Wert-Bedeutung
Thesen zur Werttheorie
Von Ralf Krämer7/8-06
trend
onlinezeitungI. Grundlegende Bestimmungen des Werts im Kapitalismus
Auf Basis von der Marx dazu entwickelten Begriffe und Erkenntnisse, aber in einigen Bereichen aufgrund der historischen Weiterentwicklung auch darüber hinaus gehend, werden im Folgenden zunächst thesenförmig die folgenden grundlegende Bestimmungen des Werts in der kapitalistischen Gesellschaft festgehalten. Es folgen Thesen, wie (unter II.) aus sozialwissenschaftlicher Sicht der seinsmäßige Status und Hintergrund des Werts bzw. der Wertgegenständlichkeit der Waren und die ”Wertsubstanz” sowie (unter III.) die Wertformen und ihre Eigentümlichkeiten und das Geld begriffen werden können. Ökonomie begreife ich dabei als eine spezielle Sozialwissenschaft, und es geht mir auch um eine gewisse Entmystifizierung der Werttheorie. Den Abschluss (IV.) bilden einige Bemerkungen zur Bedeutung der Werttheorie für eine sozialistische Kapitalismuskritik. Der Text stellt auch eine zumeist implizite Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen zur Analyse des Werts dar, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Auseinandersetzung mit Schwächen und Dogmatisierungen der orthodoxen Interpretation wachsende Bedeutung erlangte, insb. mit Backhaus’ und Heinrichs Varianten einer ”monetären Werttheorie”. Dabei kritisiere ich nicht die Betonung der Bedeutung des Geldes für eine Kritik der politischen Ökonomie, wohl aber die damit verbundene m.E. falsche Ablehnung eines Verständnisses der Werttheorie als Arbeitswerttheorie, die die Verhältnisse in einer kapitalistischen Wirtschaft auch quantitativ zu erklären beansprucht.
1. Der Wert ist eine Bestimmung der Ware, ohne Waren gibt es auch keinen Wert. Waren sind Produkte menschlicher Arbeit, die ausgetauscht bzw. zum Austausch angeboten werden. Es sind nützliche Dinge, sie haben Gebrauchswert. Gebrauchswert und Wert machen den ”Doppelcharakter der Waren” aus. Gewerbliche, marktvermittelte Dienstleistungen sind analog wie Waren zu betrachten. Nicht-Arbeitsprodukte, die zu Waren gemacht werden, sind als Spezialfälle gesondert zu betrachten (vgl. Kapital I, MEW 23, 117).
2. Der Wert ist keine sachliche bzw. stoffliche Eigenschaft der Waren, sondern die Wertbestimmung drückt eine rein gesellschaftliche bzw. soziale Eigenschaft der Waren aus, nämlich die, einen bestimmten Anteil des warenförmigen gesellschaftlichen Reichtums bzw. Arbeitsprodukts insgesamt darzustellen. (Eigenschaft ist dabei ganz formal definiert als Merkmal eines Objekts, aufgrund dessen es einer Klasse zugeordnet werden kann.)
3. Die ”gesellschaftliche Substanz” des Werts der Waren im Sinne der wesentlichen gemeinsamen Grundlage ist die darin vergegenständlichte ”abstrakt menschliche Arbeit” (MEW 23, 52). Die Waren produzierende Arbeit hat Doppelcharakter: Einerseits ist sie immer konkret nützliche Arbeit, die besondere Produkte mit einem besonderen Gebrauchswert schafft. Andererseits gilt sie unter Abstraktion davon im Rahmen des arbeitsteiligen und durch den Austausch vermittelten gesellschaftlichen Gesamtreproduktionsprozesses als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft schlechthin, als Teil der Waren produzierenden gesellschaftlichen Arbeit insgesamt – in heutiger Terminologie: Erwerbsarbeit. Als solche wird sie anderer menschlicher Arbeit gleichgesetzt und bildet so Wert (vgl. MEW 23, 61). Quantitativ ist die Wertgröße bestimmt durch die zur (Re-)Produktion der Ware gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit (vgl. MEW 23, 53). Dabei ist auch die zur Produktion der notwendigen Produktionsmittel erforderliche Arbeit einbezogen, indem der Wert dieser Produktionsmittel im Maße, wie sie bei der Produktion einer Ware verbraucht werden, anteilig in den Wert dieser Ware eingeht. Die Quantität der gesamtgesellschaftlich notwendigen und damit wertbildenden Arbeitszeit hängt außer von den materiell-technischen Bedingungen und den Fähigkeiten der Arbeitenden auch vom Umfang des – kauffähigen – gesellschaftlichen Bedürfnisses ab, das diese Ware normalerweise befriedigt, und das die Produktionsbedingungen mitbestimmt (vgl. dazu weiter These 13.).
