Wert-Bedeutung
Thesen zur Werttheorie
Von Ralf Krämer7/8-06
trend
onlinezeitungI. Grundlegende Bestimmungen des Werts im Kapitalismus
Auf Basis von der Marx dazu entwickelten Begriffe und Erkenntnisse, aber in einigen Bereichen aufgrund der historischen Weiterentwicklung auch darüber hinaus gehend, werden im Folgenden zunächst thesenförmig die folgenden grundlegende Bestimmungen des Werts in der kapitalistischen Gesellschaft festgehalten. Es folgen Thesen, wie (unter II.) aus sozialwissenschaftlicher Sicht der seinsmäßige Status und Hintergrund des Werts bzw. der Wertgegenständlichkeit der Waren und die ”Wertsubstanz” sowie (unter III.) die Wertformen und ihre Eigentümlichkeiten und das Geld begriffen werden können. Ökonomie begreife ich dabei als eine spezielle Sozialwissenschaft, und es geht mir auch um eine gewisse Entmystifizierung der Werttheorie. Den Abschluss (IV.) bilden einige Bemerkungen zur Bedeutung der Werttheorie für eine sozialistische Kapitalismuskritik. Der Text stellt auch eine zumeist implizite Auseinandersetzung mit anderen Auffassungen zur Analyse des Werts dar, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in Auseinandersetzung mit Schwächen und Dogmatisierungen der orthodoxen Interpretation wachsende Bedeutung erlangte, insb. mit Backhaus’ und Heinrichs Varianten einer ”monetären Werttheorie”. Dabei kritisiere ich nicht die Betonung der Bedeutung des Geldes für eine Kritik der politischen Ökonomie, wohl aber die damit verbundene m.E. falsche Ablehnung eines Verständnisses der Werttheorie als Arbeitswerttheorie, die die Verhältnisse in einer kapitalistischen Wirtschaft auch quantitativ zu erklären beansprucht.
1. Der Wert ist eine Bestimmung der Ware, ohne Waren gibt es auch keinen Wert. Waren sind Produkte menschlicher Arbeit, die ausgetauscht bzw. zum Austausch angeboten werden. Es sind nützliche Dinge, sie haben Gebrauchswert. Gebrauchswert und Wert machen den ”Doppelcharakter der Waren” aus. Gewerbliche, marktvermittelte Dienstleistungen sind analog wie Waren zu betrachten. Nicht-Arbeitsprodukte, die zu Waren gemacht werden, sind als Spezialfälle gesondert zu betrachten (vgl. Kapital I, MEW 23, 117).
2. Der Wert ist keine sachliche bzw. stoffliche Eigenschaft der Waren, sondern die Wertbestimmung drückt eine rein gesellschaftliche bzw. soziale Eigenschaft der Waren aus, nämlich die, einen bestimmten Anteil des warenförmigen gesellschaftlichen Reichtums bzw. Arbeitsprodukts insgesamt darzustellen. (Eigenschaft ist dabei ganz formal definiert als Merkmal eines Objekts, aufgrund dessen es einer Klasse zugeordnet werden kann.)
3. Die ”gesellschaftliche Substanz” des Werts der Waren im Sinne der wesentlichen gemeinsamen Grundlage ist die darin vergegenständlichte ”abstrakt menschliche Arbeit” (MEW 23, 52). Die Waren produzierende Arbeit hat Doppelcharakter: Einerseits ist sie immer konkret nützliche Arbeit, die besondere Produkte mit einem besonderen Gebrauchswert schafft. Andererseits gilt sie unter Abstraktion davon im Rahmen des arbeitsteiligen und durch den Austausch vermittelten gesellschaftlichen Gesamtreproduktionsprozesses als Verausgabung menschlicher Arbeitskraft schlechthin, als Teil der Waren produzierenden gesellschaftlichen Arbeit insgesamt – in heutiger Terminologie: Erwerbsarbeit. Als solche wird sie anderer menschlicher Arbeit gleichgesetzt und bildet so Wert (vgl. MEW 23, 61). Quantitativ ist die Wertgröße bestimmt durch die zur (Re-)Produktion der Ware gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit (vgl. MEW 23, 53). Dabei ist auch die zur Produktion der notwendigen Produktionsmittel erforderliche Arbeit einbezogen, indem der Wert dieser Produktionsmittel im Maße, wie sie bei der Produktion einer Ware verbraucht werden, anteilig in den Wert dieser Ware eingeht. Die Quantität der gesamtgesellschaftlich notwendigen und damit wertbildenden Arbeitszeit hängt außer von den materiell-technischen Bedingungen und den Fähigkeiten der Arbeitenden auch vom Umfang des – kauffähigen – gesellschaftlichen Bedürfnisses ab, das diese Ware normalerweise befriedigt, und das die Produktionsbedingungen mitbestimmt (vgl. dazu weiter These 13.).
