Ost-Umweltklischees und die Fakten:
Truppenübungsplätze von NVA und Sowjetarmee waren Naturrefugien
von Klaus Hart

7-8/02
 

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Unteroffizier Langgemach robbt im schweren Atom-Schutzanzug, mit Gasmaske und Kalaschnikow übers brandenburgische Manövergelände, als direkt vor ihm ein gerupfter Wiedehopf liegt. So was sah er noch nie. Das muß der Habicht vom nahen Horst gewesen sein, schießt dem Hobby-Ornithologen durch den Kopf. Der simulierte NATO-Nuklearangriff Anfang der 80er ist dem Sturmpionier einer Spezialeinheit erst einmal egal, er legt die Knarre weg, zerrt sich den Gummi-Schutzanzug vom Leib. "Ich habe mir die Gasmaske vom Schnabel gerissen und die seltenen Wiedehopf-Federn eingesammelt - so was läßt man ja nicht liegen!" Ärger mit Vorgesetzten gab´s deshalb nicht.

Als die Sowjet-Luftwaffe überm Wittstocker "Bombodrom" eine Kiste mit Splitterbomben verliert, muß er sie aufspüren und sprengen, guckt als Naturfreak natürlich auch nach rechts und links, entdeckt unerwarteten Artenreichtum sogar hier. Und zählt damit lange vor der Wende zu den ganz wenigen, die entgegen der Kalte-Kriegs-Propaganda ostdeutsche Truppenübungsplätze keineswegs nur mit Gefechtslärm, fürchterlichen Kriegsszenarien und üblen Folgeschäden gleichsetzen. "Zahlreiche See-und Fischadler, aber auch andere seltene Tiere lebten dort, weil sie ungestört blieben", konstatiert heute Torsten Langgemach, inzwischen Leiter der staatlichen Buckower Vogelwarte, ganz sachlich, als wärs das Normalste von der Welt - und stürzt damit selbst durchschnittlich informierte Naturfreunde in Verwirrung. Ungestört trotz Bombengedröhns, Panzerkolonnen und Granatenexplosionen?

Mit den sächsischen NVA-Sperrgebieten, wie Nochten in der Oberlausitz, kennt sich der Leipziger Fauna-Experte Dr. Wolfgang Kirmse bestens aus, redet sogar von einem "Glücksumstand":"Im relativ kleinen Kerngebiet wurde geschossen, alles zerwühlt - aber drumherum war eine enorme, unzerschnittene Pufferzone, wo absolute Ruhe herrschen mußte. Dort passierte garnichts, Lebensraum also für Seeadler, Wölfe und sogar Elche. Das ist bis heute kaum bekannt." Das Nochtener Gelände wird heute von der Bundeswehr, französischen und holländischen Einheiten viel intensiver genutzt als einst von der NVA - und trotzdem lebt dort ein Wolfsrudel, schwärmt der zuständige Förster Rolf Röder von den vielen Adlern, Kranichen, Fischottern.

Mitteleuropas größtes zusammenhängendes Militärgelände war die Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt - doch in keiner deutschen Region, ob Ost oder West, hatten die Truppenübungsplätze einen größeren Anteil an der Landesfläche als in Brandenburg. An die fünfzig Manövergelände gab es, darunter zwanzig größere wie Jüterbog West und Ost, allein die Rote Armee hatte 120000 Hektar in Beschlag. Überall schaut Langgemachs Kollege Torsten Ryslavy nach dem Rechten, erinnert sich gut an entgeisterte Expertengesichter, die Aha-Effekte nach der Wende, als Bestandszahlen extrem seltener Arten, keinesfalls nur Großvögel wie Adler oder Birkhühner, sondern selbst Biber, auf einmal stark nach oben korrigiert werden mußten. Wer Ryslavy heute bei seinen Studien begleitet, wundert sich, wie die Medien nach wie vor fast unwidersprochen Horror-Klischees über jene Gebiete verfestigen. "Man sollte denken, daß sich Vögel und andere Tiere dort während der militärischen Nutzung gar nicht blicken ließen - ein großer Irrtum! Übungen gabs nur in Teilbereichen, die Vögel gewöhnten sich an Unruhe und Lärm, selbst an den Panzerbetrieb, brüteten während der Nutzung dort. Der normale Mensch denkt immer an Naturzerstörung und Umweltverschmutzung - aber das gilt nur für einen geringen Teil. Die Altlasten, sprich Munition oder Öl und Benzin waren nur punktuell vorhanden, gerade mal auf etwa fünf Prozent der Fläche."