4. Wenn vom Wert der Ware die Rede ist, ist ein bestimmter Warentyp gemeint. ”Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnittsexemplar ihrer Art.” (MEW 23, 54) ”Der wirkliche Wert einer Ware ist aber nicht ihr individueller, sondern ihr gesellschaftlicher Wert, d.h., er wird nicht durch die Arbeitszeit gemessen, die sie im einzelnen Fall dem Produzenten tatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit.” (MEW 23, 336). Dieser gesellschaftliche Wert der Ware stellt sich auf dem Markt dar als ihr Marktwert (vgl. Kapital III, MEW 25, 190, und s. These 12.2.). Dieser kann sich ändern, wenn sich die Produktionsbedingungen ändern, es geht um die zur Reproduktion der Ware unter den jeweils aktuell herrschenden Bedingungen notwendige Arbeitszeit (vgl. MEW25, 150). Auf Produkte, die nicht reproduzierbar oder durch andere substituierbar sind, z.B. künstlerische Werke, ist diese Wertbestimmung nicht anwendbar. (Im Kapitalismus ist der Preis solcher Produkte oder von ”intellektuellen Eigentumsrechten” oder von Nicht-Arbeitsprodukten wie Boden wesentlich bestimmt durch die Kapitalisierung der daraus erwarteten Erträge, vgl. MEW 25, 636 oder 484.)
5. Der Wert ist eine bestimmte historische gesellschaftliche Form, den überhistorischen gesellschaftlichen Inhalt zur Geltung zu bringen, der allen produzierten Gebrauchswerten zukommt, nämlich dass zu ihrer Produktion ein Teil der gesellschaftlichen Arbeit notwendig ist. (”Gebrauchswert” steht hier wie häufig auch bei Marx für die nützlichen Produkte selbst, eigentlich ist Gebrauchwert ja eine Eigenschaft bzw. Bedeutung dieser Produkte, s. These
17.) Dies stellt sich dar als ”Wertgegenständlichkeit der Waren” (MEW 23, 62), als das ”Gemeinsame, das sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt” (MEW 23,
53). Die gesellschaftlichen Bedingungen von Warenproduktion und damit Wert sind gesellschaftliche Arbeitsteilung, Privateigentum und private Produktion sowie persönliche und Gewerbefreiheit der beteiligten Menschen.
6. Der Wert einer Ware erscheint bzw. genauer gesagt wird ausgedrückt in ihrem Tauschwert. Marx bezeichnet den Tauschwert auch als Wertform der Ware. Die Ware ”besitzt diese Form niemals isoliert betrachtet, sondern stets nur im Wertoder Austauschverhältnis zu einer zweiten, verschiedenartigen Ware” (MEW 23, 75) bzw. im Verhältnis zu Geld, für das man wiederum andere Waren kaufen kann. Aber andererseits ist dieses Austauschverhältnis und damit der Tauschwert nur Ausdruck dahinter liegender gesellschaftlicher Wertverhältnisse (vgl. zu Wertformen und Geld genauer Thesen 19. 21.)
7. Die entwickelteste Form des Tauschwerts ist die Form des allgemeinen Äquivalents: Die Werte aller anderen Waren werden in Quantitäten einer bestimmten Äquivalentware ausgedrückt. Wenn eine bestimmte Ware dauerhaft diese Funktion annimmt, wird sie Geld. Der Wertausdruck einer Ware in der Geldform ist ihre Preisform; das Geldquantum, in dem ihr Wert ausgedrückt wird, ist ihr Preis. ”Der Preis ist der Geldname der in der Ware vergegenständlichten Arbeit.” (MEW 23, 116) Der Wert der Geldware (historisch meist Gold) ist dabei zunächst wie der aller anderen Waren bestimmt (s. These 3.). Als Geld ist es die verselbständigte Gestalt des Werts, von allen anderen Eigenschaften der als Geld dienenden Objekte wird dabei abstrahiert. ”Geld als Wertmaß ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit.” (MEW 23, 109). Dies ”notwendig” schließt ein, dass es nicht durch unmittelbare Repräsentationen der Arbeitszeit, etwa ”Stundenzettel”, ersetzt werden kann (vgl. ebd, Fn. 50, und s. These 12.).
