Wert-Bedeutung
Thesen zur Werttheorie

Von Ralf Krämer

7/8-06

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I. Grundlegende Bestimmungen des Werts im Kapitalismus 

Auf Basis von der Marx dazu entwickelten Begriffe und Erkenntnisse, aber in einigen Bereichen aufgrund der historischen Weiterentwicklung auch darüber hinaus gehend, werden im Folgenden zunächst thesenförmig die folgenden grundlegende Bestimmungen des Werts in der kapitalistischen Gesellschaft festgehalten. Es folgen Thesen, wie (unter II.) aus sozialwissenschaftlicher Sicht der seinsmäßige Status und Hintergrund des Werts bzw. der Wertgegenständlichkeit der Waren und die ”Wertsubstanz” sowie (unter III.) die Wertformen und ihre Eigentümlichkeiten und das Geld begriffen werden können. Ökonomie begreife ich dabei als eine spezielle Sozialwissenschaft, und es geht mir auch um eine gewisse Entmystifizierung der Werttheorie. Den Abschluss (IV.) bilden einige Bemerkungen zur Bedeutung der Werttheorie für eine sozialistische Kapitalismuskritik. Der Text stellt auch eine zumeist implizite  Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen zur Analyse des Werts dar, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Auseinandersetzung mit Schwächen und Dogmatisierungen der orthodoxen Interpretation wachsende Bedeutung erlangte, insb. mit Backhaus’ und Heinrichs Varianten einer ”monetären Werttheorie”. Dabei kritisiere ich nicht die Betonung der Bedeutung des Geldes für eine Kritik der politischen Ökonomie, wohl aber die damit verbundene m.E. falsche Ablehnung eines Verständnisses der Werttheorie als Arbeitswerttheorie, die die Verhältnisse in einer kapitalistischen Wirtschaft auch quantitativ zu erklären beansprucht. 

1. Der Wert ist eine Bestimmung der Ware, ohne Waren gibt es auch keinen Wert. Waren sind Produkte menschlicher Arbeit, die ausgetauscht bzw. zum Austausch angeboten werden. Es sind nützliche Dinge, sie haben Gebrauchswert. Gebrauchswert und Wert machen den ”Doppelcharakter der Waren” aus. Gewerbliche, marktvermittelte Dienstleistungen sind analog wie Waren zu betrachten. Nicht-Arbeitsprodukte, die zu Waren gemacht werden, sind als Spezialfälle gesondert zu betrachten (vgl. Kapital I, MEW 23, 117). 

2. Der Wert ist keine sachliche bzw. stoffliche Eigenschaft der Waren, sondern die Wertbestimmung drückt eine  rein gesellschaftliche bzw. soziale Eigenschaft der Waren aus, nämlich die, einen bestimmten Anteil des warenförmigen gesellschaftlichen Reichtums bzw. Arbeitsprodukts  insgesamt  darzustellen.  (Eigenschaft  ist  dabei  ganz  formal  definiert  als Merkmal eines Objekts, aufgrund dessen es einer Klasse zugeordnet werden kann.) 

3. Die gesellschaftliche Substanz des Werts der Waren im Sinne der wesentlichen gemeinsamen  Grundlage  ist  die  darin  vergegenständlichte  ”abstrakt menschliche Arbeit (MEW 23, 52). Die Waren produzierende Arbeit hat Doppelcharakter: Einerseits ist sie immer konkret  nützliche  Arbeit,  die  besondere  Produkte  mit  einem  besonderen  Gebrauchswert schafft.  Andererseits gilt sie unter Abstraktion davon im Rahmen des arbeitsteiligen und durch  den  Austausch  vermittelten  gesellschaftlichen  Gesamtreproduktionsprozesses  als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft schlechthin, als Teil der Waren produzierenden gesellschaftlichen Arbeit insgesam  in heutiger Terminologie: Erwerbsarbeit. Als solche wird sie anderer menschlicher Arbeit gleichgesetzt und bildet so Wert (vgl. MEW 23, 61). Quantitativ ist di Wertgröße bestimmt durch die zur (Re-)Produktion der Ware  gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit (vgl. MEW 23, 53). Dabei ist auch die zur Produktion der notwendigen Produktionsmittel erforderliche Arbeit einbezogen, indem der Wert dieser Produktionsmittel im Maße, wie sie bei der Produktion einer Ware verbraucht werden, anteilig in den Wert dieser Ware eingeht. Die Quantität der gesamtgesellschaftlich notwendigen und damit  wertbildenden  Arbeitszeit  hängt  außer  von  den  materiell-technischen Bedingungen und den Fähigkeiten der Arbeitenden auch vom Umfang des   kauffähigen gesellschaftlichen Bedürfnisses ab, das diese Ware normalerweise befriedigt, und das die Produktionsbedingungen mitbestimmt (vgl. dazu weiter These 13.).

4. Wenn vom Wert der Ware die Rede ist, ist ein bestimmter Warentyp gemeint. ”Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnittsexemplar ihrer Art.” (MEW 23, 54) ”Der wirkliche Wert einer Ware ist aber nicht ihr individueller, sondern ihr gesellschaftlicher Wert, d.h., er wird nicht durch die Arbeitszeit gemessen, die sie im einzelnen Fall dem Produzenten tatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit.” (MEW 23, 336). Dieser gesellschaftliche Wert der Ware stellt sich auf dem Markt dar als ihr Marktwert (vgl. Kapital III, MEW 25, 190, und s. These 12.2.). Dieser kann sich ändern, wenn sich die Produktionsbedingungen ändern, es geht um die zur Reproduktion der Ware unter den jeweils aktuell herrschenden Bedingungen notwendige Arbeitszeit (vgl. MEW25, 150). Auf Produkte, die nicht reproduzierbar  oder durch andere substituierbar sind, z.B. künstlerische Werke, ist diese Wertbestimmung nicht anwendbar. (Im Kapitalismus ist der Preis  solcher  Produkte  oder  von  ”intellektuellen  Eigentumsrechten”  oder  von  Nicht-Arbeitsprodukten wie Boden wesentlich bestimmt durch die Kapitalisierung der daraus erwarteten Erträge, vgl. MEW 25, 636 oder 484.) 

5. Der Wert ist eine bestimmte historische gesellschaftliche Form, den überhistorischen gesellschaftlichen Inhalt zur Geltung zu bringen, der allen produzierten Gebrauchswerten zukommt, nämlich dass zu ihrer Produktion ein Teil der gesellschaftlichen Arbeit notwendig ist. (”Gebrauchswert” steht hier wie häufig auch bei Marx für die nützlichen Produkte selbst, eigentlich ist Gebrauchwert ja eine Eigenschaft bzw. Bedeutung dieser Produkte, s. These

17.) Dies stellt sich dar als ”Wertgegenständlichkeit der Waren” (MEW 23, 62), als das Gemeinsame, das sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt” (MEW 23,

53). Die gesellschaftlichen Bedingungen von Warenproduktion und damit Wert sind gesellschaftliche Arbeitsteilung, Privateigentum und private Produktion sowie persönliche und Gewerbefreiheit der beteiligten Menschen. 

6.  Der  Wert  einer  Ware  erscheint  bzw.  genauer  gesagt  wird  ausgedrückt  in  ihrem Tauschwert. Marx bezeichnet den Tauschwert auch als Wertform der Ware. Die Ware ”besitzt diese Form niemals isoliert betrachtet, sondern stets nur im Wertoder Austauschverhältnis zu einer zweiten, verschiedenartigen Ware” (MEW 23, 75) bzw. im Verhältnis zu Geld, für das man wiederum andere Waren kaufen kann. Aber andererseits ist dieses Austauschverhältnis und damit der Tauschwert nur Ausdruck dahinter liegender gesellschaftlicher Wertverhältnisse (vgl. zu Wertformen und Geld genauer Thesen 19. 21.) 

7. Die entwickelteste Form des Tauschwerts ist die Form des allgemeinen Äquivalents: Die Werte aller anderen Waren werden in Quantitäten einer bestimmten Äquivalentware ausgedrückt. Wenn eine bestimmte Ware dauerhaft diese Funktion annimmt, wird sie  Geld. Der Wertausdruck einer Ware in der Geldform ist ihre Preisform; das Geldquantum, in dem ihr Wert ausgedrückt wird, ist ihr Preis. ”Der Preis ist der Geldname der in der Ware vergegenständlichten Arbeit.” (MEW 23, 116) Der Wert der Geldware (historisch meist Gold) ist dabei zunächst wie der aller anderen Waren bestimmt (s. These 3.). Als Geld ist es die verselbständigte  Gestalt  des  Werts,  von  allen  anderen  Eigenschaften  der  als  Geld  dienenden Objekte wird dabei abstrahiert. ”Geld als Wertmaß ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit.” (MEW 23, 109). Dies ”notwendig” schließt  ein,  dass  es  nicht  durch  unmittelbare  Repräsentationen  der  Arbeitszeit,  etwa ”Stundenzettel”, ersetzt werden kann (vgl. ebd, Fn. 50, und s. These 12.). 

