit aufzudecken ... muß man die Besonderheiten aller Seiten der in diesem Prozeß enthaltenen Widersprüche aufdecken.'(62) Beispiel: Komplexität der Klassenverhältnisse in China.

3. „Auch die einzelnen Etappen" im gesamten Entwicklungsprozeß der Dinge „haben ihre eigenen Besonderheiten, die wir ebenfalls im Auge behalten müssen."(63) Beispiel: Entwicklung des Grundwiderspruchs Bourgeoisie-Proletariat; Etappen der chinesischen Revolution.

4. In jeder Entwicklungsetappe sind die Widersprüche nicht nur „in ihrer wechselseitigen Verbundenheit oder in ihrer Gesamtheit zu betrachten; man muß sich in jeder Entwicklungsetappe auch die beiden Seiten eines jeden Widerspruchs ansehen."64) Beispiel: das Verhältnis von Kuomintang und KP Chinas in den Etappen der chinesischen Revolution.

Mao Tsetung faßt diese Punkte noch einmal zusammen und folgert: „Ohne eine konkrete Analyse ist es unmöglich, die Besonderheiten irgendeines Widerspruchs zu erkennen. Wir müssen immer an die Worte Lenins denken: konkrete Analyse einer konkreten Situation."(65)

In dieser Schlußfolgerung läuft jeder der von Mao genannten Punkte zusammen; sie wird überdies durch die Beispiele anschaulich erläutert. Mao nennt hier Punkte, die „zu betrachten," „anzusehen," „im Auge zu behalten" sind, die Beispiele fordern auf, die praktische Bedeutung der Thesen einzusehen. Mao lehrt Dialektik, indem er zum Lernen anhand praktischer Erfahrungen auffordert, und nicht durch Entwicklung eines abstrakten logisch-kategorialen Zusammenhanges. Seine Darlegung folgt aber einer Systematik: jeder der vier Punkte zeigt auf, daß ein gegebenes „Allgemeines" (ein Gesamtzusammenhang) nur durch die Erkenntnis seiner Besonderheiten und der Besonderheiten seiner Teilprozesse und Elemente erfaßt werden kann. Die vier Punkte differenzieren zunächst die zu berücksichtigenden Besonderheiten bis hin zu den zwei Seiten eines einzelnen Widerspruchs.

Von hier aus faßt Mao das Verhältnis von Allgemeinheit und Besonderheit des Widerspruchs zusammen als „die Beziehung zwischen dem Gemeinsamen und dem Einzelnen im Widcrspruch."(66) Das Gemeinsame besteht zunächst darin, daß überall Widersprüche existieren, die Allgemeinheit des Widerspruchs ist absolut. ..Dieses Gemeinsame ist aber in allem Einzelnen enthalten, ohne das Einzelne kann es kein Gemeinsames geben. Kann das Gemeinsame bestehen, wenn alles Einzelne ausgeschlossen wird? Das Einzelne entsteht dadurch, daß jeder Widerspruch seine Besonderheit hat. Alles Einzelne ist bedingt, zeitweilig und daher relativ."(67) In dieser Pointierung tritt, in Abgrenzung von der chinesischen Tradition (das Tao ist unveränderlich), die revolutionäre Konsequenz der Dialektik hervor. Das Allgemeine existiert nur im zeitweiligen, relativen, sich stets verändernden Einzelnen, Besonderen und es verändert sich mit ihm. Es ist also nicht ewig, nicht allein der Kontemplation zugänglich, sondern es ist über das veränderbare Besondere selbst auch zu beherrschen und zu verändern.

b. Der Entwicklungsprozeß eines komplexen Dinges: Grund-, Haupt- und Nebenwiderspruch

Die Bestimmung des Verhältnisses von Allgemeinheit und Besonderheit des Widerspruchs stellt ein neues Problem: im welcher Weise strukturiert sich aus besonderen Widersprüchen, „Dingen," Teilprozessen ein Ganzes, d.h. wie ist die Struktur eines „komplexen Dinges" anzusetzen, damit sich die Besonderheit nicht in willkürlich kombinierbare Elemente verliert? Mao wirft diese Fragen nicht explizit auf, aber er formuliert eine These, die den Kern des Problems betrifft: „Im Entwicklungsprozeß eines komplexen Dinges gibt es eine ganze Reihe von Widersprüchen, unter denen stets einer der Hauptwiderspruch ist; seine Existenz und seine Entwicklung bestimmen oder beeinflussen die Existenz und die Entwicklung der anderen Widersprüche."(68) Mao Tsetung unterscheidet hier verschiedene Formen des Widerspruchs hinsichtlich ihrer dominierenden oder untergeordneten Stellung im Entwicklungsprozeß eines komplexen Ganzen. Zunächst ist kurz anzugeben, welche Widersprüche Mao unterscheidet, um dann nach der theoretischen und praktischen Bedeutung dieser Unterscheidungen zu fragen.

Bereits bei der Darlegung der Besonderheiten der einzelnen Etappen der Bewegung der Widersprüche im Gesamtprozeß erwähnt Mao den Grundwiderspruch. Der Grundwiderspruch bestimmt das Wesen eines bestimmten komplexen Dinges (des Kapitalismus z.B. oder der chinesischen Gesellschaft in der Periode der demokratischen Revolution), er bleibt bestehen, solange dieses Ding besteht und ist in Klassengesellschaften prinzipiell antagonistisch. Ändert sich der Grundwiderspruch, so ändert sich auch der Charakter des Ganzen. Hierbei sind aber zwei Punkte zu berücksichtigen: erstens entwickelt sich der Grundwiderspruch, er „verschärft" sich und treibt zur Auflösung des antagonistischen Ganzen; zweitens determiniert er die Entwicklung aller anderen Widersprüche des Ganzen nicht in gleichem Maße: „unter den »größeren und kleineren Widersprüchen, die durch den Grundwiderspruch bedingt sind oder sich unter seinem Einfluß befinden, verschärfen sich die einen, während andere zeitweilig oder teilweise gelöst oder gemildert werden und wieder andere, neue Widersprüche entstehen."(69)