Die wunderschönen seltenen, auffällig bunten Wiedehopfe bekam man außerhalb der Sperrgebiete Brandenburgs kaum zu Gesicht - doch ausgerechnet drinnen fanden sie ideale Bedingungen, dort lebten zwei Drittel des brandenburgischen Gesamtbestands. Die schlanken, langschwänzigen Ziegenmelker mit ihrer so perfekten Tarnfärbung überraschten noch weit mehr - achtzig Prozent des Bestandes kamen in der Nachbarschaft von Panzern und Geschützen offenbar bestens zurecht. " So viele, wie man es nie für möglich gehalten hätte", so Ryslavy. Es sind die größten Bestände ganz Deutschlands, auch beim Wiedehopf. "Interessant ist auch, daß in Deutschland angeblich ausgestorbene Insekten und andere wirbellose Arten nur noch auf ostdeutschen Truppenübungsplätzen wiederentdeckt wurden - in Westdeutschland gabs die seit Jahrzehnten schon überhaupt nicht mehr!" Wie den Fischadler. Auch die raren Raubwürger, Brachpieper, Schwarzkehlchen und Sperbergrasmücken, selbst Smaragdeidechsen fühlten sich wohl - schließlich gab es auf den agrargiftfreien Flächen sogar jene Insekten teils im Überfluß, die dank chemisierter Landwirtschaft anderswo komplett ausgerottet waren. Ryslavy nennt die Italienische Schönschrecke, die Große Sandtarantel, die Dünen-Springspinne. Auch Erdeulen , Bläulinge und Widderchen sind einem gewöhnlich nicht so geläufig, lassen aber Entomologen in Begeisterung ausbrechen. Diese fanden nach der Wende auf den brandenburgischen Manöverflächen über vierhundert Großschmetterlings-und sechsundsechzig Wildbienenarten. Hinzu kommen große Bestände von Sumpfschildkröten, Rotbauchunken, Kreuzkröten - nur von Brandenburg aus könnten sie sich wieder in Deutschland verbreiten. Die vielkritisierten "Erblasten" hatten eben doch nicht die immer behauptete Wirkung. "Die Russen", so eine Naturschutzzeitschrift, "hinterließen riesige Flächen mit einem erstaunlichen Naturpotenzial."

Kommt der gelernte Agraringenieur Ryslavy auf die Biotop-Bonbons der Ex-Sperrgebiete zu sprechen, gerät er ins Schwärmen: Binnendünen, riesige Trockenrasenfluren mit Silbergras, Sandheiden, die im September stets herrlich violett blühen, dann Birkenvorwälder, wo man an einem einzigen Baum über zweihundert Insektenarten festgestellt hat:"Sowas hielt niemand für möglich!" Sowjetarmee und NVA setzten mit ihren Bombardements Heide, Sandtrockenrasen und Kiefernwälder immer wieder in Brand, löschten nichts - was Biotopexperten wie Ryslavy heute gar nicht so schlecht finden. Denn dadurch wurde eine einmalige Offenlandschaft mit ihrer ganzen Strukturvielfalt großflächig erhalten, die sonst sukzessive zugewachsen wäre. Das passiert derzeit, macht den Naturschützern enorme Kopfschmerzen. Wegen der sogenannten Sukzessionswälder, in nur wenigen Jahren hochgeschossen, wird es für nicht wenige Arten darunter auch Wiedehopf und Ziegenmelker sowie Pflanzen inzwischen eng, nehmen manche bereits deutlich ab, werden Brutplätze aufgegeben. Für manchen kaum zu glauben - während des vollen Übungsbetriebs zu DDR-Zeiten waren die Bestände höher als heute. Ein Naturschutzaktivist sagt dem "Trend" in den Neunzigern unter der Hand:"Wir stellens öffentlich so dar, als ob die Manöverflächen total mit Munition verseucht sind, damit die Leute nicht von den Wegen in die einzigartigen Biotope hineinlatschen und alles zerstören."