8. Das moderne Zentralbankgeld im entwickelten Kreditsystem ist nicht mehr an eine Geldware mit ”innerem” Warenwert und auch nicht mehr an ein Repräsentationsverhältnis zu einer solchen Geldware gebunden, sondern drückt unmittelbar den Anspruch auf einen entsprechenden Anteil am warenförmigen gesellschaftlichen Reichtum aus. Dieser ist staatlich gesichert und quantitativ durch das Verhältnis von Warenangebot und nachfragewirksamer Geldmenge bestimmt, die wiederum von der Zentralbank mit den Hauptzielen der Stabilität des Finanzsystems und der Vermeidung übermäßiger Inflation reguliert wird. 

9. Das Wertgesetz ist das grundlegende regulative Prinzip für die Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die verschiedenen Produktionen und r die Verteilung der Produkte in der Waren produzierenden, kapitalistischen Gesellschaft: Austausch der Waren im Verhältnis der in ihnen vergegenständlichten Quantitäten gesellschaftlich notwendiger Arbeitszeit (Äquivalententausch). Dadurch wird zugleich eine allgemeine Tendenz zur Ökonomisierung, also zur Reduzierung der zur Produktion bestimmter Waren notwendigen Arbeitszeit geltend gemacht. Bei der zugrunde liegenden Gleichsetzung unterschiedlicher Arbeiten findet nicht nur eine Abstraktion von dem unterschiedlichen konkreten Inhalt statt, sondern auch von der unterschiedlichen Kompliziertheit der verschiedenen Arbeiten und dem Niveau der dafür erforderlichen Qualifikationen. Die Gleichsetzung erfolgt dabei nicht im Verhältnis 1 zu 1, sondern qualifiziertere Arbeit schlägt sich in höherer Wertschöpfung je Zeiteinheit nieder. Die Proportionen werden dabei in der Konkurrenz, “durch einen gesellschaftlichen Prozeß hinter dem Rücken der Produzenten festgesetzt und scheinen ihnen daher durch das Herkommen gegeben” (MEW 23, 59).

Das regulative Grundprinzip bleibt dabei aber, dass in der auf persönlicher Freiheit und  Gleichheit  beruhenden  warenproduzierenden  Gesellschaft  die  Verausgabung  gesellschaftlich notwendiger Arbeit im Maße ihrer wesentlich zeitlich bestimmten Quantität jeder Person einen Anspruch auf entsprechende Gegenleistung, auf einen gleichwertigen Anteil am gesellschaftlich produzierten Reichtum vermittelt. Der Erwerb solchen gesellschaftlich gültigen Anspruchs in Form von Geld ist das bestimmende Motiv für die Produktion. An einer Stelle nennt Marx es ”das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche ltigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind ..." (MEW 23,

74). Rassistisch, sexistisch oder durch sonstige persönliche Merkmale begründete soziale Ungleichbehandlungen erscheinen gesellschaftlich erst vor dem Hintergrund der Gültigkeit dieses Grundprinzips als illegitim, als Ungerechtigkeit und Diskriminierung. 

10.1. Es gab und gibt zwar nichtkapitalistische ”einfache Warenproduktion”, wo Arbeit und Produktionsmitteleigentum nicht getrennt sind (vgl. MEW 25, 186f.), aber erst als kapitalistische, auf der Basis von Lohnarbeit und mit der Produktion von Mehrwert bzw. Profit als bestimmendem Zweck (vgl. MEW 25, 887) sowie als umfassende  Geldwirtschaft, wird die Warenproduktion zur gesellschaftlich dominierenden Produktionsweise. ”Der Reichtum der Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung’” (MEW 23, 49) und daher als Masse von Werten. Zur Analyse der kapitalistischen Ökonomie reicht es nicht aus, sie als Warenzirkulation und Warenproduktion zu betrachten, sondern kommt es wesentlich auf die Analyse ihrer spezifisch kapitalistischen Merkmale und Dynamik an (vgl. MEW 23, 128, Fn. 73). 

10.2. Grundlage kapitalistischer Produktion sind bestimmtEigentums- und Klassenverhältnisse: ”die Expropriation der Arbeiter von den Arbeitsbedingungen, die Konzentration dieser Bedingungen in den Händen einer Minderheit von Individuen, das ausschließliche Eigentum an Grund und Boden für andre Individuen” (MEW 25, 886). Auf dieser Basis wird die Arbeitskraft der ”doppelt (persönlich und von Produktionsmitteleigentum) freien” LohnarbeiterInnen zu einer eigentümlichen, Mehrwert für die Kapitalisten produzierenden Ware. So vollzieht sich in der kapitalistischen Produktionsweise die Ausbeutung der Arbeitenden auf der Basis persönlicher Freiheit und Gleichheit und ohne formelle Verletzung der Prinzipien des Äquivalententausches. Dabei werden zugleich die genannten sozialen Bedingungen kapitalistischer Produktion und gesellschaftlicher Herrschaft des Kapitals reproduziert. 

11.1. Da in der kapitalistischen Produktionsweise ”die Waren nicht einfach als Waren ausgetauscht werden, sondern als  Produkt von Kapitalen, die im Verhältnis zu ihrer Größe, oder bei gleicher Größe, gleiche Teilnahme an der Gesamtmasse des Mehrwert beanspruchen” (MEW 25, 184f.), bildet sich als quantitative  Modifikation des Werts der sog. Produktionspreis heraus. In der Konkurrenz bildet sich auf Grundlage der gesellschaftlichen Mehrwertrate und der durchschnittlichen Wertzusammensetzung (dem Verhältnis des für Sachkapital gegenüber des für Löhne verausgabten Kapitals) und Umschlagsdauer des Kapitals eine gesellschaftliche Durchschnittsprofitrate heraus. Diese beanspruchen die einzelnen Kapitale unabhängig von ihrer jeweils unterschiedlichen Wertzusammensetzung. Der  Profit ist eine qualitativ, weil er als Produkt des gesamten Kapitals und nicht nur der Arbeit erscheint, und quantitativ modifizierte Form des Mehrwerts. Der sog.  Produktionspreis ist quantitativ bestimmt als Summe aus dem normalen Kostpreis der Ware, also den auf sie entfallenden Kosten  für  Produktionsmittel  und  für  Arbeitskraft,  und  dem  darauf  entfallenden  Durchschnittsprofit. Die Bezeichnung ”Produktionspreis” ist insoweit irreführend, als es sich dabei eigentlich nicht um einen Preis (also einen Wertausdruck in Geld, vgl. Thesen 7. und 12.) handelt, sondern um den den Preisen zugrunde liegenden modifizierten Wert. ”Was hier vom Marktwert gesagt, gilt vom Produktionspreis, sobald er an die Stelle des Marktwerts getreten.” (MEW 25, 188) Dieser wird selbstverständlich wie jeder Wert unter Bedingungen entwickelter Warenproduktion in Geldbeträgen kalkuliert und ausgedrückt. 

11.2. Marx betont mehrfach, dass auch unter diesen Bedingungen für die Preise der verschiedenen Waren gilt: ”... das  Wertgesetz beherrscht ihre Bewegung. Wo die zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit fällt, fallen die Preise; wo sie steigt, steigen die Preise, bei sonst gleichbleibenden Umständen.” (MEW 25, 186) Die Diskussion über das Problem der sog. Transformation der Werte in Produktionspreise hat gezeigt, dass auch gesamtwirtschaftliche Aggregate und Proportionen wie  die Mehrwertund die Profitrate gegenüber einem  unmodifizierten  Wertsystem  quantitativ  verändert  sind.  Allerdings  ist  letzteres  eine hypothetische  Konstruktion,  weil  von  vornherein  in  modifizierten  Proportionen  produziert wird. In der Analyse der kapitalistischen Produktion sind von vornherein das gesellschaftliche Gesamtkapital und die auf dieser Ebene bestimmte gesellschaftliche Mehrwertund Profitrate als Ausgangspunkte zu betrachten und die einzelnen Produktionen und Waren nur als ein Teil davon. (Darauf weist Marx selbst in dem Text ”Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses” hin, MEGA II.4.1, 24-135, insb. 70. Einige Kritiker der Werttheorie halten diese aufgrund des sog. Transformationsproblems für falsch, weil sie die realen Austauschverhältnisse nicht erklären könne bzw. dazu überflüssig sei. Dies resultiert aus einer abstrakten Gegenüberstellung eines ”Wertsystems” gegenüber einem ”Produktionspreissystem”, das den realen Zusammenhängen und auch dem Marx’schen Herangehen nicht gerecht wird. Dieser geht nämlich davon aus, dass die Elemente des konstanten Kapitals bereits mit den Produktionspreisen, zu denen sie gekauft wurden, in die Transformation eingehenden, vgl. dazu auch auf der Basis neu veröffentlichter Originalmanuskripte Ramos.)

Entscheidend ist, dass auch dann unter den jeweils historisch entwickelten Produktionsbedingungen und Verteilungsproportionen zwischen Kapitalund Arbeitseinkommen ein Determinationsverhältnis zwischen der Verteilung der gesellschaftlichen Arbeit auf die verschiedenen Produktionen und der kapitalistisch modifizierten Wertschöpfung besteht, die wiederum auf erstere zurückwirkt. Somit besteht in modifizierter Weise eine auf dem Wert beruhende Regulation des Systems der gesellschaftlichen Arbeit und der Aneignung seiner Produkte. Dies wird auch durch weitere Modifikationen (etwa im Zuge der Aneignung von Grundrenten oder monopolistischen Extraprofiten) nicht aufgehoben (vgl. u.a. das 50. Kapitel im ”Kapital III”). 