Die relative Selbständigkeit der vom Grundwiderspruch beeinflußten Widersprüche im Entwicklungsprozeß eines komplexen Ganzen führt dazu, daß der Prozeß nicht geradlinig, gleichmäßig, sondern diskontinuierlich (in „Sprüngen") und ungleichmäßig verläuft. Er durchläuft Etappen, die jeweils ihre Besonderheit aufweisen, die durch den Hauptwiderspruch bestimmt werden, den Widerspruch, der in der gegebenen Etappe die anderen Widersprüche dominiert, zu Nebenwidersprüchen macht. Es gibt „in jeder Etappe eines Entwicklungsprozesses nur einen einzigen Hauptwiderspruch ..., der die führende Rolle spielt. Hieraus folgt: Wenn ein Prozeß mehrere Widersprüche enthält, muß einer von ihnen der Hauptwiderspruch sein, der die führende und entscheidende Rolle spielt, während die übrigen nur eine sekundäre, untergeordnete Stellung einnehmen."(70) Die absolute Ungleichmäßigkeit gilt ebenso für die beiden Seiten eines Widerspruchs: im Widerspruch ist zu unterscheiden zwischen der hauptsächlichen Seite des Widerspruchs oder seiner Hauptseite und seiner Nebenseite. Wie der Hauptwiderspruch den Charakter einer Entwicklungsetappe des komplexen Dinges bestimmt, so bestimmt die Hauptseite des Widcrspruchs den Charakter eines einzelnen Dinges. Hauptwiderspruch und Nebenwiderspruch bzw. Hauptseite und Nebenseite des Widerspruchs bezeichnen nicht ein statisches Gefüge. Sie können im Entwicklungsprozeß des Ganzen und seiner Elemente wechseln, ineinander übergehen usw., wodurch sich der Charakter des Dinges oder der Entwicklungsetappe eines komplexen Ganzen ändert. Sie sind daher jeweils konkret zu bestimmen.

Es zeigt sich, daß die Bestimmungen des Widerspruchs den vier Punkten der Erläuterung der Besonderheit des Widerspruchs folgen: vom Widerspruch, der den Charakter eines komplexen Ganzen in allen Phasen seiner Entwicklung bestimmt (Grundwiderspruch) über den in einzelnen Entwicklungsetappen dominierenden Widerspruch (Hauptwiderspruch) geht Mao bis zur ungleichen Struktur des Widerspruchs im einzelnen Ding. Die Darstellung erfolgt wiederum durch die Formulierung von Thesen, denen sich Beispiele anschließen, in denen die Existenzweise der Widersprüche und die praktisch-politische Bedeutung der Erkenntnis und richtigen Behandlung der verschiedenartigen Widerspräche aufgezeigt wird. Dabei geschieht aber etwas Neues gegenüber den Darlegungen zur Besonderheit des Widerspruchs: im Zusammenhang der Thesen wird die Gliederung eines sich entwickelnden komplexen Ganzen entworfen, das nicht in allen seinen Elementen einlinig durch einen Widerspruch (Grundwiderspruch) determiniert ist, sondern in dem sich die Widersprüche relativ selbständig und ungleichmäßig entwickeln, wodurch in einzelnen Etappen ein mit dem Grundwidcrspruch nicht identischer Widerspruch dominant sein kann, ohne damit am Charakter des Ganzen prinzipiell etwas zu ändern. Mao nennt als Beispiel die Determination „in letzter Instanz" des Überbaus durch die Basis, die nicht ausschließt, daß in konkreten Entwicklungsetappen der Überbau die entscheidende Rolle spielt und auf die Basis zurückwirkt.(71)

Mao Tsetungs Darlegung hat das Ziel, die Bedeutung des Hauptwiderspruchs bzw. der Hauptseite des Widerspruchs für die politische Praxis herauszustellen; er erinnert dabei an Lenins Diktum, daß die Kunst des Politikers darin bestehe, das jeweilige Hauptkettenglied zu finden.(72) Mao stellt die Formen des Widerspruchs nicht so vor, daß sie in einem logisch-kategorialen Zusammenhang abgeleitet werden, sondern definiert sie durch ihre konkrete Existenzweise, ihren Ort im Entwicklungsprozeß eines komplexen Ganzen. Wenn die qualitative Vielheit der Dinge und damit der Widersprüche, die ihre Grundlage sind, unendlich ist, können in der Tat abstrakt keine logischen Distinktionen in der Struktur eines Widerspruchs angegeben werden, die ihn als Haupt- oder Nebenwiderspruch qualifizieren. So folgt Mao sachlichen Notwendigkeiten, wenn er das Beispiel in seiner Darstellung zum entscheidenden Argument macht. Die Notwendigkeit einer konkreten Analyse konkreter Situationen ist auch das letzte Wort dieser Darstellung; die Differenzierungen des Widerspruchs zeigen aber zugleich, worauf es dabei ankommt, indem sie die Struktur eines komplexen Ganzen in seiner Entwicklung entwerfen.(73)