8. Das moderne Zentralbankgeld im entwickelten Kreditsystem ist nicht mehr an eine Geldware mit ”innerem” Warenwert und auch nicht mehr an ein Repräsentationsverhältnis zu einer solchen Geldware gebunden, sondern drückt unmittelbar den Anspruch auf einen entsprechenden Anteil am warenförmigen gesellschaftlichen Reichtum aus. Dieser ist staatlich gesichert und quantitativ durch das Verhältnis von Warenangebot und nachfragewirksamer Geldmenge bestimmt, die wiederum von der Zentralbank mit den Hauptzielen der Stabilität des Finanzsystems und der Vermeidung übermäßiger Inflation reguliert wird.
9. Das ”Wertgesetz” ist das grundlegende regulative Prinzip für die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die verschiedenen Produktionen und für die Verteilung der Produkte in der Waren produzierenden, kapitalistischen Gesellschaft: Austausch der Waren im Verhältnis der in ihnen vergegenständlichten Quantitäten gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit (Äquivalententausch). Dadurch wird zugleich eine allgemeine Tendenz zur Ökonomisierung, also zur Reduzierung der zur Produktion bestimmter Waren notwendigen Arbeitszeit geltend gemacht. Bei der zugrunde liegenden Gleichsetzung unterschiedlicher Arbeiten findet nicht nur eine Abstraktion von dem unterschiedlichen konkreten Inhalt statt, sondern auch von der unterschiedlichen Kompliziertheit der verschiedenen Arbeiten und dem Niveau der dafür erforderlichen Qualifikationen. Die Gleichsetzung erfolgt dabei nicht im Verhältnis 1 zu 1, sondern qualifiziertere Arbeit schlägt sich in höherer Wertschöpfung je Zeiteinheit nieder. Die Proportionen werden dabei in der Konkurrenz, “durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben” (MEW 23, 59).
Das regulative Grundprinzip bleibt dabei aber, dass in der auf persönlicher Freiheit und Gleichheit beruhenden warenproduzierenden Gesellschaft die Verausgabung gesellschaftlich notwendiger Arbeit im Maße ihrer wesentlich zeitlich bestimmten Quantität jeder Person einen Anspruch auf entsprechende Gegenleistung, auf einen gleichwertigen Anteil am gesellschaftlich produzierten Reichtum vermittelt. Der Erwerb solchen gesellschaftlich gültigen Anspruchs in Form von Geld ist das bestimmende Motiv für die Produktion. An einer Stelle nennt Marx es ”das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind ..." (MEW 23,
74). Rassistisch, sexistisch oder durch sonstige persönliche Merkmale begründete soziale Ungleichbehandlungen erscheinen gesellschaftlich erst vor dem Hintergrund der Gültigkeit dieses Grundprinzips als illegitim, als Ungerechtigkeit und Diskriminierung.
10.1. Es gab und gibt zwar nichtkapitalistische ”einfache Warenproduktion”, wo Arbeit und Produktionsmitteleigentum nicht getrennt sind (vgl. MEW 25, 186f.), aber erst als kapitalistische, auf der Basis von Lohnarbeit und mit der Produktion von Mehrwert bzw. Profit als bestimmendem Zweck (vgl. MEW 25, 887) sowie als umfassende Geldwirtschaft, wird die Warenproduktion zur gesellschaftlich dominierenden Produktionsweise. ”Der Reichtum der Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’” (MEW 23, 49) und daher als Masse von Werten. Zur Analyse der kapitalistischen Ökonomie reicht es nicht aus, sie als Warenzirkulation und Warenproduktion zu betrachten, sondern kommt es wesentlich auf die Analyse ihrer spezifisch kapitalistischen Merkmale und Dynamik an (vgl. MEW 23, 128, Fn. 73).
10.2. Grundlage kapitalistischer Produktion sind bestimmte Eigentums- und Klassenverhältnisse: ”die Expropriation der Arbeiter von den Arbeitsbedingungen, die Konzentration dieser Bedingungen in den Händen einer Minderheit von Individuen, das ausschließliche Eigentum an Grund und Boden für andre Individuen” (MEW 25, 886). Auf dieser Basis wird die Arbeitskraft der ”doppelt (persönlich und von Produktionsmitteleigentum) freien” LohnarbeiterInnen zu einer eigentümlichen, Mehrwert für die Kapitalisten produzierenden Ware. So vollzieht sich in der kapitalistischen Produktionsweise die Ausbeutung der Arbeitenden auf der Basis persönlicher Freiheit und Gleichheit und ohne formelle Verletzung der Prinzipien des Äquivalententausches. Dabei werden zugleich die genannten sozialen Bedingungen kapitalistischer Produktion und gesellschaftlicher Herrschaft des Kapitals reproduziert.