11.3. Es kommt also nicht darauf an und ist auch praktisch gar nicht möglich, für die einzelnen Warentypen eine quantitativ exakte Transformation bzw. Beziehung zwischen den unmodifizierten, direkt den gesellschaftlich notwendigen Arbeitsquanta proportionalen Werten und den kapitalistisch modifizierten  Werten bzw. Produktionspreisen darzustellen. Sondern es kommt darauf an, zu begreifen, dass diese Modifikation nicht aufhebt, dass nur die Werttheorie eine grundlegende sozialwissenschaftliche Erklärung und Begründung der ökonomischen Verhältnisse und Proportionen in der bürgerlichen Gesellschaft liefert, mlich letztlich aus dem Anspruch auf Gegenleistung, den die Arbeitenden für die von ihnen geleistete Arbeit geltend machen (s. These 9.). Diese Ansprüche werden artikuliert auf der Grundlage der gegebenen wertmäßigen Produktionsbedingungen und ökonomischen Mechanismen (insb. Tendenz zum Profitratenausgleich in der Konkurrenz der Kapitale) und der Verteilungsverhältnisse zwischen Arbeitseinkommen und Mehrwert in seinen verschiedenen Formen als Profit, Zins und Rente. Diese sind wiederum historisch, technisch und durch die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und Regulierungen bestimmt bzw. modifiziert. Den wertmäßigen Verhältnissen in der Produktion kommt ein Primat in dem Sinne zu, dass sie logisch und historisch die Grundlage der Erklärung der sich an der ökonomischen Oberfläche darstellenden Verhältnisse sind. 

12.1. ”Die Wertgröße der Ware drückt also ein notwendiges, ihrem Bildungsprozeß immanentes Verhältnis zur gesellschaftlichen Arbeitszeit aus. Mit der Verwandlung der Wertgröße in Preis erscheint dies notwendige Verhältnis als Austauschverhältnis einer Ware mit der außer  ihr  existierenden  Geldware.  In  diesem  Verhältnis  kann  sich  aber  ebensowohl  die Wertgröße der Ware ausdrücken, als das Mehr oder Minder, worin sie unter gegebnen Umständen veräußerlich ist. Die Möglichkeit quantitativer Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße, oder der Abweichung des Preises von der Wertgröße, liegt also in der Preisform selbst. Es ist dies kein Mangel dieser Form, sondern macht sie umgekehrt zur adäquaten Form einer Produktionsweise, worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann.” (MEW 23, 117). 

12.2. Wenn das Warenangebot von der Nachfrage auf dem Markt abweicht, weicht der Marktpreis (der Durchschnittspreis der Waren eines Typs zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einem bestimmten Markt, von dem die Einzelpreise wiederum abweichen können) von dem Marktwert bzw. Produktionspreis quantitativ ab (bzw. präziser ausgedrückt, als es Marx in der Regel tut, müsste es heißen: der Marktpreis weicht von dem den Marktwert ausdrückenden Preis ab). Der Marktwert bzw. Produktionspreis bestimmt dabei das Schwankungszentrum der Marktpreise im Zeitverlauf (vgl. MEW 25, 194 202). Andererseits bewirken Abweichungen der Nachfragevon den Produktionsstrukturen eine Veränderung der letzteren, wenn sie nicht nur kurzfristig sind. ”Das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr erklärt daher einerseits nur die Abweichungen der Marktpreise von den Marktwerten und anderseits die Tendenz zur Aufhebung dieser Abweichung.” (MEW 25, 200) 

12.3. Die ”quantitative Inkongruenz zwischen Preis und Wertgröße” stellt sich nicht nur für einzelne Waren dar, sondern auch für die gesamtwirtschaftlichen Aggregate  und Proportionen. Die in Geld realisierten Werte (bzw. Produktionspreise) und Profite können auch gesamtwirtschaftlich von den produzierten abweichen, ebenso wie die Reallöhne bei festgelegtem Nominallohn durch Preisänderungen der Lohnwaren verändert werden. In Folge dessen sind die tatsächlichen Verteilungsverhältnisse in einer Periode erst ex post im Ergebnis des ökonomischen Prozesses bestimmt. (Keynes hat diesen von Marx in erheblichen Teilen vorweg genommenen Sachverhalt dann weiter ausgearbeitet und in den Mittelpunkt seiner Darstellungen gestellt.) Dieser ökonomische Prozess wird allerdings wiederum wesentlich durch die vorausgesetzten Produktionsverhältnisse bestimmt (hier insb. die historisch und in den Klassenauseinandersetzungen bestimmten Nominallöhne, aber auch die von der Zentralbankpolitik beeinflussten Zinssätze etc.). Es findet hier  Wechselwirkung in einem ökonomischen Systemzusammenhang (und mit dem Weltmarkt bzw. in dessen Rahmen) statt, dessen Kohärenz durch das Geld hergestellt wird. Nur in dieser Weise, hinter dem cken der Subjekte und tendenziell krisenhaft, wird im Verlaufe der den Kapitalismus kennzeichnenden ständigen Strukturveränderungen der Ökonomie immer wieder die Proportionalität der verschiedenen Produktionen und Nachfrageaggregate als Regelgröße durchgesetzt. 

13. Die Produktion des Werts im gesellschaftlichen Arbeitsprozess und seine Realisierung in Geld durch Verkauf der Waren fallen nicht nur zeitlich auseinander, sondern auch in ihren Bestimmungsfaktoren. Dies äußert sich in Krisenprozessen. Es gilt einerseits: ”Wie die Ware selbst Einheit von Gebrauchswert und Wert, muß ihr Produktionsprozeß Einheit von Arbeitsprozeß und Wertbildungsprozeß sein.” (MEW 23, 201) Andererseits: ”Jede Ware kann ihren Wert nur realisieren im Zirkulationsprozeß, und ob und wieweit sie ihn realisiert, hängt von den jedesmaligen Marktbedingungen ab.” (MEW 25, 652) Durch das Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf ist die Möglichkeit von Überproduktionskrisen in der Warenproduktion als Geldwirtschaft angelegt (MEW 23, 127f.). Die kapitalistischen Produktionsweise entwickelt auf dieser Basis eine spezifische ökonomische  Krisenhaftigkeit (vgl. u.a. MEW 24, 318, Fn. 32) in Form periodischer (konjunktureller) und  struktureller Überproduktionsbzw. Überakkumulationskrisen (wobei Überakkumulation nichts anderes ist als Überproduktion von Kapital). Der Grund dafür liegt darin, dass sich im Akkumulationsprozess des Kapitals notwendig immer wieder ein ”Widerspruch zwischen den Bedingungen, worin dieser Mehrwert produziert, und den Bedingungen, worin er realisiert wird" (MEW 25, 255) entwickelt: Produktion und Produktionskapazitäten werden in der Konkurrenz ohne Rücksicht auf die dahinter zurückbleibende Entwicklung der Nachfrage gesteigert. Der Versuch, durch Begrenzung der Löhne bzw. ihres Anstiegs möglichst hohe Profite anzueignen, beschränkt zugleich die Entwicklung der zahlungsfähigen Nachfrage der Masse der Bevölkerung. So kommt es regelmäßig zu Überproduktion und Überkapazitäten im Verhältnis zur Nachfrage und in der Folge zu einem Rückgang der Investitionen und zur Krise.

(Diese Analyse der Krisenhaftigkeit auf Basis der Werttheorie erfordert die Unterscheidung zwischen Produktion und Realisierung des Werts und zwischen Veränderungen der Marktpreise einerseits und der Marktwerte anderseits, wie ich sie in These 12.2. dargelegt habe. Sie erfordert damit eine theoretische Konzeption, die die Konstituierung des Werts in der Produktion und nicht erst im Austausch der Waren betont, und zwar auch in quantitativer Hinsicht. Damit wird nicht die Bedeutung des kauffähigen gesellschaftlichen Bedürfnisses für die Quantität der wertbildenden gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit geleugnet, sondern dieses wird berücksichtigt hinsichtlich seiner durchschnittlichen, längerfristigen Bedeutung für die Produktionsstrukturen. Zurückgewiesen wird aber die Vorstellung einer sozusagen sekundären Wertbestimmung in der Zirkulation, die auch kurzfristige und konjunkturelle Schwankungen und Abweichungen der produzierten von den realisierten Werten so behandelt, als seien gar keine Werte produziert worden. Stattdessen sind diese Phänomene so zu behandeln, dass hier krisenhafte  Entwertungen von Waren oder Kapital stattfinden. Das setzt schon begrifflich voraus, dass Werte vorhanden waren, die nun entwertet werden. Tatsächlich handelt es sich auch in erheblichem Maße um Werte, die zumindest die Produzenten schon realisiert hatten gegenüber dem Handel, der nun auf ihnen sitzen bleibt, oder um Anlagegüter, die längst bezahlt sind, und bei denen dann die Übertragung ihres Werts auf die mit ihnen zu produzierenden Waren ins Stocken gerät und die deshalb im Extremfall wertlos, weil überflüssig, werden. Auch Marx meint Veränderungen der Produktionsbedingungen, wenn er auf die Variabilität der gesellschaftlich notwendigen Arbeitzeit und damit des Werts bestimmter Waren verweist, vgl. MEW 25, 150. Formulierungen, die anders interpretiert werden könnten, etwa MEW 13, 31f., MEW 23, 121f. oder MEW 25, 648f., sind m.E. am  sinnvollsten  in  der  von  mir  dargestellten  Weise  zu  behandeln.  Eine  tiefer  gehende theoretische  Begründung  liefere  ich  im  Rahmen  meiner  in  den  Thesen  17.  und  18. dargestellten Konzeption der Wertbedeutung, insb. unter 17.2.) 