c. Identität und Kampf der gegensätzlichen Seiten des Widerspruchs

Die Ausführungen, die Mao Tsetung zu Identität und Kampf der gegensätzlich Seiten des Widerspruchs gemacht hat, explizieren Lenins These von der Absolutheit des Kampfes und der Relativität der Einheit der Gegensätze.74 Sie sind in besonderem Maße Mißverständnissen ausgesetzt, da Mao sich hier einer stark an der chinesischen Tradition orientierten Ausdrucksweise bedient. Identität besagt zunächst, daß die gegensätzlichen Seiten des Widerspruchs real eine Einheit bilden, d.h. jede Seite des Widerspruchs die Existenz der anderen zur Voraussetzung hat. Mao erläutert diese Bedeutung von Identität „in Versen .... die an das Tao-te-ching erinnern"(75): „Ohne Leben kein Tod; ohne Tod kein Leben. Ohne Oben kein Unten; ohne Unten kein Oben .. . Ohne Bourgeoisie kein Proletariat; ohne Proletariat keine Bourgeoisie."(76) Mag diese Art der Darstellung dem westlichen Leser schon etwas ungewohnt sein, so ist die zweite Bestimmung der Identität für ihn mißverständlich: „Jede der beiden entgegen gesetzten Seiten verwandelt sich unter bestimmten Bedingungen in ihr Gegenteil."(77) Diese Verwandlung beschreibt Mao auch als Platzwechsel, z.B. nimmt das Proletariat nach der Revolution als herrschende Klasse den Platz ein, den die Bourgeoisie hatte.(78) Dieses Beispiel wird in der sowjetischen Polemik gern als Beispiel für die mechanistische Verflachung der Dialektik durch Mao zitiert.(79)

Wie schon aus dem Beispiel selbst deutlich wird, das sich auf den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus bezieht, ist jedoch der Platzwechsel in einem sich qualitativ weiterentwickelnden Ganzen gemeint, in dem sich die Gegensätze durchdringen d.h. das Neue aus dem Alten entsteht. „Vom Privateigentum führt eine Brücke zum gesellschaftlichen Eigentum; diese Brücke heißt in der Philosophie Identität oder Verwandlung des einen in das andere, gegenseitige Durchdringung."(80) Die zweite Bedeutung der Identität bezeichnet somit den Zusammenhang des Prozesses an einem Umschlagspunkt seiner Entwicklung. Hier ist das mitgedacht, was im westlichen Marxismus unter den Figuren des Umschlags von Quantität in Qualität und der Negation der Negation vorgestellt wird.

Von dorther existiert Zusammenhang nur im Wandel, Einheit nur im Kampf der Gegensätze. Die Einheit ist abhängig von konkreten Bedingungen, bedingt, zeitweilig und relativ, während der Kampf der Gegensätze als Triebkraft jeder Bewegung absolut ist: „Die Verbindung von bedingter, relativer Identität mit unbedingtem, absolutem Kampf ergibt die Bewegung der Widersprüche in allen Dingen."(81)

d. Der Platz des Antagonismus in den Widersprüchen

Wenn die Erkenntnis der Einheit der Gegensätze auf die Untersuchung der konkreten Bedingungen dieser Einheit verwiesen ist, so heißt Absolutheit des Kampfes der Gegensätze nicht, daß die Formen des Kampfes stets dieselben sind. „Die Widersprüche und der Kampf sind allgemein, absolut, doch die Methoden zur Lösung der Widersprüche, das heißt die Formen des Kampfes, sind je nach dem Charakter der Widersprüche verschieden. Manche Widersprüche weisen einen offen antagonistischen Charakter auf, andere nicht. Je nach der konkreten Entwicklung der Dinge werden manche ursprünglich nichtantagonistische Widersprüche zu antagonistischen, dagegen andere, ursprünglich antagonistische zu nichtantagonistischen Widersprüchen."(82) Analog der Bestimmung von Haupt- und Nebenwidersprüchen legt Mao keine Definition des Antagonismus vor, die ihn in der Struktur des Widerspruchs selbst festmacht; antagonistische und nichtantagonistische Widersprüche werden vielmehr durch die jeweilige Situation bestimmt. Entscheidend ist, daß antagonistische und nichtantagonistische Widersprüche mit verschiedenen Methoden gelöst werden müssen und die Entwicklung eines Widerspruchs dadurch beeinflußt werden kann, mit welchen Methoden man ihn löst. Dies gilt z.B. für Widersprüche in der Partei, wo sich Meinungsverschiedenheiten zu Linienkämpfen und Spaltungen ausweiten können oder auch für das Auflösen und Eingehen von Bündnissen im Verlauf der Revolution. Darauf beziehen sich die von Mao beigebrachten Beispiele zum Ineinanderübergehen von antagonistischen in nichtantagonistische Widersprüche und umgekehrt. Es handelt sich hier um Hinweise für die konkrete Analyse und nicht um den Voluntarismus, Widersprüche beliebig qualifizieren zu können. So folgt aus der Möglichkeit des Ineinanderübergehens auch nicht, daß antagonistische Widersprüche prinzipiell und überall in nichtantagonistische umschlagen können und umgekehrt.

e. Der Geltungsbereich der Dialektik

Wenn die praktisch-politische Bedeutung der Dialektik und damit die Dialektik der Revolution bei Mao Tsetung im Mittelpunkt steht, so heißt das nicht, daß er die Dialektik auf diesen Bereich beschränkt. Die Allgemeinheit des Widerspruchs gilt universell; „Widerspruch - das ist die Bewegung, das Ding, der Prozeß und auch das Denken. Den Widerspruch in den Dingen verneinen hieße alles verneinen."(83) Diese Widersprüche sind aber in ihrer Besonderheit zu erfassen, weil sie nur als besondere existieren. Wenn also auch die Bestimmungen Hauptwiderspruch, Nebenwiderspruch usw. als für den Entwicklungsprozess jedes komplexen Dinges gültig angesehen werden können, so wäre ihre spezifische Bedeutung und ihr spezifischer Zusammenhang für jede durch einen besonderen Widerspruch bestimmte Sphäre des Wissens gesondert zu erweisen. Diese Aufgabe leistet Mao nur für die Dialektik der Revolution.