11.1. Da in der kapitalistischen Produktionsweise ”die Waren nicht einfach als Waren ausgetauscht werden, sondern als Produkt von Kapitalen, die im Verhältnis zu ihrer Größe, oder bei gleicher Größe, gleiche Teilnahme an der Gesamtmasse des Mehrwert beanspruchen” (MEW 25, 184f.), bildet sich als quantitative Modifikation des Werts der sog. Produktionspreis heraus. In der Konkurrenz bildet sich auf Grundlage der gesellschaftlichen Mehrwertrate und der durchschnittlichen Wertzusammensetzung (dem Verhältnis des für Sachkapital gegenüber des für Löhne verausgabten Kapitals) und Umschlagsdauer des Kapitals eine gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate heraus. Diese beanspruchen die einzelnen Kapitale unabhängig von ihrer jeweils unterschiedlichen Wertzusammensetzung. Der Profit ist eine qualitativ, weil er als Produkt des gesamten Kapitals und nicht nur der Arbeit erscheint, und quantitativ modifizierte Form des Mehrwerts. Der sog. Produktionspreis ist quantitativ bestimmt als Summe aus dem normalen Kostpreis der Ware, also den auf sie entfallenden Kosten für Produktionsmittel und für Arbeitskraft, und dem darauf entfallenden Durchschnittsprofit. Die Bezeichnung ”Produktionspreis” ist insoweit irreführend, als es sich dabei eigentlich nicht um einen Preis (also einen Wertausdruck in Geld, vgl. Thesen 7. und 12.) handelt, sondern um den den Preisen zugrunde liegenden modifizierten Wert. ”Was hier vom Marktwert gesagt, gilt vom Produktionspreis, sobald er an die Stelle des Marktwerts getreten.” (MEW 25, 188) Dieser wird selbstverständlich wie jeder Wert unter Bedingungen entwickelter Warenproduktion in Geldbeträgen kalkuliert und ausgedrückt.
11.2. Marx betont mehrfach, dass auch unter diesen Bedingungen für die Preise der verschiedenen Waren gilt: ”... das Wertgesetz beherrscht ihre Bewegung. Wo die zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit fällt, fallen die Preise; wo sie steigt, steigen die Preise, bei sonst gleichbleibenden Umständen.” (MEW 25, 186) Die Diskussion über das Problem der sog. Transformation der Werte in Produktionspreise hat gezeigt, dass auch gesamtwirtschaftliche Aggregate und Proportionen wie die Mehrwertund die Profitrate gegenüber einem unmodifizierten Wertsystem quantitativ verändert sind. Allerdings ist letzteres eine hypothetische Konstruktion, weil von vornherein in modifizierten Proportionen produziert wird. In der Analyse der kapitalistischen Produktion sind von vornherein das gesellschaftliche Gesamtkapital und die auf dieser Ebene bestimmte gesellschaftliche Mehrwertund Profitrate als Ausgangspunkte zu betrachten und die einzelnen Produktionen und Waren nur als ein Teil davon. (Darauf weist Marx selbst in dem Text ”Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses” hin, MEGA II.4.1, 24-135, insb. – 70. Einige Kritiker der Werttheorie halten diese aufgrund des sog. Transformationsproblems für falsch, weil sie die realen Austauschverhältnisse nicht erklären könne bzw. dazu überflüssig sei. Dies resultiert aus einer abstrakten Gegenüberstellung eines ”Wertsystems” gegenüber einem ”Produktionspreissystem”, das den realen Zusammenhängen und auch dem Marx’schen Herangehen nicht gerecht wird. Dieser geht nämlich davon aus, dass die Elemente des konstanten Kapitals bereits mit den Produktionspreisen, zu denen sie gekauft wurden, in die Transformation eingehenden, vgl. dazu auch auf der Basis neu veröffentlichter Originalmanuskripte Ramos.)