14. Die Waren sind Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten verschiedener ProduzentInnen. Der gesellschaftliche Charakter dieser Arbeiten als Teile der gesellschaftlichen Gesamtarbeit realisiert sich erst im nachhinein, beim Austausch der fertigen Produkte. Die gesellschaftlichen Beziehungen der ProduzentInnen und die Regulierung der gesellschaftlichen Arbeitsteilung werden vermittelt durch den Austausch der Produkte auf dem Markt. Der Wert erscheint dabei als sachliche, von ihren stofflichen Qualitäten bzw. dem darauf beruhenden Gebrauchswert abhängige, Eigenschaft der Waren statt als Ausdruck des Verhältnisses der zur Produktion dieser Waren notwendigen Arbeit zur gesellschaftlichen Gesamtarbeit (das ja auch weder unmittelbar wahrnehmbar ist noch sonstwie im voraus genau bestimmbar ist). Die die Warenwerte begründenden gesellschaftlichen Verhältnisse werden für die Menschen sachlich verschleiert. ”Ihre eigene gesellschaftlichen Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.” (MEW 23, 89) Dies macht den Fetischcharakter der Warenwelt aus. In gesteigerter Form setzen sich dieser Fetischismus und die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise fort beim Geld und beim (realen und erst recht beim von Marx so genannten ”fiktiven”) Kapital und beim Boden und heutzutage auch bei Informationen  oder Wissen als scheinbar eigenständigen Trägern von Wert oder Quellen von Wertschöpfung (vgl. hierzu Marx im VII. Abschnitt im dritten Band des ”Kapital”, etwa MEW 25, 838f., und zum fiktiven Kapital ebd., 482 486). 

II. Der Wert als quantitativ bestimmte ökonomische Eigenschaft und als objektive soziale Bedeutung der Waren 

Zu mehreren der in den bisherigen Thesen ausgeführten Auffassungen gibt es in der auf Marx aufbauenden Wissenschaft Kontroversen, insb. zur Frage der Konstituierung des Werts und seiner Größe in der Produktion oder erst im Austausch, der Betrachtung der ”Wertsubstanz” und der Wert bildenden Arbeit als menschliche Tätigkeit in zeitlich bestimmter Quantität oder als bloße Abstraktion, oder zur Bedeutung der Wertformen und ihrer Entwicklung, des Geldes und einer Geldware. Diese Kontroversen hängen zusammen mit Unklarheiten und unterschiedlichen Auffassungen zur Zielsetzung und Darstellungsweise der Kritik der politischen Ökonomie und zum seinsmäßigen und methodischen Status der ökonomischen Gegenstände. Die Diskussion darüber wird üblicherweise auf philosophischer und textkritischer Ebene geführt. Ich will in den folgenden Thesen den sozialwissenschaftlichen Gehalt der werttheoretischen Kategorien betrachten und daraus Aussagen einer sowohl kritischen als auch ”positiven” Werttheorie (im Sinne sozialwissenschaftlicher Erklärung realer und empirisch beobachtbarer ökonomischer Prozesse und Verhältnisse) begründen   obwohl und gerade weil einige bestreiten, dass dies überhaupt möglich sei. Dabei ist m.E. der Rückgriff auf nach Marx entwickelte sozialwissenschaftliche und sozialpsychologische Begrifflichkeiten und insb. die der sozialen Gegenstandsbedeutung fruchtbar. 

15. Ausgehend von der Analyse des zunächst und an der Oberfläche betrachtet scheinbar chaotischen ökonomischen Reproduktionsprozesses der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ergibt sich der Wert, wie er in den Thesen oben bestimmt ist, auf dem Wege der wissenschaftlichen Abstraktion) als diejenige Bestimmung der Waren, die in letzter Instanz ihre Austauschverhältnisse bestimmt und auf deren Grundlage die gesellschaftliche Arbeitsteilung und Produktion, die Verteilungsverhältnisse und der ökonomische Gesamtprozess reguliert werden (vgl. MEW 25, 887; vgl. auch zur Methode der politischen Ökonomie die “Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie”, MEW 13, 631ff.). Dabei erweist sich letztlich die abstrakte Arbeit im Maße, wie sie gesellschaftlichen notwendig ist, als ”Wertsubstanz”. Die Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit auf die verschiedenen Produktionen ist der entscheidende Gegenstand jeder ökonomischen Regulierung. Die Gleichsetzung der verschiedenen Arbeiten im Wert und ihre Vermittlung und Wechselwirkung in einem monetären Marktssystem ist der grundlegende Mechanismus dieser Regulierung in einer kapitalistischen, Waren produzierenden Gesellschaft. In Bezug auf die einzelne Ware stellt sich deren ”Wertsubstanz” in der Weise dar, dass sie als Produkt eines entsprechenden Anteils der gesellschaftlich notwendigen Gesamtarbeit gilt, das gegen andere gleichwertige Produkte austauschbar ist.

Von dieser Analyse ausgehend kann eine Erklärung der kapitalistischen Produktionsweise als eine ”reiche Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen” entwickelt und dargestellt werden, wie es Marx im ”Kapital” tut. Dazu gehört auch die Analyse der Ausdrucksformen des Werts und der Entwicklung des Geldes. Die quantitative Dimension spielt dabei eine zentrale Rolle, denn  wenn Produktion und Austausch nicht quantitativ reguliert werden, werden sie überhaupt nicht reguliert. Der Wert ist von daher als funktionale, quantitativ bestimmte ökonomische Eigenschaft der Waren (im Sinne von 2.)  im Systemzusammenhang des kapitalistischen Reproduktionsprozesses zu begreifen. Der quantitative Zusammenhang zwischen den durch die Quantität gesellschaftlich notwendiger Arbeit bestimmten Werten und den Austauschverhältnissen ist dabei keineswegs bloß analytisch ”logisch" notwendig, sondern beruht auf empirischer Beobachtung. (Marx ging offenbar davon aus, dass dieser Zusammenhang evident ist. ”Bemerkenswerterweise haben zeitgenössische empirische Erhebungen die fast völlige Kongruenz der relativen Preise mit den Arbeitswerten bestätigt", Helmedag, 147. Ich gehe davon aus, dass bei Berücksichtigung der in These 11. dargestellten Modifikationen ein noch stärkerer Zusammenhang zu beobachten ist.) 

16. Die weitere Frage ist, auf welchem Wege der Wert als funktionale, ökonomische, also besondere soziale Eigenschaft gesellschaftlich zustande kommt und sich geltend macht. Wirtschaft und Gesellschaft ergeben sich als System aus der Wechselwirkung menschlicher Tätigkeiten, insb. der Arbeiten, und der Verteilung ihrer Produkte. Der durch den Wert regulierte ökonomische Austausch ist eine besondere Form dieses allgemeinen sozialen ”Austausches” im Sinne des Gebens bzw. Leistens und des Empfangens von Tätigkeiten und Produkten. Für das Funktionieren dieses ökonomischen Austausches, also das Wirken des Wertgesetzes und damit die reale gesellschaftliche Existenz und Geltung des Werts, ist offenbar nicht erforderlich, dass die ökonomischen Subjekte sich der Hintergründe der Wertbestimmung und der dadurch ausgedrückten sozialen Beziehungen bewusst sind (s. These 14.). Andererseits ist der Wert aber auch nicht eine Eigenschaft des ökonomischen Systems selbst, die sich ohne irgend einen Bezug zur psychischen Regulierung der Tätigkeiten der ökonomischen Subjekte als Resultat des Gesamtprozesses durchsetzt (wie etwa die Proportionalität der verschiedenen Produktionssektoren oder die zyklische Krisenhaftigkeit des Kapitalismus). Der Wert ist vielmehr eine Bestimmung bzw. soziale Eigenschaft (im Sinne von These 2.) der Waren, also der Produkte menschlicher Arbeit und der Objekte des Austausches und der Konsumtion. Der Wert der Waren kann nur gesellschaftlich wirksam und damit real werden, indem er eine regulative Bedeutung für die ökonomischen Tätigkeiten der Subjekte hat. ”Die Waren können nicht selbst zum Markt gehen und sich nicht selbst austauschen.” (MEW 23, 99) sich selbst herstellen ebenso wenig. Es ist also zu untersuchen, in welcher Weise der Wert im Austauschprozess und im Produktionsprozess für die kommunikativ vermittelte  psychische Steuerung der ökonomischen Tätigkeiten der Subjekte wirksam ist. Der Charakter der Wertbestimmung ist sozialpsychologisch und kommunikationstheoretisch näher zu analysieren. 