E. DIE DIALEKTIK DER SOZIALISTISCHEN GESELLSCHAFT

Mao Tsetungs Beitrag zur materialistischen Dialektik erhält seine weitreichendste praktische Bedeutung durch die Untersuchung der Widersprüche der sozialistische Gesellschaft. In bewußter Abgrenzung von der sowjetischen Auffassung, die von der prinzipiellen Gemeinsamkeit des Interesses aller Klassen und Schichten der Gesellschaft nach der juristischen Vergesellschaftung der Produktionsmittel ausgeht und den Staat als „Staat des ganzen Volkes" betrachtet,(84) betrachtet Mao die sozialistische Gesellschaft als „eine ziemlich lange geschichtliche Periode. Während dieser Geschichtsperiode des Sozialismus sind Klassen, Klassenwidersprüche und Klassenkämpfe immer noch vorhanden; der Kampf zwischen den zwei Wegen, dem des Sozialismus und dem des Kapitalismus, geht weiter, und die Gefahr einer kapitalistischen Restauration bleibt bestehen."(85) Es würde zu weit führen, hier die ökonomische und politische Begründung dieser Thesen näher vorzustellen; stattdessen soll gefragt werden, welche theoretischen und praktischen Konsequenzen sich hinsichtlich der Widersprüche in der sozialistischen Gesellschaft daraus für Mao ergeben.

1. „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk" (1957)

Im Zuge der durch die Vergenossenschaftlichung der Landwirtschaft und die Vorbereitung des „großen Sprungs" eingeleiteten Entwicklung der sozialistischen Industrialisierung Chinas, kam es seit Mitte der 50er Jahre zu Kontroversen über den Weg des sozialistischen Aufbaus. Eine Gruppe innerhalb der Partei sah im Widerspruch zwischen dem fortgeschrittenen sozialistischen System und den rückständigen Produktivkräften den Hauptwiderspruch der Gesellschaft; die Orientierung sollte daher auf der Entwicklung der Produktivkräfte liegen.(86) Mao ging auch von der Existenz dieses Widerspruchs aus, nur lag für ihn der Hauptwiderspruch im politischen Bereich als Widerspruch zwischen Volk (alle Kräfte, die den Aufbau des Sozialismus unterstützten) und Feind (alle Kräfte, die den Aufbau des Sozialismus zu verhindern suchten). Die Entwicklung der Produktivkräfte muß daher ausgehen von politisch-gesellschaftlichen Zielsetzungen, d.h. bewußt auf die Herstellung und Festigung sozialistischer Verhältnisse orientiert sein. Dazu bedarf es einer differenzierten Einschätzung der in der sozialistischen Gesellschaft vorhandenen Widersprüche, die Mao zusammenfassend erstmals in seiner Rede „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk" (1957) darlegte; sie ist auch als die theoretische Grundlage der Praxis der Kulturrevolution zu betrachten.(87) Ihre Argumentation ist sowohl durch die eben genannte Kontroverse als auch durch die Konsequenzen der „Entstalinisierung" in der UdSSR bestimmt. Der letzte Punkt betrifft vor allem den Schwerpunkt der Behandlung der Widersprüche im Volke, wobei Mao sowohl die Lehren aus den Fehlern der Stalinschen Politik ziehen als auch die Bedingungen für eine Vermeidung der vorangegangenen Ereignisse in Osteuropa (Aufstand in Ungarn, 17. Juni in der DDR) erörtern will.

Mao unterscheidet zunächst zwischen Widersprüchen „zwischen uns und dem Feind" und Widersprüchen im Volke. Der Inhalt des Begriffs „Volk" ist klassenmäßig bestimmt und wechselt in jeder Periode der Revolution. In der Etappe der sozialistischen Revolution „gehören zum Volk alle Klassen, Schichten und gesellschaftlichen Gruppen, die den Aufbau des Sozialismus billigen, unterstützen und dafür arbeiten."(88) Widersprüche im Volk sind die Widersprüche innerhalb der einzelnen Klassen und Schichten des Volks und zwischen ihnen, ferner die Widersprüche zwischen Staat, Partei und diesen Klassen und Schichten. Es gibt also auch im Volk Klassen und Klassenkampf, zumal in China auch die nationale Bourgeoisie zum Volk gehörte. Entscheidend ist, daß Mao die Entwicklung dieser Widersprüche sehr stark von ihrer Behandlung abhängig macht: „Unter gewöhnlichen Umständen sind Widersprüche im Volk nicht antagonistisch. Aber wenn man sie nicht , richtig behandelt oder wenn man die Wachsamkeit verliert, sorglos und nachlässig wird, kann ein Antagonismus entstehen."(89) Die objektive Bedingung dafür ist, daß die prinzipiell antagonistischen Widersprüche im Volk, etwa die zwischen nationaler Bourgeoisie und Proletariat, „neben ihrem antagonistischen auch einen nichtantagonistischen Aspekt haben,"(90) der sich aus der besonderen Entwicklung in China ergibt. Eine falsche Behandlung kann den antagonistischen Aspekt stärken, während eine richtige Behandlung zwar nicht den Antagonismus beseitigt, aber spezifische Formen seiner Lösung ermöglicht, bei der die Einheit gegenüber den Feinden des Volkes gewahrt bleibt.

Mao Tsetungs Darlegungen sind nur vor diesem Hintergrund einer Taktik der maximalen Isolierung der Feinde des Volkes zu verstehen. Er weist darauf hin, daß die Einheit des „Volkes" in sich widersprüchlich ist und ihre Stabilisierung von der politischen Herangehensweise abhängt. „Viele wagen nicht, offen zuzugeben, daß bei uns Widersprüche im Volke noch weiter bestehen und daß gerade diese die Entwicklung unserer Gesellschaft vorantreiben. Viele Menschen geben nicht zu, daß es in der sozialistischen Gesellschaft noch Widersprüche gibt, was dazu führt, daß sie angesichts der Widersprüche in der Gesellschaft ängstlich und passiv werden; sie verstehen nicht, daß die Einheit und Geschlossenheit innerhalb der sozialistischen Gesellschaft gerade im Prozeß der ständigen und richtigen Behandlung und Lösung von Widersprüchen von Tag zu Tag fester wird."(91) An diesem Ziel und der Notwendigkeit der konkreten Analyse und Behandlung der Widersprüche im Volk hat Mao theoretisch und praktisch festgehalten, auch wenn für ihn in der weiteren Entwicklung antagonistische Widersprüche neuer Art auftauchten, die seine Einschätzung der Form des Klassenkampfes von 1957 hinfällig machten: „Die für die Periode der Revolution charakteristischen, umfassenden und stürmischen Klassenkämpfe der Massen sind im wesentlichen abgeschlossen, doch der Klassenkampf ist noch nicht ganz beendet."(92)