Nötig sind jetzt Beweidung durch Schafe, regelmäßiges Abbrennen und Mähen, Offenhaltung dieser agrargiftfreien Biotope.

Deutschlands größter Naturschutzbund NABU nennt den früheren sowjetischen Truppenübungsplatz Lieberose, mit seinen Adlern, Kranichen, Fischottern, Rothirschen und Wölfen, die zeitweise aus Polen einwechseln, fleischfressenden Pflanzen, gar "ein Naturparadies, eines der letzten in Deutschland", will mit Spenden davon dreitausend Hektar vom Land Brandenburg für 1, 5 Millionen Mark kaufen. Doch Umweltexperten Brandenburgs nennen das moralisch-ethisch ein Unding, werfen dem NABU sogar hanebüchene Verdummung vor. NABU-Mitglied Ernst Pries ist der wohl kompetenteste Kritiker. Zu DDR-Zeiten war er Bürgerrechtler, arbeitete jahrzehntelang als Landschaftskartierer, forstwirtschaftlicher Standorterkunder und Landschaftsökologe.

"Es ist völlig hirnrissig, daß man dem Land erst Flächen abkaufen muß, um darauf den Naturschutz zu betreiben, zu dem das Land gesetzlich verpflichtet ist. Es hat eindeutig die Flächen, die ihm der Bund kostenlos auch für den Naturschutz übereignet hat, ebenfalls kostenlos für Naturschutzzwecke zur Verfügung zu stellen. Statt sich mit Sonderpreisen von acht Pfennigen pro Quadratmeter Boden korrumpieren zu lassen, sollten die Naturschutzverbände öffentlich darauf dringen, daß das Land seinen gesetzlichen Aufgaben nachkommt."

Und wieso Naturschutz nur auf dreitausend Hektar - der ganze so artenreiche Manöverplatz hat immerhin 27 000 Hektar. Der NABU, meinen viele ostdeutsche Naturschutzaktivisten, hätte gemeinsam mit anderen Umweltverbänden für die kostenlose Übernahme des ganzen Militärgeländes offensiv streiten müssen. Schließlich bekam Brandenburgs Regierung auch die Lieberose-Flächen nach der Wende vom Bund gratis und habe, so das Hauptargument, selbst von der EU den gesellschaftlichen Auftrag, Naturrefugien im öffentlich-gemeinnützigen Interesse zu erhalten, keineswegs aber größtenteils an Private zu verhökern. Doch Druck auf das Land Brandenburg schien nicht aussichtsreich, erklärt der NABU offiziell - kurioserweise verlautet aus höheren NABU-Kreisen, der Lieberose-Deal sei tatsächlich moralisch verwerflich, die Übernahme der Naturschutzflächen hätte kostenlos sein können. Der NABU hofft, daß wenigstens nicht bis an die Grenze seines Projektes heranasphaltiert wird - wo künftig sogenannter Prozeßschutz gelten soll - sich also die Natur entwickelt, wie sie will. Auch Kritiker Pries greift sich an den Kopf: "Ein Auflassen der Flächen, wie vom Naturschutzbund vorgesehen, wird bereits mittelfristig zur Vernichtung der meisten nur noch hier vorhandenen bedrohten Arten führen. Zu dieser absehbaren Vernichtung beizutragen, ist wohl nicht im Sinne der Spender. Das Vorhaben muß fachlich korrigiet werden." Pries erinnert daran, daß freie Naturentfaltung heute nirgendwo mehr möglich ist - flächendeckende Schadstoffemissionen, darunter Stickstoff, durch den zuungunsten der Schiene staatlich geförderten LKW- und PKW-Verkehr, die Brandenburgs Wäldern stark zusetzen, oder Agrargifteinträge in Gewässer machen auch um frühere Schießplätze wie Lieberose keinen Bogen.
 

Editorische Anmerkungen:

Der Autor schickte uns seinen Artikel am 5.8.2002 zur Veröffentlichung.

Er schreibt regelmäßig Berichte aus Brasilien, die er auch dem Trend zur Verfügung stellt.

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