17.1.  Unmittelbar  bedeutungsvoll   die  ökonomischen  Subjekte  ist  der  Preis  bzw. Tauschwert der Waren. Dieser gilt aber auch ihrem Alltagsbewusstein (nicht nur in der wissenschaftlichen Analyse) als Ausdruck für eine ihm zugrunde liegende Qualität der Waren, die mehr oder weniger angemessen (preisgünstig, preiswert oder zu teuer) und in verschiedener Weise (in verschiedenen Währungen oder in einer anderen Ware oder in einer Zeitdauer, die man dafür arbeiten muss) ausgedrückt werden kann. Diese Bedeutung kann, als potenzielle Austauschbarkeit gegen ein gewisses Quantum anderer Ware oder Geld, Gegenständen auch dann zugewiesen werden, wenn sie (noch) keinen Preis haben. Dieser Wertbegriff im Alltagsbewusstsein ist sozialpsychologisch zu begreifen als eine soziale Objektbzw. Gegenstandsund Mittelbedeutung (anknüpfend an der kulturhistorischen und der kritischen Psychologie, vgl. Holzkamp 211ff., Jantzen 73ff., Keiler 291ff.), die den Waren zugewiesen wird und auf deren Basis die ökonomischen Tätigkeiten reguliert werden, und zwar nicht nur qualitativ, sondern quantitativ bestimmt. ”Wert (Tauschwert) ist die Ware nur im Austausch (wirklichen oder vorgestellten); Wert ist nicht nur die Austauschbarkeit der Ware im allgemeinen, sondern ihre spezifische Austauschbarkeit (...) ihre quantitativ bestimmte Austauschbarkeit.” (Marx, Grundrisse, MEW 42, 75)

Solche Objektbedeutungen sind weder unmittelbar durch die stofflichen Eigenschaften der Dinge bedingt (z.B. ob ein Gänsekiel als Abfall, als Haarschmuck oder als Schreibwerkzeug betrachtet wird auch der Gebrauchswert ist eine Objektbedeutung), noch handelt es sich um bloß subjektive Bedeutungszuweisungen. Sondern es sind wesentlich gesellschaftlich hervorgebrachte und kommunizierte und insoweit objektive Bedeutungen, die dann individuell angeeignet werden. Sie beziehen sich wesentlich auf die Funktion der Objekte für menschliche Tätigkeiten. Das gilt insb. für Arbeitsprodukte, die überhaupt nur wegen der vorher ideell vollzogenen Bedeutungszuweisung als besondere Gebrauchswerte hergestellt werden und deren sprachliche Bezeichnung mit einem Begriff des entsprechenden Objekttyps assoziiert ist, der wesentlich die Zuweisung einer entsprechenden Objektbedeutung einschließt. Z.B. ist ein Stuhl dadurch bestimmt, dass man darauf sitzen kann, unabhängig von Material, Farbe usw. In ihrem gesellschaftlichen Umgang mit den Objekten und mit dem Erlernen der Wörter und ihrer richtigen Verwendung in sinnvollen sprachlichen Äußerungen eignen sich die Individuen auch diese Objektbedeutungen subjektiv an.

Dies gilt auch für  soziale Objektoder Tätigkeitsbedeutungen, die sich auf die Funktion der Dinge oder Tätigkeiten im sozialen Verkehr der Menschen beziehen. Im Extremfall, nämlich bei nicht-ikonischen Zeichen, sind diese sozialen Bedeutungen materieller Objekte bestimmten Typs rein historisch-gesellschaftlich bestimmt (z.B. dass bestimmte Muster von akustischen Signalen oder von Farbstoff auf Papier von den Menschen als Wörter mit bestimmten Bedeutungen interpretiert werden). Dabei ist regelmäßig bei der Herausbildung von Objektbedeutungen die Tätigkeit primär gegenüber der Entwicklung des entsprechenden psychischen Abbildniveaus, d.h. die Verfestigung und Abstraktion bestimmter Bedeutungen und ihrer regelmäßigen Zuweisung an Objekte bestimmen Typs entwickelt sich historisch in Folge der entsprechenden Praxis mit solchen Objekten (individuell kann das ggf. auch rein sprachlich vermittelt abstrakt angeeignet werden). (Vgl. dazu auch Marx in den Randglossen zu Wagner, MEW 19, 362f.) Die Gesellschaft reproduziert sich in der  Wechselwirkung der Tätigkeiten der Individuen vermittelt über diese Aneignung der Bedeutungen der Objekte und der Sprache. 

17.2. Dinge oder Tätigkeiten werden dadurch zu ökonomischen Gegenständen, dass ihnen entsprechende soziale Bedeutungen zugewiesen werden. Die ökonomische Gegenständlichkeit als Ware ist selbst auch eine solche soziale Objektbedeutung von Dingen, die sich im Vollzug des Austausches nur realisiert, aber bei entwickeltem Warenaustausch schon vorher im Bewusstsein der ökonomischen Subjekte präsent ist und ihr Handeln reguliert. Eine Ware ist daher nicht erst Ware im Prozess des Austausches, sondern sobald sie produziert und ihr diese Zweckbestimmung zugewiesen worden ist, sie zum Verkauf angeboten wird und potenzielle KäuferInnen darüber informiert werden. Mit der Zuweisung einer sozialen Objektbedeutung sind Erwartungen an das Handeln anderer Subjekte in Bezug auf diese Gegenstände verbunden, konkret beim Wert die quantitativ dimensionierte Erwartung, im Austausch einen entsprechenden Tauschwert/Preis realisieren zu können. Diese soziale Objektbedeutung verwandelt die Ware ”in ein sinnlich-übersinnliches Ding” (MEW 23, 85).

(Dass etwa Heinrich, vgl. 215f. und 232, eine Konstituierung des Werts und des Produkts als Ware erst im Vollzug des Austausches begreifen kann, kann ebenso wie Marx’ unklare Formulierungen  dazu,  die  solche  Missinterpretationen  ermöglichen,  darauf  zurückgeführt werden, dass sie über einen solchen expliziten Begriff des Werts als soziale Objektbedeutung nicht verfügen. M.E geht aber auch Marx davon aus, dass unter entwickelten Verhältnissen die auszutauschenden Dinge schon ”Waren vor dem Austausch” sind, vgl. MEW 23, 102. Neuere Untersuchungen aufgrund zuvor unveröffentlichter Originalmanuskripte begründen zudem die Auffassung, dass die Umformulierung der Werttheorie in der zweiten Auflage des Kapitals gegenüber der ersten Auflage nicht nur eine ”Popularisierung” darstellt, wie Backhaus und Heinrich meinen. Sondern es handelt sich um eine theoretische Weiterentwicklung des Wertbegriffs, in dem jetzt die Gleichsetzung verschiedener Arbeiten und das Austauschverhältnis von vornherein eingeschlossen sind, also nicht erst durch den Austausch hergestellt werden, vgl. Lietz, insb. 76ff. Dies gilt unter Verhältnissen entwickelter, also kapitalistischer Warenproduktion, in der die Wertbedeutungen allgemeine gesellschaftliche Gültigkeit erlangt haben und von vornherein Produktion und Austausch bestimmen.)

Dabei geht es auch in quantitativer Hinsicht nicht darum, dass die ProduzentInnen und die KonsumentInnen den Waren irgend einen subjektiv bestimmten Wert zumessen, sondern diese  Wertbedeutungen haben gesellschaftlich objektiven Charakter und reflektieren die soziale Praxis. Sie beruhen auf den realen gesellschaftlichen Produktionsund Austauschprozessen und Verhältnissen und müssen sich in ihnen bewähren, in der Konkurrenz. Sie werden gesellschaftlich bestimmt und von den Subjekten in ihrem Umgang mit der Warenwelt im Einzelnen mehr oder weniger adäquat angeeignet. Dabei ist es nicht erforderlich, dass der Wert, den die Subjekte den Waren als ihre ökonomische Bedeutung zuweisen, von ihnen als Ausdruck der gesellschaftlich notwendigen Arbeit betrachtet wird, um als Basis des Wertgesetzes zu funktionieren. Im Gegenteil, diese Wertbedeutung ist vielmehr in hohem  Maße  fetischisiert  und  wird  als  in  den  sachlichen  Eigenschaften  oder  den Gebrauchswert-Qualitäten der Waren-Dinge begründet angesehen (vgl. MEW 23, 86 und s. These 14.). Häufig werden Gebrauchswert und ökonomischer Wert gar nicht auseinander gehalten. Das ist eben die verdrehte Form, in der sich diese mit Warenproduktion und -austausch notwendig verbundenen Bedeutungen als ”gesellschaftlich gültige, also objektive Gedankenformen” (MEW 23, 90) im Alltagsbewusstsein darstellen (wobei dort auch der zur Produktion notwendige Arbeitsaufwand zumindest als eine Quelle des Werts eines Dings durchaus verankert ist). 