2. Die Kulturrevolution

Mit der Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung,(93) an deren Ende die Einschätzung stand, daß sich die Sowjetunion in ein kapitalistisches Land verwandelt habe, wurde in China nach den Ursachen einer solchen „revisionistischen Degeneration" und den Möglichkeiten ihrer Verhinderung gefragt, und die Widersprüche in der Gesellschaft wurden unter diesem Aspekt neu analysiert. Das Problem war, wie eine Schicht innerhalb der Gesellschaft sich trotz der Diktatur des Proletariats in eine neue Ausbeuterklasse verwandeln konnte. Entscheidend für Maos Analyse ist, daß er die Antwort nicht in subjektiven Faktoren (wie der Existenz von Agenten im Partei- und Staatsapparat) suchte, sondern in den objektiven Widersprüchen der sozialistischen Gesellschaft. Seine zumeist in aphoristischer Form publizierten Hinweise lassen sich, sehr summarisch, so zusammenfassen (94): Nicht unmittelbar zu beseitigende Lohnunterschiede, Unterschiede zwischen Stadt und Land, geistiger und körperlicher Arbeit, Privilegien für Spezialisten und höhere Kader schaffen immer wieder die Möglichkeiten für die Herausbildung einer privilegierten Schicht, die sich auf das noch vorhandene „bürgerliche Recht" und die kapitalistischen Tendenzen in der ökonomischen Basis (Kleinproduktion, Warenaustausch, Geltung des Wertgesetzes) stützen kann, um sich als neue Bourgeoisie zu etablieren. Diese Entwicklung ist objektiv bedingt, aber nicht zwangsläufig; sie wird vor allem genährt durch „feudalistische" und bürgerliche Erscheinungen und Traditionen im gesamten Bereich des Überbaus: Alltagsgewohnheiten, Kunst, Erziehung, Recht, Politik usw. Der Überbau wird daher zum entscheidenden Ansatzpunkt, zum Ort des Hauptwiderspruchs, durch dessen Lösung der Revisionismus verhindert und die gesellschaftliche Entwicklung vorangetrieben werden kann.

Die Kulturrevolution ist somit, einem umfassenden Kulturbegriff entsprechend, Revolution im Überbau unter den Bedingungen der Diktatur des Proletariats; ihr politisches Ziel ist die Isolierung und Entmachtung der „Parteimachthaber auf dem kapitalistischen Weg," ihr ideologisches Ziel die Etablierung einer sozialistischen Kultur, ihr ökonomisches Ziel die Beseitigung aller die sozialistische Umgestaltung hemmenden Faktoren im Überbau, um die Produktivkräfte auf sozialistischer Grundlage zu entwickeln. In dieser Zielsetzung wird, wie Mao sagt, der Klassenkampf zum „Hauptkettenglied, von dem alles andere abhängt,"(95) wie es in einer bekannten Losung Maos während der Kulturrevolution zum Ausdruck kommt: „Die Revolution anpacken, die Produktion fördern."(96)

Es scheint so, daß Mao den entscheidenden politischen Widerspruch mehr und mehr in der Partei selbst sah, die im Verlauf der Kulturrevolution durch ihn in Frage gestellt wurde: „Die sozialistische Revolution richtet sich nun gegen sie selbst ... Man macht die sozialistische Revolution und weiß nicht, wo die Bourgeoisie sitzt; sie sitzt mitten in der Kommunistischen Partei - es sind die Parteimachthaber, die den kapitalistischen Weg gehen."(97) Die möglichen Konsequenzen dieser in der Kritik an Deng Hsiao-ping 1976 veröffentlichten These lassen sich nur vermuten, denn von Mao wurden seit den 60er Jahren keine zusammenhängenden theoretischen Äußerungen mehr allgemein zugänglich gemacht. Es würde aber der Konsequenz seiner Auffassung der Dialektik entsprechen, die Struktur und Praxis der Partei selbst in Frage zu stellen und neue Formen des Zusammenspiels von Partei und Massen zu praktizieren, wenn die Partei in Widerspruch zu der gesellschaftlichen Entwicklung geriete. Die Partei war für Mao nie Selbstzweck, sondern Mittel der Unterdrückten zur Veränderung der Welt. Maos Konsequenz, daß Widersprüche und Revolutionen auch in Zukunft unvermeidlich sein werden, geht von der Parteinahme für die Interessen der Massen und gegen jede Form ihrer Unmündigkeit und Unterdrückung aus: „Wird in 100 Jahren Revolution nötig sein? Wird auch in 1000 Jahren Revolution notwendig sein? Revolution ist immer notwendig; kleine Beamte, Studenten, Arbeiter, Bauern und Soldaten wollen nicht von großen Tieren unterdrückt werden. Darum wollen sie die Revolution. Sollten in 10000 Jahren keine Widersprüche mehr zu sehen sein? Wieso nicht? Immer noch werden welche zu sehen sein."(98)