Entscheidend ist, dass auch dann unter den jeweils historisch entwickelten Produktionsbedingungen und Verteilungsproportionen zwischen Kapitalund Arbeitseinkommen ein Determinationsverhältnis zwischen der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die verschiedenen Produktionen und der kapitalistisch modifizierten Wertschöpfung besteht, die wiederum auf erstere zurückwirkt. Somit besteht in modifizierter Weise eine auf dem Wert beruhende Regulation des Systems der gesellschaftlichen Arbeit und der Aneignung seiner Produkte. Dies wird auch durch weitere Modifikationen (etwa im Zuge der Aneignung von Grundrenten oder monopolistischen Extraprofiten) nicht aufgehoben (vgl. u.a. das 50. Kapitel im ”Kapital III”).
11.3. Es kommt also nicht darauf an und ist auch praktisch gar nicht möglich, für die einzelnen Warentypen eine quantitativ exakte Transformation bzw. Beziehung zwischen den unmodifizierten, direkt den gesellschaftlich notwendigen Arbeitsquanta proportionalen Werten und den kapitalistisch modifizierten Werten bzw. Produktionspreisen darzustellen. Sondern es kommt darauf an, zu begreifen, dass diese Modifikation nicht aufhebt, dass nur die Werttheorie eine grundlegende sozialwissenschaftliche Erklärung und Begründung der ökonomischen Verhältnisse und Proportionen in der bürgerlichen Gesellschaft liefert, nämlich letztlich aus dem Anspruch auf Gegenleistung, den die Arbeitenden für die von ihnen geleistete Arbeit geltend machen (s. These 9.). Diese Ansprüche werden artikuliert auf der Grundlage der gegebenen wertmäßigen Produktionsbedingungen und ökonomischen Mechanismen (insb. Tendenz zum Profitratenausgleich in der Konkurrenz der Kapitale) und der Verteilungsverhältnisse zwischen Arbeitseinkommen und Mehrwert in seinen verschiedenen Formen als Profit, Zins und Rente. Diese sind wiederum historisch, technisch und durch die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und Regulierungen bestimmt bzw. modifiziert. Den wertmäßigen Verhältnissen in der Produktion kommt ein Primat in dem Sinne zu, dass sie logisch und historisch die Grundlage der Erklärung der sich an der ökonomischen Oberfläche darstellenden Verhältnisse sind.
12.1. ”Die Wertgröße der Ware drückt also ein notwendiges, ihrem Bildungsprozeß immanentes Verhältnis zur gesellschaftlichen Arbeitszeit aus. Mit der Verwandlung der Wertgröße in Preis erscheint dies notwendige Verhältnis als Austauschverhältnis einer Ware mit der außer ihr existierenden Geldware. In diesem Verhältnis kann sich aber ebensowohl die Wertgröße der Ware ausdrücken, als das Mehr oder Minder, worin sie unter gegebnen Umständen veräußerlich ist. Die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße, oder der Abweichung des Preises von der Wertgröße, liegt also in der Preisform selbst. Es ist dies kein Mangel dieser Form, sondern macht sie umgekehrt zur adäquaten Form einer Produktionsweise, worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann.” (MEW 23, 117).
12.2. Wenn das Warenangebot von der Nachfrage auf dem Markt abweicht, weicht der Marktpreis (der Durchschnittspreis der Waren eines Typs zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einem bestimmten Markt, von dem die Einzelpreise wiederum abweichen können) von dem Marktwert bzw. Produktionspreis quantitativ ab (bzw. präziser ausgedrückt, als es Marx in der Regel tut, müsste es heißen: der Marktpreis weicht von dem den Marktwert ausdrückenden Preis ab). Der Marktwert bzw. Produktionspreis bestimmt dabei das Schwankungszentrum der Marktpreise im Zeitverlauf (vgl. MEW 25, 194 202). Andererseits bewirken Abweichungen der Nachfragevon den Produktionsstrukturen eine Veränderung der letzteren, wenn sie nicht nur kurzfristig sind. ”Das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr erklärt daher einerseits nur die Abweichungen der Marktpreise von den Marktwerten und anderseits die Tendenz zur Aufhebung dieser Abweichung.” (MEW 25, 200)
12.3. Die ”quantitative Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße” stellt sich nicht nur für einzelne Waren dar, sondern auch für die gesamtwirtschaftlichen Aggregate und Proportionen. Die in Geld realisierten Werte (bzw. Produktionspreise) und Profite können auch gesamtwirtschaftlich von den produzierten abweichen, ebenso wie die Reallöhne bei festgelegtem Nominallohn durch Preisänderungen der Lohnwaren verändert werden. In Folge dessen sind die tatsächlichen Verteilungsverhältnisse in einer Periode erst ex post im Ergebnis des ökonomischen Prozesses bestimmt. (Keynes hat diesen von Marx in erheblichen Teilen vorweg genommenen Sachverhalt dann weiter ausgearbeitet und in den Mittelpunkt seiner Darstellungen gestellt.) Dieser ökonomische Prozess wird allerdings wiederum wesentlich durch die vorausgesetzten Produktionsverhältnisse bestimmt (hier insb. die historisch und in den Klassenauseinandersetzungen bestimmten Nominallöhne, aber auch die von der Zentralbankpolitik beeinflussten Zinssätze etc.). Es findet hier Wechselwirkung in einem ökonomischen Systemzusammenhang (und mit dem Weltmarkt bzw. in dessen Rahmen) statt, dessen Kohärenz durch das Geld hergestellt wird. Nur in dieser Weise, hinter dem Rücken der Subjekte und tendenziell krisenhaft, wird im Verlaufe der den Kapitalismus kennzeichnenden ständigen Strukturveränderungen der Ökonomie immer wieder die Proportionalität der verschiedenen Produktionen und Nachfrageaggregate als Regelgröße durchgesetzt.