17.3. In Bezug auf die quantitative Ausprägung der sozialen Wertbedeutung, die sie den Waren zuweisen, orientieren  sich die Subjekte an den  Marktwerten, die sich in den Marktpreisen darstellen im Kapitalismus also an den sog. Produktionspreisen als kapitalistisch modifizierten Werten (s. Thesen 11. und 12.2.). 

18. Für die Regulation des Arbeitsund Reproduktionsprozesses im Kapitalismus ist nun entscheidend, dass die Wertbedeutung der Waren nicht nur bei ihrem Austausch, sondern schon bei der Planung und Steuerung ihrer Produktion eine zentrale Rolle spielt, ”der Wertcharakter der Sachen also schon bei ihrer Produktion selbst in Betracht kommt" (MEW 23, 87). Die ideelle Vorwegnahme des Produkts und des Produktionsvorgangs im Kopf der ProduzentIn, die Marx als das Spezifische der Arbeit gegenüber Produktionstätigkeiten auf niedrigerem Niveau ihrer psychischen Regulierung anführt (vgl. die klassische Arbeitsdefinition MEW 23, 192f.), bezieht sich hier nicht nur auf die stofflichen und Gebrauchswertdimensionen, also auf den konkreten Charakter der Arbeit. Sondern ideell vorweg genommen wird auch die Quantität, also Dauer und Intensität der notwendigen Arbeit (vgl. MEW 23, 85f.; einschließlich der, die anteilig nötig ist, um die dazu notwendigen Produktionsmittel herstellen oder kaufen zu können), und die soziale Zweckbestimmung des Produkts, als Ware verkauft zu werden.

Die ProduzentInnen der verschiedenen Waren (bzw. unter kapitalistischen Verhältnissen die dafür zuständigen Funktionäre des Kapitals als Organisatoren der Produktion) kalkulieren die Arbeitszeit, die sie für die Produktion ihrer Waren aufwenden müssen, bzw. unter kapitalistischen Bedingungen kalkulieren sie den Kostpreis ihrer Waren einschließlich der Kosten für Arbeitskraft sowie den von ihnen erwarteten Profit. Sie setzen den individuellen Wert bzw. individuellen Produktionspreis in ein Verhältnis zu dem Marktwert, den sie normalerweise für ihre Ware realisieren können bzw. erwarten realisieren zu können. Unter den Bedingungen entwickelter (kapitalistischer) Warenproduktion und Konkurrenz ist dieses Verhältnis ständig das Kriterium dafür, ob die Produktion sich lohnt, also hinreichenden Profit und möglichst sogar über den durchschnittlichen hinausgehenden Extra-Profit einbringt, und damit fortgeführt oder ausgeweitet wird oder ob sie sich nicht lohnt und ggf. eingeschränkt oder eingestellt wird.

Im Maße, wie ihre Produktionsbedingungen zumindest den gesellschaftlich durchschnittlichen entsprechen, schaffen die ProduzentInnen mit ihren Waren zugleich Wert. Sie weisen ihnen entsprechende Wertbedeutung zu und erheben auf dem Markt ihren letztlich aus der in der Produktion der Waren geleisteten Arbeit begründeten Anspruch auf Anteile am gesamtgesellschaftlichen (Wert-) Produkt. Auf diese Weise wird die abstrakte Arbeit zur Wertsubstanz: durch die letztlich auf sie gegründete Zuweisung von Wertbedeutung an Produkte und darauf beruhende Erwartungen bzw. Ansprüche der ProduzentInnen, die im Austausch geltend gemacht werden. Dabei ist die hier wertschöpfend relevante Arbeit nicht nur die im unmittelbaren materiellen Produktionsprozess geleistete, sondern jeder notwendige Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit in der Produktion und Verteilung von Waren und marktbestimmten Dienstleistungen. Unter kapitalistischen Verhältnissen sind die Einkommensansprüche der Lohnarbeitenden über die gesellschaftliche Mehrwertrate die selbst wiederum variabel und umkämpft ist mit der Wertschöpfung verknüpft.

 Inwieweit der Anspruch der ProduzentInnen gesellschaftlich anerkannt wird und sie den produzierten Wert realisieren können, hängt dann von den Marktbedingungen ab.  Ausgangspunkt und primär bleibt aber die Produktion des Werts bzw. der Ansprüche, die durch die Verausgabung von Arbeit begründet und mit dem Eigentum an den entsprechenden Waren im Austausch geltend gemacht werden (s. These 12.). Die Zirkulationssphäre wirkt im Systemzusammenhang des kapitalistischen Gesamtreproduktionsprozesses darauf zurück.

Über  Ausgleichungsprozesse  auf  dem  Markt  (die  sich  auch  im  Zuge  von  Krisen durchsetzen, s. Thesen 12.  13.) ergibt sich über alle Abweichungen im Einzelnen hinweg im Ergebnis, als Tendenz bzw. ”im idealen Durchschnitt" (den Marx betrachtet) eine Bestimmung der Austauschproportionen durch die Werte, kapitalistisch modifiziert in die sog. Produktionspreise (und ggf. weiter modifiziert durch längerfristig bestehende Monopolpositionen), und damit letztlich durch die gesellschaftlich zur Produktion der Waren notwendige Arbeitszeit. Dass für die einzelnen Kapitalisten dabei nur die Kosten für Produktionsmittel, Arbeitslohn, Zinsen und Renten als Bestimmungsfaktoren der Preise und ihrer Gewinne erscheinen, ändert nichts daran, dass dem in letzter Instanz Verhältnisse gesellschaftlich notwendiger Arbeitzeiten zueinander zugrunde liegen. (Marx behandelt dies ausführlich in Kapital III im 10. Kapitel über ”Konkurrenz, Marktpreise und Marktwerte usw.” sowie im 50. Kapitel ”Der Schein der Konkurrenz”.) Indem die Menschen ihre unterschiedlichen Waren tendenziell im Verhältnis ihres (kapitalistisch modifizierten) Wertes gegeneinander austauschen, und schon in der darauf gerichteten Produktion, setzen sie die in der Produktion ihrer Waren verausgabte Arbeit jeder anderen Waren produzierenden Arbeit grundsätzlich gleich und verleihen so der Kategorie ”abstrakte Arbeit” gesellschaftliche Gültigkeit. 

III. Die Wertformen und das Geld als materielle und ideelle Repräsentanten des Warenwerts 

Das  Unterkapitel  über  die  Wertformen  im  1.  Band  des  Kapital  gilt  als  Musterbeispiel Marx’scher dialektischer Analyse. Ich vertrete im Folgenden die Auffassung, dass dabei auf nicht unproblematische Weise Repräsentationsverhältnisse des Werts ausgedrückt werden, die anders klarer dargestellt werden können. Daran schließen sich einige Überlegungen zur Geldtheorie an. 

19. Die Wertbedeutung der Waren wird ausgedrückt in ihrem Tauschwert. Das Austauschverhältnis zweier Waren (oder auch von Ware und Geld) ist als solches eine symmetrische Äquivalenzrelation (”x Ware A ist äquivalent y Ware B” ist gleichbedeutend mit ”y Ware B ist äquivalent x Ware A”). In der Marxschen Wertformanalyse wird es betrachtet als asymmetrische (Marx: ”polarische”, MEW 23, 63) Beziehung, in der der Wert einer Ware A mittels einer bestimmten Menge anderer Ware B ausgedrückt wird. Bei der Analyse der verschiedenen Formen des Wertausdrucks ist die Frage, inwieweit dieser den Wert quantitativ adäquat ausdrückt, nicht von Interesse, deshalb kann davon in diesem Zusammenhang abstrahiert werden (um Fragen der sog. ”Wert-Preis-Transformation” geht es hier überhaupt nicht, vgl. These 11.). M.E. kann diese Analyse als Entwicklung der Formen der Repräsentation bzw. der Bezeichnung der Wertbedeutungen reformuliert werden. Diese Repräsentation ist notwendig, um mit den Wertbedeutungen in der kommunikativen und psychischen Regulation des Austausches und der Produktion der Waren rational operieren zu können. Der Wert braucht einen solchen Ausdruck, damit er gedacht und kommuniziert werden kann, nur so erhält er ”gesellschaftliche Gestalt”.

Im Wertausdruck fungiert eine bestimmte Quantität der Äquivalentware B als Repräsentant des Werts der Ware A. Genauer gesagt: der Sachverhalt, dass die Ware A den Wert W hat, wird in der Tätigkeit der Marktsubjekte dadurch repräsentiert, dass sprachlich oder praktisch, indem ein entsprechendes Austauschangebot akzeptiert wird, ausgedrückt wird, dass die Ware A ein bestimmtes Quantum der Ware B wert ist. Damit ist die Ware B in dieser Quantität der Wertausdruck von A. Während der Gebrauchswert einer Ware mit dem Begriff des Warentyps und dem entsprechenden Wort assoziiert ist und also durch entsprechende sprachliche Bezeichnung der Ware und darauf bezogene Quantitätsund konkretere Qualitätsangaben spezifiziert werden kann (dies ist auch Resultat langer historischer Prozesse, vgl. These 17.1.), gilt dies für den Wert nicht. Dieser muss immer quantitativ bestimmt in Relation zum Wert anderer Waren ausgedrückt werden, und diese Relationen verändern sich ständig. Erforderlich ist dafür ein Wertmaß, das sowohl präzise als auch für alle an der Kommunikation über den Austauschakt beteiligten Personen nachvollziehbar ist. Der  Ausdruck des Werts einer Ware durch Verweis auf ein bestimmtes Quantum einer anderen Ware, einer Äquivalentware, mit deren Wert er gleichgesetzt wird, ist dafür die voraussetzungsärmste und zunächst einzige Möglichkeit, solange sich noch kein allgemeines Wertmaß herausgebildet hat, das einen Wertausdruck unter Abstraktion vom konkreten Austauschverhältnis zweier Waren ermöglicht.

