Stadtumbau & Stadtteilkämpfe
Berliner Bauwochen 1968
Sechs Forderungen an den Senat

von der Gruppe "Aktion 507"

11/2018

trend
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Die außerparlamentarischen Opposition (APO) war nicht nur eine kulturrevolutionär-hedonistische Bewegung junger Leute - vornehmlich aus dem studentischen Milieu, sondern auch eine Bewegung, die Proteste und Gegenwehr in Betrieben und im Stadtteil initiierte. So wurde das in Westberlin seit 1963 im Bau befindliche "Märkische Viertel" ab 1968 für die APO zu einem wichtigen politischen Interventionsgebiet(1). In die vier, acht und 14 Geschoss hohen Neubauten zogen ab 1964  Mieter*innen aus abgerissenen Lauben und Notquartieren, aus entmieteten Kreuzberger und Weddinger Mietskasernen, die zur Kahlschlagsanierung freigegeben waren,  sowie zwangseingewiesen aus Obdachlosenunterkünften ein. Ende 1974 lebten fast 47.000 Menschen im Märkischen Viertel.

Westberlin hatte seit der Teilung der Stadt die Funktion eines "Schaufensters für den Osten" übernommen. Ein wichtiges Ereignis waren 1968 in diesem Zusammenhang die "Berliner Bauwochen". Um dieses Event werbewirksam zu hypen, fanden anläßlich der Eröffnung der neuen Nationalgalerie ein Kulturforum und ein Mammutrichtfest für 5277 Wohnungen im Märkischen Viertel statt. Sieben Großbaustellen wurden extra für Besichtigungszwecke hergerichtet.

Die durch die Kritische Universität(2) für eine antikapitalistische Gegenöffentlichkeit aufgeschlossenen jungen Architekt*innen der Technischen Universität (TU) warben stattdessen  für so genannte „Anti-Bauwochen“. Im neuen Architekturgebäude der TU am Ernst-Reuter-Platz fanden sie vom 8. bis zum 20. September 1968 unter dem Titel „Diagnose zum Bauen in West-Berlin“ als Ausstellung statt, die sich kritisch mit diesem Baugeschehen und den Wohnbedingungen im Märkischen Viertel auseinandersetzte.

Der Ausstellung war der Versuch des Senats vorangegangen, diese jungen Architekt*innen in  seine  "Bauwochen" einzubinden, um ihrer Protesthaltung die antikapitalistische Ausrichtung zu nehmen. Dazu lud der Senat zusammen mit dem Architekten- und Ingenieurverein sowie dem Bund Deutscher Architekten die oppositionellen Architekten ein, ihre Entwürfe vorzustellen. Zur Vorbereitung dieser Ausstellung trafen sich an der TU rund 120 junge Architekten, Assistenten und Architekturstudenten. Nach der Nummer ihres Versammlungsraums im Architekturgebäude nannte sich die Gruppe „Aktion 507“(3). Sie kam schnell zu dem Entschluss, nicht einzelne Entwürfe zu zeigen, sondern die Ausstellung für eine kritische Analyse des Planens und Bauens zu nutzen. Zur Ausstellung erschien auch ein 166-seitiges „Manifest der Aktion 507“, aus dem wir die zentralen politischen Forderungen an den Westberliner Senat in der komprimierten Fassung des "Berliner Extra Dienst" Nr.79, Seite 2 nachfolgend wiedergeben:

I) Zur Bau- und Bodenpolitik:

Das Baugeschehen in Westberlin steht im Zeichen einer Überbewertung des Eigentumsgedankens. Was die Ableitung einer Grundrente aus dem gesellschaftlichen Reichtum für Konsequenzen zeitigt, darüber sind spezielle Gruppen der betroffenen Mieter aufzuklären.

II) Innerstädtische Sanierung und Stadtrand-Siedlungen:

Im Interesse der unterprivilegierten Sozialschichten, die von der Sanierung mehr betroffen als ihre Nutznießer sind, ist zur Baupolitik auf dem Wohnungssektor zu fordern

1. Mitbestimmung der Mieter über Bau-Investitionen in ihren Gebieten;
2. Offenlegung der Eigentums-Verhältnisse von innerstädtischen Gebieten, die zu bebauen sind;
3. Ausbau von Sozialeinrichtungen in Neubaugebieten gleichzeitig mit dem Wohnungsbau unter Einschränkung des Profit-Interesses;
4. Ersatz des Privat-Kapitals, das heute zu mehr als einem Viertel bei der Finanzierung des sozialen Wohnungsbaus beteiligt ist, durch Mittel eines zentralen Investitions-Fonds, in den das Mietaufkommen aus abgeschriebenen Wohngebäuden überführt wird;
5, Stop des vorzeitigen Wohnungsabrisses in Sanierungsgebieten, bis auch sozial unterprivilegierte Gruppen in den Genuß von Neubaumaßnahmen kommen und diese Maßnahmen unter Beteiligung der lokalen Öffentlichkeit getroffen werden.

IV) Schulbau:
Unverzügliche Verwirklichung pädagogisch fortschrittlicher Planungskonzepte, die bereits formuliert sind.

V) Bau-Verwaltung:

über die Vergabe öffentlicher Aufträge ist in öffentlicher Diskussion zu befinden, Entwurfsabteilungen sollten aus der Bauverwaltung und aus den Baugesellschaften ausgegliedert werden. Die Bauverwaltung kontrolliert nur die Bauausführung.

V) Stadtplanung:

Planung der Investitionen und Verwissenschaftlichung der Planungsvorbereitung: öffentliche Darlegung der Planungsphasen während des Planungsprozesses; Erarbeitung und öffentliche Diskussion von Planungsalternativen.

VI) Wettbewerbswesen:

Das Wettbewerbsverfahren ist öffentlich auszutragen. Kriterien der Entscheidung sind zu benennen. Die Programme sind zu objektivieren.

Das Manifest der Aktion 507 wollte aber auch enthüllen und aufklären: Es thematisierte daher auch, wie die „Berlinhilfe“ westdeutschen Anlegern riesige Steuervorteile verschaffte, während an den Bedürfnissen der  Bevölkerung vorbeigebaut wurde. Die Aktion 507  enthüllte den westberliner Filz von Politik und Wohnungsbaugesellschaften . Darüberhinaus wurden Rolle und Funktion des eigenen Berufsstandes hinterfragt und Studienreformen eingefordert. Beim anstehenden Umbau der Ordinarienuniversität wurden etliche Vorschläge berücksichtigt. 1972 wurde an der TU die Ausbildung von Stadtplanern aus der Architektur-Fakultät herausgelöst und erstmals ein eigener Diplom-Studiengang Stadt- und Regionalplanung angeboten.

November 2018
Karl-Heinz Schubert

Anmerkungen

1) Siehe dazu in TREND 10/2018: Unsere Geschichte - Die Anfänge der Mieter*innenbewegung im Märkischen Viertel (Berlin)
2) Siehe dazu:
Ziele und Organisation der Kritischen Universität. 1968 hatte sich zur Vorbereitung der 1. Mai-Kampagne beim westberliner SDS eine Projektgruppe gebildet, die sich mit der Wohnungsfrage beschäftigte (Berliner Extra Dienst,Nr.26., S.2)
3) Siehe dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Aktion_507