13. Die Produktion des Werts im gesellschaftlichen Arbeitsprozess und seine Realisierung in Geld durch Verkauf der Waren fallen nicht nur zeitlich auseinander, sondern auch in ihren Bestimmungsfaktoren. Dies äußert sich in Krisenprozessen. Es gilt einerseits: ”Wie die Ware selbst Einheit von Gebrauchswert und Wert, muß ihr Produktionsprozeß Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungsprozeß sein.” (MEW 23, 201) Andererseits: ”Jede Ware kann ihren Wert nur realisieren im Zirkulationsprozeß, und ob und wieweit sie ihn realisiert, hängt von den jedesmaligen Marktbedingungen ab.” (MEW 25, 652) Durch das Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf ist die Möglichkeit von Überproduktionskrisen in der Warenproduktion als Geldwirtschaft angelegt (MEW 23, 127f.). Die kapitalistischen Produktionsweise entwickelt auf dieser Basis eine spezifische ökonomische Krisenhaftigkeit (vgl. u.a. MEW 24, 318, Fn. 32) in Form periodischer (konjunktureller) und struktureller Überproduktionsbzw. Überakkumulationskrisen (wobei Überakkumulation nichts anderes ist als Überproduktion von Kapital). Der Grund dafür liegt darin, dass sich im Akkumulationsprozess des Kapitals notwendig immer wieder ein ”Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwert produziert, und den Bedingungen, worin er realisiert wird" (MEW 25, 255) entwickelt: Produktion und Produktionskapazitäten werden in der Konkurrenz ohne Rücksicht auf die dahinter zurückbleibende Entwicklung der Nachfrage gesteigert. Der Versuch, durch Begrenzung der Löhne bzw. ihres Anstiegs möglichst hohe Profite anzueignen, beschränkt zugleich die Entwicklung der zahlungsfähigen Nachfrage der Masse der Bevölkerung. So kommt es regelmäßig zu Überproduktion und Überkapazitäten im Verhältnis zur Nachfrage und in der Folge zu einem Rückgang der Investitionen und zur Krise.