4. Wenn vom Wert der Ware die Rede ist, ist ein bestimmter Warentyp gemeint. ”Die einzelne Ware gilt hier überhaupt als Durchschnittsexemplar ihrer Art.” (MEW 23, 54) ”Der wirkliche Wert einer Ware ist aber nicht ihr individueller, sondern ihr gesellschaftlicher Wert, d.h., er wird nicht durch die Arbeitszeit gemessen, die sie im einzelnen Fall dem Produzenten tatsächlich kostet, sondern durch die gesellschaftlich zu ihrer Produktion erheischte Arbeitszeit.” (MEW 23, 336). Dieser gesellschaftliche Wert der Ware stellt sich auf dem Markt dar als ihr Marktwert (vgl. Kapital III, MEW 25, 190, und s. These 12.2.). Dieser kann sich ändern, wenn sich die Produktionsbedingungen ändern, es geht um die zur Reproduktion der Ware unter den jeweils aktuell herrschenden Bedingungen notwendige Arbeitszeit (vgl. MEW25, 150). Auf Produkte, die nicht reproduzierbar oder durch andere substituierbar sind, z.B. künstlerische Werke, ist diese Wertbestimmung nicht anwendbar. (Im Kapitalismus ist der Preis solcher Produkte oder von ”intellektuellen Eigentumsrechten” oder von Nicht-Arbeitsprodukten wie Boden wesentlich bestimmt durch die Kapitalisierung der daraus erwarteten Erträge, vgl. MEW 25, 636 oder 484.)
5. Der Wert ist eine bestimmte historische gesellschaftliche Form, den überhistorischen gesellschaftlichen Inhalt zur Geltung zu bringen, der allen produzierten Gebrauchswerten zukommt, nämlich dass zu ihrer Produktion ein Teil der gesellschaftlichen Arbeit notwendig ist. (”Gebrauchswert” steht hier wie häufig auch bei Marx für die nützlichen Produkte selbst, eigentlich ist Gebrauchwert ja eine Eigenschaft bzw. Bedeutung dieser Produkte, s. These
17.) Dies stellt sich dar als ”Wertgegenständlichkeit der Waren” (MEW 23, 62), als das ”Gemeinsame, das sich im Austauschverhältnis oder Tauschwert der Ware darstellt” (MEW 23,
53). Die gesellschaftlichen Bedingungen von Warenproduktion und damit Wert sind gesellschaftliche Arbeitsteilung, Privateigentum und private Produktion sowie persönliche und Gewerbefreiheit der beteiligten Menschen.
6. Der Wert einer Ware erscheint bzw. genauer gesagt wird ausgedrückt in ihrem Tauschwert. Marx bezeichnet den Tauschwert auch als Wertform der Ware. Die Ware ”besitzt diese Form niemals isoliert betrachtet, sondern stets nur im Wertoder Austauschverhältnis zu einer zweiten, verschiedenartigen Ware” (MEW 23, 75) bzw. im Verhältnis zu Geld, für das man wiederum andere Waren kaufen kann. Aber andererseits ist dieses Austauschverhältnis und damit der Tauschwert nur Ausdruck dahinter liegender gesellschaftlicher Wertverhältnisse (vgl. zu Wertformen und Geld genauer Thesen 19. 21.)
7. Die entwickelteste Form des Tauschwerts ist die Form des allgemeinen Äquivalents: Die Werte aller anderen Waren werden in Quantitäten einer bestimmten Äquivalentware ausgedrückt. Wenn eine bestimmte Ware dauerhaft diese Funktion annimmt, wird sie Geld. Der Wertausdruck einer Ware in der Geldform ist ihre Preisform; das Geldquantum, in dem ihr Wert ausgedrückt wird, ist ihr Preis. ”Der Preis ist der Geldname der in der Ware vergegenständlichten Arbeit.” (MEW 23, 116) Der Wert der Geldware (historisch meist Gold) ist dabei zunächst wie der aller anderen Waren bestimmt (s. These 3.). Als Geld ist es die verselbständigte Gestalt des Werts, von allen anderen Eigenschaften der als Geld dienenden Objekte wird dabei abstrahiert. ”Geld als Wertmaß ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit.” (MEW 23, 109). Dies ”notwendig” schließt ein, dass es nicht durch unmittelbare Repräsentationen der Arbeitszeit, etwa ”Stundenzettel”, ersetzt werden kann (vgl. ebd, Fn. 50, und s. These 12.).
8. Das moderne Zentralbankgeld im entwickelten Kreditsystem ist