Die einfache, einzelne oder zufällige Wertform (MEW 23, 63) stellt eine Situation dar, in der dafür nur Quanta der bestimmten anderen Ware dienen, gegen die die betrachtete Ware jeweils ausgetauscht wird. In der totalen oder entfalteten Wertform (MEW 23, 77) können bestimmte Quantitäten potenziell aller anderen Waren diese Funktion übernehmen und zur Repräsentation des Werts einer Ware dienen. In der allgemeinen Wertform (MEW

23, 79) steht eine bestimmte Ware als Äquivalentware allen anderen gegenüber. Wenn eine bestimmte Ware dauerhaft als allgemeines Äquivalent fungiert, wird sie Geld. Erst dann sind die ”Mängel” der vorgenannten Wertformen überwunden. In Form des Preises ist eine einfache, gesellschaftlich einheitliche, abstrakte, allgemein gültige und kommunizierbare und umfassende Wertvergleiche ermöglichende Bezeichnung des Wertes aller Waren möglich (s.o. 7.). Das ist eine notwendige Bedingung für entwickelten Warenaustausch und Warenproduktion.

Die qualitative Entwicklung der Wertformen ist damit definitiv abgeschlossen, denn einfachere Repräsentationsformen als mittels eines allgemein gültigen und beliebig quantifizierbaren Wertmaßes sind nicht möglich. Weitere Entwicklung kann sich nur noch darauf beziehen, Fortschritte im praktischen Umgang mit dem Geld und eine Ausdehnung des ltigkeitsraumes auf die gesamte Welt zu ermöglichen. (In dieser Hinsicht ist das analog zu der Entwicklung allgemein normierter Maße für andere quantitativ zu beschreibende Phänomene, z.B. von ”A ist so lang wie B,” über ”A ist eine Elle lang” mit Variationen der Länge einer Elle in Raum und Zeit, über die Definition des Meters anhand eines ”Urmeters”, bis zur modernen internationalen physikalischen Definition des Meters auf Basis der Wellenlänge der Strahlung bestimmter Atome im Vakuum. Diese Normierungen der Maße und Bezeichnungen waren eine Grundlage der technischen und wissenschaftlichen Fortschritte. Die Analogie hat aber Grenzen, weil der Wert der Waren sich beständig verändert, und aus den in These 12. genannten Gründen.) Wenn auch die Wertformenanalyse die idealtypische, ”logische” Entwicklung darstellt und nicht unbedingt eine historische Reihenfolge, ist selbstverständlich, dass es eine historische Entwicklung der Wertausdrücke und des Geldes gegeben hat, wobei auch hier die soziale Praxis des sich verallgemeinernden Austausches der begrifflichen Abstraktion und der gesellschaftlichen Normierung vorausging und diese erforderte und vorantrieb. 

20. Das ”Kokettieren” (vgl. MEW 23, 85) Marx’ mit hegelianisch-dialektischer Ausdrucksweise  bei  der  Wertformenanalyse  ist  für  das  sozialwissenschaftliche  Verständnis problematisch. Man könnte zugespitzt sagen, dass Marx in der Wertformenanalyse die Hegelsche Dialektik als Krücke verwendet, um mit ihrer Hilfe Repräsentationsbeziehungen auszudrücken, für die er keine geeigneteren Begriffe und Ausdrucksmöglichkeiten hatte. Das bietet Anlass zu Überund Missinterpretationen. So schreibt Marx: Die ”erste Eigentümlichkeit, die bei der Betrachtung der Äquivalentform auffällt, ist diese: Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform seines Gegenteils, des Werts.” (MEW 23, 70) Kritisch betrachtet stellt sich das so dar: Die Äquivalentware B, eine andere Ware mit einem anderen Gebrauchswert, dient hier in bestimmter Menge zur Repräsentation des Werts einer Ware A. Das Wort

„Gebrauchswert“ wird hier wie an etlichen anderen Stellen (ebenso wie „Naturalform“) nur als Synonym für den Warenkörper, die Ware als Ding in Hinsicht auf ihre stoffliche Besonderheit, verwendet (vgl. auch MEW 23, 62 oben). Der Gebrauchswert der Äquivalentware tut dabei aber gar nichts zur Sache. Er ist in Bezug auf den Wertausdruck nur abstrakte Bedingung des Werts dieser Ware und dieser ist das eigentlich Relevante, denn er ist Bedingung dafür, den Wert anderer Ware in Proportion zu  bestimmtem  Quantum  dieser  Äquivalentware  auszudrücken.  Außerdem  steht  der Gebrauchswert zwar in einem potenziell widersprüchlichen Verhältnis zum Wert einer Ware, aber er ist nur in dem sehr bestimmtem Sinne sein ”Gegenteil”, dass er für die Quantität des Werts nicht relevant ist; es sind die zwei Seiten des ”Doppelcharakters der Waren”. Der reale Sinn dieser Formulierung besteht m.E. darin deutlich zu machen, dass die stofflichen Eigenschaften und damit der Gebrauchswert der Äquivalentware genau so wenig eine Erklärung des Werts der in relativer Wertform befindlichen Ware hergeben wie die dieser Ware selbst. Indem der  Wert einer Ware durch eine bestimmte Menge einer Äquivalentware ausgedrückt wird, erscheinen dahinter stehende gesellschaftliche Wertverhältnisse. ”Unsere Analyse bewies, daß die Wertform oder der Wertausdruck der Ware aus der Natur des Warenwerts entspringt, nicht umgekehrt Wert und Wertgröße aus ihrer Ausdrucksweise als Tauschwert.” (MEW 23, 75)

Für ”die zweite Eigentümlichkeit der Äquivalentform, daß konkrete Arbeit zur Erscheinungsform ihres Gegenteils, abstrakt menschlicher Arbeit wird” (MEW 23, 73), gilt analog: es dient lediglich ein Produkt B anderer konkreter, aber ebenso zugleich abstrakter Arbeit, zur Repräsentation des Werts des Arbeitsprodukts A. Und auch die Rede davon, dass abstrakte Arbeit das ”Gegenteil” konkreter sei, ist problematisch, weil jede abstrakte Arbeit zugleich konkrete ist, von dieser konkreten Seite des ”Doppelcharakters der in den Waren dargestellten Arbeit” (MEW 23, 56) aber in dieser Hinsicht abstrahiert und sie als ”menschliche Arbeit schlechthin” (MEW 23, 59) betrachtet wird. Die ”dritte Eigentümlichkeit der Äquivalentform, daß Privatarbeit zur Form ihres Gegenteils wird, zu Arbeit in unmittelbar gesellschaftlicher Form” (ebd.) bedeutet, dass durch die Anerkennung als Äquivalent die in Ware B vergegenständlichte Privatarbeit als gesellschaftlich notwendige anerkannt ist und dann als Ausdruck der gesellschaftlichen Notwendigkeit der in Ware A vergegenständlichten Arbeit dient.

Alle drei von Marx dargestellten Eigentümlichkeiten der Äquivalentform liegen darin begründet, dass der Wert einer Ware hier durch den Verweis auf andere Waren bezeichnet wird, die eigenen gleich großen Wert und unterschiedlichen Gebrauchswert haben.  Die Repräsentation des Werts erfolgt also mittels anderer Elemente der selben Klasse von Gegenständen (nämlich Waren) und nicht mittels Elementen einer besonderen Klasse von Repräsentationsobjekten, also mittels allgemeiner Zeichen des Werts. Dies gilt auch noch bei der Geldform, soweit eine Geldware vorliegt, denn diese bildet zwar eine besondere Klasse, die aber in der allgemeinen Klasse der Waren enthalten ist. Gold war zwar Geld, aber auch eine Ware. Beim modernen Zentralbankgeld stellt sich die Situation anders dar, es ist keine Ware im ursprünglichen Sinne (s. These 8.). Die Objekte,  in  denen  Zentralbankgeld  materiell  dargestellt  ist,  haben  keinen  relevanten Gebrauchswert außer dem, Wert darzustellen. Die zur Produktion der Geldobjekte (Münzen und Papiergeld) gesellschaftlich notwendige Arbeit ist für die Wertbestimmung des Geldes völlig ohne Belang. Sie werden auch unmittelbar gesellschaftlich im Auftrag des Staates produziert, sie in Privatarbeit herzustellen, ist gesetzlich verboten und mit hohen Strafen belegt. Mit der Äquivalentware entfallen auch ihre Eigentümlichkeiten. Der Wert einer Ware wird nun mittels einer bestimmten Quantität von Zentralbankgeld repräsentiert. 