(Diese Analyse der Krisenhaftigkeit auf Basis der Werttheorie erfordert die Unterscheidung zwischen Produktion und Realisierung des Werts und zwischen Veränderungen der Marktpreise einerseits und der Marktwerte anderseits, wie ich sie in These 12.2. dargelegt habe. Sie erfordert damit eine theoretische Konzeption, die die Konstituierung des Werts in der Produktion und nicht erst im Austausch der Waren betont, und zwar auch in quantitativer Hinsicht. Damit wird nicht die Bedeutung des kauffähigen gesellschaftlichen Bedürfnisses für die Quantität der wertbildenden gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit geleugnet, sondern dieses wird berücksichtigt hinsichtlich seiner durchschnittlichen, längerfristigen Bedeutung für die Produktionsstrukturen. Zurückgewiesen wird aber die Vorstellung einer sozusagen sekundären Wertbestimmung in der Zirkulation, die auch kurzfristige und konjunkturelle Schwankungen und Abweichungen der produzierten von den realisierten Werten so behandelt, als seien gar keine Werte produziert worden. Stattdessen sind diese Phänomene so zu behandeln, dass hier krisenhafte Entwertungen von Waren oder Kapital stattfinden. Das setzt schon begrifflich voraus, dass Werte vorhanden waren, die nun entwertet werden. Tatsächlich handelt es sich auch in erheblichem Maße um Werte, die zumindest die Produzenten schon realisiert hatten gegenüber dem Handel, der nun auf ihnen sitzen bleibt, oder um Anlagegüter, die längst bezahlt sind, und bei denen dann die Übertragung ihres Werts auf die mit ihnen zu produzierenden Waren ins Stocken gerät und die deshalb im Extremfall wertlos, weil überflüssig, werden. Auch Marx meint Veränderungen der Produktionsbedingungen, wenn er auf die Variabilität der gesellschaftlich notwendigen Arbeitzeit und damit des Werts bestimmter Waren verweist, vgl. MEW 25, 150. Formulierungen, die anders interpretiert werden könnten, etwa MEW 13, 31f., MEW 23, 121f. oder MEW 25, 648f., sind m.E. am sinnvollsten in der von mir dargestellten Weise zu behandeln. Eine tiefer gehende theoretische Begründung liefere ich im Rahmen meiner in den Thesen 17. und 18. dargestellten Konzeption der Wertbedeutung, insb. unter 17.2.)
14. Die Waren sind Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten verschiedener ProduzentInnen. Der gesellschaftliche Charakter dieser Arbeiten als Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeit realisiert sich erst im nachhinein, beim Austausch der fertigen Produkte. Die gesellschaftlichen Beziehungen der ProduzentInnen und die Regulierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung werden vermittelt durch den Austausch der Produkte auf dem Markt. Der Wert erscheint dabei als sachliche, von ihren stofflichen Qualitäten bzw. dem darauf beruhenden Gebrauchswert abhängige, Eigenschaft der Waren statt als Ausdruck des Verhältnisses der zur Produktion dieser Waren notwendigen Arbeit zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit (das ja auch weder unmittelbar wahrnehmbar ist noch sonstwie im voraus genau bestimmbar ist). Die die Warenwerte begründenden gesellschaftlichen Verhältnisse werden für die Menschen sachlich verschleiert. ”Ihre eigene gesellschaftlichen Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.” (MEW 23, 89) Dies macht den Fetischcharakter der Warenwelt aus. In gesteigerter Form setzen sich dieser Fetischismus und die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise fort beim Geld und beim (realen und erst recht beim von Marx so genannten ”fiktiven”) Kapital und beim Boden und heutzutage auch bei Informationen oder Wissen als scheinbar eigenständigen Trägern von Wert oder Quellen von Wertschöpfung (vgl. hierzu Marx im VII. Abschnitt im dritten Band des ”Kapital”, etwa MEW 25, 838f., und zum fiktiven Kapital ebd., 482 486).
II. Der Wert als quantitativ bestimmte ökonomische Eigenschaft und als objektive soziale Bedeutung der Waren
Zu mehreren der in den bisherigen Thesen ausgeführten Auffassungen gibt es in der auf Marx aufbauenden Wissenschaft Kontroversen, insb. zur Frage der Konstituierung des Werts und seiner Größe in der Produktion oder erst im Austausch, der Betrachtung der ”Wertsubstanz” und der Wert bildenden Arbeit als menschliche Tätigkeit in zeitlich bestimmter Quantität oder als bloße Abstraktion, oder zur Bedeutung der Wertformen und ihrer Entwicklung, des Geldes und einer Geldware. Diese Kontroversen hängen zusammen mit Unklarheiten und unterschiedlichen Auffassungen zur Zielsetzung und Darstellungsweise der Kritik der politischen Ökonomie und zum seinsmäßigen und methodischen Status der ökonomischen Gegenstände. Die Diskussion darüber wird üblicherweise auf philosophischer und textkritischer Ebene geführt. Ich will in den folgenden Thesen den sozialwissenschaftlichen Gehalt der werttheoretischen Kategorien betrachten und daraus Aussagen einer sowohl kritischen als auch ”positiven” Werttheorie (im Sinne sozialwissenschaftlicher Erklärung realer und empirisch beobachtbarer ökonomischer Prozesse und Verhältnisse) begründen – obwohl und gerade weil einige bestreiten, dass dies überhaupt möglich sei. Dabei ist m.E. der Rückgriff auf nach Marx entwickelte sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Begrifflichkeiten und insb. die der sozialen Gegenstandsbedeutung fruchtbar.