3. Die Bedeutung der Theorie der Dialektik

Mao Tsetungs Darlegung der Dialektik ist durchgängig eine Erläuterung ihrer praktischen Bedeutung für die konkrete Erkenntnis und Umgestaltung der Welt. Die Theorie der Dialektik ist bei ihm daher unmittelbar auf die Praxis bezogen und intendiert eine neue Praxis der Philosophie, in der die Massen als Schöpfer der Geschichte die Dialektik bewußt anwenden. „Die Philosophie soll aus der Haft der Hörsäle und der Bücher der Philosophen befreit und zu einer scharfen Waffe in den Händen der Volksmassen werden."(99) Dieses Praktischwerden der Dialektik schließt die weitere Ausarbeitung der Theorie nicht aus, auch wenn sich dieser Bereich philosophischer Forschung in chinesischen Publikationen seit 1966 nicht mehr dokumentiert.(100) Entscheidend ist, daß die Weiterentwicklung der Theorie nicht von ihrer Popularisierung getrennt wird,(101) sondern auch der akademische Unterricht, dem Prinzip des „Unterrichts bei offener Tür" folgend, an aktuellen Problemen in Fabriken, Volkskommunen usw. ausgerichtet wird. Die Popularisierung der Dialektik soll zugleich ein Umdenken bei den Intellektuellen bewirken, den Bezug der Theorie zur Praxis konkret zu begreifen und die Theorie entsprechend weiterzuentwickeln. wie umgekehrt die Hebung des Niveaus der bewußten Anwendung der Dialektik durch die Massen dazu beitragen soll, zunehmend den Unterschied zwischen geistiger und körperlicher Arbeit aufzuheben.

Es ist nicht erstaunlich, daß dieser Versuch, die Dialektik zur Sache mehrerer hundert Millionen Menschen zu machen, zunächst sehr elementar ansetzt. Dennoch sind auch die vielfach als Verflachung der materialistischen Dialektik zitierten „Hundert Beispiele zur Illustration des Gesetzes der Einheit der Gegensätze," die zu Beginn der Kulturrevolution veröffentlich wurden, von der Sache her alles andere als banal.(102) In ihnen schildern Arbeiter, Bauern und Soldaten ihre Versuche, Probleme der Produktion, Ausbildung usw. mit Hilfe der dialektischen Methode zu lösen. Materialistische Dialektik läßt sich darauf sicher nicht reduzieren, sie muß sich aber, wenn ihr Auspruch ernst genommen wird, gerade auch in diesen Fragen bewähren können.

Im Verlauf der Kampagne zur Popularisierung der Dialektik wurde die dialektisch-materialistische Weltanschauung mit der Formel Mao Tsetung „Eins teilt sich in zwei" vorgestellt. Diese Formel richtete sich zunächst gegen Thesen des Philosophen Yang Hsien-chen, der die theoretische Bedeutung des Aspektes der Einheit der Gegensätze akzentuiert hatte.(103) In der Situation zu Beginn der Kulturrevolution wurde die Akzentuierung der Einheit unmittelbar als politisch relevante Position verstanden, die die Existenz der Widersprüche und damit die Notwendigkeit des Klassenkampfes im Sozialismus nicht mehr in den Mittelpunkt der Überlegungen stellte. „Eins teilt sich in zwei" betont dagegen die „Spaltung des Einheitlichen" (Lenin), d.h. die Allgemeinheit des Widerspruchs und die Absolutheit des Kampfes der Gegensätze im Gegensatz zur Relativität der jeweiligen Einheit. Die Formel akzentuiert bewußt einseitig diesen Aspekt, was nur aus der konkreten Situation heraus zu verstehen ist.

Die Funktionsweise der Formel läßt sich anhand eines 1977 veröffentlichten Textes Mao Tsetungs von 1963 deutlich machen. Mao schreibt, „daß sich ein Kommunist die marxistische dialektische Auffassung Eins teilt sich in zwei in bezug auf Leistungen und Unzulänglichkeiten wie auf Wahrheit und Falschheit aneignen muß. Alle Dinge (Wirtschaft, Politik, Ideologie, Kultur, Militärwesen, Parteiarbeit usw.) entwickeln sich ausnahmslos in einem Prozeß. Und jeder Prozeß entwickelt sich durch wechselseitige Verbundenheit und gegenseitigen Kampf zwischen seinen beiden im Widerspruch stehenden Seiten. Das sollte das ABC jedes Marxisten sein." Metaphysisch dagegen ist es, „die Wahrheit zu leugnen, daß es in den Dingen sowohl Einheit als auch Kampf der Gegensätze gibt (die Methode Eins teilt sich in zwei) und daß unter bestimmten Bedingungen die im Gegensatz stehenden, widersprüchlichen Dinge ineinander übergehen und sich in ihr Gegenteil verkehren."(104)

„Eins teilt sich in zwei" ist somit keine Kurzformel der gesamten Dialektik-Konzeption Mao Tsetungs, sondern Chiffre für den Hauptaspekt der Lehre vom Widerspruch. Sie verweist darauf, die Komplexität jedes Dinges als Einheit von Widersprüchen zu analysieren, die konkrete Analyse der konkreten Situation zu praktizieren. Die in dieser Chiffre vorgenommene Akzentuierung spricht allerdings das Entscheidende an: es ist kein Punkt denkbar, an dem der Kampf der Gegensätze endgültig zur Ruhe kommt und sich die Entwicklung als ruhige Evolution eines einheitlichen Ganzen vollzieht.

Anmerkungen

1) Mao Tsetung, Fünf philosophische Monographien. Im Folgenden werden die genannten Texte nach dieser Ausgabe zitiert, wobei jeweils der Titel der jeweiligen Schrift angegeben wird. Die „Rede auf der Landeskonferenz" geht nicht über die Aussagen von „Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volk" hinaus und kann daher weitgehend vernachlässigt werden. Der Text von 1963 ist ein von Mao verfaßter Absatz aus einem ZK-Beschluß.

2) Schram, Das Mao-System; Ch'en, Mao-Papers; Martin, Mao-intern; Martin, Das machen wir anders als Moskau; Schräm, Mao Tse-tung unrehearsed.

3) Snow, Die lange Revolution, S. 236. Der Text des angeblich von Mao verfaßten Aufsatzes bei Schräm, Das Mao-System, S. 157-166.

4) Holubnychy, Der dialektische Materialismus Mao Tse-tungs, S. 20-25; Weggel, Der ideologische Konflikt zwischen Moskau und Peking, übernimmt diese These.