21.1. Zur Bezeichnung des Werts von Waren braucht das Äquivalent, speziell das Geld, nicht materiell vorhanden zu sein. ”Der Preis oder die Geldform der Waren ist, wie ihre Wertform überhaupt, eine von ihrer handgreiflichen Körperform unterschiedne, also nur ideelle oder vorgestellte Form. (...) Da der Ausdruck der Warenwerte in Gold ideell ist, ist zu dieser Operation auch nur vorgestelltes oder ideelles Gold anwendbar.” (MEW 23, 110f.) Geld dient aber nicht nur als Ausdruck bzw. zur ideellen Repräsentation des Werts in der Kommunikation und im Denken, sondern das Eigentum an Geld verleiht auch einen durch dessen Quantität bestimmten Anspruch auf Anteile am warenförmigen gesellschaftlichen Reichtum, die man dafür kaufen kann.  Beim tatsächlichen Austausch einer Ware mit einer anderen oder mit Geld geht es nicht nur um den Ausdruck bzw. die Bezeichnung des Werts dieser Ware, sondern um ihren realen Gegenwert,  weil der ökonomische Austausch wesentlich Eigentumswechsel ist. Zunächst kann sich das nur so vollziehen, dass tatsächlich zwei äquivalente Waren ihre BesitzerInnen wechseln. Wenn es Geld ist, gegen das verkauft und mit dem gekauft wird, muss dann auch dieses nicht nur Wert ausdrücken, sondern die als Geld fungierenden Gegenstände müssen selbst Wert haben. Historisch kann zunächst nur so gewährleistet werden, dass der mit dem Eigentum an einem bestimmten Geldquantum verbundene Anspruch auf Teile des gesellschaftlich produzierten Reichtums auch realisiert werden kann.

Notwendig ist dafür zunächst eine Geldware mit eigenem  inneren Wert, aus konkreten Gründen hat zumeist Gold diese Stellung eingenommen. Daraus folgt aber nicht, dass diese Form nicht auf Basis entsprechender gesellschaftlicher Institutionen überwunden werden kann, die aber erst auf Basis verallgemeinerter sozialer Praxis und der daraus resultierenden Anforderungen entwickelt werden. (Wenn Heinrich, 234ff., meint, dass jedes Geld [ob Ware mit Eigenwert oder nicht] bloß  Repräsentant von ‚Wert als solchem’ und insofern ein ‚Wertzeichen’ ist” und ihm Marx’ Bindung des Geldes an eine Geldware als nicht begrifflich notwendig erscheint, reduziert er Geld auf seine Funktion im Wertausdruck. Soweit es ganz abstrakt um die Wertformenanalyse geht, hat er recht, dass dafür eine Geldware nicht nötig ist, wie ja auch die gegenwärtige Realität nicht mehr durch Gold oder eine andere Geldware gedeckten Zentralbankgeldes zeigt. Das ist aber eine fiktive Fragestellung, real historisch war es gar nicht anders möglich als mit einer Geldware, weil sich ein solches Zentralbankgeld nur auf der Basis eines bereits verallgemeinerten Geldsystems ”erfinden” und realisieren lässt. Geld ist auch nicht nur Wertform, sondern hat diverse weitere von Marx beschriebene Funktionen, die ebenfalls notwendig für den Begriff des Geldes sind, und die zunächst eine werthaltige Geldware erfordern. Deshalb bezeichnet Marx es einen „Irrtum, es [Geld] sei ein bloßes Zeichen“ (MEW 23, 105). Überhaupt scheint mir eine völlige Abstraktion der  begrifflichen  Entwicklung  von  den  real-historischen Entwicklungen und Möglichkeiten nicht sinnvoll zu sein, sondern die Beziehungen zwischen beiden müssen dargestellt werden.)

Die Entwicklung der Warenzirkulation auf der Grundlage einer Geldware führt zur Herausbildung rechtlicher Formen und Sicherungen der bei der Warenzirkulation vollzogenen Transaktionen, die wiederum die Basis für Weiterentwicklungen der Formen des Austausches bilden. Marx zeigt, wie in der inneren Zirkulation eines staatlich verfassten Gemeinwesens die Geldware auch als Zirkulationsmittel durch Repräsentanten seiner selbst, die geringeren oder gar keinen relevanten ”inneren” Wert mehr haben, ersetzt werden kann: Münzgeld und Papiergeld mit staatlichem Zwangskurs als Wertzeichen (vgl. MEW 23, 138   143). Auch auf das aus der Funktion des Geldes als Zahlungsmittel entspringende Kreditgeld (damals von Privaten ausgegeben, insb. ”Banknoten”) weist er hin. Die Funktion von Münzen und Papiergeld betrachtet er aber als unlösbar gebunden an ihr Repräsentationsbzw. Umtauschverhältnis in die wirklich werthaltige Geldware, konkret Gold. Diese Form des Geldes betrachtet er insbesondere als notwendig in der Funktion als Zahlungsmittel, als Schatz bzw. Reservefond und als Weltgeld im internationalen Austausch. 

21.2.  Wenn  und  soweit  die  gesellschaftliche  Gültigkeit  des  im  Geld  ausgedrückten  Anspruchs auf entsprechende Anteile am gesellschaftlich produzierten und in Form von Waren oder marktbestimmten Dienstleistungen verfügbaren Reichtums auf andere Weise gesichert werden kann, ist eine Geldware aber auch in den Funktionen nicht mehr nötig, in denen Marx sie als unverzichtbar ansah. Dafür ist entscheidend, dass das Geld auch ohne Bindung an eine Geldware als Zahlungsmittel für alle Verbindlichkeiten anerkannt wird, und dass die Geldpolitik nicht nur grundsätzlich, sondern auch quantitativ die Gültigkeit und Stabilität des ”Geldwertes” sichern kann (was eine moderate Inflation nicht ausschließt, diese kann sogar funktional sein). Beides gewährleisten bzw. leisten in Bezug auf ihre Währung der moderne Staat bzw. die Zentralbank. Dabei hat die Geldpolitik allerdings keine vollständige Kontrolle über das Gesamtsystem der Bewegung des Geldes in all seinen Formen, das wiederum eng mit dem Systemzusammenhang des ökonomischen Reproduktionsprozesses insgesamt verbunden ist (erst recht nicht bei internationalisierten Finanzmärkten und schon gar nicht, wenn die eigene Währung auf diesen nur eine schwache Rolle spielt). Das Geldsystem bleibt also krisenanfällig, aber das gilt für ein goldbasiertes System erst recht.

In einem längeren und sehr krisenhaften historischen Prozess ist die Bindung des Geldes an eine besondere Geldware, der Goldstandard, sukzessive abgelöst  worden. Die eine Grundlage dafür war die Entwicklung eines zweistufigen Bankensystems mit staatlich kontrollierter Zentralbank und wirksamen Instrumenten zur Regulation des Finanzsektors. Da die Gültigkeit eines staatlichen Zwangsgeldes an das jeweilige Territorium gebunden ist und die verschiedenen Staaten jeweils eigenes, unterschiedliches Geld herausgeben und die Währungen anderer Staaten in ihrem Bereich keine Gültigkeit haben, mussten zweitens internationale Finanzinstitutionen (insb. der IWF und seine Sonderziehungsrechte zum Ausgleich  internationaler  Zahlungsbilanzen)  entwickelt  werden,  um  auch  den  internationalen Devisenaustausch und Zahlungsbilanzausgleich ohne Rückgriff auf Gold abwickeln und regulieren zu können. Es handelt sich um die Herausbildung einer grundsätzlich neuen, zu Marx’ Zeiten noch nicht vorliegenden Entwicklungsstufe des Geldsystems: staatliches Zwangsgeld ohne Bindung an eine werthaltige Geldware. Diese Entwicklung spiegelt ”begriffliche” Probleme der Warengeldform (Abhängigkeit von Schwankungen aufgrund sich ändernder Produktionsund Nachfragebedingungen der Geldware, mangelnde Flexibilität im Falle von Zahlungskrisen etc.) wider, aber unter dem Gesichtspunkt der Wertformenanalyse unterscheidet auch diese Geldform sich nicht qualitativ von der allgemeinen Wertform. Im internationalen Verkehr ist diese Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Es gibt ein krisenanfälliges System vieler Währungen unter Dominanz des US-Dollar und in zweiter Linie des Euro und dann des Yen. Auch Gold spielt als Währungsreserve noch eine gewisse Rolle, ist aber nicht mehr ausschlaggebend.

Theoretisch kann auf dieser Basis und mit Hilfe der mikroelektronischen Informationsund Kommunikationstechnologien letztlich das Umlaufmittel, also das in eigenständigen materiellen  Objekten  dargestellte  Bargeld  (Münzen  oder  Zentralbanknoten),  das  Wertquanta repräsentiert und als Zahlungsmittel fungiert, vollständig ersetzt werden durch die gesicherte gesellschaftliche anerkannte Information über das Eigentum einer (natürlichen oder juristischen) Person an einem bestimmten Wertquantum. Dies hat die Form eines Guthabens auf einem Konto bei einer Finanzinstitution, mit dem dann rein virtuell, also auf der Informationsebene, operiert wird.