15. Ausgehend von der Analyse des zunächst und an der Oberfläche betrachtet scheinbar chaotischen ökonomischen Reproduktionsprozesses der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ergibt sich der Wert, wie er in den Thesen oben bestimmt ist, auf dem Wege der wissenschaftlichen Abstraktion) als diejenige Bestimmung der Waren, die in letzter Instanz ihre Austauschverhältnisse bestimmt und auf deren Grundlage die gesellschaftliche Arbeitsteilung und Produktion, die Verteilungsverhältnisse und der ökonomische Gesamtprozess reguliert werden (vgl. MEW 25, 887; vgl. auch zur Methode der politischen Ökonomie die “Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie”, MEW 13, 631ff.). Dabei erweist sich letztlich die abstrakte Arbeit im Maße, wie sie gesellschaftlichen notwendig ist, als ”Wertsubstanz”. Die Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit auf die verschiedenen Produktionen ist der entscheidende Gegenstand jeder ökonomischen Regulierung. Die Gleichsetzung der verschiedenen Arbeiten im Wert und ihre Vermittlung und Wechselwirkung in einem monetären Marktssystem ist der grundlegende Mechanismus dieser Regulierung in einer kapitalistischen, Waren produzierenden Gesellschaft. In Bezug auf die einzelne Ware stellt sich deren ”Wertsubstanz” in der Weise dar, dass sie als Produkt eines entsprechenden Anteils der gesellschaftlich notwendigen Gesamtarbeit gilt, das gegen andere gleichwertige Produkte austauschbar ist.
Von dieser Analyse ausgehend kann eine Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise als eine ”reiche Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen” entwickelt und dargestellt werden, wie es Marx im ”Kapital” tut. Dazu gehört auch die Analyse der Ausdrucksformen des Werts und der Entwicklung des Geldes. Die quantitative Dimension spielt dabei eine zentrale Rolle, denn wenn Produktion und Austausch nicht quantitativ reguliert werden, werden sie überhaupt nicht reguliert. Der Wert ist von daher als funktionale, quantitativ bestimmte ökonomische Eigenschaft der Waren (im Sinne von 2.) im Systemzusammenhang des kapitalistischen Reproduktionsprozesses zu begreifen. Der quantitative Zusammenhang zwischen den durch die Quantität gesellschaftlich notwendiger Arbeit bestimmten Werten und den Austauschverhältnissen ist dabei keineswegs bloß analytisch ”logisch" notwendig, sondern beruht auf empirischer Beobachtung. (Marx ging offenbar davon aus, dass dieser Zusammenhang evident ist. ”Bemerkenswerterweise haben zeitgenössische empirische Erhebungen die fast völlige Kongruenz der relativen Preise mit den Arbeitswerten bestätigt", Helmedag, 147. Ich gehe davon aus, dass bei Berücksichtigung der in These 11. dargestellten Modifikationen ein noch stärkerer Zusammenhang zu beobachten ist.)
16. Die weitere Frage ist, auf welchem Wege der Wert als funktionale, ökonomische, also besondere soziale Eigenschaft gesellschaftlich zustande kommt und sich geltend macht. Wirtschaft und Gesellschaft ergeben sich als System aus der Wechselwirkung menschlicher Tätigkeiten, insb. der Arbeiten, und der Verteilung ihrer Produkte. Der durch den Wert regulierte ökonomische Austausch ist eine besondere Form dieses allgemeinen sozialen ”Austausches” im Sinne des Gebens bzw. Leistens und des Empfangens von Tätigkeiten und Produkten. Für das Funktionieren dieses ökonomischen Austausches, also das Wirken des Wertgesetzes und damit die reale gesellschaftliche Existenz und Geltung des Werts, ist offenbar nicht erforderlich, dass die ökonomischen Subjekte sich der Hintergründe der Wertbestimmung und der dadurch ausgedrückten sozialen Beziehungen bewusst sind (s. These 14.). Andererseits ist der Wert aber auch nicht eine Eigenschaft des ökonomischen Systems selbst, die sich ohne irgend einen Bezug zur psychischen Regulierung der Tätigkeiten der ökonomischen Subjekte als Resultat des Gesamtprozesses durchsetzt (wie etwa die Proportionalität der verschiedenen Produktionssektoren oder die zyklische Krisenhaftigkeit des Kapitalismus). Der Wert ist vielmehr eine Bestimmung bzw. soziale Eigenschaft (im Sinne von These 2.) der Waren, also der Produkte menschlicher Arbeit un