5) Schram, „Mao Tse-tung und die Theorie der permanenten Revolution," in Opitz (Hrsg.), Maoismus, S. 138.

6) Cohen, The Communism ofMao Tse-tung.

7) Konstantinow u.a., Kritik der theoretischen Auffassungen Mao Tse-tungs, S. 45.

8) Ein gefährlicher Kurs, S. 140.

9) Opitz (Hrsg.), Maoismus. Ferner die Artikel von Grimm und Fetscher in China in the Seventies.

10) Schickel, Große Mauer, große Methode, beschäftigt sich vor allem mit dem Verhältnis Maos zur chinesischen Tradition; Holz, Widerspruch in China, versucht darüberhinaus, die prinzipielle Gemeinsamkeit der Positionen Maos und Lenins hervorzuheben. Althusser, Für Marx, S. 57, 66, 124, 137, knüpft an Maos Erläuterung des Entwicklungsprozesses eines „komplexen Dinges" an.

11) Mao Tsetung selbst stellt diese Aufgabe in dem Aufsatz „Der Platz der KP Chinas im Nationalen Krieg" (Mao Tsetung, Ausgewählte Werke, vol. 2, S. 246). „Sinisierung" ist eine Übersetzung Schrams (Schräm, Das Mao-System, S. 150); im offiziellen Text heißt es „konkrete Anwendung des Marxismus in China."

12) Mao selbst nennt den großen Eintluß der Oktoberrevolution auf China: Mao, über den Widerspruch, S. 33.

13) Die Entwicklung der marxistischen Philosophie in China, allerdings ohne Berücksichtigung Maos, stellt dar Briere, L'ejffbrt de laPhilosophie marxiste en Chine.

14) Mao Tsetung, Über die Praxis, S. 23-24; Über den Widerspruch, S. 81-86.

15) Zum Kampf zwischen Idealismus und Materialismus in der chinesischen Tradition vgl. Tschang En-tsd, Connaisance et verité, S. 19-24. Im allgemeinen wird diese Unterscheidung aber als für das chinesische Denken nicht zutreffend angesehen. Eine Konfrontation der „metaphysischen" Tradition des Konfuzianismus mit der „dialektischen" des Taoismus unternimmt Freiberg, The Dialectic in China.

16 Man denke an „Yü Gung versetzt Berge," ein von Maos aus taoistischen Schriften aufgenommenes Gleichnis. Ein Musterbeispiel für die Argumentationsweise Maos ist der Aufsatz „Strategische Probleme des revolutionären Krieges in China" (Ausgewählte Werke, vol. 1,8.209-298).

17) Eine recht einseitige Betonung des I Ching, eines ca. 4000 Jahre alten Textes, der später in den konfuzianischen Kanon aufgenommen wurde, nimmt Schickel und, unter seinem Einfluß, Holz vor. Dagegen rückt Freiberg den Taoismus, die Weltanschauung Lao-tses und seiner Nachfolger, in den Mittelpunkt.

18) Freiberg, The Dialectic in China, S. 7-9.

19) Der chinesische Zeitbegriff, Grundlage der zyklischen Konzeption des Werdens, ist dargestellt bei Bauer, China und die Hoffnung auf Glück. Der Ausschluß der Besonderheiten erklärt sich daraus, daß es das Ziel ist, in Übereinstimmung mit dem (immer gleichen) ewigen Gesetzen zu leben und sich auf deren Erkenntnis zu konzentrieren; allerdings mit der Absicht, das diesseitige Leben daran auszurichten.

20) Eine Zusammenstellung bei Holubnychy, Der dialektische Materialismus Mao Tsetungs, S. 57.

21) Snow, Die lange Revolution, S. 236.

22) In dieser Weise verlangt Mao auch die „Sinisierung" des Marxismus.

23) Die „Bewegung des 4.Mai" ließe sich als innerchinesischer Vorgang, als antikonfuzianische Revolution der Konfuzianer, deuten; sie schaffte die Voraussetzungen dafür, daß in der Folge eine Vielzahl von ausländischen Ideologien und Philosophien rezipiert werden konnte, von denen sich schließlich der Marxismus als beherrschende Strömung erwies. Vom Standpunkt der Kulturrevolution 1966 aus erscheint diese Bewegung als Vorspie! zu dem Versuch, den Schnitt zu allen feudalistischen und bourgeoisen Formen in der Kultur bewußt zu vollziehen.

24) Snow, Roter Stern über China.

25) Die Taiping-Revolution war geprägt von utopisch-sozialistischen Vorstellungen. Zu Maos Position siehe Mao Tsetung, „Analyse der Klassen in der chinesischen Gesellschaft," Ausgewählte Werke, vol. l, S. 9-19; „Untersuchungsbericht über die Bauernbewegung in Hunan," Ausgewählte Werke, vol. i, S. 21-63.

26) Mao Tsetung, Über die Praxis,?,, i; Überden Widerspruch, S. 27.

27) a.a.O., S. 3'

28) Ebenda.

29) a.a.O., S. 4

30) a.a.O., S.1

31) Mao Tsetung, Über den Widerspruch, S. 65-66.

32) In „Woher kommen die richtigen Ideen der Menschen?" (S. 174) spricht Mao von zwei Etappen der Erkenntnis: Von der Praxis zur Theorie oder vom Sein zum Bewußtsein und „vom Bewußtsein zur Materie, von der Idee zum Sein." Lenin, „Philosophische Hefte," Werke, vol. 38, S. 160, schreibt: „Der Gedanke von der Verwandlung des Ideellen in das Reale ist tief: sehr wichtig für die Geschichte ... Gegen den Vulgärmaterialismus."

33) Lenin, „Philosophische Hefte," Werke, vol. 38, S. 160.

34) Mao Tsetung, Über die Praxis S.10.

35) a.a.O., S. 14.

36) a.a.O., S. 7

37) a.a.O., S. 16

38) Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung, S. 190.

