High sein, frei sein, Terror muss dabei sein!!

Notwendige Ergänzungen zur Textsammlung Aufruhr & Revolte
letzte Änderung am 02. November 2006 10:12

von Karl-Heinz Schubert

 
Als unter meiner Leitung 1997 für den TREND das Textarchiv Aufruhr & Revolte aufgebaut wurde, lautete der damals selbst gesetzte Anspruch, die Textauswahl solle ohne besondere Schwerpunktsetzung die ganze Breite der außerparlamentarischen Bewegung darstellen. Lediglich die Periodisierung in verschiedene Etappen war durch unsere vorgängigen politischen Einschätzungen bestimmt. Mit der Textsammlung sollte nämlich deutlich werden, dass der Vietnam-Kongress eine Zäsur im Selbstverständnis und in der politischen Orientierung der rebellierenden Jugend darstellte. Denn nach dem Vietnam-Kongress wurde die Uni als politisches Praxisfeld nachrangig, die Hinwendung zum Proletariat, die damit verbundene Kampagnenpolitik, das Herumexperimentieren mit Organisationsmodellen und der Internationalismus bildeten stattdessen den Mainstream. Die 1 1/2 Jahre bis zur Gründung der K-Gruppen glichen damit einer Transformationsphase, in der die Aneignung theoretischer Kenntnisse aus allen Bereichen des wissenschaftlichen Sozialismus und die Gewöhnung an eine verbindliche, kollektive politische Praxis in den Mittelpunkt der Jugend- und Studentenbewegung rückten.

Antiautoritärer Klamauk á la Kommune 1 und Subkultur verschmolzen ab 1968 zu einer Freizeitszene, in der die gewöhnliche persönliche Eskapade aufgehoben wurde. Um von der Bewegung,  aus der man stammte, nicht entkoppelt zu werden, und um sich dort einen gewissen Resonanzboden und Kundenkreis zu erhalten, etikettierte man sich politisch im Sinne des Zeitgeistes. Der Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen steht exemplarisch für diese Symbiose (High sein, frei sein, Terror muss dabei sein!!). Bei der damaligen Textauswahl wurde diese Entwicklung  mit einigen exemplarischen Texten und Dokumenten belegt. Ebenfalls nur am Rande erwähnt wurden der "bewaffneter Kampf", das "Stadtguerillakonzept" und andere Formen der Propaganda der Tat, da sie unseres Wissens nach nicht typisch für die politischen Konzepte der Jugend- und Studentenbewegung anzusehen sind und in den Transformationsdebatten keine Rolle spielten.

Anfang Juli 2005 erschien Wolfgang Kraushaars Enthüllungsstory über die misslungene Brandlegung im westberliner Jüdischen Gemeindehaus am 9.11.1969 (Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus), worin er seiner geneigten Leserschaft nicht nur den Täter mit dessen Geständnis präsentierte, sondern eine mehr schlecht als Recht konstruierte Handlungskulisse, die den Schluss aufdrängt, dass in diesem Anschlag der latente Antisemitismus der Jugend- und Studentenbewegung gleichsam als die Spitze eines Eisberges sichtbar wurde. Diese auf der Verdrehung historischer Tatsachen beruhende Propaganda zum Zwecke der Diffamierung der Jugend- und Studentenbewegung  ist nicht neu. Bereits 1994 - auch aufgehängt an diesem Anschlag - vertrat Martin Kloke ähnliche Ansichten.

Während Kloke damals eher unter Insidern diskutiert wurde und dann zu einem Lieblingsautor in der antikommunistischen antideutschen Nische aufwuchs, machte Kraushaars Buch sofort breit Furore im bürgerlichen Medienwald und wirkte bis in linke Zusammenhänge Verwirrung stiftend.

Sowohl  Kraushaar und als auch Kloke haben berufsbedingt leichten Zugang zu den Archiven, in denen sich die Dokumente der Jugend- und Studentenbewegung befinden - darüber hinaus können sie alle Stasi-Archive für ihre Zwecke nutzen. Und so ist es ihnen ein Leichtes, in ihren Schriften durch Weg- und Auslassen, durch Vertauschung von Haupt- und Nebenseiten sowie durch Verschweigen Geschichte umzuschreiben, um zeitgenössische Interpretationsbedürfnisse zu erfüllen. Ich bin daher von der TREND-Redaktion gebeten worden Material zu sichten und zusammenzustellen, womit deutlich wird, wie und mit welchen Texten deren Geschichtsklitterung - insbesondere die in Kraushaars neuem Buch - funktioniert.

Ein großer Vorteil für seine Klitterungen, die von der zentralen These leben, dass die  politisierte westberliner Kiffer-, Fixer- und Dealerszene der Jahre 1968-70  prägenden Einfluss auf die Jugend- und Studentenbewegung besessen habe, war bisher möglich, weil die Agit 883 als eine wesentliche Quelle für diese These nicht zugänglich ist.

Das wird sich in wenigen Monaten ändern. Derzeit arbeiten Knud Andresen und Markus Mohr zusammen mit einem Autorenteam voller Begeisterung an einem Lesebuch zu Agit 883. Der Arbeitstitel lautet: "Unruhe in der Öffentlichkeit" / Eine Kneipenzeitung zwischen Bewegung, Revolte und Underground in Westberlin 1969-72". Das Buch soll im Herbst 2006 im Verlag A / Berlin erscheinen." Beigelegt werden CD´s mit den Scans von allen erschienenen AGIT 883.

Dankenswerter Weise haben mir die Herausgeber vorab bereits alle AGIT 883 zur Verfügung gestellt, damit ich den Kraushaarschen Klitterungen mit entsprechenden Dokumenten entgegen treten kann.

Gut Ding will Weile haben, heißt es. Mit der Nr. 8-05 des TREND beginnt daher ein Nachtrag zum virtuellen Textarchiv Aufruhr & Revolte, der Texte  wieder zugänglich machen wird, die grob zu folgenden drei Themen-Bereichen gehören:

Je nach Material-/Quellenlage wird sich die Arbeit an diesem Projekt einige Monate hinziehen. Als erstes werde ich jedoch, meine Kritik an Kraushaars "Bombenbuch", durch eine Artikelserie ein wenig substantiieren.

Kraushaars Enthüllungen
Die Verschwörung des Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen und anderer Antisemiten gegen Israel und die Juden.