39) Mao Tsetung, Über die Praxis, S. 22-23.

40) Mao Tsetung, Über den Widerspruch, S. 34. *'a.a.O.,S.45,51,53, 63.

42 a.a.O., S. 46.

43) a.a.O., S. 81.

44) a.a.O., S. 44-45. „Ding" ist bei Mao qualitativ zu verstehet» im Sinne von „Totalität, „Teiltotalität" oder auch „Einzelnes."

45) a.a.O., S. 29. Hervorhebung von den Verf.

46) a.a.O., S. 34.

47) a.a.O., S. 33-34. Mao orientierte sich bei diesen Darlegungen an sowjetischen Philosophielehrbüchern. Dazu Doolon/Golas, On Contradiction in the Light of Mao Tsetungs Essay on ,Dialectical Materialism.'

48) Mao Tsetung, Über den Widerspruch, S. 34.

49) Die erste Bedeutung von Metaphysik ist „Wissenschaft vom Dunklen," ein terminus technicus für Taoismus; die zweite (Hsing-erh-shang-hsüeh) entspricht etwa der aristotelischen: „Wissenschaft von demjenigen, was über die Formen hinausgeht." - „Pien-cheng-fa" heißt wörtlich „Methode des Diskulierens und Beweisens." Für diese und zahlreiche andere Hinweise, Kritiken und Vorschläge sind die Verfasser Herrn Dr. Wegmann vom Institut für Ostasienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum zu Dank verpflichtet.

50) Mao Tsetung, Über den Widerspruch, S. 33.

51) Ebenda

52) a.a.O.,S.30

53) Ebenda

54) a.a.O., S. 34-

55) a.a.O., S. 35

56) a.a.O.,s.38

57) a.a.O., S. 34-35. Hervorhebung von den Verf.

58) a.a.O., S. 41

59) Ebenda.

60) a.a.O.,S.42.

61) a.a.O., S. 43

62) a.a.O.,S.44-45

63) a.a.O., S. 48

64) a.a.O., S. 51

65)  a.a.O., S. 54-

66) a.a.O., S. 57

67) Ebenda

68) a.a.O., S. 58

69) a.a.O., S. 49

70) a.a.O., S. 60

71) a.a.O., S. 65-66.

72) a.a.O., S. 60.

73) An diesem Punkt hat Althusser versucht, seine Vorstellung einer „Struktur mit Dominante" auf Mao zu beziehen.

74) Mao Tsetung, Über den Widerspruch, S. 68, 72, 74-75, 77-

75) Bauer, China und die Hoffnung auf Glück, S. 540-541. .

76) Mao Tsetung, über den Widerspruch, S. 69

77) a.a.O.,S. 68

78) a.a.O., S. 70

79) Rumjanzew, Quellen und Entwicklung der Ideen Mao Tse-tungs S.53

80) Mao Tsetung, Über den Widerspruch, S. 71

81) a.a.O., S. 76. ,

82) a.a.O., S. 78.

83) a.a.O., S. 57.

84) Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung entwickelt im Kern bereits diese Auffassungen.

85) Dokumente des IX. Parteitages der KP Chinas, S. 23-24.

86) Die Vorgeschichte und Bedeutung dieser Rede, von der nur eine stark redigierte Fassung veröffentlicht wurde, ist dargelegt bei Mac Farquahr, The Origins of The Cultural Revolution.

87) Das gilt jedoch nur mit Einschränkungen, weil die Formen des Klassenkampfes, die Mao 1957 für notwendig hielt, nicht mit den Praktiken Maos in der Kulturrevolution übereinstimmen.

88) MaoTsetung, Über die richtige Behandlung der Widersprüche im Volke, S. 90-9l.

89) a.a.O., S. 99.

90 a.a.O., S. 91.

91) a.a.O., S. 102.

92) a.a.O., S. 106.

93) Polemik über die Generallinie der internationalen Kommunistischen Bewegung.

'* Hierzu sind, neben den in den Dokumenten des IX. Parteitags der KP Chinas publizierten Weisungen Maos ergänzend die in der Bibliographie genannten nichtautorisierten Ausgaben mit Texten Mao Tsetungs heranzuziehen (siehe Anmerkung 2). Zur ökonomischen Begründung der Politik Yu, Der Doppelcharakter des Sozialismus, 2 vol.; Dschang Tschun-tjiao, Zur allseitigen Diktatur über die Bourgeoisie.

95) Peking-Kundschau 10/1976, S. 5.

96) Dokumente des IX. Parteitages der KP Chinas, S. 69.

97) Peking-Rundschau 14/1976, S. 4.

98) Peking-Rundschau 21/1976, S. 10.

99) Peking-Rundschau 26/1974, S. 5.

100) Sowohl die Zeitschrift für philosophische Forschung als auch die Beilage zur Kuan-ming-jih-pao, in denen die philosophische Forschung und Diskussion sich dokumentierte, stellten mit Beginn der Kulturrevolution ihr Erscheinen ein.

101) Das Modell der Dialektik von Popularisierung und Hebung des Niveaus findet sich in Maos Rede bei der Aussprache über Literatur und Kunst in Ycnan, Ausgewählte Werke, vol. 3, S. 75-110.

102) Eins teilt sich in zwei; Philosophy is no Mystery; Serving the People with Dialectics.

103) Diese Kontroverse ist dargestellt in: Three Major Struggles on China's Philosophical Front.

104) Mao Tsetung, „Verstärkt voneinander lernen," „Nicht auf der Stelle treten," „Überheblichkeit und Selbstzufriedenheit überwinden," Peking-Rundschau 37/38/1977, S. 6.

Editorische Anmerkungen

Der Aufsatz ist das 5. Kapitel des Buches: Modelle der materialistischen Dialektik - Beiträge der Bochumer Dialektikarbeitsgemeinschaft, hrg. von Heinz Kimmerle, Den Haag 1978, S. 107-134

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